{"id":3912,"date":"2020-11-17T14:46:33","date_gmt":"2020-11-17T11:46:33","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/armenier-fliehen-aus-bergkarabach-eine-tragodie-fur-unser-volk\/"},"modified":"2020-11-17T14:46:33","modified_gmt":"2020-11-17T11:46:33","slug":"armenier-fliehen-aus-bergkarabach-eine-tragodie-fur-unser-volk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/armenier-fliehen-aus-bergkarabach-eine-tragodie-fur-unser-volk\/","title":{"rendered":"Armenier fliehen aus Bergkarabach: \u00bbEine Trag\u00f6die f\u00fcr unser Volk\u00ab"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/09176bda-3403-4792-8a12-604abdf9292c_w948_r1.77_fpx52_fpy51.jpg\" title=\"Brennendes Haus in Bergkarabach\" alt=\"Brennendes Haus in Bergkarabach\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Brennendes Haus in Bergkarabach<\/p>\n<p>  Foto:\u2002<\/p>\n<p>Johanna-Maria Fritz \/ Ostkreuz<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Er k\u00f6nne sich nicht dazu durchringen, es seinen Nachbarn nachzutun, sagt Aram Petrosian: \u00bbMeine Hand vermag es einfach nicht.\u00ab<\/p>\n<p>Der armenische Lehrer wohnt in der Provinz Kelbadschar, die nach dem verlorenen Krieg in Bergkarabach an Aserbaidschan \u00fcbergeben wird. Viele der fliehenden Bewohner z\u00fcnden ihre H\u00e4user an, um dem Feind nichts zu \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Aram Petrosian bringt das nicht \u00fcbers Herz, aber er hat zumindest mitgenommen, was er konnte. M\u00f6bel, Regenrinnen, T\u00fcren und Kisten voller Geschirr stapeln sich auf der Ladefl\u00e4che seines GAZ-Lasters aus sowjetischer Produktion. \u00bbEs ist bereits die zweite Fuhre\u00ab, sagt der 49-J\u00e4hrige, \u00bbder Rest unserer Sachen ist schon dr\u00fcben.\u00ab<\/p>\n<h3>\u00bbWas jetzt werden soll, wissen wir nicht\u00ab<\/h3>\n<p>Dr\u00fcben \u2013 das ist jenseits der Passstra\u00dfe auf dem Gebiet der Republik Armenien, wohin nun Tausende Landsleute aus der Provinz Karabach geflohen sind. Aram Petrosians Familie hat in Artik Unterschlupf gefunden, einem kleinen Ort im Nordwesten.<\/p>\n<p>Petrosian ist w\u00fctend, w\u00fctend auf die Russen, die seiner Meinung nach den Armenier im Konflikt mit Aserbaidschan nicht gen\u00fcgend beigestanden h\u00e4tten, und auf die Aserbaidschaner sowieso, \u00bbdas sind ja gar keine Menschen\u00ab.<\/p>\n<p>Der Hass, der aus den Worten des P\u00e4dagogen spricht, g\u00e4rt seit dem Zerfall des Zarenreichs vor hundert Jahren und ist mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den Neunzigerjahren eskaliert. Beide Seiten, Armenier und Aserbaidschaner, stehen sich in tiefer Abneigung gegen\u00fcber. Und \u00fcbersch\u00fctten sich mit Vorw\u00fcrfen. Der nun von Aserbaidschan gewonnene Krieg ist blo\u00df die j\u00fcngste, aber wohl kaum die letzte Episode dieser Feindschaft.<\/p>\n<p>Petrosian betritt ein letztes Mal sein Zuhause. Auf dem Boden steht Wasser, es tropft von der Decke. \u00bbWir haben die Leitungen und Tanks demontiert\u00ab, erkl\u00e4rt er, f\u00fcllt sich ein gro\u00dfes Glas mit Maulbeerwodka ein und st\u00fcrzt es herunter: \u00bbDas hilft, zumindest ein bisschen.\u00ab<\/p>\n<p>Im Dorf Nor Erkej haben die Petrosians lange in einer bescheidenden H\u00fctte gehaust, sechs Kinder gro\u00dfgezogen, vor zwei Jahren kaufte sich das Ehepaar ein gro\u00dfes Grundst\u00fcck am Fluss. Das gelbgef\u00e4rbte Laub der Weiden und Walnussb\u00e4ume leuchtet im Herbstlicht, als sich Aram Petrosian verabschieden muss von seinem St\u00fcck kaukasischem Paradies: \u00bbIch wollte hier ein Ausflugslokal bauen, habe Kirschen- und Apfelb\u00e4ume gepflanzt. Wir haben uns schwer verschuldet.\u00ab<\/p>\n<p>Dann schlie\u00dft er die T\u00fcr seines Hauses ein letztes Mal ab und f\u00e4ngt an zu zittern. Tr\u00e4nen schie\u00dfen in seine Augen, er wischt sich den Rotz aus dem b\u00e4rtigen Gesicht. \u00bbNiemand hat uns informiert, keiner hat uns geholfen. Was jetzt werden soll, wissen wir nicht.\u00ab<\/p>\n<p>Knapp einen Kilometer entfernt, an der Zufahrt zum Kloster Dadivank, haben zu diesem Zeitpunkt bereits russische Soldaten ihre Posten bezogen. Das Waffenstillstandsabkommen regelt ihre Entsendung, auf den Panzern prangt ein gelbes K\u00fcrzel, das f\u00fcr Mirotvorcheskie Sily, also Friedenstruppen, steht. Ob sie die Hauptstra\u00dfe in Zukunft auch f\u00fcr die Durchfahrt der Armenier sichern werden, ist noch unklar. Zumindest der Schutz der christlichen St\u00e4tten scheint garantiert. <\/p>\n<p>Tausende Menschen str\u00f6men am vergangenen Wochenende noch einmal in das Kloster Dadivank, ein Konvent aus dem 9. Jahrhundert. Sona Harutiunian, die Besitzerin eines Sch\u00f6nheitssalons in der Hauptstadt Jerewan, ist mit ihrer Tochter Astrik gekommen. Jetzt z\u00fcnden die beiden Kerzen an und beten. Die Mutter sagt: \u00bbDass wir diesen Ort wieder verlieren, ist eine Trag\u00f6die f\u00fcr unser Volk. Jetzt verstehe ich, wie sich meine Urgro\u00dfmutter gef\u00fchlt hat im Genozid.\u00ab<\/p>\n<p>Aus den Worten Harutiunians spricht die tiefe Entt\u00e4uschung \u00fcber den Verlust von gro\u00dfen Teilen Bergkarabachs. Auch die Aserbaidschaner hatten in diesem Krieg zivile Opfer zu beklagen. Doch nun f\u00fchlen sie sich als Sieger. Es ist in diesem Moment nur schwer vorstellbar, wie die beiden Seiten zu einem friedlichen Miteinander finden sollen.<\/p>\n<p>Manche Besucher im Kloster Dadivank irren mit feuchten Augen umher, andere schie\u00dfen noch mal ein Selfie. Einige der kunstvoll gefertigten Kreuzsteine, die auf Armenisch Chatschkar hei\u00dfen, wurden bereits aus den W\u00e4nden gebrochen. Vater Hovhannes Hovhannisian, Vorsteher des Klosters, versichert in einer improvisierten Pressekonferenz: \u00bbWir werden Dadivank nicht den T\u00fcrken geben, niemals.\u00ab<\/p>\n<h3>Ein Zwischenreich ohne Kontrolle und Kompetenz<\/h3>\n<p>Der bullige Gottesmann, der k\u00fcrzlich mit einer Kalaschnikow posierte, war nach dem Krieg 1993 als einer der drei ersten Armenier in das Kloster zur\u00fcckgekehrt. \u00bbSeitdem habe ich hier den Wiederaufbau geleitet und selbst Stein auf Stein gesetzt.\u00ab Er werde bleiben, sagt Vater Hovhannes: \u00bbNotfalls bis zu meinem Ende. F\u00fcr Gott ist nichts unm\u00f6glich.\u00ab<\/p>\n<p>Kelbadschar ist in diesen Novembertagen ein Zwischenreich ohne klare Kontrolle und Kompetenzen. Am Rand der Hauptstra\u00dfe, die dem Flusslauf des Tartars folgt, schlagen M\u00e4nner Brennholz mit Kettens\u00e4gen. Selbst die Natur will man dem Feind nicht \u00fcbergeben. An den H\u00e4userw\u00e4nden stehen Trotzlosungen und Verw\u00fcnschungen in holprigem Englisch: \u00bbWe will back\u00ab und \u00bbWelcome to Hell, Aliev\u00ab.  <\/p>\n<p>Vrej Fahradian und seine Frau Lilit r\u00e4umen gerade den Gefl\u00fcgelstall, als wir ihr Grundst\u00fcck betreten. Das Ehepaar war frisch verheiratet, als sie vor 20 Jahren hierher zogen. Vrej war Sportlehrer, seine Frau Bibliothekarin in der \u00f6rtlichen Schule.<\/p>\n<p>Nun wickelt Fahradian einen in Benzin getr\u00e4nkten Lappen um einen Stock und z\u00fcndet die Stube seines Hauses an. Nach wenigen Minuten schlagen die Flammen meterhoch aus den Fenstern, dann beginnen die Mauersteine bedrohlich zu knacken. Fahradian nimmt mit seinem Handy ein Video auf. Er f\u00e4ngt an, lautlos zu weinen, eilt mit gro\u00dfen Schritten zum Auto. Kein Blick zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Seine Frau steht nun einsam inmitten von Helfern vor den Ruinen ihrer Existenz. Putin und Paschinjan seien daf\u00fcr verantwortlich, sagt sie leise \u00fcber die Machthaber von Russland und Armenien: \u00bbSie haben unser Land weggegeben.\u00ab Dann bei\u00dft sie auf den R\u00fccken ihrer rechten Hand, um das Schluchzen zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Brennendes Haus in Bergkarabach Foto:\u2002 Johanna-Maria Fritz \/ Ostkreuz Er k\u00f6nne sich nicht dazu durchringen, es seinen Nachbarn nachzutun, sagt Aram Petrosian: \u00bbMeine Hand vermag es einfach nicht.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3913,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3912","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3912","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3912"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3912\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3913"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3912"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3912"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3912"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}