{"id":3789,"date":"2020-11-12T00:59:13","date_gmt":"2020-11-11T21:59:13","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/coronavirus-masnahmen-wie-aussagekraftig-ist-der-inzidenzwert\/"},"modified":"2020-11-12T00:59:13","modified_gmt":"2020-11-11T21:59:13","slug":"coronavirus-masnahmen-wie-aussagekraftig-ist-der-inzidenzwert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/coronavirus-masnahmen-wie-aussagekraftig-ist-der-inzidenzwert\/","title":{"rendered":"Coronavirus-Ma\u00dfnahmen: Wie aussagekr\u00e4ftig ist der Inzidenzwert?"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/9adbc3ae-1425-415f-afbf-2532e4344dbf_w948_r1.77_fpx70_fpy45.jpg\" title=\"Passanten auf der Wilmersdorfer Stra\u00dfe in Berlin\" alt=\"Passanten auf der Wilmersdorfer Stra\u00dfe in Berlin\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Passanten auf der Wilmersdorfer Stra\u00dfe in Berlin<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Christoph Soeder \/ dpa  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Rot bis dunkelrot sind aktuell die meisten Teile Deutschlands eingef\u00e4rbt: Auf dem Covid-19-Dashboard des Robert Koch-Instituts (RKI) ist zu sehen, dass vor allem im S\u00fcden und Westen des Landes sowie in den Gro\u00dfst\u00e4dten Hamburg, Berlin, Dresden, Bremen und Hannover der Inzidenzwert weit \u00fcber der Ma\u00dfzahl 50 liegt. Das bedeutet, dass sich in den vergangenen sieben Tagen mehr als 50 von 100.000 Einwohnern mit dem Coronavirus infiziert haben.<\/p>\n<p>Diese sogenannte 7-Tage-Inzidenz ist zu einem der wichtigsten Werte im Pandemiemanagement geworden. Nun soll die Zahl sogar gesetzlich verankert werden. Im aktuellen Gesetzentwurf f\u00fcr eine \u00c4nderung des Infektionsschutzgesetzes hei\u00dft es im Artikel 28a: Bei einem Schwellenwert von mehr als 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen k\u00e4men &quot;schwerwiegende Schutzma\u00dfnahmen&quot; in Betracht. Bei einer Inzidenz von mehr als 35 sollen &quot;stark einschr\u00e4nkende Schutzma\u00dfnahmen&quot; ergriffen werden. Am Donnerstag findet die Anh\u00f6rung des Entwurfs im Bundestag statt.<\/p>\n<p>Doch aus der Wissenschaft regt sich Kritik an Artikel 28a. &quot;Ich halte es f\u00fcr sehr problematisch, die Ma\u00dfnahmen von einer Zahl abh\u00e4ngig zu machen, die die Schwere der Situation nicht wirklich gut abbildet&quot;, sagt G\u00e9rard Krause, Leiter der Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Infektionsforschung in Braunschweig. &quot;Ich verstehe das Bestreben der Politik, Rechtsverbindlichkeit zu schaffen \u2013 aber dieser Weg ist meiner Meinung nach nicht der richtige.&quot;<\/p>\n<h3>Ein einziger Parameter<\/h3>\n<p>Bei den Neuinfektionen handle es sich um Laborbefunde, deren Erfassungsh\u00e4ufigkeit erheblich von den Testaktivit\u00e4ten und -verfahren abh\u00e4ngig seien. Diese w\u00fcrden sich h\u00e4ufig \u00e4ndern, und mit ihnen auch der Anteil der erfassten Meldungen. &quot;Der Anteil der Untererfassung unterliegt Schwankungen, und ohnehin ist ein einziger Indikator f\u00fcr so weitreichende Entscheidungen nicht sachgerecht&quot;, sagt Krause, der bei der Anh\u00f6rung im Bundestag als Sachverst\u00e4ndiger geladen ist.<\/p>\n<p>Stattdessen m\u00fcsse man auch andere Indikatoren einbeziehen, die Zahl der freien Intensivbetten etwa, die Altersverteilung der Erkrankten oder welche Berufsgruppen betroffen seien. &quot;Es kann auch einen Unterschied machen, ob etwa ein Altersheim oder eine Schulklasse betroffen ist, allein am Inzidenzwert sieht man das nicht&quot;, so Krause.<\/p>\n<p>Auch der Statistikexperte Gerd Antes \u00e4u\u00dfert entsprechende Bedenken: &quot;Diese ganze Palette von gegenw\u00e4rtigen Ma\u00dfnahmen, die ungeheuren politischen und sozialen Sprengstoff haben, an nur einen einzigen Parameter zu koppeln, ist mehr als irrwitzig&quot;, sagte er. Die Werte seien unter ganz anderen Bedingungen entstanden und st\u00fcnden heute praktisch ohne valide Begr\u00fcndung im Raum.<\/p>\n<h3>Woher kommt der Wert \u00fcberhaupt?<\/h3>\n<p>Tats\u00e4chlich erfordert es etwas Recherche, um herauszufinden, woher der Inzidenzwert kommt und warum er ausgerechnet bei 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner als \u00fcberschritten gilt. Das RKI sei an der Entscheidung f\u00fcr diesen konkreten Grenzwert nicht beteiligt gewesen, hei\u00dft es auf Anfrage des SPIEGEL. Dennoch: Ein konkreter, pragmatischer Wert sei sinnvoll, um eine verst\u00e4ndliche Kennzahl zu haben.<\/p>\n<p>Eine Anfrage beim Bundesgesundheitsministerium ergibt, dass die Bundesregierung selbst die Inzidenzwerte festgelegt hat: &quot;Die Inzidenzwerte 50 beziehungsweise 35 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner pro Woche sollen dazu dienen, das Infektionsgeschehen kontrollierbar zu halten&quot;, teilt ein Regierungssprecher mit. &quot;Um Infektionsketten zu unterbrechen, m\u00fcssen die Gesundheits\u00e4mter in der Lage sein, Kontakte nachzuverfolgen. Je h\u00f6her die Zahl der Neuinfektionen ist, desto schwieriger wird die Nachverfolgung, desto schneller geraten die Gesundheits\u00e4mter an ihre Belastungsgrenzen. Vor diesem Hintergrund hat sich die Festlegung einheitlicher, konkreter Grenzwerte als au\u00dferordentlich hilfreich erwiesen.&quot;<\/p>\n<p>Und warum ausgerechnet 50? Das erkl\u00e4rte Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits bei einer Pressekonferenz am 6. Mai: Man habe sich angeschaut, wie die Gesundheits\u00e4mter personell ausger\u00fcstet seien. Pro 20.000 Einwohner gebe es ein Team von f\u00fcnf Leuten, das die Infektionsketten zur\u00fcckverfolgen m\u00fcsse. &quot;Wir glauben, dass man das bei bis zu 50 akut Infizierten pro Tag \u2013 wenn man das \u00fcber sieben Tage ermittelt \u2013 und 100.000 Einwohnern erreichen und leisten kann&quot;, sagte Merkel.<\/p>\n<p>Sie f\u00fcgte hinzu, dass sich das Infektionsgeschehen in einem Landkreis von der Situation in einer Gro\u00dfstadt unterscheiden k\u00f6nne. &quot;Das ist klar, und insofern wird, wenn man heute bei zehn Infizierten pro 100.000 Einwohnern ist, auch niemand warten und seelenruhig zugucken, bis man 48 erreicht hat&quot;, so Merkel damals. &quot;Vielmehr wird sich jeder sicherlich genau \u00fcberlegen, was zu tun ist, wenn er ein st\u00e4rkeres Infektionsgeschehen sieht.&quot;<\/p>\n<p>Aber wie aktuell ist eine Entscheidung von Anfang Mai, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler immer wieder betonen, die Situation heute sei mit dem Fr\u00fchjahr nicht zu vergleichen? &quot;Die Belastungsgrenze der Gesundheits\u00e4mter ist ja nicht in Stein gemei\u00dfelt&quot;, sagt G\u00e9rard Krause. &quot;Gerade in Bezug auf das Kontaktpersonenmanagement gibt es mehrere M\u00f6glichkeiten, diese Belastungsgrenze positiv zu beeinflussen: mehr geschultes Personal und Einsatz digitaler Systeme sind nur zwei davon.&quot; Das Kontaktpersonenmanagement sei zudem nur eine von sehr vielen Ma\u00dfnahmen zur Bek\u00e4mpfung der Pandemie.<\/p>\n<h3>Kritik gab es bereits im Fr\u00fchjahr<\/h3>\n<p>Der Inzidenzwert war bereits im Mai in der Kritik. Der Bundesverband der \u00c4rzte des \u00d6ffentlichen Gesundheitsdienstes betrachtete den Grenzwert damals als viel zu hoch. Auch einige Bundesl\u00e4nder waren der Ansicht, es sei zu sp\u00e4t, Ma\u00dfnahmen erst ab einer Inzidenz von mehr als 50 einzuf\u00fchren. Einige f\u00fchrten daraufhin einen Fr\u00fchwarnwert von 35 ein. Dennoch bem\u00e4ngelten \u00c4rzte, der Bezugsrahmen fehle, es gebe keine belastbare wissenschaftliche Evidenz f\u00fcr den Grenzwert.<\/p>\n<p>Krause schl\u00e4gt vor, die Indikation f\u00fcr bestimmte Ma\u00dfnahmen durch Empfehlungen oder Leitlinien zu regeln, wie sie in der Medizin weithin \u00fcblich seien. &quot;Sonst br\u00e4uchten wir ja jedes Mal eine Gesetzes\u00e4nderung, wenn sich der Erkenntnisstand \u00e4ndert.&quot; Stattdessen sollte das RKI zusammen mit den Landesbeh\u00f6rden entsprechende Empfehlungen erstellen und bei Bedarf aktualisieren. Diese w\u00e4ren vermutlich sachgerechter und besser umsetzbar als ein Gesetzestext und h\u00e4tten dennoch die erw\u00fcnschte Verbindlichkeit.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem wiederholte der Epidemiologe seine Forderung, sich mehr auf die vulnerablen Bev\u00f6lkerungsgruppen zu konzentrieren, statt die Gesamtzahl der Neuinfektionen einzud\u00e4mmen. &quot;Alle, auch asymptomatische Infektionen zu reduzieren, um indirekt die Zahl der schweren Erkrankungen zu senken, ist ein sehr kleiner Hebel&quot;, sagte er. &quot;Man sollte mindestens dieselbe Energie auch oder stattdessen in den unmittelbaren Schutz der Bev\u00f6lkerungsteile investieren, die besonders h\u00e4ufig schwer erkranken.&quot;<\/p>\n<h3>&quot;Als Orientierung hilfreich&quot;<\/h3>\n<p>Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht das anders. &quot;Man kann das Virus nicht von einer bestimmten Bev\u00f6lkerungsgruppe isolieren&quot;, sagte er dem SPIEGEL. &quot;Wir k\u00f6nnen nur den Wert der Neuinfektionen in der Allgemeinbev\u00f6lkerung beeinflussen und dadurch wiederum die Risikogruppen sch\u00fctzen.&quot; In den vergangenen Monaten habe man gelernt, dass der Inzidenzwert als epidemiologische Orientierung hilfreich und sinnvoll sei.<\/p>\n<p>Man habe mit dem Wert eine Gr\u00f6\u00dfe, um das Infektionsgeschehen in Landkreisen oder St\u00e4dten miteinander zu vergleichen: Wo sei die Lage beherrschbar, wo au\u00dfer Kontrolle? &quot;Ab einer 7-Tage-Inzidenz von \u00fcber 50 befinden wir uns meistens bereits im exponentiellen Wachstum&quot;, so Lauterbach. &quot;Dann lassen sich Kontakte nur noch sehr schwer nachverfolgen und die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr Superspreading-Ereignisse steigt stark.&quot;<\/p>\n<p>Der Inzidenzwert sei momentan der wichtigste Parameter, um sich einen \u00dcberblick \u00fcber die pandemische Lage zu verschaffen und entsprechende Ma\u00dfnahmen ergreifen zu k\u00f6nnen. &quot;Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir uns auch die Zahl der Intensivbetten anschauen, aber daraus k\u00f6nnen wir nicht so viel ableiten&quot;, sagt Lauterbach. &quot;Denn wie viele Menschen auf der Intensivstation landen und wie viele dort sterben, h\u00e4ngt allein von der Inzidenzzahl und der Altersverteilung ab.&quot; Die Intensivmedizin k\u00f6nne die Katastrophe nicht abhalten, h\u00e4ufig k\u00f6nne sie sogar nur den Todeszeitpunkt hinausz\u00f6gern. Und selbst die \u00dcberlebenden seien oft monatelang in Rehabilitation.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Passanten auf der Wilmersdorfer Stra\u00dfe in Berlin Foto:\u2002Christoph Soeder \/ dpa Rot bis dunkelrot sind aktuell die meisten Teile Deutschlands eingef\u00e4rbt: Auf dem Covid-19-Dashboard des Robert Koch-Instituts (RKI)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3790,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3789","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3789","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3789"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3789\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3790"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3789"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3789"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3789"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}