{"id":419,"date":"2020-06-12T00:12:56","date_gmt":"2020-06-11T21:12:56","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/libanon-wie-auslandische-arbeitskrafte-unter-dem-kafala-system-leiden\/"},"modified":"2020-06-12T00:12:56","modified_gmt":"2020-06-11T21:12:56","slug":"libanon-wie-auslandische-arbeitskrafte-unter-dem-kafala-system-leiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/libanon-wie-auslandische-arbeitskrafte-unter-dem-kafala-system-leiden\/","title":{"rendered":"Libanon: Wie ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte unter dem Kafala-System leiden"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/2510fd6c-154a-4be0-a852-d40162619ee2_w948_r1.77_fpx51.33_fpy44.99.jpg\" title=\"Jenny (Name ge\u00e4ndert) aus Ghana: &quot;F\u00fcr sie war ich kein Mensch, f\u00fcr sie war ich ein Tier&quot;\" alt=\"Jenny (Name ge\u00e4ndert) aus Ghana: &quot;F\u00fcr sie war ich kein Mensch, f\u00fcr sie war ich ein Tier&quot;\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Jenny (Name ge\u00e4ndert) aus Ghana: &quot;F\u00fcr sie war ich kein Mensch, f\u00fcr sie war ich ein Tier&quot;<\/p>\n<p> Thore Schr\u00f6der <\/figcaption><\/figure>\n<p>Eine M\u00fcllt\u00fcte mit etwas Kleidung &#8211; mehr konnte Vanessa* nicht packen, als sie fl\u00fcchtete. &quot;An meine Koffer kam ich nicht heran, es musste ja schnell gehen. Meine Madame war nur kurz vor der T\u00fcr&quot;, sagt die 27-J\u00e4hrige aus Ghana \u00fcber den Abend Ende 2019, als sie ihren Peinigern im Libanon entkam. Vor der T\u00fcr wartete das Fluchttaxi.<\/p>\n<p>Vier Monate lang hatte Vanessa nach eigenen Angaben bei einer libanesischen Familie in der K\u00fcstenstadt Byblos gelebt. &quot;Ich musste auf einer Luftmatratze im Wohnzimmer schlafen. Essen gab es nur einmal am Tag&quot;, sagt sie. Bald habe sie nicht nur das Haus, sondern auch die Gesch\u00e4ftsr\u00e4ume der Firma putzen m\u00fcssen, sagt sie. &quot;Von morgens sechs bis nachts um zehn, sieben Tage in der Woche habe ich geschuftet. Ich war abgemagert wie eine Kranke, hatte st\u00e4ndig Schmerzen.&quot; Statt der verabredeten 300 habe sie f\u00fcr ihre Arbeit nur 200 Dollar monatlich bekommen. &quot;Und am Ende zahlten sie gar nicht mehr.&quot;<\/p>\n<p>Vanessa sitzt in einem dunklen Zimmer in einem Wohnblock an der K\u00fcstenautobahn. Es ist laut, die Luft ist schlecht. Vanessa teilt sich das Zweibettzimmer mit zwei anderen Afrikanerinnen, auch sie sind aus dem Kafala-System gefl\u00fcchtet. Der SPIEGEL hat mehrere Betroffene getroffen, darunter auch Vanessa. Ihre Schilderungen sind plausibel und decken sich mit den Erkenntnissen von Experten und Hilfsorganisationen zum Kafala-System, lassen sich aber im Detail nicht nachpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Kafala ist arabisch und bedeutet B\u00fcrgschaft. Ausl\u00e4ndische Arbeitskr\u00e4fte werden f\u00fcr libanesische Familien in ihren Heimatl\u00e4ndern &#8211; direkt oder \u00fcber Agenturen \u2013 angeworben.  &quot;Das System ist unterreguliert und intransparent&quot;, sagt Zeina Mezher von der International Labor Organization (ILO), eine Unterorganisation der Uno.<\/p>\n<p>Das liegt auch daran, dass es f\u00fcr eine Person oft drei verschiedene Vertr\u00e4ge gibt:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>zwischen der Arbeitskraft und einer Agentur im Heimatland<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>zwischen dem Arbeitgeber und der Agentur im Libanon<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>zwischen der Arbeitskraft und dem Arbeitgeber<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<p>Was im Heimatland zugesichert wurde, kann im Libanon nichtig sein; das gilt f\u00fcr Bezahlung, Dauer der Anstellung, Arbeitszeit und vieles mehr. In jedem Fall muss der Sponsor oder B\u00fcrge (Kafil) die Rekrutierungskosten \u00fcbernehmen. Darunter fallen in der Regel die Kosten f\u00fcr die Reise, f\u00fcr die Agenturen, f\u00fcr Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, den Arbeitsvertrag, medizinische Vorab-Tests und Versicherung. Au\u00dferdem ist der Kafil f\u00fcr Unterbringung und Verpflegung verantwortlich. Der B\u00fcrge \u00fcbernimmt die volle wirtschaftliche Verantwortung, der Staat h\u00e4lt sich heraus.<\/p>\n<h3>&quot;Ihr gesamtes pers\u00f6nliches und soziales Leben wird vom Sponsor geregelt&quot;<\/h3>\n<p>Damit befinden sich die Hausangestellten in einem Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis. Es ist kaum m\u00f6glich, unbezahlten Lohn einzuklagen. Sie k\u00f6nnen ohne Erlaubnis des B\u00fcrgen den Arbeitgeber nicht wechseln oder ihren Aufenthalt verl\u00e4ngern. In der Praxis k\u00f6nnen sie oft nicht einmal ungefragt das Haus verlassen. &quot;Ihr gesamtes pers\u00f6nliches und soziales Leben wird vom Sponsor geregelt&quot;, sagt Mezher, &quot;jedenfalls gibt es keine festgeschriebenen Regularien, die das verhindern.&quot;<\/p>\n<p>Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International sch\u00e4tzen, dass mehr als 250.000 Ausl\u00e4nder in Libanons Kafala-System leben, rund acht Prozent der Erwerbsbev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Seinen Ursprung hat das System in den Golfstaaten, sagt Nasser Yassin, Migrationsforscher von der American University of Beirut (AUB): &quot;Das Konzept stammt aus der Kultur der arabischen St\u00e4mme, wurde im Golf in gro\u00dfem Stil angewendet, weil die kleine Bev\u00f6lkerung dort auf Expats angewiesen ist.&quot;<\/p>\n<p>Im Libanon gab es nach dem B\u00fcrgerkrieg eine Wohlstandsphase. Damals konnten sich laut Yassin viele Libanesen eine ausl\u00e4ndische Haushaltshilfe leisten. Durch die Bindung des Libanesischen Pfundes an den Dollar war die Arbeit im Libanon f\u00fcr viele Frauen aus armen afrikanischen oder asiatischen L\u00e4ndern attraktiv. Jeden Monat konnten sie Devisen in die Heimat schicken.<\/p>\n<p>Doch in den vergangenen Monaten ist die libanesische Wirtschaft kollabiert. Das Libanesische Pfund hat \u00fcber 60 Prozent ihres Werts verloren, Dollars gibt es kaum mehr im Land. Die Coronakrise hat den Zusammenbruch beschleunigt und l\u00e4sst die Ungerechtigkeiten des Kafala-Systems noch st\u00e4rker hervortreten.<\/p>\n<h3>&quot;Er sagte: &#039;Es gibt keine Jobs mehr. Du kannst nur als Sexarbeiterin Geld verdienen.&#039;&quot;<\/h3>\n<p>Nach ihrer Flucht kam Vanessa zun\u00e4chst in einem Beiruter Armenviertel in einer Wohnung mit anderen Afrikanerinnen unter. Eine von ihnen hatte einen libanesischen Freund. &quot;Er sagte: &#039;Es gibt keine Jobs mehr. Du kannst nur als Sexarbeiterin Geld verdienen.&#039; Dann machte er Fotos von mir, bald traf ich meinen ersten Kunden&quot;, sagt Vanessa.<\/p>\n<p>Ihre Eltern seien fr\u00fch gestorben, erz\u00e4hlt die 27-J\u00e4hrige. &quot;Ich kam in den Libanon, um Geld f\u00fcr meine drei kleinen Geschwister zu verdienen&quot;, sagt sie, &quot;aber nat\u00fcrlich nicht auf diese Art. Der Vermittler in Ghana hatte gesagt, dass die Bezahlung ordentlich sein wird, dass ich Freizeit bekomme, dass die Libanesen gut sind.&quot; <\/p>\n<p>Bald verlie\u00df Vanessa die Wohnung in Beirut. Nun lebt sie nach eigenen Angaben schon seit ein paar Monaten mit zwei anderen Frauen zusammen in der Ein-Zimmer-Wohnung an der Schnellstra\u00dfe. Ihre Mitbewohnerinnen wissen nicht, dass Vanessa ihr Geld noch immer durch Prostitution verdient: &quot;Ich sch\u00e4me mich, aber was soll ich machen? Eine Putzfrau kann sich keiner mehr leisten, da bleibt doch nur der Sex. Ich muss schlie\u00dflich \u00fcberleben.&quot;<\/p>\n<p>Vanessa sagt, sie habe umgerechnet knapp 150 Dollar gespart. Ungef\u00e4hr 700 Dollar wird sie f\u00fcr die Geb\u00fchren und das Ticket brauchen, um den Libanon zu verlassen. Wenn der einzige Flughafen wieder \u00f6ffnet, einen Termin daf\u00fcr gibt es noch nicht. &quot;Die Botschaft wird meinen Pass f\u00fcr mich holen&quot;, glaubt sie. Noch liegen ihre Papiere n\u00e4mlich bei den B\u00fcrgen in Byblos, auch das geh\u00f6rt zur Kafala-Praxis.<\/p>\n<p>Viele Libanesen versuchen, ihre ausl\u00e4ndischen Angestellten loszuwerden. Im April bot ein Mann seine nigerianische Haushaltshilfe in einer Facebookgruppe f\u00fcr 1000 Dollar &quot;zum Kauf&quot; an. &quot;Sie ist 30 Jahre alt, aktiv und sehr sauber&quot;, schrieb er in seinem Post, f\u00fcr den er sp\u00e4ter wegen des Verdachts auf Menschenhandel festgenommen wurde.<\/p>\n<p>Andere setzen ihre Arbeiterinnen einfach vor den Botschaften ihrer L\u00e4nder ab. Am schlimmsten ist die Situation vor der \u00e4thiopischen Vertretung in Beirut. Hunderte Frauen dr\u00e4ngen sich dort. Einige harren l\u00e4nger als eine Woche aus, ohne Lebensmittel oder sanit\u00e4re Versorgung, um dann zu erfahren, dass ihnen die Diplomaten auch nicht helfen k\u00f6nnen. Die Botschaft teilte auf Facebook mit, sie werde die Kosten f\u00fcr R\u00fcckreisen nicht \u00fcbernehmen.<\/p>\n<h3>Die B\u00fcrgen werden fast nie zur Verantwortung gezogen<\/h3>\n<p>&quot;Viele dieser Frauen leiden unter schweren Traumata&quot;, sagt eine Helferin der Organisation This is Lebanon. Farah Salkha vom Anti-Rascism Movement nennt Kafala &quot;moderne Sklaverei&quot;. Laut libanesischen Beh\u00f6rden starben schon vor der j\u00fcngsten Versch\u00e4rfung der Krise w\u00f6chentlich zwei ausl\u00e4ndische Arbeiterinnen. Viele begehen demnach Suizid oder kommen bei gescheiterten Fluchtversuchen um. Die B\u00fcrgen werden fast nie zur Verantwortung gezogen.<\/p>\n<p>Dabei werden die Frauen oft nicht nur ausgebeutet, sondern auch beleidigt und geschlagen. Davon berichtet etwa die 21-j\u00e4hrige Jenny*. Sie kam nach eigenen Angaben vor rund einem Jahr ebenfalls aus Ghana in den Libanon. In ihrer ersten Familie habe sie t\u00e4glich von sieben Uhr morgens bis nach Mitternacht schuften m\u00fcssen, sagt sie. &quot;Dann wurde meine Mutter zu Hause krank und starb. Als meine Madame mich weinen sah, sagte sie, ich solle aufh\u00f6ren: &#039;Du bist hier, um zu arbeiten, nicht um zu trauern.&#039;&quot;<\/p>\n<p>Der Wechsel in einen anderen Haushalt brachte keine Besserung, erz\u00e4hlt Jenny. &quot;In der zweiten Familie musste ich auf dem K\u00fcchenboden schlafen. Der Mister schlug und trat mich. Der sechsj\u00e4hrige Sohn beschimpfte mich vor seiner Mutter. Nachts, als ich schlief, kippte er Wasser auf mich. F\u00fcr sie war ich kein Mensch, f\u00fcr sie war ich ein Tier.&quot;<\/p>\n<h3>&quot;Die einzige L\u00f6sung ist die Abschaffung dieses b\u00f6sartigen Systems&quot;<\/h3>\n<p>Das Schicksal der ausgebeuteten Ausl\u00e4nderinnen erregt im Libanon gegenw\u00e4rtig viel Aufsehen &#8211; auch wegen der internationalen Black-Lives-Matter-Bewegung. Farah Salkha vom Anti-Rascism Movement sagt: &quot;Die einzige L\u00f6sung ist die Abschaffung dieses b\u00f6sartigen Systems.&quot; <\/p>\n<p>Zeina Mezher von der International Labor Organization h\u00e4lt die Wirtschaftskrise zumindest f\u00fcr eine Chance f\u00fcr Strukturreformen: &quot;Die Quote der besch\u00e4ftigten Inl\u00e4nderinnen im Bereich Hausarbeit k\u00f6nnte steigen.&quot; Bisher gibt es auch f\u00fcr Libanesen, die Haushaltsarbeit oder auch Pflegedienste leisten, keinerlei Arbeitsschutz. Das k\u00f6nnte sich \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Vorstellung, dass Kafala g\u00e4nzlich verschwindet, h\u00e4lt Mezher aber f\u00fcr &quot;allzu simpel.&quot; Es werde weiterhin eine \u2013 dann zwar kleinere \u2013 Gruppe libanesischer Familien geben, die sich eine ausl\u00e4ndische Haush\u00e4lterin leisten k\u00f6nnen. Es werde weiter die Vermittlungsagenturen geben, die davon profitieren. &quot;Und es wird weiter Migranten geben, die in den Libanon kommen, weil sie einem Traum folgen und glauben, hier mehr Geld verdienen zu k\u00f6nnen als in ihren L\u00e4ndern.&quot;<\/p>\n<p>Jenny, die inzwischen einen Schlafplatz bei einer anderen Ghanaerin gefunden hat, will trotz allem bleiben. Gerade versucht sie, einen Tagesjob zu finden: &quot;Ich kann noch nicht zur\u00fcck, ich kann meinem Vater doch nicht erz\u00e4hlen, was mir hier passiert ist. Und ohne Geld zur\u00fcckkehren, das geht auch nicht.&quot;<\/p>\n<p><em>*Name ge\u00e4ndert<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Jenny (Name ge\u00e4ndert) aus Ghana: &quot;F\u00fcr sie war ich kein Mensch, f\u00fcr sie war ich ein Tier&quot; Thore Schr\u00f6der Eine M\u00fcllt\u00fcte mit etwas Kleidung &#8211; mehr konnte Vanessa*<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-419","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/419","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=419"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/419\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=419"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=419"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=419"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}