{"id":4385,"date":"2020-12-08T23:11:09","date_gmt":"2020-12-08T20:11:09","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/griechenland-grenzer-setzen-gefluchtete-nach-ankunft-auf-lesbos-auf-dem-meer-aus\/"},"modified":"2020-12-08T23:11:09","modified_gmt":"2020-12-08T20:11:09","slug":"griechenland-grenzer-setzen-gefluchtete-nach-ankunft-auf-lesbos-auf-dem-meer-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/griechenland-grenzer-setzen-gefluchtete-nach-ankunft-auf-lesbos-auf-dem-meer-aus\/","title":{"rendered":"Griechenland: Grenzer setzen Gefl\u00fcchtete nach Ankunft auf Lesbos auf dem Meer aus"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/cc7c0664-af01-449b-a69d-b12cdae052cb_w948_r1.77_fpx39.32_fpy54.99.jpg\" title=\"Fl\u00fcchtlinge mit griechischen Grenzsch\u00fctzern: Zusammengeschlagen und auf dem Meer ausgesetzt (Symbolbild)\" alt=\"Fl\u00fcchtlinge mit griechischen Grenzsch\u00fctzern: Zusammengeschlagen und auf dem Meer ausgesetzt (Symbolbild)\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Fl\u00fcchtlinge mit griechischen Grenzsch\u00fctzern: Zusammengeschlagen und auf dem Meer ausgesetzt (Symbolbild)<\/p>\n<p>  Foto:\u2002ANGELOS TZORTZINIS \/ AFP  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Als Kostas Theodorou die beiden Frauen erblickt, ahnt er sofort, dass etwas nicht stimmt. Theodorou, ein Assistenzprofessor an der Universit\u00e4t auf Lesbos, geht an diesem Sonntag im November mit seiner Frau an der Promenade der Insel spazieren. Die beiden afrikanischen Frauen, die er dort nahe dem Wasser sieht, so wird er sich sp\u00e4ter erinnern, sehen ersch\u00f6pft aus und ver\u00e4ngstigt. Trotzdem wollen sie nach Mytilene, in die Hauptstadt, die noch zw\u00f6lf Kilometer Fu\u00dfmarsch entfernt liegt.<\/p>\n<p>Die beiden Frauen, die Theodorou am 29. November trifft, hei\u00dfen Angela und Sandra. Ihre Nachnamen wollen sie nicht ver\u00f6ffentlicht sehen. In der Nacht zuvor waren sie gemeinsam mit weiteren Migranten in einem Schlauchboot aus der T\u00fcrkei gekommen, unbeobachtet von den griechischen Beh\u00f6rden kamen sie auf Lesbos an, am Rand Europas. Die Frauen waren vor der Gewalt in ihren Heimatl\u00e4ndern Burundi und Kongo gefl\u00fcchtet, sie dachten, der schlimmste Teil ihrer Flucht liege hinter ihnen.<\/p>\n<p>Angela und Sandra wollten in Griechenland einen Asylantrag stellen, wie es ihr Recht ist. Doch zu einer Anh\u00f6rung kam es nicht. Stattdessen wurden sie illegalerweise auf dem Meer ausgesetzt. Zusammen mit sechzehn anderen Schutzsuchenden, darunter laut den Gefl\u00fcchteten Minderj\u00e4hrige und mehrere schwangere Frauen, wurden die beiden auf zwei kleinen aufblasbaren Rettungsfl\u00f6\u00dfen zur\u00fcckgelassen. Mitten in der Nacht, mitten auf dem Meer, ohne Chance, aus eigener Kraft die K\u00fcste zu erreichen.<\/p>\n<h3>Griechische Grenzer f\u00fchren systematisch illegale Pushbacks durch<\/h3>\n<p>Der SPIEGEL hat den Fall von Angela und Sandra rekonstruiert. Die Rechercheure sprachen mit Angela und einer weiteren Gefl\u00fcchteten aus der Gruppe. Sie analysierten zudem Fotos, Videos und Geodaten, die die Gefl\u00fcchteten der NGO Aegean Boat Report geschickt hatten.<\/p>\n<p>Die Recherchen belegen, dass die Schutzsuchenden in der Tat auf Lesbos waren. Nach Auswertung der Aussagen von Fl\u00fcchtlingen und Zeugen sowie von Fotos, Videos und Positionsdaten gibt es keine Zweifel daran, dass griechische Beamte sie aufs Meer zur\u00fcckgeschleppt haben.<\/p>\n<p>Griechische Beh\u00f6rden f\u00fchren diese sogenannten Pushbacks inzwischen regelm\u00e4\u00dfig durch und versto\u00dfen damit systematisch gegen internationales und europ\u00e4isches Recht. Seit M\u00e4rz sind nach offiziellen Angaben nur 4344 Migranten auf den f\u00fcnf griechischen Inseln in der \u00f6stlichen \u00c4g\u00e4is angekommen \u2013 92 Prozent weniger als im Vorjahr.<\/p>\n<p>Seit Juni hat der SPIEGEL in gemeinsamen Recherchen mit der Medienorganisation Lighthouse Reports und dem ARD-Magazin \u00bbReport Mainz\u00ab dokumentiert, wie diese illegalen Pushbacks ablaufen: Die griechische K\u00fcstenwache f\u00e4ngt die Gefl\u00fcchteten meist noch auf dem Wasser ab, zerst\u00f6rt den Au\u00dfenbordmotor der Schlauchboote, um sie man\u00f6vrierunf\u00e4hig zu machen.<\/p>\n<p>Dann werden die Migranten mit gef\u00e4hrlichen Man\u00f6vern Richtung T\u00fcrkei zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Teils werden die Boote oder Rettungsfl\u00f6\u00dfe mit Seilen weiter aufs Meer gezogen, die Gefl\u00fcchteten mit Waffen bedroht, nicht selten fallen Sch\u00fcsse.<\/p>\n<p>Inzwischen ist klar, dass auch die europ\u00e4ische Grenzschutzagentur Frontex von den Pushbacks wei\u00df. In einigen F\u00e4llen stoppten Frontex-Beamte, darunter auch deutsche Bundespolizisten, sogar die Fl\u00fcchtlingsboote, die griechische K\u00fcstenw\u00e4chter wenig sp\u00e4ter zur\u00fcckdr\u00e4ngten.<\/p>\n<p>Frontex-Direktor Fabrice Leggeri steht deshalb unter Druck. Er muss sich vor dem Europaparlament, der EU-Kommission und dem Verwaltungsrat rechtfertigen. Bis heute beteuert Leggeri, keine Beweise f\u00fcr eine direkte oder indirekte Beteiligung seiner Grenzer an Pushback gefunden zu haben. Bis heute glaubt er offenbar auch den Unschuldsbeteuerungen griechischer Minister. Die griechischen Beh\u00f6rden h\u00e4tten seine Zweifel ausger\u00e4umt, sagte er in einem Interview. Die Linie behielt er auch in seinen Aussagen vor dem Innenausschuss des Europaparlaments Anfang Dezember bei. Einen Tag sp\u00e4ter wurden Angela und Sandra auf dem Meer ausgesetzt.<\/p>\n<h3>Asylsuchende berichten von Schl\u00e4gen durch griechische Beamte<\/h3>\n<p>Bevor sie auf Lesbos ankamen, hatten Angela und Sandra von den Pushbacks geh\u00f6rt. Eine Nacht lang versteckten sie sich deshalb nach ihrer Ankunft neben der Stra\u00dfe, voller Angst, die anderen aus ihrer Gruppe harrten in den H\u00fcgeln aus. Als der Assistenzprofessor Theodorou den beiden Frauen begegnete, machte er Fotos. Angela und Sandra schickten ihren Standort per WhatsApp an die NGO Aegean Boat Report, die Pushbacks in der \u00c4g\u00e4is dokumentiert. Die Daten belegen die Anwesenheit der Frauen auf Lesbos. Erst dann rief Theodorou die Polizei.<\/p>\n<p>Was dann passierte, hat Jeancy Kimbenga, ein 17-J\u00e4hriger aus dem Kongo, mit seinem Handy dokumentiert. Zwei Autos mit Blaulicht auf dem Dach h\u00e4tten die inzwischen wiedervereinte Gruppe angehalten, sagt er. Im Innern h\u00e4tten vermummte M\u00e4nner gesessen. \u00bbSie haben uns auf den Boden gedr\u00fcckt und die Handys weggenommen\u00ab, sagt Kimbenga. Seines habe er verstecken k\u00f6nnen. Nur deshalb gibt es Bilder der Autos, sie zeigen die Nummernschilder.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner setzten sie in einen Bus und brachten sie zum Hafen der Stadt Petra, berichten Angela und Kimbenga \u00fcbereinstimmend. Kimbengas Fotos und Videos belegen das.<\/p>\n<p>Dann, so erz\u00e4hlen es die Gefl\u00fcchteten, h\u00e4tten die griechischen Beamten sie durchsucht. Die M\u00e4nner h\u00e4tten sie gezwungen, sich auszuziehen. Sie h\u00e4tten sie zusammengeschlagen, angespuckt, beschimpft, sie mit Wasser bespr\u00fcht.<\/p>\n<p>\u00bbIhr werdet erfrieren\u00ab, h\u00e4tten die griechischen Beamten noch gerufen. Dann seien die Beamten mit einem Boot aufs Meer gefahren, h\u00e4tten sie auf einem orangefarbenen Rettungsflo\u00df ausgesetzt. \u00bbWir sa\u00dfen da\u00ab, sagt Kimbenga. \u00bbKalt und verletzt.\u00ab Angela schickte ein Sto\u00dfgebet gen Himmel.<\/p>\n<p>Erst Stunden sp\u00e4ter rettete die t\u00fcrkische K\u00fcstenwache die Migranten. Fotos zeigen die M\u00e4nner und Frauen, als sie im Morgengrauen an der K\u00fcste an Land gehen und sp\u00e4ter in Izmir. Es sind zumindest zum Teil dieselben Menschen, die auf den Fotos auf Lesbos zu sehen sind. Kostas Theodorou erkennt Angela auf ihren Fotos aus Izmir zweifelsweise wieder.<\/p>\n<h3>Europas Brutalit\u00e4t an den Au\u00dfengrenzen<\/h3>\n<p>Die griechischen Beh\u00f6rden gingen auf einen Fragenkatalog des SPIEGEL nicht im Detail ein. Die Polizei teilte mit, dass sie in all ihren Operationen die Menschenrechte achte, die erg\u00e4ben sich aus internationalem, europ\u00e4ischem und nationalem Recht. Das f\u00fcr die K\u00fcstenwache zust\u00e4ndige Ministerium teilte mit, dass es 30 Ausl\u00e4nder an Land aufgegriffen und in Quarant\u00e4ne gebracht habe. Au\u00dferdem halte man sich stets an die g\u00fcltigen Gesetze. Auf den vom SPIEGEL geschilderten Pushback von 18 Schutzsuchenden ging das Ministerium nicht ein.<\/p>\n<p>Griechische Grenzer stoppen in der \u00c4g\u00e4is inzwischen immer wieder Gefl\u00fcchtete und schleppen sie in t\u00fcrkische Gew\u00e4sser zur\u00fcck. Doch Angela und Sandra m\u00fcssen nun in der T\u00fcrkei ausharren, obwohl sie schon auf Lesbos angekommen waren. Die beiden Frauen waren bereits in Sicherheit und wurden dennoch wieder in Gefahr gebracht. Der Pushback legt offen, mit welcher Brutalit\u00e4t Europa an seinen Au\u00dfengrenzen inzwischen agiert \u2013 obwohl im Europaparlament seit Monaten \u00fcber die illegalen R\u00fcckf\u00fchrungen debattiert wird.<\/p>\n<p>Angela weint, als sie am Telefon \u00fcber ihre Zukunft redet. Sie habe nichts, sagt sie. Sie wisse nicht, was sie nun tun solle.<\/p>\n<p>Auch Kostas Thoedorou, der Mann, der Zeuge wurde von Sandras und Angelas Ankunft auf Lesbos, l\u00e4sst die Sache nicht los. Er hatte zuvor schon oft von den Pushbacks geh\u00f6rt, sagt er. \u00bbAber es ist eine Sache, in den Nachrichten davon zu h\u00f6ren. Und etwas ganz anderes, wenn es Menschen passiert, die ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe.\u00ab<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Fl\u00fcchtlinge mit griechischen Grenzsch\u00fctzern: Zusammengeschlagen und auf dem Meer ausgesetzt (Symbolbild) Foto:\u2002ANGELOS TZORTZINIS \/ AFP Als Kostas Theodorou die beiden Frauen erblickt, ahnt er sofort, dass etwas nicht<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4386,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-4385","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4385","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4385"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4385\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4386"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4385"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4385"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4385"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}