{"id":3943,"date":"2020-11-18T23:46:21","date_gmt":"2020-11-18T20:46:21","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-warum-sachsen-und-stuttgart-zu-den-hochburgen-der-anti-corona-proteste-wurden\/"},"modified":"2020-11-18T23:46:21","modified_gmt":"2020-11-18T20:46:21","slug":"corona-warum-sachsen-und-stuttgart-zu-den-hochburgen-der-anti-corona-proteste-wurden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-warum-sachsen-und-stuttgart-zu-den-hochburgen-der-anti-corona-proteste-wurden\/","title":{"rendered":"Corona: Warum Sachsen und Stuttgart zu den Hochburgen der Anti-Corona-Proteste wurden"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/95ac33f5-7001-4fc7-b02a-fa49b6c52b3a_w948_r1.77_fpx43.23_fpy44.98.jpg\" title=\"Eine Demonstrantin h\u00e4lt in Berlin bei den Protesten gegen das Infektionsschutzgesetz einem Polizisten ein Kreuz entgegen\" alt=\"Eine Demonstrantin h\u00e4lt in Berlin bei den Protesten gegen das Infektionsschutzgesetz einem Polizisten ein Kreuz entgegen\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Eine Demonstrantin h\u00e4lt in Berlin bei den Protesten gegen das Infektionsschutzgesetz einem Polizisten ein Kreuz entgegen<\/p>\n<p>  Foto:\u2002F. Kern \/ snapshot \/ Future Image  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Reise zum Widerstand wird komfortabel, verspricht ein gewisser Steffen in einem Corona-Leugner-Chat beim Messengerdienst Telegram. \u00bbWir fahren von Dresden mit gro\u00dfen Reisebussen\u00ab, schreibt er, \u00bbvoll klimatisiert mit Bordtoilette!\u00ab Es gebe mehr als zehn Busse, auch aus Pirna und dem Erzgebirge, \u00bbPinkel- und Raucherpause\u00ab auf dem Weg nach Berlin seien eingeplant. Um 9 Uhr wolle man in der Hauptstadt sein. \u00bbSind von der AfD\u00ab, schreibt Steffen noch, \u00bbnehmen aber auch andere Patrioten mit.\u00ab<\/p>\n<p>Er ist nicht der einzige, der in der Telegram-Gruppe Reisem\u00f6glichkeiten gen Berlin austauscht. Viele andere bieten oder suchen Mitfahrgelegenheiten aus Sachsen, zahlreiche weitere Chatmitglieder melden sich aus Stuttgart, Heidenheim, Aalen und Schw\u00e4bisch Gm\u00fcnd.<\/p>\n<h3>Protesttouristen aus dem s\u00e4chsischen Erzgebirge und dem Stuttgarter Umland<\/h3>\n<p>Am Mittwoch haben Bundestag und Bundesrat die \u00dcberarbeitung des Infektionsschutzgesetzes beschlossen. Bundesweit hatten sich Gegner der Corona-Ma\u00dfnahmen angek\u00fcndigt. In sozialen Netzwerken, \u00fcber Telegram und auf Veranstaltungen der \u00bbQuerdenken\u00ab-Initiative schworen sie sich auf Blockaden im Regierungsviertel ein. Die Polizei rechnete im Vorfeld mit mehreren Tausend Teilnehmenden. Schon am Mittag wurde die zentrale Veranstaltung am Brandenburger Tor in direkter N\u00e4he des Reichstagsgeb\u00e4udes aufgel\u00f6st, kaum einer hatte sich an Hygieneauflagen gehalten. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein. Demonstrierende bewarfen die Beamten nach Polizeiangaben mit Flaschen, Steinen und B\u00f6llern.<\/p>\n<p>Dass sich die Protesttouristen vor allem aus dem s\u00e4chsischen Erzgebirge und dem Stuttgarter Umland auf den Weg machten, ist kein Zufall. Die beiden Regionen seien die \u00bbBible Belts\u00ab der Bundesrepublik, sagt der G\u00f6ttinger Historiker und Politikwissenschaftler Michael L\u00fchmann \u2013 \u00bbRenitenz und Protest sind hier seit Jahren gereift\u00ab. <\/p>\n<p>In den USA steht der Begriff \u00bbBible Belt\u00ab f\u00fcr jene bibeltreuen Landstriche, in denen Evangelikale weit \u00fcber ihre Gemeinden hinaus ins politische und gesellschaftliche Leben hineinwirken. Der Dresdner Raum und das Erzgebirge in Sachsen sowie das Stuttgarter Umland in Baden-W\u00fcrttemberg wiesen \u00e4hnliche Strukturen auf, sagt L\u00fchmann. <\/p>\n<h3>Widerstand des &quot;Pietkong&quot;<\/h3>\n<p>Obwohl die ehemalige DDR alles Kirchliche geschliffen hatte, habe sich ein sehr aktives konservativ-protestantisches Gemeindeleben vor allem in Ostsachsen und dem Erzgebirge bewahrt, so L\u00fchmann. \u00bbDie Kirchen sind hier immer noch sehr gut gef\u00fcllt und ein bedeutender gesellschaftlicher Akteur.\u00ab Auch Stuttgart sei \u2013 wie das s\u00e4chsische Pendant \u2013 eingebettet in einen historisch gewachsenen Pietismus. Von den Schwaben spricht man gar \u2013 analog zum kommunistischen Viet-Kong \u2013 vom \u00bbPietkong\u00ab.<\/p>\n<p>Beide Regionen eint der Widerstand gegen die Moderne und eine Abwehr alles Fremden. Die Anerkennung von Diversit\u00e4t und der gesellschaftliche Zusammenhalt sind in Sachsen seit Jahren deutlich schlechter ausgepr\u00e4gt als im Bundesschnitt, besagt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. In einer regionalen Auswertung f\u00fcr Baden-W\u00fcrttemberg liegen die Werte f\u00fcr den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Stuttgart und auf der Ostalb ebenfalls niedriger als im Rest des Landes.<\/p>\n<p>Evangelikaler Traditionalismus allein erkl\u00e4rt aber nicht die Mobilisierungslust f\u00fcr die Proteste gegen die Corona-Politik. Auch seit Jahren gewachsene Erfahrungen im Aufbegehren geh\u00f6ren dazu, vor allem mit den \u00bbStuttgart 21\u00ab-Protesten und den islamfeindlichen \u00bbPegida\u00ab-M\u00e4rschen \u2013 Menschen aus den Regionen haben sich eine besondere Form der Widerstandsidentit\u00e4t geschaffen. Im Erzgebirgschen gibt es daf\u00fcr sogar ein eigenes Wort: \u00bbfischelant\u00ab. Es meint: wachsam sein, misstrauisch bleiben.<\/p>\n<h3>Stuttgart und Sachsen eint die Hauptsache-Dagegen-Haltung<\/h3>\n<p>Das Christliche komme mit dem Aufst\u00e4ndischen zusammen, sagt L\u00fchmann: \u00bbDie Bewegungen in Sachsen und Stuttgart finden durch gemeinsame Feindbildkonstruktionen zueinander.\u00ab Gemeint ist das, was die Demonstrierenden gerne als \u00bblinks-gr\u00fcnen Mainstream\u00ab verunglimpfen. <\/p>\n<p>Den Unmut sch\u00fcrten in den vergangenen Jahren die verschiedensten Themen \u2013 sei es die Gleichstellung von Frau und Mann, die Akzeptanz der gleichgeschlechtlichen Ehe, der Umgang mit der Klimakrise oder Gender-Fragen. Der Umgang mit der Corona-Pandemie ist nur die neueste Auspr\u00e4gung. Es ist eine Hauptsache-Dagegen-Haltung.<\/p>\n<p>Eigentlich geht es am Ende gar nicht mehr um die Sache, sagt auch L\u00fchmann, es gehe um Elitenkritik. \u00bbDer Widerstand ist komplett vom eigentlichen Thema entkoppelt, die Demonstrierenden brauchen nur ein Vehikel gegen die Staatlichkeit.\u00ab<\/p>\n<h3>Nazi-Vergleiche und bewusste Falschmeldungen<\/h3>\n<p>Von diesem Misstrauen gegen den Staat war auch auf den Kundgebungen in Berlin am Mittwoch viel zu sehen. Schon im Vorfeld wurde auf \u00bbQuerdenken\u00ab-Kan\u00e4len und rechtsextremen Seiten Stimmung gegen das geplante Infektionsschutzgesetz gemacht.<\/p>\n<p>Kritik am Gesetz gibt es tats\u00e4chlich. Die Opposition bem\u00e4ngelt eine zu rasche Umsetzung und f\u00fcrchtet, der Regierung werde es noch leichter gemacht, am Parlament vorbei zu entscheiden. Im Dunstkreis der Demonstrierenden aber wurde das Gesetz rasch zum \u00bbErm\u00e4chtigungsgesetz\u00ab umgedeutet \u2013 allein deshalb, weil der juristische Begriff \u00bbErm\u00e4chtigung\u00ab 13 Mal im Gesetzestext auftaucht. Es wird damit auf eine Stufe gestellt mit dem Erm\u00e4chtigungsgesetz von 1933, mit dem die Nazis die Republik abschafften.<\/p>\n<p>Bewusst wird auch die Falschmeldung verbreitet, Gesundheitsminister Jens Spahn plane mit dem Gesetz Zwangsimpfungen. Vieles im Protest gegen Corona-Ma\u00dfnahmen l\u00e4uft \u00fcber angeblichen Kinderschutz. So kursieren Ger\u00fcchte, es seien bereits Schulkinder unter der Maske erstickt, auf einer Demo musste eine Elfj\u00e4hrige eine Erkl\u00e4rung ablesen, sie habe sich beim heimlich gefeierten Kindergeburtstag \u00bbwie bei Anne Frank\u00ab gef\u00fchlt.<\/p>\n<p>Die Fokussierung auf Kinder kommt nicht von ungef\u00e4hr. Es geht um die Verteidigung eines konservativ-christlichen Wertebilds, die Frau erzieht die Kinder daheim, die Kleinen sollen von allen \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen gesch\u00fctzt werden. In der Vergangenheit war die angebliche \u00bbFr\u00fchsexualisierung\u00ab im Schulunterricht das rote Tuch, nun sind es angebliche Zwangsimpfungen. <\/p>\n<h3>Gebetstreffen gegen die \u00bbPl\u00e4ne des Satans\u00ab<\/h3>\n<p>Eine der Gruppen, die das forciert, sind die \u00bbChristen im Widerstand\u00ab. Ihre Gebetstreffen f\u00fcr \u00bbgeisterf\u00fcllte Christen\u00ab finden nach eigenen Angaben vor allem im Schw\u00e4bischen, im Erzgebirge, entlang des Rheins und um Berlin statt. In Onlinepredigten bezeichnet die Gruppe die Anti-Corona-Ma\u00dfnahmen als \u00bbPl\u00e4ne des Satans\u00ab und fabuliert von Menschen, die versklavt w\u00fcrden.<\/p>\n<h3>Christen-Netzwerk mit AfD-Verzweigung<\/h3>\n<p>Unter den Corona-Ma\u00dfnahmen leiden B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in ganz Deutschland. Aber vor allem rund um Dresden und Stuttgart verwandelt sich das Unbehagen in Zorn. Und das liegt auch an der AfD. Offiziell gibt sich die Partei \u00fcberkonfessionell, tats\u00e4chlich suchte sie vor allem in ihren Anf\u00e4ngen den Schulterschluss mit evangelikalen Gemeinden und F\u00fcrsprechern aus den deutschen \u00bbBible Belts\u00ab. Seit Jahren wiegeln die Rechtspopulisten in den L\u00e4ndern auf, sch\u00fcren Zweifel an Staat und Demokratie.<\/p>\n<p>Die AfD hat sich fr\u00fch in ein Netzwerk aus konservativen Christen und neurechten Medien eingebettet. Vor allem Sven von Storch hat hier ma\u00dfgeblich mitgewirkt. Der Ehemann der Bundestagsabgeordneten Beatrix von Storch hat \u00fcber die Stuttgarter \u00bbDemo f\u00fcr alle\u00ab eine ultrakonservative Ideenwelt geschaffen, die das Christliche eng mit der Parteipolitik verbindet. Nicht umsonst hatte die AfD bei der Bundestagswahl 2013 in den Wahlkreisen im Schw\u00e4bischen fr\u00fche Hochburgen.<\/p>\n<p>Am Ende gehe es darum, eine Bewegung rechts der Mitte zu schaffen, die gleicherma\u00dfen auf der Stra\u00dfe wie in den Parlamenten am Umsturz des Staates arbeitet, sagt L\u00fchmann. Die Akteure der Bewegung w\u00fcrden sich \u00bbimmer neue Krisen suchen\u00ab, Corona sei da einfach nur die j\u00fcngste Auspr\u00e4gung. \u00bbEs geht darum, die Demokratie in Zweifel zu ziehen und kaputt zu schie\u00dfen\u00ab, sagt der Politikwissenschaftler. <\/p>\n<h3>\u00bbBleibt standhaft\u00ab<\/h3>\n<p>Dass die Akteure der Anti-Corona-Kundgebungen in Berlin am Mittwoch genau das im Sinn hatten, zeigt der Blick in ihre Telegram-Chats. Am Mittwoch schaukelte sich dort die Stimmung hoch. Das sei hier \u00bbkein Spiel\u00ab schreibt einer \u00fcber die Demonstrationen, man m\u00fcsse unbedingt zum abgesperrten Bundestag vordringen. \u00bbBleibt standhaft\u00ab, motiviert ein anderer. <\/p>\n<p>Ein Chatmitglied orakelt, im Vergleich zu dem, was noch passieren werde, \u00bbwar der August ein Kindergeburtstag\u00ab. Damals war es Teilnehmern einer Anti-Corona-Demonstration kurzzeitig gelungen, die Treppen vor dem Reichstagsgeb\u00e4ude zu st\u00fcrmen. Nur ins Parlamentsgeb\u00e4ude hatten sie es nicht geschafft.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Eine Demonstrantin h\u00e4lt in Berlin bei den Protesten gegen das Infektionsschutzgesetz einem Polizisten ein Kreuz entgegen Foto:\u2002F. 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