{"id":3576,"date":"2020-11-01T18:10:50","date_gmt":"2020-11-01T15:10:50","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/islamismus-corona-und-andere-katastrophen-frankreich-am-rande-des-nervenzusammenbruchs\/"},"modified":"2020-11-01T18:10:50","modified_gmt":"2020-11-01T15:10:50","slug":"islamismus-corona-und-andere-katastrophen-frankreich-am-rande-des-nervenzusammenbruchs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/islamismus-corona-und-andere-katastrophen-frankreich-am-rande-des-nervenzusammenbruchs\/","title":{"rendered":"Islamismus, Corona und andere Katastrophen: Frankreich am Rande des Nervenzusammenbruchs"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/ca1ec9cf-40af-414d-bf38-3365b2d94cd3_w948_r1.77_fpx52_fpy16.jpg\" title=\"Passanten, bewaffneter Polizist vor der Kathedrale in Lille\" alt=\"Passanten, bewaffneter Polizist vor der Kathedrale in Lille\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Passanten, bewaffneter Polizist vor der Kathedrale in Lille<\/p>\n<p>  Foto:\u2002<\/p>\n<p>Michel Spingler \/ AP<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Einer meiner franz\u00f6sischen Cousins ist Mathematiklehrer und Schriftsteller. Im Herzen ist er ein Anarchist und f\u00e4hrt in jeder freien Stunde mit dem Motorrad \u00fcber die Landstra\u00dfen. Politisch geh\u00f6rt er dem linksliberalen Zweig der Familie an, bei der letzten Pr\u00e4sidentschaftswahl gab er seine Stimme Emmanuel Macron.<\/p>\n<p>Anders als die traditionell linken, postkommunistischen Mitglieder der Familie hat er nie auf den Zusammenbruch des Kapitalismus und die Errichtung einer R\u00e4terepublik spekuliert, sondern war stets der \u00dcberzeugung, der \u00f6ffentliche Gebrauch der Vernunft, ein ordentliches Schulsystem und wachere Parteien k\u00f6nnten alle Schwierigkeiten irgendwie bew\u00e4ltigen. Doch seit einiger Zeit klingt er anders.<\/p>\n<p>Ihm ist sein politischer Optimismus abhandengekommen. Die Ermordung eines Lehrers, von Besuchern der Basilika von Nizza, die Sch\u00fcsse auf einen Geistlichen in Lyon &#8211; solche Ereignisse deutet er nicht mehr als Ausnahmen, sondern als Beweise des unaufhaltsamen Zerfalls der franz\u00f6sischen Gesellschaft. Er ist nicht mehr daran interessiert, wer in welcher Partei nach oben kommt. Hegt kaum noch Hoffnung f\u00fcr eine Regierung, deren Relevanz abnimmt, je weiter man sich von Paris entfernt. Und legt eine abnehmende Begeisterung f\u00fcr Europa an den Tag: Wenn es geht, reist er mit seiner Frau nach Kanada in die Ferien. Mehr Weite zum Motorradfahren, weniger Leute.<\/p>\n<p>Er wohnt ganz im S\u00fcden Frankreichs, am Mittelmeer. In unseren politischen Diskussionen kommt fr\u00fcher oder sp\u00e4ter das Beispiel der n\u00e4chtlichen Stra\u00dfenschlachten in der Provinz vor: Ob ich denn nicht davon gelesen h\u00e4tte, dass in dieser oder jener Mittelstadt tagelange Stra\u00dfenschlachten getobt h\u00e4tten, zwischen Clans und Cliquen diverser Religion und Herkunft? Zwischen Albanern und Arabern, Tschetschenen und Sinti und Roma, Afrikanern und Chinesen?<\/p>\n<p>Und zwar ohne dass sich die Polizei blicken lie\u00df. Manchmal klingt es, als w\u00fcrde er sich das nur ausdenken. Aber als im Juni sogar in deutschen Zeitungen von den Schlachten zwischen Tschetschenen und <em>Beurs<\/em> (also Franzosen maghrebinischer Herkunft) im beschaulichen Dijon zu lesen war, trumpfte er auf.<\/p>\n<p>Bei unserem letzten Treffen im Sommer war er besorgt wie selten. Er entdeckte an sich sogar eine gewisse Sympathie f\u00fcr den Fernsehhetzer \u00c9ric Zemmour, der in der Pose des Bildungsb\u00fcrgers die Mittel der Aufkl\u00e4rung nutzt, um die Leute gegeneinander aufzuwiegeln. Was mein Cousin an ihm sch\u00e4tzt, hat mit Politik wenig zu tun. Es ist vielmehr Zemmours radikal schlechte Laune. Er besch\u00f6nigt nichts, sondern liefert <em>hardcore<\/em> ab und verleiht so einem Pessimismus Ausdruck, den man oft h\u00f6rt und sp\u00fcrt in Frankreich.<\/p>\n<p>Was die Franz\u00f6sinnen und Franzosen besonders nervt, sind die stets perfekt formulierten Beschwichtigungen aus Paris. In keinem anderen Land weicht die mediale und politische Benutzeroberfl\u00e4che so stark von der empfundenen Realit\u00e4t ab. Und jede Kleinigkeit f\u00fchrt zu anhaltendem Vertrauensverlust: Als die Republik zugeben musste, eine Reserve an Masken verloren zu haben, wurde daraus ein gro\u00dfer Skandal. Denn dass der Zentralstaat zust\u00e4ndig ist f\u00fcr die Versorgung seiner B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger mit Masken, davon sind alle \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Alle Pr\u00e4sidenten seit Jacques Chirac waren politische One-Hit-Wonder, die erkl\u00e4rten, dass es aufw\u00e4rts geht mit Frankreich. So hat sich in dem notorisch anarchistisch gesinnten Volk der entgegengesetzte Eindruck verfestigt &#8211; dass es n\u00e4mlich abw\u00e4rts geht. Dann stehen fitte, vergn\u00fcgte Mittf\u00fcnfziger vor einem, genie\u00dfen sichtlich ihren Vorruhestand an der Atlantikk\u00fcste, steigen von ihrem Rennrad und klagen, so schlimm sei es noch nie gewesen.<\/p>\n<p>In Wahrheit entwickelt sich das Land h\u00f6chst unterschiedlich, aber Nuancen und Differenzierungen dringen kaum noch durch. Das Bild muss wohlkomponiert wirken, die politische Zauberformel muss sitzen, und in der n\u00e4chsten Woche verdr\u00e4ngt ein neues Problem, ein neuer Skandal die heutigen.<\/p>\n<p>Erinnert sich noch jemand an die Gilets jaunes, jene gewaltt\u00e4tige, suburbane Protestbewegung gegen die Pkw-\u00d6kosteuer? Das Thema ist verschwunden, die Menschen sind geblieben. In vielen Berichten wurden die gro\u00dfe Einsamkeit, die fehlenden sozialen Bindungen der Gelbwesten als Ursache ihrer Wut beschrieben. Die ist nach wie vor ein gro\u00dfes, unausgesprochenes Problem.<\/p>\n<h3>Parteien als Tummelpl\u00e4tze f\u00fcr Karrieristen<\/h3>\n<p>Die Kraft der Milieus und Nachbarschaften hat rapide abgenommen, und nichts anderes hat sie ersetzt. Die Parteien spielen als Institutionen der politischen Willensbildung keine Rolle, es sind Tummelpl\u00e4tze f\u00fcr Karrieristen. Ohnehin ist die Parteienlandschaft in konstanter Bewegung, die einst m\u00e4chtigsten Gruppen spielen keine Rolle mehr, und die aktuell bestehenden sind oft genug Klubs zur Feier ihres Chefs.<\/p>\n<p>Kirchen und Gewerkschaften leiden schwerer als in Deutschland unter einem doppelten Mitglieder- und Relevanzverlust. Die Medien werden ernst genommen, sind aber wirtschaftlich anf\u00e4llig oder allzu nah an der Regierung und verdrie\u00dfen ihr Publikum durch eine beschr\u00e4nkte Pariser Perspektive.<\/p>\n<p>Wer woanders lebt als in Paris, reist selten dorthin, die Stadt ist f\u00fcr Franzosen einfach zu teuer. Und wer im Gro\u00dfraum Paris lebt und arbeitet, muss derma\u00dfen viel Geld verdienen, dass die Freude \u00fcber den Wohnort nur selten aufkommt. Freunde in meinem Alter, die in Paris wohnen, nutzen oft Psychopharmaka, um durch die Tage und N\u00e4chte zu kommen.<\/p>\n<p>Als in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts die extreme Rechte ihren Aufstieg begann, gr\u00fcndete sich eine selbstbewusste und vielf\u00e4ltige Gegenbewegung mit dem Namen SOS Racisme. Ihr Slogan lautete &quot;Touche pas \u00e0 mon pote&quot;, auf Deutsch: Mach meinen Kumpel nicht an. Damals waren Universit\u00e4ten und Industriebetriebe gleicherma\u00dfen Basis dieser Bewegung, die Erfahrung gemeinsamer Arbeit von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Hautfarbe st\u00e4rkte die Entschlossenheit.<\/p>\n<p>Heute w\u00e4re solch eine Bewegung nicht mehr m\u00f6glich, die Erfahrungen von Bildung und Arbeit sind zu fragmentiert. Deindustrialisierung, Dezentralisierung und Spezialisierung haben dazu gef\u00fchrt, dass sich individuelle Bildungs- und Arbeitserfahrungen ausbilden, die Gemeinschaft, die den Einzelnen stark macht, um auch unangenehme Fragen anzugehen, ist selten geworden. <\/p>\n<p>Selbst die franz\u00f6sische Regierung scheint alle Bestrebungen aufgegeben zu haben, ein Abbild der diversen Gesellschaft zu sein. Es \u00fcberwiegt ein wei\u00dfer m\u00e4nnlicher Expertentyp, der noch so gute Absichten mit noch so guten Gr\u00fcnden und Mitteln verfolgen mag &#8211; es f\u00e4llt Franz\u00f6sinnen und Franzosen schwer, Vertrauen zu entwickeln.<\/p>\n<p>Wo und durch wen sollen gro\u00dfe Fragen gekl\u00e4rt werden? Die Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und Medien sind in keiner guten Verfassung dazu. Doch das serielle Wegzappen der unangenehmen Fragen f\u00fchrt zu einem Schwindel, der das ganze Land in den kulturellen Taumel versetzt.<\/p>\n<p>Daher fehlen die Ressourcen, um sich der aktuellen Situation und den diversen Bedrohungslagen zu stellen. Und noch etwas kommt hinzu, eine Art verdr\u00e4ngende Idealisierung: Weil die Republik keine Konfessionen kennt, der Glaube eine Privatsache ist, konnte sich die Politik um brisante Themen drumherummogeln. So wurde der allm\u00e4hliche Anstieg des Antisemitismus, der sich aus rechten wie aus islamistischen Quellen speist, bevorzugt mit dem Mittel der Sonntagsrede, also eigentlich gar nicht bek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Der Hass auf Juden passt nicht ins franz\u00f6sische Selbstbild, also wurde er ignoriert. Ebenso der Umstand, dass sich im Milieu der Banlieues und unter Franzosen maghrebinischer Herkunft der politische und radikale Islam breitmachen konnte. Das konnte man als Religion tarnen &#8211; und daf\u00fcr war der Staat nun einmal nicht zust\u00e4ndig. Und je weiter man in die Gegenwartsgeschichte zur\u00fcckgeht, desto mehr solcher verdr\u00e4ngter und weggesperrter Themen finden sich: die Beziehungen zu Algerien etwa, die links wie rechts voller Mythen und Legenden sind.<\/p>\n<p>Die einzige Institution, in der Gegenwartsanalyse, Entschlossenheit und Freiheit gleicherma\u00dfen vorhanden sind, ist die Literatur. Ihr kommt in Frankreich, wie in so vielen ungl\u00fccklichen L\u00e4ndern, eine wesentliche Rolle zu. Die komische Misanthropie eines Michel Houellebecq, die scharfen Analysen einer Annie Ernaux oder die poetische Aufkl\u00e4rung durch Le\u00efla Slimani sind gegenw\u00e4rtig die Foren, in denen Frankreich zu sich selbst findet. So wie mein Cousin hoffentlich vielleicht auch: Im n\u00e4chsten Jahr geht er in Rente. Dann zieht er aufs Land und wird Schriftsteller.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Passanten, bewaffneter Polizist vor der Kathedrale in Lille Foto:\u2002 Michel Spingler \/ AP Einer meiner franz\u00f6sischen Cousins ist Mathematiklehrer und Schriftsteller. 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