{"id":428,"date":"2020-06-12T11:12:29","date_gmt":"2020-06-12T08:12:29","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/libanon-in-der-krise-weiter-so-in-den-untergang\/"},"modified":"2020-06-12T11:12:29","modified_gmt":"2020-06-12T08:12:29","slug":"libanon-in-der-krise-weiter-so-in-den-untergang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/libanon-in-der-krise-weiter-so-in-den-untergang\/","title":{"rendered":"Libanon in der Krise: Weiter so in den Untergang"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/05884f0c-0641-46d2-a937-4995ca0cadcf_w948_r1.77_fpx32.8_fpy45.jpg\" title=\"Die Regierung l\u00e4sst Wechselstuben schlie\u00dfen, um den W\u00e4hrungsverfall zu stoppen.\" alt=\"Die Regierung l\u00e4sst Wechselstuben schlie\u00dfen, um den W\u00e4hrungsverfall zu stoppen.\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Die Regierung l\u00e4sst Wechselstuben schlie\u00dfen, um den W\u00e4hrungsverfall zu stoppen.<\/p>\n<p> JOSEPH EID\/ AFP <\/figcaption><\/figure>\n<p>Die W\u00e4hrung im j\u00e4hen Sturz, der Staat de facto pleite, die Wirtschaft in ihrer schwersten Krise seit Jahrzehnten &#8211; und nun auch noch Corona: Man sollte annehmen, dass der Libanon sich im Moment seiner existenziellen Probleme annimmt.<\/p>\n<p>Doch die dramatischste Entwicklung der vergangenen Tage, die in Schie\u00dfereien in der Hauptstadt Beirut, in flammenden Appellen der libanesischen Spitzenpolitiker und des Auslands m\u00fcndete, waren Spottges\u00e4nge auf eine Frau, die seit mehr als 1300 Jahren tot ist &#8211; auf Aisha, die Tochter des Propheten Mohammed.<\/p>\n<h3>Spottges\u00e4nge auf die Tochter des Propheten<\/h3>\n<p>Es sollen die Anh\u00e4nger der beiden schiitischen Milizparteien gewesen sein, Hisbollah und Amal, deren gegr\u00f6lte Beleidigungen gegen Aisha als wackelige Videos kursierten. Wo genau das geschah, ob die Videos \u00fcberhaupt echt waren, geriet im Furor zur Nebensache: Es musste ger\u00e4cht werden.<\/p>\n<p>Und mit einem Schlag war sie wieder da: die Furcht vor einem erneuten B\u00fcrgerkrieg, vor der R\u00fcckkehr zu den anderthalb Jahrzehnten der Selbstzerst\u00f6rung dieses eigentlich gesegneten kleinen Landes.<\/p>\n<p>Dabei hatten die Zigtausenden Demonstranten, die seit Oktober \u00fcberall im Land gegen Korruption und Machtmissbrauch auf die Stra\u00dfe gegangen waren, die alte Spaltung abgelehnt. \u201eAlle hei\u00dft alle\u201c, lautete der lautstarke Refrain der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger. Christen, Sunniten, Schiiten, Drusen protestierten gemeinsam, wollten sich nicht wieder gegeneinander ausspielen lassen.<\/p>\n<p>Begonnen hatte die Krise im Herbst damit, dass ein gigantisches Schneeballsystem der Banken kollabierte: Jahrelang hatten sie Zinss\u00e4tze von bis zu zehn Prozent mit immer neuen Einlagen finanziert, ihrerseits dem Staat Geld geliehen, das sie nicht besa\u00dfen. Sie schufen eine der h\u00f6chsten Staatsverschuldungen weltweit und hielten eine Illusion aufrecht: dass das libanesische Pfund eisern stabil im Kurs von 1500 zum US-Dollar wert sei.<\/p>\n<p>Die wechselnden Regierungen bezahlten Milliarden Dollar f\u00fcr astronomisch \u00fcberteuerte Dienste wie Stromversorgung oder M\u00fcllentsorgung, die trotzdem kaum funktionieren, aber &#8211; im Fall des M\u00fclls &#8211; mehr als sechs Mal so teuer sind wie etwa in Jordanien. Vergangenen Oktober gingen den Banken die Devisen aus. Der Dollar schoss in die H\u00f6he, was im importabh\u00e4ngigen Land eine Kettenreaktion steigender Preise und Firmenpleiten nach sich zog.<\/p>\n<p>In den drei Monaten des Corona-Lockdowns nun waren zwar die Demonstranten zu Hause geblieben. Aber auch die neue Regierung unter Premier Hassan Diab unternahm in der Zeit nur kosmetische Man\u00f6ver, den Absturz aufzuhalten. Um den weiteren Wertverlust des Pfunds zu verhindern, wurden Phantasiekurse verordnet, Geldwechsler verhaftet. Mit der Folge, dass seit Anfang der Woche das Pfund bis zum Mittwoch auf 4500 zum Dollar gefallen ist. Guthaben, Geh\u00e4lter, Pensionen sind nur noch ein Drittel wert im Vergleich zum Herbst.<\/p>\n<p>Ein Gesetzesvorsto\u00df zur Kapitalkontrolle wurde vom Parlamentschef Nabih Berri abgeblockt, mit gesch\u00e4tzten 78 Millionen Dollar Verm\u00f6gen auf Platz 7 der reichsten libanesischen Politiker. Den Bau zweier Stromkraftwerke blockierte Pr\u00e4sident Michel Aoun, weil keines davon f\u00fcr das Gebiet seiner christlichen Klientel vorgesehen war.<\/p>\n<p>Die einzige Rettung w\u00e4ren Auslandshilfen, zuvorderst ein Paket des Weltw\u00e4hrungsfonds, das etwa zehn Milliarden Dollar umfassen soll. Seit Mitte Mai wird verhandelt. Doch der Fond stellt Bedingungen, fordert echte Reformen gegen die fortgesetzte Auspl\u00fcnderung des Landes durch die Herrschenden. Denen wiederum Anteile der Banken geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u00dcberdies treten am 17. Juni neue, extrem umfassende US-Sanktionen gegen das syrische Regime in Kraft, der sogenannte \u201eCaesar Act\u201c, der sich auch auf Syriens Gesch\u00e4ftspartner erstreckt. Die Ma\u00dfnahmen werden Libanons Banken, vor allem aber die Hisbollah treffen. Washington will nicht den Libanon zerst\u00f6ren, wohl aber die Hisbollah. Das US-Au\u00dfenministerium hat jetzt schon sch\u00e4rfere Restriktionen f\u00fcr alle F\u00f6rdermittel verh\u00e4ngt.<\/p>\n<h3>Die Herrschenden verkennen den Ernst der Lage<\/h3>\n<p>Libanons Eliten m\u00fcssten sich entscheiden, ob sie ihre Pfr\u00fcnde oder das Land retten wollten, schrieb schon vor Monaten der Journalist Kareem Chehayeb. Nun sollte endlich ein entscheidender Schritt erfolgen: die Besetzung von 20 Spitzenposten der Regierung, darunter der Bankenaufsicht, einer neuen Anti-Korruptionskommission, mit \u201eunabh\u00e4ngigen Technokraten\u201c.<\/p>\n<p>Am gestrigen Mittwoch wurden ernannt: einige Manager jener Banken, die sie beaufsichtigen sollen, ein gelernter Krankengymnast, allesamt Parteig\u00e4nger der Oligarchen. Ihre Kernqualifikation scheint darin zu bestehen, dass sie keine haben oder zumindest die Kreise der M\u00e4chtigen nicht st\u00f6ren werden. \u201eDiese Regierung ist ein Witz\u201c, twitterte verbittert der angesehene Wirtschaftswissenschaftler Jad Chaaban, \u201eein schlechter Witz\u201c.<\/p>\n<p>Innerhalb eines Tages st\u00fcrzt das Pfund weiter ab auf 6000 zum Dollar. In der Nordmetropole Tripoli geht am Abend die Filiale der Zentralbank in Flammen auf. In Beirut und anderen Orten kommt es zu Stra\u00dfenschlachten zwischen Sicherheitskr\u00e4ften und Demonstranten. Aber mancherorts schauen die Polizisten auch nur zu, schreiten nicht mehr ein, als Steine gegen Fassaden und Schaufenster fliegen. &quot;Mein Monatsgehalt ist noch 30 Dollar wert&quot;, sagt einer von ihnen am Abend in Beirut.<\/p>\n<p>Die Zeichen stehen auf Sturm.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Die Regierung l\u00e4sst Wechselstuben schlie\u00dfen, um den W\u00e4hrungsverfall zu stoppen. 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