{"id":3580,"date":"2020-11-01T22:29:57","date_gmt":"2020-11-01T19:29:57","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-und-das-nachtleben-in-china-one-night-in-wuhan\/"},"modified":"2020-11-01T22:29:57","modified_gmt":"2020-11-01T19:29:57","slug":"corona-und-das-nachtleben-in-china-one-night-in-wuhan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-und-das-nachtleben-in-china-one-night-in-wuhan\/","title":{"rendered":"Corona und das Nachtleben in China: One Night in Wuhan"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/912dd2d1-243b-438f-9127-96d94748dbf2_w948_r1.77_fpx56_fpy61.jpg\" title=\"Nachtleben in Wuhan im September 2020\" alt=\"Nachtleben in Wuhan im September 2020\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Nachtleben in Wuhan im September 2020<\/p>\n<p>  Foto:\u2002<\/p>\n<p>Getty Images<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>An einem Mittwochabend im Oktober ist das Vox Live House in Wuhan etwa zur H\u00e4lfte gef\u00fcllt. Unter bunten Scheinwerfern drischt ein glatzk\u00f6pfiger Mann auf eine bauchige Trommel, eine junge Frau bearbeitet ein traditionelles Saiteninstrument, der Keyboarder singt aus voller Kehle ein klagendes Lied. Ein treibender, experimenteller, dabei ziemlich chinesischer Sound.<\/p>\n<p>Vor der B\u00fchne wippt das Publikum Schulter an Schulter mit, kaum jemand tr\u00e4gt Maske. Hinten im Barbereich plaudern G\u00e4ste bei einem Bier oder besch\u00e4ftigen sich mit ihren Handys, wegen der Band sind sie offenbar nicht gekommen. Ein scheinbar normales Konzert in Wuhan. Pandemie, war da was? <\/p>\n<p>Schon im August hatten Bilder aus Wuhan globales Aufsehen erregt. Sie zeigten Menschen in einer Stimmung, nach der man sich auf der ganzen Welt zur\u00fccksehnt: in geselliger Ausgelassenheit. Im h\u00fcfthohen Wasser eines Spa\u00dfbads feierten Tausende eine Party. Ausgerechnet in der zentralchinesischen Millionenstadt, wo im Dezember die ersten Corona-Infektionen festgestellt worden waren<\/p>\n<p>Die Badesaison ist mittlerweile auch in Wuhan vorbei. Doch in den Bars, Restaurants und Museen, auf den Uferpromenaden und Nachtm\u00e4rkten der Stadt ist das soziale und kulturelle Leben wieder in Gang gekommen &#8211; auch wenn die einstige Normalit\u00e4t noch nicht ganz wiederhergestellt ist. Welche Spuren hat der Lockdown hinterlassen? <\/p>\n<p>&quot;Erst seit Kurzem f\u00fchle ich wirklich, dass Wuhan wieder in der Spur ist&quot;, sagt der 22-j\u00e4hrige Bandleader Yang Zongxun. Er tr\u00e4gt langes Haar und einen Kapuzenpulli mit dem Schriftzug &quot;Kitzb\u00fchler Ski, heimische Wertarbeit&quot;. Gigs wie den im Vox Live House spiele seine Band inzwischen wieder jede Woche. An ihren ersten Auftritt nach der Corona-Zwangspause, der erst im September stattfand, erinnert er sich genau: &quot;Das Gef\u00fchl war ambivalent. Ich war aufgekratzt, aber auch panisch, weil wir so lange auf keiner B\u00fchne gestanden hatten. Doch sobald wir zu spielen anfingen, habe ich alles vergessen &#8211; und einfach den Augenblick genossen.&quot; <\/p>\n<p>F\u00fcr Wang Yunpeng kam die Arbeit fr\u00fcher zur\u00fcck &#8211; um genau zu sein, hatte sie nie ganz aufgeh\u00f6rt. Die Wuhaner Brauerei &quot;Nr. 18 Brewing&quot;, deren Marketing er verantwortet, hatte ihre Kunden das ganze Fr\u00fchjahr hindurch per Lieferboten mit Craftbeer versorgt.<\/p>\n<p>Wie jedes Jahr brachten sie zur Kirschbl\u00fcte im Fr\u00fchjahr ein saisonales Bier auf den Markt, doch diesmal fiel ihnen daf\u00fcr ein Name ein, der landesweit verfing: Wuhan Jia Hazi You, was sich frei als &quot;Bleib stark, Wuhan&quot; \u00fcbersetzen l\u00e4sst. Diese Durchhalteparole hatten die Einwohner einander w\u00e4hrend des Lockdowns von ihren Balkonen aus zugerufen. Das so benannte Bier wurde zu einem kleinen Symbol des Wiedererwachens der Stadt; die Bestellungen, die aus ganz China eintrafen, zu einem Akt der Solidarit\u00e4t. <\/p>\n<p>Ihre drei Schankstuben in Wuhan \u00f6ffnete &quot;Nr. 18 Brewing&quot; schon am 8. April wieder, dem Tag, an dem der Lockdown offiziell aufgehoben wurde. &quot;Im April und Mai hatten wir gr\u00f6\u00dfere Gruppen als sonst&quot;, sagt Wang. &quot;Die Leute hatten ein Bed\u00fcrfnis, zusammenzukommen und ihre Geschichten zu teilen.&quot; Exzesse habe er dagegen keine beobachtet: &quot;Ich sehe nicht, dass die Leute mehr trinken. Aber sie wollen mehr interagieren, sie legen ihre Smartphones weg.&quot; <\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Wang pers\u00f6nlich hat sich etwas ge\u00e4ndert. Im vergangenen Jahr, erz\u00e4hlt er, habe &quot;Nr. 18 Brewing&quot; als erste chinesische Craftbeer-Brauerei bei einem Wettbewerb in Deutschland Gold gewonnen. &quot;Wir dachten, wir k\u00f6nnten China repr\u00e4sentieren&quot;, sagt er. &quot;Aber mit der Pandemie ist uns klar geworden, dass wir eine lokale Brauerei sind. Vorher wusste niemand, wo Wuhan liegt, jetzt wissen es alle.&quot; Er macht ein Ger\u00e4usch, das Resignation und Trotz zugleich ausdr\u00fcckt &#8211; zwar kennt nun alle Welt seine Stadt, doch man assoziiert wenig Positives mit ihr. Sei\u2019s drum, so darf man Wang wohl verstehen. &quot;Alle unsere Mitarbeiter stammen von hier&quot;, sagt er. &quot;Wir haben gelernt, was uns miteinander verbindet.&quot; <\/p>\n<p>In vielen Gespr\u00e4chen, die man dieser Tage in der Stadt f\u00fchren kann, kommt dieses Gef\u00fchl durch: Wir Wuhaner tragen unverschuldet ein Stigma, aber das kann uns nicht besch\u00e4men &#8211; im Gegenteil, wir machen es zum Teil unserer Identit\u00e4t. Es ist ein Gef\u00fchl von Veteranen, die wahres Verst\u00e4ndnis nur bei denjenigen finden, die das Gleiche durchlitten haben. <\/p>\n<p>&quot;Auch wir sind stolz, meine Familie und ich&quot;, sagt Timo Balz. &quot;Denn wir waren mittendrin, wir haben das gemeinsam \u00fcberstanden.&quot; Der geb\u00fcrtige Stuttgarter lebt seit Jahren in der Stadt, er ist Professor f\u00fcr Geod\u00e4sie an der Wuhan University. Die Monate des Lockdowns verbrachte er mit Frau und Kindern isoliert in deren Wohnung.<\/p>\n<p>Die Gegend um den Campus, die er gut kennt, hat sich seither gewandelt: Viele Lokale haben es nicht \u00fcberlebt, dass die Studierenden wegblieben. Mit dem Semester fing im September der Pr\u00e4senzunterricht wieder an, nun machen neue auf. Das Caf\u00e9, das Balz f\u00fcr ein Treffen ausgesucht hat, existiert erst seit wenigen Monaten: Rohes Holz und hohe Decken; Hipster mit Strickm\u00fctzen bestellen Waffeln und Milchkaffee. <\/p>\n<p>Nach der Quarant\u00e4ne, sagt Balz, h\u00e4tten viele Wuhaner sich nur z\u00f6gernd in Gesellschaft gewagt. Zu tief sa\u00df die Angst. Ihre Bef\u00fcrchtungen schienen sich zu best\u00e4tigen, als die Beh\u00f6rden nach 35 Tagen ohne berichtete Neuinfektionen im Mai ein kleines Cluster entdeckten &#8211; und beschlossen, innerhalb von zwei Wochen die gesamte Einwohnerschaft von elf Millionen Menschen zu testen. &quot;Erst danach hat die Stadt sich deutlich entspannt&quot;, sagt Balz. &quot;Es war fast wie eine Katharsis.&quot; Er hat sich in seinen Kalender eingetragen, wann er selbst mit seiner Familie erstmals wieder ein Restaurant besucht hat, es war im Juli. <\/p>\n<p>&quot;Ich habe den Eindruck, dass die Leute freundlicher geworden sind&quot;, sagt Balz. &quot;Ob das h\u00e4lt, wei\u00df ich nicht. Wuhan ist keine freundliche Stadt.&quot; Stahlwerke, Punkmusik und \u00fcble Schimpfw\u00f6rter &#8211; daf\u00fcr sei sie bekannt. <\/p>\n<p>Auch im Javanese Air geht es eher ungeschliffen zu. Am geschmiedeten Eingangstor der Bar turnen zwei Ara-Papageien, das Innere hat der Betreiber mit indonesischen Schnitzereien dekoriert, ein Mix aus Neuk\u00f6llner Eckkneipe und Piratenschiff. Der Freitagabend hat langsam begonnen, doch mit Anstieg von G\u00e4stezahl und Alkoholpegel herrscht gegen 23 Uhr fr\u00f6hlicher L\u00e4rm. Insbesondere ein W\u00fcrfelspiel tr\u00e4gt zur Erheiterung bei, es wird an vielen Tischen gespielt, man muss dabei wenig denken und viel trinken.<\/p>\n<p>Der Nachhauseweg f\u00fchrt \u00fcber einen Nachtmarkt. Verk\u00e4ufer von gegrilltem Tintenfisch und scharf gew\u00fcrzten Entenh\u00e4lsen packen ihre St\u00e4nde zusammen, \u00fcber einem Tisch auf dem B\u00fcrgersteig ist ein Mann eingeschlummert. Feierabend nachts um halb eins. Die Stadt geht wieder aus, aber sie \u00fcbertreibt es nicht damit. <\/p>\n<p>Vielleicht ist das eine Lehre aus Wuhan: Das alte Leben kommt nicht wie auf Knopfdruck zur\u00fcck, sobald die Beh\u00f6rden die Krankheit f\u00fcr besiegt erkl\u00e4rt haben. Vielmehr scheint es ein schrittweiser, tastender Prozess zu sein, den nicht alle im selben Tempo mitgehen. Manch Altes \u00fcberlebt, manch Neues entsteht, und manche Ver\u00e4nderung bleibt.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Nachtleben in Wuhan im September 2020 Foto:\u2002 Getty Images An einem Mittwochabend im Oktober ist das Vox Live House in Wuhan etwa zur H\u00e4lfte gef\u00fcllt. 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