{"id":377,"date":"2020-06-10T01:00:46","date_gmt":"2020-06-09T22:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-krise-in-indien-fake-news-haben-fatale-folgen\/"},"modified":"2020-06-10T01:00:46","modified_gmt":"2020-06-09T22:00:46","slug":"corona-krise-in-indien-fake-news-haben-fatale-folgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-krise-in-indien-fake-news-haben-fatale-folgen\/","title":{"rendered":"Corona-Krise in Indien: Fake News haben fatale Folgen"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/dd0b66f5-68f2-4a18-b05b-561c25823a66_w948_r1.77_fpx51_fpy40.jpg\" title=\"Viele Wanderarbeiter sind arbeitslos geworden, sie warten, wie hier in Delhi, auf einen Bus nach Hause.\" alt=\"Viele Wanderarbeiter sind arbeitslos geworden, sie warten, wie hier in Delhi, auf einen Bus nach Hause.\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Viele Wanderarbeiter sind arbeitslos geworden, sie warten, wie hier in Delhi, auf einen Bus nach Hause.<\/p>\n<p>AP<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Am 24. M\u00e4rz verordnete die indische Regierung der Bev\u00f6lkerung einen strikten Lockdown. Hunderttausende verloren ihre Arbeit; sie leben von Erspartem, viele auf der Stra\u00dfe. Millionen Wanderarbeiter flohen in den vergangenen Wochen aus den gro\u00dfen St\u00e4dten, aus Delhi oder Mumbai, Orte, die ihnen keine Arbeit mehr bieten. Sie flohen auch vor den Menschenmassen und der Gefahr einer Infektion durch das Virus.<\/p>\n<p>Die Stimmung, sagt der Journalist Pratik Sinha, sei panisch. Die Coronakrise habe auf drastische Weise die wirtschaftliche Ungleichheit freigelegt und antimuslimische Ressentiments befeuert. Eine Stimmung, auf deren Boden sich besonders gut Fake News verbreiten k\u00f6nnen. Sinha hat vor drei Jahren die Fact-Checking-Website &quot;AltNews&quot; gegr\u00fcndet. Dort kl\u00e4rt er \u00fcber Ger\u00fcchte auf, recherchiert Behauptungen hinterher. Indien gilt weltweit als ein Land mit besonders hoher Fake-News-Dichte.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL<\/strong>: Herr Sinha, welche Fake News kursieren in Indien in Bezug auf das Coronavirus?<\/p>\n<p><strong>Sinha:<\/strong> Oh, sehr viele. Ich wei\u00df gar nicht, wo ich anfangen soll. Nehmen wir zum Beispiel die angeblichen Wundermittel gegen das Virus: Es gab etwa das Ger\u00fccht, eine hom\u00f6opathische Behandlung, die Arsenic-Album-Therapie w\u00fcrde die Leute prophylaktisch vor einer Infektion sch\u00fctzen. Diese Therapie wurde sogar von der Regierung beworben. Und ist v\u00f6lliger Unsinn. Genauso die Behauptungen, dass Zitrone in hei\u00dfem Wasser, Knoblauch oder Ingwer das Immunsystem vor dem Virus sch\u00fctzten.<\/p>\n<p>Es gibt auch die Theorie, bestimmte Minderheiten &#8211; vor allem die Muslime &#8211; w\u00fcrden absichtlich das Virus verbreiten. Die Behauptungen wurden durch Videos angeheizt, auf denen Leute zu sehen sind, die angeblich in der \u00d6ffentlichkeit andere Menschen anniesen. Im Lockdown haben die Menschen extrem viele solcher Inhalte im Internet konsumiert.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Warum halten sich diese Mythen so hartn\u00e4ckig, warum glauben Menschen daran?<\/p>\n<p><strong>Sinha<\/strong>: Vielen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern in Indien bleibt nichts anderes \u00fcbrig, als auf diese &quot;Hausmittel&quot; zu vertrauen. Auf eine ernst zu nehmende Gesundheitsversorgung k\u00f6nnen sie nicht hoffen. Viele sind aber auch grunds\u00e4tzlich skeptisch gegen\u00fcber der Medizin. In den vergangenen Jahren wurde das \u00f6ffentliche Gesundheitswesen in Indien extrem geschw\u00e4cht, Krankenh\u00e4user wurden privatisiert. Die Menschen haben das Gef\u00fchl, es gehe mehr um den Profit als um den Patienten. Auch deshalb vertrauen sie sich der alternativen Medizin an, sind empf\u00e4nglich f\u00fcr Verschw\u00f6rungstheorien.<\/p>\n<p>In der Coronakrise sehen wir, wie Autoren von Falschnachrichten ganz gezielt mit der Angst der Menschen spielen: Wann h\u00f6rt diese Krise auf? Wird es einen Impfstoff geben? In ihrer Angst verfallen die Menschen diesen Theorien.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL<\/strong>: In Indien verbreiten sich Fake News vor allem \u00fcber WhatsApp-Gruppen, denen oft Hunderte Nutzer angeh\u00f6ren. Sie sind Ende-zu-Ende-verschl\u00fcsselt, es ist fast unm\u00f6glich mitzubekommen, was in diesen Chats abl\u00e4uft. Was setzen Sie diesen Unwahrheiten entgegen?<\/p>\n<p><strong>Sinha<\/strong>: Als wir 2017 mit unserer Plattform starteten, stammten die Fake News vor allem aus dem rechten Parteienspektrum, aus Modis Regierungspartei BJP und seinen Unterst\u00fctzern. Heute kommen sie aus allen politischen Lagern. Der gesamte indische Wahlkampf 2019 war dominiert von Fake-News-Kampagnen. Erst vor ein paar Tagen haben wir wieder eine falsche Geschichte entlarvt, die die Regierung auf ihrer eigenen sogenannten Fact-Checking-Seite &quot;PIB&quot; lancierte &#8211; und die einzig und allein dazu dienen sollte, die Folgen des politischen Missmanagements in der Coronakrise von sich zu weisen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL<\/strong>: Worum ging es?<\/p>\n<p><strong>Sinha<\/strong>: Es geht um ein Video, das in den sozialen Netzwerken sehr oft geteilt wurde: Es zeigt, wie ein Kleinkind versucht, seine tote Mutter aufzuwecken. Die Frau starb im Zug, w\u00e4hrend sie mit ihrem Kind in Richtung Heimat unterwegs war. Viele fl\u00fcchten in diesen Tagen zur\u00fcck zu ihren Familien aufs Land, weil sie aufgrund der Coronakrise in indischen St\u00e4dten ihre Jobs verloren und oft seit Tagen nichts gegessen haben.<\/p>\n<p>Die Regierung und die Verantwortlichen der Bahn behaupten, die Frau im Video sei aufgrund einer Vorerkrankung gestorben &#8211; und nicht etwa an den unmenschlichen Bedingungen in den Z\u00fcgen. Viele Z\u00fcge sind \u00fcberf\u00fcllt, es gibt kaum Wasser und Essensversorgung, dazu die gro\u00dfe Hitze; im ganzen Land brechen Menschen aus Ersch\u00f6pfung zusammen.<\/p>\n<p>Wir haben dann mit Familienmitgliedern und einer \u00c4rztin gesprochen, die uns versicherten: Die junge Frau hatte keinerlei Vorerkrankung. Die Regierung hat, nach allem, was wir wissen, gelogen. Wir kl\u00e4ren auf. Aber das alleine reicht nicht aus.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL<\/strong>: Was braucht es noch?<\/p>\n<p><strong>Sinha<\/strong>: Zuerst einmal m\u00fcssen sich die sozialen Netzwerke endlich ihrer Verantwortung stellen f\u00fcr die Inhalte auf ihren Plattformen. Es ist 2020 und diese Unternehmen tun so gut wie nichts gegen Fake News, obwohl sie die gro\u00dfen B\u00fchnen der Fake-News-Autoren sind. Ihre Priorit\u00e4t ist der Profit. Nehmen Sie YouTube: Es gibt dort keine Funktion, mit der Falschinformationen markiert werden. \u00c4hnlich bei Twitter. Auch Facebook geht nur sehr zaghaft gegen Fake News vor.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL<\/strong>: Eine Studie des Reuters Institute zeigt: 68 Prozent der Inder nutzen das Smartphone als Nachrichtenquelle, 52 Prozent informieren sich bei WhatsApp oder Facebook. Steht Digitalkompetenz auch auf dem Stundenplan in den Schulen?<\/p>\n<p><strong>Sinha<\/strong>: Leider nein. Dabei spielt Bildung eine so gro\u00dfe Rolle. Schulen m\u00fcssen anfangen, \u00fcber Falschinformationen aufzukl\u00e4ren. Es herrscht ein Informationschaos auf der Welt. Was k\u00f6nnen wir glauben, was nicht? Das sollten wir Kindern schon in der Grundschule beibringen.<\/p>\n<p>Bildung und digitale Kompetenz sto\u00dfen aber auch an Grenzen: Schauen Sie in die USA, dort gibt es ein viel h\u00f6heres Bildungsniveau als in Indien, auch eine h\u00f6here digitale Kompetenz, und dennoch kursieren unfassbar viele Fake News. Die Gesellschaft ist extrem polarisiert, der Pr\u00e4sident spaltet.<\/p>\n<p>Die indische Bev\u00f6lkerung ist seit Jahren aufgepeitscht, Minderheiten werden ausgegrenzt, Menschen werden durch Gesetze diskriminiert. Erst im Dezember und Januar gab es in Indien riesige Proteste gegen das Staatsb\u00fcrgerschaftsgesetz, es gab viele Tote. Diese sozialen Spannungen und \u00c4ngste sind der Boden, auf dem sich Fake News verbreiten.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL<\/strong>: Sie sagen, Fake News k\u00f6nnen t\u00f6ten. Wie meinen Sie das?<\/p>\n<p><strong>Sinha<\/strong>: Allein, dass Leute aufgrund falscher Information die falschen Medikamente schlucken, wenn sie mit Corona infiziert sind, kann zum Tod f\u00fchren. Ein anderes Beispiel: Seit Jahren verbreitet sich \u00fcber WhatsApp in Indien das Ger\u00fccht, dass Leute durchs Land ziehen, um Kinder zu entf\u00fchren. Die Leute h\u00f6ren das, sie erz\u00e4hlen es weiter, sie bekommen Panik. Das ging teils so weit, dass Lynchmobs loszogen, Menschen angriffen oder sogar t\u00f6teten, die sie f\u00fcr Kidnapper hielten. Dutzende Morde gehen auf dieses Ger\u00fccht zur\u00fcck. Der Kidnapping-Mythos verbreitete sich \u00fcber die Landesgrenzen hinweg bis nach Bangladesch. Auch dort wurden mehrere Menschen umgebracht.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL<\/strong>: Fast doppelt so viele Inder als noch vor ein paar Jahren besitzen heute ein Smartphone, auch auf dem Land haben Menschen dadurch zum ersten Mal Zugang ins Internet. Was ver\u00e4ndert sich dadurch?<\/p>\n<p><strong>Sinha<\/strong>: Als sich immer mehr Menschen mobiles Internet leisten konnten, hie\u00df es: gro\u00dfartig! Das wird zu einer Demokratisierung der Menschen f\u00fchren. Endlich sind Informationen nicht mehr nur einer kleinen Elite zug\u00e4nglich. Endlich k\u00f6nnen sich auch die normalen Leute eine Meinung bilden. Aber so kam es nicht: Denn viele Inder wissen nicht, wie sie mit der Masse an Information umgehen, welchen Infos sie trauen k\u00f6nnen. Sie sind die leichtesten Opfer f\u00fcr Verschw\u00f6rungstheorien.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Viele Wanderarbeiter sind arbeitslos geworden, sie warten, wie hier in Delhi, auf einen Bus nach Hause. AP Am 24. M\u00e4rz verordnete die indische Regierung der Bev\u00f6lkerung einen strikten Lockdown. Hunderttausende verloren ihre Arbeit; sie leben von Erspartem, viele auf der Stra\u00dfe. 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