{"id":401,"date":"2020-06-11T04:31:01","date_gmt":"2020-06-11T01:31:01","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/polizei-ausbilder-respekt-ist-keine-einbahnstrase\/"},"modified":"2020-06-11T04:31:01","modified_gmt":"2020-06-11T01:31:01","slug":"polizei-ausbilder-respekt-ist-keine-einbahnstrase","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/polizei-ausbilder-respekt-ist-keine-einbahnstrase\/","title":{"rendered":"Polizei-Ausbilder: &#8220;Respekt ist keine Einbahnstra\u00dfe&#8221;"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/3006bdc6-9371-40e6-8693-b764b3f086e0_w948_r1.77_fpx55.99_fpy50.jpg\" title=\"Vereidigung von Kommissaranw\u00e4rterinnen und -anw\u00e4rtern bei der Polizei in NRW (Archivbild)\" alt=\"Vereidigung von Kommissaranw\u00e4rterinnen und -anw\u00e4rtern bei der Polizei in NRW (Archivbild)\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Vereidigung von Kommissaranw\u00e4rterinnen und -anw\u00e4rtern bei der Polizei in NRW (Archivbild)<\/p>\n<p> Jochen Tack\/ imageBROKER\/ picture alliance <\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Herr Behr, in den USA ist der Schwarze George Floyd bei einem Polizeieinsatz zu Tode gekommen. Ist so etwas auch in Deutschland denkbar?<\/p>\n<p><strong>Behr: <\/strong>Prinzipiell ja, wir kennen solche oder \u00e4hnliche Todesf\u00e4lle auch, aber die H\u00e4ufigkeit ist doch erheblich unterschiedlich. In Deutschland bewegt sich die Zahl der Todesopfer von polizeilichem \u00dcberw\u00e4ltigungshandeln in einem niedrigen zweistelligen Bereich, im Jahr 2018 waren davon elf Personen betroffen, und meistens handelte es sich um einen t\u00f6dlichen Schusswaffeneinsatz. Todesf\u00e4lle durch exzessive k\u00f6rperliche Gewalt sind noch seltener.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Der Polizei in den USA wird struktureller Rassismus vorgeworfen. Sind Polizisten besonders anf\u00e4llig f\u00fcr rechte Tendenzen?<\/p>\n<p><strong>Behr:<\/strong> Polizisten sind nie ganz weit weg von der Grundstimmung der Bev\u00f6lkerung. Sie sind nicht autorit\u00e4rer als andere, aber wertkonservativ. Sie kommen in der Regel aus einer Welt, in der gesetzliche Normen anerkannt werden, und wollen sich daf\u00fcr auch aktiv einsetzen. Die Ordnungsaffinit\u00e4t umschlie\u00dft die Anerkennung von Autorit\u00e4t und Hierarchie, und sie wollen zu den &quot;Guten&quot; geh\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Die Gewerkschaften in Deutschland haben entsetzt auf den Vorwurf reagiert, dass es auch hierzulande ein Problem mit Rassismus innerhalb der Polizei gebe. Was sagen Sie dazu?<\/p>\n<p><strong>Behr: <\/strong>Polizeigewerkschaften sehen sich meines Erachtens als Gralsh\u00fcter der guten Polizei. Sie reden ihren Mitgliedern schon seit Langem ein, dass sie Opfer einer aggressiver werdenden Gesellschaft sind. Wenn man dieses Bild inhaliert, glaubt man auch irgendwann daran. Dabei merken viele Polizisten gar nicht: Respekt ist keine Einbahnstra\u00dfe.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Was w\u00e4re Ihrer Meinung nach stattdessen wichtig?<\/p>\n<p><strong>Behr: <\/strong>Das gro\u00dfe Missverst\u00e4ndnis besteht darin, dass die Berufsvertretungen wenig Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr haben, dass Polizei manchmal vom Teil der L\u00f6sung zum Teil des Problems wird. Deshalb fordern sie stets von der Politik oder der Gesellschaft ein, die Bedingungen herzustellen, damit Polizisten besser arbeiten k\u00f6nnen. Das ist zu kurz gegriffen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Immer wieder werden Rechtsextremisten unter den Polizisten entdeckt. Gibt es davon heute mehr als fr\u00fcher?<\/p>\n<p><strong>Behr: <\/strong>Ich glaube nicht, dass es mehr geworden ist. Was es noch in den Sechzigerjahren an rechtsradikalem Gedankengut in der Polizei gegeben hat, gibt es heute nicht mehr. Damals wurde auch anderes Personal rekrutiert, heute haben die meisten Bewerber mittlere Reife und Abitur. Der Praxisschock kann aber bewirken, dass sie abgleiten in Weltsichten, die wir nicht mehr kontrollieren k\u00f6nnen. Viele unserer Bewerberinnen und Bewerber kommen ja mit 18 bis 20 Jahren zur Polizei, also in einem Alter, in dem die politische Haltung noch nicht gefestigt und die moralische Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Das hei\u00dft: Polizisten radikalisieren sich im Dienst?<\/p>\n<p><strong>Behr:<\/strong> Davon gehen wir heute aus. Das Erleben der echten Polizeiarbeit ist f\u00fcr viele ein Abenteuer, es kann aber eben auch schnell zu einem Praxisschock f\u00fchren. Wir begleiten die jungen Leute nach der Ausbildung nicht mehr mit Bildungs- oder Trainingsangeboten, die Bildungseinrichtungen verlieren sie sogar nach der Ausbildung. Es dauert Jahre, bis wir sie endlich wieder in eine Fortbildung bekommen, die es ihnen erm\u00f6glicht, ihre Erfahrungen zu reflektieren. In der Zwischenzeit kann es passieren, dass sich zum Beispiel eine Gewaltaffinit\u00e4t entwickelt. Je nachdem, wo die Polizistinnen und Polizisten eingesetzt werden und was sie erleben, kann das schon krass werden.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Wie meinen Sie das?<\/p>\n<p><strong>Behr: <\/strong>Polizisten machen jeden Tag Vergeblichkeitserfahrungen. Ihre Arbeit f\u00fchrt nicht zum gew\u00fcnschten Erfolg. Man f\u00fchlt sich verletzt und schlecht behandelt. Einige werden dann nur noch durch Sekund\u00e4rtugenden gehalten, etwa Pflichterf\u00fcllung. Daraus resultiert Frust.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Frust ist keine Entschuldigung f\u00fcr extreme Einstellungen.<\/p>\n<p><strong>Behr: <\/strong>Aus Frust entsteht oft Zynismus. Eine Haltung, die sich selbst sehr stark \u00fcberh\u00f6ht und die anderen abwertet. Der Zyniker behandelt sein Gegen\u00fcber vielleicht rechtlich formal richtig, empfindet ihn aber nicht als gleichwertig. Der Mensch wird nicht mehr als Mensch wahrgenommen, sondern als polizeiliches Gegen\u00fcber.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Seit einigen Jahren werden immer F\u00e4lle bekannt, in denen Polizisten durch rassistische oder rechtsextremistische \u00c4u\u00dferungen auffallen. In Hessen wurden Anw\u00e4lte mit ausl\u00e4ndischen Wurzeln bedroht.<\/p>\n<p><strong>Behr: <\/strong>Wir k\u00f6nnen nicht beurteilen, ob es mehr geworden ist, weil wir keine Vergleichsdaten haben. Es gibt da einen gro\u00dfen Mangel an Forschung. Aber ja, die Artikulationsformen sind insbesondere durch die sozialen Medien anders und schneller geworden. Man muss sich nicht mehr in der Hinterstube treffen, um einen dummen Spruch loszuwerden, sondern kann schnell etwas posten.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Sind diese F\u00e4lle denn nicht ein Zeichen daf\u00fcr, dass radikales oder ausl\u00e4nderfeindliches Gedankengut in der Polizei verbreitet ist?<\/p>\n<p><strong>Behr:<\/strong> Zun\u00e4chst ist es ein Ergebnis zeit- und ortsunabh\u00e4ngiger Vernetzung. Diese Chatgruppen entstehen in der Regel in der Ausbildung und bleiben \u00fcber viele Jahre bestehen. Wenn dann einer etwas postet, hat man gleich 30 Verd\u00e4chtige. Daher der Eindruck, dass es zahlenm\u00e4\u00dfig mehr werden. Ich bin aber unsicher, ob das tats\u00e4chlich so ist. Und wir m\u00fcssen bei aller Emp\u00f6rung immer noch rassistische Haltungen von diskriminierenden Handlungen unterscheiden.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Es entsteht der Eindruck, dass vieles verschwiegen, nicht gemeldet wird. Warum?<\/p>\n<p><strong>Behr:<\/strong> Das ist ein Ph\u00e4nomen der Polizistenkultur, der sogenannten Cop Culture. Das ist auch in Deutschland ein Thema. Polizisten kennen sich untereinander gut, sind vernetzt, da dauert es lange, bis einer die Kollegen verr\u00e4t. Die Gruppe empfindet sich als Gefahrengemeinschaft, und es gibt eine gewisse Angst, sich aus der Gruppe zu l\u00f6sen, da jeder auf die Solidarit\u00e4t des anderen angewiesen ist. Selbst wenn einer ein bl\u00f6des Gef\u00fchl hat, dauert es lange, bis sich daraus Kritik oder gar Aktion entwickelt.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Vereidigung von Kommissaranw\u00e4rterinnen und -anw\u00e4rtern bei der Polizei in NRW (Archivbild) Jochen Tack\/ imageBROKER\/ picture alliance SPIEGEL: Herr Behr, in den USA ist der Schwarze George Floyd bei einem Polizeieinsatz zu Tode gekommen. Ist so etwas auch in Deutschland denkbar? 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