{"id":4311,"date":"2020-12-05T13:28:50","date_gmt":"2020-12-05T10:28:50","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/polen-wenn-frauen-ihre-schwangerschaften-im-untergrund-beenden-mussen\/"},"modified":"2020-12-05T13:28:50","modified_gmt":"2020-12-05T10:28:50","slug":"polen-wenn-frauen-ihre-schwangerschaften-im-untergrund-beenden-mussen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/polen-wenn-frauen-ihre-schwangerschaften-im-untergrund-beenden-mussen\/","title":{"rendered":"Polen: Wenn Frauen ihre Schwangerschaften im Untergrund beenden m\u00fcssen"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/d482fc41-f06d-49fe-a12f-b02bed4a2207_w948_r1.77_fpx49_fpy76.jpg\" title=\"Olga Madurska in ihrer Warschauer Wohnung: \u00bbKeine Frau ist darauf vorbereitet, ihre erste Schwangerschaft mit einer Pille zu beenden\u00ab\" alt=\"Olga Madurska in ihrer Warschauer Wohnung: \u00bbKeine Frau ist darauf vorbereitet, ihre erste Schwangerschaft mit einer Pille zu beenden\u00ab\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Olga Madurska in ihrer Warschauer Wohnung: \u00bbKeine Frau ist darauf vorbereitet, ihre erste Schwangerschaft mit einer Pille zu beenden\u00ab<\/p>\n<p>  Foto:\u2002<\/p>\n<p>Piotr Malecki \/ DER SPIEGEL<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Olga Madurska hat in diesem Jahr zwei Kinder nicht geboren. Sie spricht ihre Geschichte am vergangenen Samstag in Warschau in ein Mikrofon. Die Geschichte einer Frau, die zweimal schwanger war und doch kein Kind lebend zur Welt brachte in einem Land, das sie deswegen zu einer Verbrecherin macht.<\/p>\n<p>Als Madurska \u00f6ffentlich \u00fcber ihre Erfahrungen spricht und viele stehen bleiben und ihr zuh\u00f6ren, sind in Polens Hauptstadt wieder Tausende auf der Stra\u00dfe; sie blockieren den Verkehr im Zentrum der Stadt, sie protestieren gegen die Entscheidung des polnischen Verfassungsgerichtes, die eine legale Abtreibung in dem Land fast unm\u00f6glich macht. Olga Madurska steht in der Mitte eines Kreisverkehrs,ein Blumenkasten ist ihr Podest, sie tr\u00e4gt Schwarz, hat einen roten Blitz quer \u00fcber ihre Wange gemalt, das Symbol der Auflehnung einer ganzen polnischen Generation.<\/p>\n<p>Sie sagt diesen Satz: \u00bbJa, ich habe abgetrieben.\u00ab<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, am Telefon, erz\u00e4hlt Madurska, 29 Jahre, ihre Geschichte noch einmal von vorn. Sie beginnt mit einem P\u00e4ckchen, das im April 2020 in Madurskas Briefkasten lag. Darin f\u00fcnf Pillen, geschickt von einer polnischen Organisation, die Frauen hilft, eine Abtreibung vorzunehmen, wenn ihnen das Gesetz diese verwehrt.<\/p>\n<p>\u00bbIch war ganz allein, als ich die erste Pille nahm. Ich schluckte sie und blieb den ganzen Tag im Bett. Ich war am Boden zerst\u00f6rt, diese Situation machte mich krank. Ich wartete 24 Stunden. So lange muss man warten, dann nimmt man die restlichen vier Pillen.\u00ab<\/p>\n<p>Es gibt ein Zeichen, dass ein medikament\u00f6ser Abbruch funktioniert hat, und dieses Zeichen ist Blut. Madurska wartet nach den f\u00fcnf Tabletten auf den Moment, in dem ihre Blutung beginnt. Sie sagt, dass sie am n\u00e4chsten Morgen schon um sechs Uhr aufwachte, dass sie die W\u00e4sche wusch und die K\u00fcche putzte und alle paar Minuten auf die Toilette ging, \u00bbaber da war keine Blutung\u00ab, sagt sie.<\/p>\n<p>Dass sie dann zu ihren Eltern fuhr, um sich abzulenken. Dass aber immer wieder dieser Gedanke in ihr hochkam: Was, wenn die Blutung nicht kommt? Was, wenn die Abtreibung nicht funktioniert hat?<\/p>\n<p>Dazu muss man wissen, dass Olga Madurska zu der Zeit, als sie schwanger wurde, ein Medikament gegen ihre Akne einnahm, Izotek hei\u00dft es. Der Wirkstoff, Isotretinoin, kann die Wirkung der Antibabypille hemmen und zu schweren Fehlbildungen an Ungeborenen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Ultraschalluntersuchungen ab der 12. Schwangerschaftswoche k\u00f6nnen Frauen Hinweise geben, ob und wie sehr der F\u00f6tus in ihrem Bauch gesch\u00e4digt ist. Jedoch kritisieren Frauenorganisationen in Polen, dass \u00c4rzte Schwangere dort oft nicht \u00fcber diese M\u00f6glichkeit informieren. Und selbst wenn eine schwere oder unheilbare Sch\u00e4digung festgestellt wird: Nach dem Verfassungsgericht sind Schwangerschaftsabbr\u00fcche nur noch nach Vergewaltigungen m\u00f6glich, oder wenn das Leben der Mutter durch die Schwangerschaft in Gefahr ist.<\/p>\n<p>Das Gericht, von der nationalkonservativen Regierung dominiert, versch\u00e4rfte das Abtreibungsrecht im Oktober. Abbr\u00fcche sind nun praktisch komplett verboten. Auch in einem Fall wie dem von Madurska.<\/p>\n<p>An dem Abend kam bei Olga Madurska das Blut wie eine Erl\u00f6sung. \u00bbIch hatte keine Angst davor, abzutreiben. Ich hatte Angst, dass mich die Regierung zwingt, dieses Kind zu geb\u00e4ren. Ich hatte solche Angst, dieses Kind zu bekommen, dessen K\u00f6rper vielleicht doch so schwer gesch\u00e4digt war.\u00ab<\/p>\n<p>Sie sagt: \u00bbKeine Frau ist darauf vorbereitet, ihre erste Schwangerschaft mit einer Pille zu beenden. Aber ich wusste, ich hatte das richtige getan.\u00ab<\/p>\n<p>In Warschau, wo Madurska lebt, gibt es weiterhin Wege, abzutreiben. Es gibt Apotheken, die entsprechende Tabletten an Frauen abgeben. Organisationen beraten dort und in anderen St\u00e4dten Frauen, wenn sie mit Medikamenten zu Hause oder durch eine Operation im Ausland abtreiben m\u00f6chten. In Deutschland etwa, Tschechien, der Slowakei. Pro Jahr lassen so gesch\u00e4tzte 80.000 bis 150.000 Polinnen Schwangerschaftsabbr\u00fcche vornehmen.<\/p>\n<p>Madurska sagt, f\u00fcr sie sei es nicht schwierig gewesen, die entsprechenden Internetseiten zu finden, auf denen versteckt die Infos stehen. Sie kenne Leute, die sich damit auskennen. Sie wisse, wo man suchen muss. Sie habe genug Geld. Sie k\u00f6nne sich aber nicht vorstellen, wie es ist, in Polen auf dem Land zu leben, in einem konservativen Umfeld, mit wenig Geld und weniger Freiheit. Sie glaubt, dass viele Frauen dort ganz allein und in Not sind und am Ende Kinder bekommen, die sie aus guten Gr\u00fcnden nicht bekommen wollten.<\/p>\n<p>Im Grunde ist es gleich, ob eine Frau nun in der Stadt oder auf dem Dorf lebt. Die Gesetze zwingen Frauen \u00fcberall in Polen, in den Untergrund zu gehen und nach einem Medikament zu suchen wie nach einer Schnellschusswaffe.<\/p>\n<p>Zwar k\u00f6nnen die Bilder von den massiven Protesten gegen die PiS-Regierung, mit Hunderttausenden Demonstrierenden, leicht dar\u00fcber hinwegt\u00e4uschen: Doch die Gesellschaft in Polen ist tief gespalten, in Liberale und katholische Traditionalisten, die den Kurs der Regierung unterst\u00fctzen. Es wurde schon von B\u00fcrgerkrieg gesprochen und von einer Gesellschaft, die auseinanderbricht.<\/p>\n<p>Bei Zuzia Smoczy\u0144ska ging die Spaltung durch ihre eigene Beziehung. Als sie vor ein paar Jahren ungewollt schwanger wird, ist sie 21 Jahre alt, sie studiert Anthropologie in Warschau, mit ihrem Freund ist sie da erst ein paar Wochen zusammen. Er kommt aus einer erzkatholischen Familie. Als sie den Schwangerschaftstest macht und er positiv ausf\u00e4llt, als Panik sich in Smoczy\u0144ska breit macht und sie den Entschluss fasst, das Baby nicht zu bekommen, l\u00e4sst sie ihren Freund au\u00dfen vor.<\/p>\n<p>Sie ist sich zwar sicher, dass ihr Freund nicht Vater werden m\u00f6chte, dennoch kennt sie auch seine Antwort zu einer Abtreibung, und diese Antwort w\u00e4re ein Nein.<\/p>\n<p>\u00bbAlso zog ich es allein durch\u00ab, sagt Smoczy\u0144ska. Auch sie suchte Hilfe auf einer Webseite. Las die Berichte von Frauen in der Q&amp;A-Sektion. Bestellte die Tabletten. Als Lieferadresse gab sie die Wohnung ihrer Eltern an, die gerade im Urlaub waren. Als sie dann die Pillen aus der Packung holte und schluckte, sei sie ganz ruhig gewesen.<\/p>\n<p>Es dauerte ein Jahr, bis Smoczy\u0144ska ihrem Freund von dem Abbruch berichtete. Sie stritten. Er habe gesagt, sie sei eine M\u00f6rderin. Smoczy\u0144ska sagt: \u00bbIch habe ihm gesagt, er soll mir in die Augen schauen, wenn er mich eine M\u00f6rderin nennt. Aber er konnte mir nicht in die Augen schauen.\u00ab Sie sagt, sie h\u00e4tten nie wieder dar\u00fcber gesprochen. Kurz darauf sei die Beziehung zerbrochen. Es sei ein gro\u00dfer Fehler gewesen, nicht verh\u00fctet zu haben. Verantwortung f\u00fcr diesen Fehler zu \u00fcbernehmen habe f\u00fcr sie aber bedeutet, das Kind nicht zu bekommen.<\/p>\n<p>Dann sagt Smoczy\u0144ska einen Satz, \u00fcber den man ein bisschen nachdenken muss. Sie sagt, sie \u00e4rgere sich, dass so viele Menschen sich hinter einer Ideologie versteckten, um diese Verantwortung nicht \u00fcbernehmen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Im November beschloss das EU-Parlament eine Resolution gegen Polen und forderte das Recht auf eine Abtreibung. \u00bbWir m\u00fcssen im Jahr 2020 in Europa \u00fcber Abtreibung diskutieren, weil fundamentalistische Christen angeblich das Recht auf Leben verteidigen\u00ab, sagte die schwedische Abgeordnete Hel\u00e9ne Fritzon. Und ihre polnische Kollegin Sylwia Struwa sagte: \u00bbJedes Jahr bewegen wir uns in Polen weiter weg von Paris, Berlin oder Rom.\u00ab<\/p>\n<p>Olga Madurska ist zwei Monate nach ihrem Abbruch, in diesem Juni, wieder schwanger geworden. Sie hatte die Aknetabletten abgesetzt. Sie war vorbereitet. Sie wollte dieses Kind.<\/p>\n<p>In der zehnten Schwangerschaftswoche sagte ihr dann ein Arzt im Krankenhaus, dass ihr Ungeborenes nicht mehr lebe. \u00bbDas war es, mehr hatte er nicht zu sagen\u00ab, sagt Madurska. Da seien kein gutes Wort, keine psychologische Hilfe gewesen. Nur wieder dieses Gef\u00fchl:Sie war auch dieses Mal allein.<\/p>\n<p>Madurska sagt, damals sei sie sich auf einmal sehr sicher gewesen. Dass es genau neun Monate sind im Leben einer Frau, die f\u00fcr die polnische Regierung z\u00e4hlten. Die Monate, in denen sie ein Kind erwarte. \u00bbSie interessieren sich nur daf\u00fcr, dass wir mehr Babys ranschaffen, mehr, mehr\u00ab, sagt sie. Das Leben einer Frau, wie auch immer ihre Lage, in den Jahren davor und in den Jahren danach, interessiere das System nicht.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Olga Madurska in ihrer Warschauer Wohnung: \u00bbKeine Frau ist darauf vorbereitet, ihre erste Schwangerschaft mit einer Pille zu beenden\u00ab Foto:\u2002 Piotr Malecki \/ DER SPIEGEL Olga Madurska hat<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4312,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-4311","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4311","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4311"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4311\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4312"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4311"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4311"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4311"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}