{"id":3939,"date":"2020-11-18T19:36:20","date_gmt":"2020-11-18T16:36:20","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-in-deutschland-neue-teststrategie-konnte-infektionszahlen-verharmlosen\/"},"modified":"2020-11-18T19:36:20","modified_gmt":"2020-11-18T16:36:20","slug":"corona-in-deutschland-neue-teststrategie-konnte-infektionszahlen-verharmlosen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-in-deutschland-neue-teststrategie-konnte-infektionszahlen-verharmlosen\/","title":{"rendered":"Corona in Deutschland: Neue Teststrategie k\u00f6nnte Infektionszahlen verharmlosen"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/e5d752ef-0483-46f1-8093-52e3517a766b_w948_r1.77_fpx51_fpy40.jpg\" title=\"Schild in Frankfurt am Main (Symbolbild): Wenn weiter alle mit Halsschmerzen und Schnupfen getestet w\u00fcrden, br\u00e4uchte man drei Millionen Tests pro Woche\" alt=\"Schild in Frankfurt am Main (Symbolbild): Wenn weiter alle mit Halsschmerzen und Schnupfen getestet w\u00fcrden, br\u00e4uchte man drei Millionen Tests pro Woche\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Schild in Frankfurt am Main (Symbolbild): Wenn weiter alle mit Halsschmerzen und Schnupfen getestet w\u00fcrden, br\u00e4uchte man drei Millionen Tests pro Woche<\/p>\n<p>  Foto:\u2002RONALD WITTEK\/EPA-EFE\/Shutterstock  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Maskenpflicht an Schulen, maximal noch zwei Menschen treffen, die nicht zum eigenen Hausstand geh\u00f6ren, Quarant\u00e4ne f\u00fcr alle mit Schnupfen: W\u00e4re es nach der Bundesregierung gegangen, w\u00fcrden diese Ma\u00dfnahmen gegen das Coronavirus wohl schon jetzt gelten. Zumindest standen diese Punkte in einer entsprechenden Beschlussvorlage, die am Montag bei den Ministerpr\u00e4sidenten allerdings krachend durchfiel.<\/p>\n<p>Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben, wie Kanzleramtsminister Helge Braun am Dienstagmorgen im ZDF deutlich machte. Die vom Bund angedachten Versch\u00e4rfungen f\u00fcr mehr Kontaktbeschr\u00e4nkungen und mehr Infektionsschutz an Schulen sollen kommende Woche erneut zur Verhandlung kommen, so der CDU-Politiker.<\/p>\n<p>Nur ein deutlicher R\u00fcckgang bei den Infektionszahlen k\u00f6nnte h\u00e4rtere Ma\u00dfnahmen vielleicht noch verhindern. Tats\u00e4chlich deutet sich derzeit ein verringertes Wachstum, ein Abflachen der Kurve bei den t\u00e4glichen Fallzahlen an. Doch ist das tats\u00e4chlich ein Erfolg der bereits beschlossenen Ma\u00dfnahmen \u2013 oder verharmlost ausgerechnet jetzt eine ver\u00e4nderte Teststrategie das Infektionsgeschehen?<\/p>\n<h3>Labors an der Belastungsgrenze<\/h3>\n<p>Vor gut zwei Wochen musste das Robert Koch-Institut (RKI) die Empfehlungen anpassen, wer noch getestet werden soll. Der Schritt war n\u00f6tig, da immer mehr Labors an die Belastungsgrenze gerieten. Reagenzien wurden knapp, die Wartezeit auf Testergebnisse dehnte sich immer l\u00e4nger \u2013 fatal f\u00fcr Menschen mit Symptomen, bei denen der Test \u00fcber weitere Therapien entscheidet.<\/p>\n<p>Zuvor waren \u00c4rztinnen und \u00c4rzte angehalten, auch bei milderen und unspezifischen Symptomen zu testen, die auf Covid-19 hindeuten. In Bayern konnten sich zeitweise sogar alle Menschen kostenlos testen lassen, die wollten \u2013 egal ob sie Symptome aufwiesen oder nicht.<\/p>\n<p>In der Erk\u00e4ltungssaison im Herbst und Winter alle Menschen mit Schnupfen und Halsschmerzen testen zu wollen, w\u00e4re dagegen utopisch. Laut RKI m\u00fcssten dann pro Woche bis zu drei Millionen Erwachsene und Kinder getestet werden. \u00bbDas ist weder m\u00f6glich noch erforderlich\u00ab, sagte RKI-Vize Lars Schaade nach Ver\u00f6ffentlichung der neuen Regeln am 3. November. Realistisch schafft der Gro\u00dfteil der Labors in Deutschland zusammen ohnehin aktuell maximal 1,6 Millionen Tests pro Woche. Antigenschnelltests k\u00f6nnten einen Teil der L\u00fccke schlie\u00dfen, doch f\u00fcr eine sichere Diagnose braucht es weiterhin einen PCR-Test.<\/p>\n<h3>\u00bbWir w\u00fcnschen uns ja, dass unsere Empfehlungen umgesetzt werden\u00ab<\/h3>\n<p>Die Anpassung der Teststrategie war in Anbetracht der Kapazit\u00e4tsgrenzen wahrscheinlich unausweichlich (einige Experten forderten sie bereits im August). Trotzdem d\u00fcrften dadurch nun mehr F\u00e4lle unentdeckt bleiben. Das ist auch dem RKI bewusst.<\/p>\n<p>\u00bbSelbstverst\u00e4ndlich wird das einen Einfluss haben, wir w\u00fcnschen uns ja, dass unsere Empfehlungen umgesetzt werden\u00ab, sagte RKI-Chef Lothar Wieler am vergangenen Donnerstag \u00fcber die angepasste Teststrategie. Wie genau sich diese auf die Meldezahlen auswirken wird, l\u00e4sst sich laut Wieler jedoch noch nicht absch\u00e4tzen, weil zwischen Infektion, Test und Meldung der Testergebnisse an das RKI etwa eine Woche vergeht.<\/p>\n<p>Schon jetzt macht sich die neue Teststrategie bei den Laborzahlen bemerkbar. Auch die \u00bbtaz\u00ab hatte dar\u00fcber berichtet. Laut dem Verband Akkreditierte Labore in der Medizin (ALM) wurden in der vergangenen Woche 1,26 Millionen PCR-Tests durchgef\u00fchrt, gut 200.000 weniger als in der Woche zuvor. Die Labors seien dadurch nicht mehr zwischen 97 beziehungsweise 100 Prozent ausgelastet, sondern nur noch zu 81 Prozent, so der Verband. Dennoch arbeite man nach wie vor am Limit, aber derzeit zumindest nicht mehr dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n<p>Das Problem: Die neue Teststrategie k\u00f6nnte gleich zwei entscheidende Werte beeinflussen, die f\u00fcr die Bewertung der Pandemie wichtig sind:<\/p>\n<ul>\n<li>\n<p>Die <strong>Zahl der gemeldeten Neuinfektionen pro Tag<\/strong> \u2013 denn wer weniger testet, findet wahrscheinlich auch weniger F\u00e4lle.<\/p>\n<\/li>\n<li>\n<p>Weil nun vor allem bei eindeutigen Covid-19-Symptomen getestet werden soll, steigt auch der <strong>Anteil positiver Tests<\/strong>. Zuletzt waren 7,88 Prozent der PCR-Tests positiv. Anfang Oktober waren es noch 2,49 Prozent.<\/p>\n<\/li>\n<\/ul>\n<h3>Welche Werte nun noch verl\u00e4sslich sind<\/h3>\n<p>Durch die neue Teststrategie lie\u00dfen sich die Werte nicht mehr mit denen der vergangenen Monate vergleichen, sagte auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck der Deutschen Presse-Agentur (dpa). \u00bbAlleine dadurch \u2013 ohne Shutdown light \u2013 w\u00fcrde man wahrscheinlich bereits einen R\u00fcckgang der Neuinfektionszahlen erwarten, wenn diese Testempfehlungen sich durchsetzt.\u00ab<\/p>\n<p>Mit Unsicherheiten muss Deutschland schon seit Beginn der Pandemie leben. Es ist nicht das erste Mal, dass das RKI die Empfehlungen f\u00fcr Tests anpassen muss. Zudem bestimmten Politiker immer wieder neu, wer mit Priorit\u00e4t getestet werden soll, Stichwort Reiser\u00fcckkehrer. Nun fallen die Auswirkungen der angepassten Teststrategie ausgerechnet in die Zeit, in der \u00fcber neue Beschr\u00e4nkungen diskutiert wird.<\/p>\n<p>Eine Simulation des Science Media Center zeigt, wie sich die ge\u00e4nderte Teststrategie auf die Fallzahlen auswirken k\u00f6nnte. In der linken Abbildung ist zusehen, wie die Infektionskurve verlaufen w\u00fcrde, wenn die Zahl der Neuinfektionen pro Woche um 40 Prozent zunimmt und die alte Teststrategie noch gelten w\u00fcrde (gr\u00fcne Kurve).<\/p>\n<p>Wenn durch ein ge\u00e4ndertes Testregime nun nur noch 80 von 100 F\u00e4llen erkannt werden, sinkt auch die Zahl der neu gemeldeten Infektionen pro Tag. Je nachdem ob die neue Strategie abrupt (blau) oder zeitverz\u00f6gert (lila) umgesetzt wird, macht sich der Einfluss auf die Zahlen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter bemerkbar \u2013 sie fallen insgesamt geringer aus.<\/p>\n<p>Inwieweit das Modell der Realit\u00e4t entspricht, l\u00e4sst sich nur schwer beziffern. Dass die gemeldeten Fallzahlen nun proportional zu der geringeren Testmenge zur\u00fcckgehen und die Lage grob verharmlosen, ist aber unwahrscheinlich, weil nun vor allem zielgerichtet bei spezifischen Symptomen auf Covid-19 getestet wird. Deshalb besteht die Hoffnung, dass noch immer ein vergleichbar gro\u00dfer Teil der Infektionen erfasst wird und vor allem solche Tests wegfallen, die mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit ohnehin negativ ausgefallen w\u00e4ren.<\/p>\n<h3>Warum sich Verdachtsf\u00e4lle im Winter wahrscheinlich gedulden m\u00fcssen<\/h3>\n<p>Zudem war die Zahl der pro Tag gemeldeten Neuinfektionen schon vor den neuen Testempfehlungen weniger stark gewachsen, auch der R-Wert war gesunken \u2013 ein Indiz, dass der aktuelle R\u00fcckgang bei den Fallzahlen nicht alleine auf die neue Teststrategie zur\u00fcckgeht. Dennoch: Wenn weniger F\u00e4lle nachgewiesen werden, h\u00e4tte das einen direkten Einfluss auf die Inzidenzwerte, die h\u00e4ufig bei Entscheidungen \u00fcber weitere Ma\u00dfnahmen herangezogen werden. Das zeigt einmal mehr die Schw\u00e4che des Parameters. (Mehr dazu lesen Sie hier.)<\/p>\n<h3>Warum die Dunkelziffer wahrscheinlich schon vor neuer Teststrategie zugenommen hat<\/h3>\n<p>V\u00f6llig blind tappen Politiker und Experten dennoch nicht durch die Pandemie. Das zeigt auch die Simulation des Science Media Centers. Zwar kann sich die Zahl der t\u00e4glich gemeldeten Neuinfektionen durch die angepasste Teststrategie ver\u00e4ndern. Vergleicht man dagegen das Wachstum \u2013 also wie schnell die Fallzahlen im Vergleich zur Vorwoche steigen \u2013, macht sich der Effekt nur f\u00fcr kurze Zeit bemerkbar wie rechts in der Grafik zu sehen. Weil die Werte wochenweise verglichen werden, sollte sich der Einfluss der neuen Teststrategie beim Wachstum also binnen sieben Tagen auswaschen.<\/p>\n<p>RKI-Chef Wieler geht zudem davon aus, dass die Dunkelziffer schon vor der neuen Teststrategie zugenommen hat, weil die Labore an ihrer Kapazit\u00e4tsgrenze angekommen waren. Mehrere Antik\u00f6rperstudien gehen davon aus, dass die Dunkelziffer im Fr\u00fchjahr beim Vierfachen der tats\u00e4chlich bekannten Infektionen lag.<\/p>\n<p>Corona-Leugner f\u00fchren das immer wieder als Argument an, die seitdem gestiegene Testkapazit\u00e4t leuchte diese Dunkelziffer nur aus und dramatisiere die Situation. Doch das ist in dieser Einfachheit falsch. Denn bei einem Parameter ist kaum eine Dunkelziffer zu erwarten: Wer sehr schwer an Covid-19 erkrankt, muss auf die Intensivstation. Solche F\u00e4lle k\u00f6nnen kaum unentdeckt bleiben. Und die Zahl der Intensivpatienten hat einen neuen H\u00f6chststand erreicht, auch die Zahl der Todesf\u00e4lle steigt rasant. Alleine am Mittwoch meldete das RKI 305 Covid-19-Tote, am vorherigen Mittwoch waren es noch 261.<\/p>\n<p>Das RKI stimmt bereits auf einen Winter ein, in dem Verdachtsf\u00e4lle auf Tests werden warten m\u00fcssen. \u00bbEs ist vor dem Hintergrund der derzeit begrenzten Testkapazit\u00e4ten und der H\u00e4ufigkeit von Erk\u00e4ltungskrankheiten in den Wintermonaten nicht m\u00f6glich, alle Covid-19 Erkrankungen in Deutschland durch Tests zu best\u00e4tigen\u00ab, hei\u00dft es auf der Webseite des RKI. Ein Teil der Infektionen bleibe weiterhin unerkannt und finde keinen Eingang in das Meldesystem. Das RKI r\u00e4t deshalb jedem mit \u00bbjeglicher respiratorischer Symptomatik\u00ab, sich mindestens f\u00fcr f\u00fcnf Tage zu Hause zu isolieren und erst wieder das Haus zu verlassen, wenn man 48 Stunden beschwerdefrei war.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Schild in Frankfurt am Main (Symbolbild): Wenn weiter alle mit Halsschmerzen und Schnupfen getestet w\u00fcrden, br\u00e4uchte man drei Millionen Tests pro Woche Foto:\u2002RONALD WITTEK\/EPA-EFE\/Shutterstock Maskenpflicht an Schulen, maximal<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3940,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3939","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3939","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3939"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3939\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3940"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3939"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3939"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3939"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}