{"id":3821,"date":"2020-11-13T12:30:09","date_gmt":"2020-11-13T09:30:09","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/danemarks-pelzindustrie-in-der-coronakrise-das-land-der-toten-nerze\/"},"modified":"2020-11-13T12:30:09","modified_gmt":"2020-11-13T09:30:09","slug":"danemarks-pelzindustrie-in-der-coronakrise-das-land-der-toten-nerze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/danemarks-pelzindustrie-in-der-coronakrise-das-land-der-toten-nerze\/","title":{"rendered":"D\u00e4nemarks Pelzindustrie in der Coronakrise: Das Land der toten Nerze"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/3ecd253f-abd6-489b-b007-88887b62dcd6_w948_r1.77_fpx39_fpy30.jpg\" title=\"Nerze in K\u00e4figen auf einer Farm in Naestved: &quot;Viele empf\u00e4ngliche Tiere auf recht engem Raum, das beg\u00fcnstigt die Virusvermehrung&quot;\" alt=\"Nerze in K\u00e4figen auf einer Farm in Naestved: &quot;Viele empf\u00e4ngliche Tiere auf recht engem Raum, das beg\u00fcnstigt die Virusvermehrung&quot;\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Nerze in K\u00e4figen auf einer Farm in Naestved: &quot;Viele empf\u00e4ngliche Tiere auf recht engem Raum, das beg\u00fcnstigt die Virusvermehrung&quot;<\/p>\n<p>  Foto:\u2002<\/p>\n<p>Mads Claus Rasmussen \/ dpa<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Zeit, um Pelz zu Geld zu machen, stand f\u00fcr D\u00e4nemarks Nerzz\u00fcchter kurz bevor: Sp\u00e4testens bis Ende November h\u00e4tten sich die Tiere das flauschige Winterfell zugelegt gehabt, das Pelzen sollte beginnen. Doch nicht mal mehr bis dahin werden es die meisten Tiere nun noch schaffen. Viele Nerze werden schon fr\u00fcher get\u00f6tet \u2013 und das k\u00f6nnte den gesamten Bestand im ganzen Land treffen. Die Nerze werden nicht zu M\u00e4nteln oder Muffs verarbeitet, sondern verbrannt.<\/p>\n<p>Bis zu 17 Millionen Tiere sollen bis in ein bis zwei Wochen gekeult sein. Das hat die Regierung des gerade mal gut f\u00fcnf Millionen Menschen gro\u00dfen Landes angeordnet. Viele Tiere sind bereits tot, w\u00e4hrend das sozialdemokratische Kabinett von Ministerpr\u00e4sidentin Mette Frederiksen noch hektisch an einem Gesetz hierf\u00fcr arbeitet. Die Regierungschefin sah sich gezwungen, sich bei den Tierhaltern \u00f6ffentlich f\u00fcr die fehlende Rechtsgrundlage der Keulung zu entschuldigen, und steht nun unter Druck. Der zust\u00e4ndige Minister Mogens Jensen zeigt sich inzwischen daf\u00fcr offen, wom\u00f6glich doch nicht alle Tiere zu keulen.<\/p>\n<p>Die Lage ist ernst: Eine &quot;Cluster 5&quot; genannte Mutation des neuartigen Coronavirus hatte sich in D\u00e4nemark unter den Nerzen verbreitet und ist bereits auf Menschen \u00fcbergesprungen. Nach Plan sollen deshalb alle gesunden Best\u00e4nde get\u00f6tet werden, nicht nur die innerhalb einer Risikozone rund um Farmen mit infizierten Tieren. Die Sorge dahinter: Eine mutierte Version des Virus k\u00f6nnte die Wirksamkeit eines Impfstoffs schw\u00e4chen, auf den die Welt doch so dringend wartet. In J\u00fctland herrscht mancherorts nun Angst, zu einem zweiten Wuhan zu werden.<\/p>\n<p><em>Wie konnte es \u00fcberhaupt so weit kommen? Was bedeutet das Virus f\u00fcr die Branche und warum ist die Pelzbranche in D\u00e4nemark \u00fcberhaupt so wichtig?<\/em><\/p>\n<p>Das skandinavische Land schickt sich seit Jahren an, den weltweiten Hunger nach Pelz zu stillen, und verdient daran kr\u00e4ftig. 2013 verzeichnete die Branche einen Rekordumsatz von 13 Milliarden Kronen (etwa 1,7 Milliarden Euro) und sorgte f\u00fcr knapp ein Prozent aller d\u00e4nischen Exporte. Der Nerz gilt nach Schweinen und K\u00fchen als drittwichtigstes landwirtschaftliches Nutztier des Landes. Auch als in Deutschland 2017 ein versch\u00e4rftes Haltungsrecht f\u00fcr Pelztiere in Kraft trat, standen d\u00e4nische Landwirte und Z\u00fcchter bereit, das Gesch\u00e4ft mit den Nerzen und Chinchillas zu \u00fcbernehmen, das hierzulande unrentabel wurde. Das n\u00f6rdliche Nachbarland stieg zum gr\u00f6\u00dften Produzenten von Nerzfellen weltweit auf.<\/p>\n<p>Die Pelzmode feierte zuletzt dank dicker Felle an den Kapuzen von Winterparkas ein erstaunliches Comeback. Mitunter sind Bommel und Kragen aus echtem Tierfell sogar g\u00fcnstiger als Kunstpelz, manche Verbraucher kaufen sie, ohne darum zu wissen. W\u00e4hrend Gucci oder Chanel das \u00e4lteste Kleidungsst\u00fcck der Menschheit \u00f6ffentlichkeitswirksam aus dem Programm nahmen, stieg in Russland oder China mit wachsendem Wohlstand zudem die Nachfrage an Pelz rasant.<\/p>\n<p>D\u00e4nemark vereint gleich mehrere Standortvorteile, um diese wachsende Nachfrage zu stillen. So profitiert der weitgehend ungeregelte Wirtschaftszweig von den extensiven anderen Tierhaltungen in dem Land. &quot;Der einfache Zugang zu frischem Futter aus Fischerei- und Schlachtabf\u00e4llen ist einer der wesentlichen Gr\u00fcnde f\u00fcr die Ansiedlung der Nerzz\u00fcchter und sorgt f\u00fcr einen sch\u00f6nen Pelz&quot;, sagt Henning Otte Hansen, Agrar\u00f6konom an der Universit\u00e4t Kopenhagen. Das k\u00fchl-nordische Klima sorge zudem f\u00fcr eine hohe Qualit\u00e4t der Pelze.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, so Hansen, eine jahrzehntelange Erfahrung in der Zucht und mit dem Erbgut der Tiere. Das von den Z\u00fcchtern selbst getragene Auktionshaus Kopenhagen Fur gilt mit seinen f\u00fcnf Versteigerungen pro Jahr seit Jahren als weltweit wichtigster Umschlagplatz f\u00fcr Pelz. Jedes Mal reisen Hunderte internationale H\u00e4ndler an.<\/p>\n<p>99 Prozent der Felle werden exportiert und unter anderem in China, Kambodscha oder Vietnam zu Kleidung gen\u00e4ht. D\u00e4nisches Modedesign gibt es dazu. Anders als etwa in Deutschland ist der Druck von Tiersch\u00fctzern auf die Branche bislang auch noch vergleichsweise gering.<\/p>\n<p>Pelzz\u00fcchter k\u00f6nnen in D\u00e4nemark auf den R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung setzen. Laut einer Umfrage des Forschungsinstituts Megafon f\u00fcr den Sender TV2 zufolge bef\u00fcrworten 53 Prozent der D\u00e4nen eine Fortsetzung der Pelztierzucht auch nach der Coronakrise, nur 34 Prozent sind dagegen. Au\u00dfer den zwei kleinen Linksparteien Einheitsliste und SF stehen s\u00e4mtliche Parlamentsparteien hinter der Produktion. Und so geht es in der d\u00e4nischen Debatte \u00fcber die Nerz-Keulungen bislang auch vor allem um die politische Verantwortung sowie darum, wie und in welcher H\u00f6he die Z\u00fcchter, die mindestens bis 2022 kein Gesch\u00e4ft mehr haben, entsch\u00e4digt werden sollen.<\/p>\n<h3>Autofahrer tanken Nerz<\/h3>\n<p>Die Frage, ob Nerzzucht \u00fcberhaupt noch zeitgem\u00e4\u00df ist, wird in dem Land nur sehr z\u00f6gerlich gestellt. W\u00e4hrend \u00d6sterreich, Norwegen oder Tschechien etwa die Haltung von Pelztieren l\u00e4ngst aus ethischen Gr\u00fcnden verboten haben, reiht sich in D\u00e4nemark noch K\u00e4fig an K\u00e4fig. Ob das artgerecht und vertretbar ist, dar\u00fcber gibt es verschiedene Meinungen. W\u00e4hrend die Tierschutzorganisation Peta von einer &quot;H\u00f6lle f\u00fcr Tiere&quot; spricht, halten Forscher der Uni Aarhus eine tiergerechte Haltung f\u00fcr m\u00f6glich \u2013 und haben ein Qualit\u00e4tssiegel f\u00fcr Nerzzucht entwickelt.<\/p>\n<p>Der Branchenverband Danske Minkavlere bewirbt Pelze gar als nachhaltig und verk\u00fcndet stolz, dass auch die Kadaver etwa noch zu D\u00fcngemittel oder Biodiesel weiterverwertet w\u00fcrden. Sprich: Autofahrer tanken auch Tier. Zudem, so der Verband, lebten die Tiere vor allem von Abfall. Und Pelzkleidung k\u00f6nne jahrzehntelang halten.<\/p>\n<p>Pelzgegner verweisen dagegen auf den Chemikalieneinsatz bei der Verarbeitung, auf die sich \u00e4ndernde Mode \u2013 und darauf, dass nur wenig Pelz wiederverwertet wird, wenn es sich blo\u00df um Applikationen an der Kleidung handelt.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig davon, wie man Pelzzucht ethisch bewertet, ist klar: Wenn Tiere auf engem Raum gehalten werden, k\u00f6nnen sich Keime und Krankheiten besonders schnell ausbreiten. &quot;In den Nerzfarmen trifft SARS-CoV-2 auf viele empf\u00e4ngliche Tiere auf recht engem Raum, das beg\u00fcnstigt die Virusvermehrung und Weitergabe an Artgenossen&quot;, teilt das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) f\u00fcr Tiergesundheit auf Anfrage mit. &quot;Au\u00dferdem ist dort von einer hohen Viruslast (Aerosole) auszugehen, was gegebenenfalls die \u00dcbertragung auf den Menschen erm\u00f6glicht.&quot; Das Bundesforschungsinstitut verweist aber auch darauf, dass der Mensch das Virus in die Haltungen eingetragen habe.<\/p>\n<p>Im Fall der Nerze ist das besonders problematisch, weil die Tiere als Marderartige als sehr empf\u00e4nglich f\u00fcr das neuartige Coronavirus gelten. &quot;In ihnen vermehrt sich das Virus gut, und es wird auch effizient an Artgenossen weitergegeben&quot;, wie es beim FLI hei\u00dft. Bereits im Mai war deshalb in den Niederlanden \u00fcber die Rolle von Nerzen f\u00fcr das Infektionsgeschehen diskutiert worden. Mit Folgen: Das Land steigt wegen der Coronainfektionen nun vorzeitig endg\u00fcltig aus der Nerzzucht aus.<\/p>\n<p>Den d\u00e4nischen Nerzz\u00fcchtern droht zwar bislang kein dauerhaftes Verbot, doch f\u00fcr die Zukunft der Branche sieht es trotzdem d\u00fcster aus. &quot;Die Industrie nach eineinhalb Jahren einfach wieder hochzufahren, halte ich f\u00fcr unm\u00f6glich&quot;, sagt Agrar\u00f6konom Hansen. Auch die Zuchttiere w\u00fcrden nun wohl get\u00f6tet \u2013 und mit ihnen der Genpool f\u00fcr sch\u00f6nen Pelz. Hansen rechnet damit, dass auch die spezialisierten Futterfabriken schlie\u00dfen und sich die Bauern bis dahin andere Erwerbsquellen gesucht haben werden. &quot;Ich glaube nicht, dass die Bauern Lust haben, von Grund auf neu anzufangen, zumal die Gefahr einer neuen Pandemie fortbesteht.&quot; Wohl auch deshalb bekundete Ministerpr\u00e4sidentin Frederiksen den Nerzz\u00fcchtern ihre &quot;gro\u00dfe Sympathie&quot;: &quot;Viele von euch verlieren nicht nur ihre Lebensgrundlage, sondern auch ihr Lebenswerk.&quot;<\/p>\n<h3>Nerzbetriebe schrieben zuletzt Verluste<\/h3>\n<p>Hinzu kommt, dass die aktuellen Coronaausbr\u00fcche f\u00fcr viele der bis zu 6000 Menschen in der d\u00e4nischen Nerzbranche nur der h\u00e4rteste von vielen R\u00fcckschl\u00e4gen in der j\u00fcngeren Vergangenheit war. Bereits die letzten sieben Jahre waren die Gesch\u00e4fte auf dem stark schwankenden und unregulierten Pelzmarkt deutlich schlechter gelaufen als noch 2013. Durch \u00dcberproduktion sanken die Preise: Pro Nerzfell erhielten die Z\u00fcchter statt umgerechnet noch gut 70 Euro vor sieben Jahren zuletzt weniger als 30 Euro. Viele Z\u00fcchter haben deshalb bereits aufgegeben, inzwischen gibt es noch weniger als tausend Betriebe \u2013 und die machten zuletzt teils kr\u00e4ftige Verluste.<\/p>\n<p>Zum ersten Mal hatten sich die Z\u00fcchter 2020 wieder auf ein gutes Jahr gefreut. Nun jedoch beeilen sich viele Halter, die Tiere m\u00f6glichst schnell zu t\u00f6ten. Wenn sie es vor einem bestimmten Stichtag schaffen, erhalten sie von der Aufsichtsbeh\u00f6rde F\u00f8devarestyrelsen auch noch eine Pr\u00e4mie von zehn Kronen pro Nerz. Tiersch\u00fctzer beklagten jedoch M\u00e4ngel bei der hastigen Vergasung der Tiere und erstatteten Anzeige.<\/p>\n<p>Schafft Corona am Ende, was Tiersch\u00fctzer \u00fcber Jahrzehnte nicht vermochten \u2013 und beendet die Pelzproduktion? Agrar\u00f6konom Hansen vermisst angesichts der Keulung in seinem Land die globale Perspektive. &quot;Die Nerze, die nicht in D\u00e4nemark gez\u00fcchtet werden, k\u00f6nnten dann mit mindestens \u00e4hnlichen Problemen in Polen, im Baltikum oder in China gehalten werden&quot;, so der Branchenexperte. &quot;Aus \u00f6konomischer Sicht ist es bedauerlich, dass man eine trotz der j\u00fcngsten Schw\u00e4chen grunds\u00e4tzlich noch international wettbewerbsf\u00e4hige Branche komplett schlie\u00dft.&quot;<\/p>\n<p>Der d\u00e4nische Bauernverband Landbrug og F\u00f8devarer rechnet bereits damit, dass die chinesische Produktion ansteigt, und warnt vor niedrigeren Tierschutzstandards dort.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Nerze in K\u00e4figen auf einer Farm in Naestved: &quot;Viele empf\u00e4ngliche Tiere auf recht engem Raum, das beg\u00fcnstigt die Virusvermehrung&quot; Foto:\u2002 Mads Claus Rasmussen \/ dpa Die Zeit, um<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3822,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3821","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3821","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3821"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3821\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3822"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3821"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3821"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3821"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}