{"id":3573,"date":"2020-11-01T13:47:27","date_gmt":"2020-11-01T10:47:27","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/verkehrswende-streit-um-radspuren-poller-und-autofreie-zonen-eskaliert-immer-wieder\/"},"modified":"2020-11-01T13:47:27","modified_gmt":"2020-11-01T10:47:27","slug":"verkehrswende-streit-um-radspuren-poller-und-autofreie-zonen-eskaliert-immer-wieder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/verkehrswende-streit-um-radspuren-poller-und-autofreie-zonen-eskaliert-immer-wieder\/","title":{"rendered":"Verkehrswende: Streit um Radspuren, Poller und autofreie Zonen eskaliert immer wieder"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/af8d61ff-ddda-4a68-8c8f-30fbb879db7b_w948_r1.77_fpx53.41_fpy46.95.jpg\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>  Foto:\u2002[M] BARBARA GINDL \/ APA \/ DPA \/ DER SPIEGEL  <\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"caps\">Konstanze Fritsch wei\u00df, wie schnell eine Versammlung aus dem Ruder laufen kann. &quot;Ich empfehle Ihnen, sich in die Rolle eines freundlich zugewandten Ethnologen zu versetzen, der etwas \u00fcber andere Menschen lernen will.&quot; Statt die eigene Meinung lautstark zu verbreiten, solle man erst einmal interessiert zuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Fritsch vermittelt nicht etwa zwischen zerstrittenen Clanfamilien oder Schalke- und BVB-Fans, sie moderiert im Februar \u2013 kurz vor Beginn der Corona-Pandemie \u2013 eine Diskussion zwischen Anwohnern und dem Stra\u00dfenbauamt in Berlin-Friedrichshain. Es geht um Poller, die seit August 2019 den Durchgangsverkehr durch ein Wohngebiet stoppen sollen. Die von lautstarken Zwischenrufen begleitete Anwohnerversammlung ist Teil einer Evaluierung des Projekts durch den Bezirk, die bis zum Oktober lief.<\/p>\n<p>Wenn es um Autos geht, neue Absperrungen und mehr Platz f\u00fcr Fu\u00dfg\u00e4nger und Radfahrer, werden Diskussionen schnell emotional. Angebliche Autohasser stehen angeblichen Ewiggestrigen unvers\u00f6hnlich gegen\u00fcber. Das war schon vor der Pandemie so \u2013 und wird auch so bleiben.<\/p>\n<p>Egal ob Poller in Berlin, Pop-up-Radwege in M\u00fcnchen oder eine autofreie Zufahrt zur Altstadt wie in T\u00fcbingen \u2013 im Autoland Deutschland sorgen selbst minimale Eingriffe in den Verkehr f\u00fcr gro\u00dfe Zerw\u00fcrfnisse.<\/p>\n<p>Die Absurdit\u00e4t zeigt sich an der Diskussion um die Poller in Berlin-Friedrichshain. An drei von 15 Kreuzungen im Samariterkiez wurden Poller aufgestellt, was bestimmte Wege f\u00fcr Autofahrer zweifellos verl\u00e4ngert, aber die Sicherheit im Kiez, etwa auf dem Schulweg, deutlich erh\u00f6ht. Denn der enorme Durchgangsverkehr ist stark zur\u00fcckgegangen, wor\u00fcber sich viele Anwohner freuen.<\/p>\n<p>Aber eben nicht alle: &quot;Uns hat niemand gefragt&quot;, klagen die Pollergegner. Mancher empfindet die Sperren als \u00fcbergriffiges Verhalten von Verwaltung und Politik. &quot;Ich sehe keine Verkehrsberuhigung \u2013 nur eine Verlagerung von Verkehr&quot;, meint ein Mann. Die Anwohner streiten auch untereinander. &quot;Wenn ihr Ruhe sucht, dann zieht doch aufs Land&quot;, ruft eine Frau der Pollerfraktion zu.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich verbissen wird auch \u00fcber Pop-up-Radwege gestritten, die in mehreren deutschen St\u00e4dten als Reaktion auf die Pandemie errichtet wurden. In Berlin l\u00e4uft der Streit l\u00e4ngst vor Gericht &#8211; in M\u00fcnchen aktuell im Rathaus zwischen den Fraktionen. Dort sollen die wenigen tempor\u00e4ren Spuren f\u00fcr Fahrr\u00e4der nun n\u00e4mlich wieder abgeschafft werden.<\/p>\n<p>&quot;Verkehrspolitik ist hochemotional&quot;, sagt der Gr\u00fcnenpolitiker Boris Palmer aus T\u00fcbingen. Bevor der Streit um Gefl\u00fcchtete begann, seien es Verkehrsthemen gewesen, bei denen es in Diskussionen und sozialen Medien hoch hergegangen sei. Palmer verf\u00fcgt hier zweifellos \u00fcber einschl\u00e4gige Erfahrungen: Auf Facebook legt er sich regelm\u00e4\u00dfig mit eingefleischten Autofahrern an sowie mit all denen, die seiner Meinung nach die Probleme der Migration ignorieren.<\/p>\n<h3>Autofreie Altstadtzufahrt in T\u00fcbingen?<\/h3>\n<p>Wie stark Verkehrsthemen polarisieren, hat Palmer selbst erlebt. Der T\u00fcbinger B\u00fcrgermeister wollte eine wichtige Zufahrt zur Altstadt f\u00fcr normale Autos sperren, damit Radfahrer mehr Platz in der engen Stra\u00dfe bekommen. Ende 2019 untersagte T\u00fcbingen Autos acht Wochen lang die Durchfahrt, um die Wirkung der Ma\u00dfnahme untersuchen zu k\u00f6nnen. Nur Busse und Taxis durften die M\u00fchlstra\u00dfe weiter nutzen.<\/p>\n<p>&quot;Nat\u00fcrlich gab es Ausweichverkehr&quot;, sagt Palmer. Aber laut den Verkehrsz\u00e4hlungen der Stadt sollen pro Tag 1000 Autos weniger unterwegs gewesen sein als vor der Sperrung. Zugleich stieg die Zahl der Radler in der gesperrten M\u00fchlstra\u00dfe, wom\u00f6glich auch wegen des guten Wetters.<\/p>\n<p>Palmer war zufrieden mit dem Test. &quot;Ich will die Leute mit Fakten \u00fcberzeugen.&quot; Doch so richtig hat das nicht geklappt. W\u00e4hrend der achtw\u00f6chigen Probephase formierte sich der Widerstand in den sozialen Medien, einige Gesch\u00e4ftsinhaber in der M\u00fchlstra\u00dfe berichteten von einem R\u00fcckgang der Kundenzahl.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich befragte der Gemeinderat die B\u00fcrger T\u00fcbingens, ob sie sich eine dauerhafte Sperrung der M\u00fchlstra\u00dfe w\u00fcnschen. Das Ergebnis fiel anders aus als von Palmer erhofft. Statt einer deutlichen Mehrheit zeigte sich T\u00fcbingens Bev\u00f6lkerung gespalten: 52 Prozent waren gegen die Sperrung, 48 Prozent daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Was Palmer eher als Misserfolg wertet, schlie\u00dflich ist T\u00fcbingen eine Hochburg der Gr\u00fcnen, spiegelt wohl einfach nur das gespaltene Verh\u00e4ltnis der Deutschen zum Auto wider. Das Blechle ist einerseits vielen immer noch heilig, aber die Autofraktion stellt keine klare Mehrheit mehr wie vielleicht noch vor zehn, 20 Jahren.<\/p>\n<h3>\u00c4ltere Generation h\u00e4lt am Auto fest<\/h3>\n<p>Dies musste auch der ADAC feststellen, der seine Mitglieder zum Thema Tempolimit auf Autobahnen befragt hatte. Fast die H\u00e4lfte der ADAC-Mitglieder pl\u00e4dierte f\u00fcr Tempo 130 \u2013 ein noch vor wenigen Jahren undenkbares Votum.<\/p>\n<p>Der von manchem Mobilit\u00e4tsforscher seit Langem prognostizierte Bedeutungsverlust des Autos scheint sich tats\u00e4chlich zu manifestieren. Doch nur bei einem Teil der Menschen. Vor allem die \u00e4ltere Generation, das zeigen zumindest die Zahlen aus T\u00fcbingen, halten am Auto fest.<\/p>\n<p>Palmer wundert sich jedoch trotzdem \u00fcber das Abstimmungsverhalten: &quot;Die \u00e4lteren Leute, die gegen die Sperrung der M\u00fchlstra\u00dfe gestimmt haben, nutzen diese selbst kaum.&quot; Dort seien vor allem Pendler unterwegs. &quot;Die Alten stimmen nicht aus Eigennutz gegen die Sperrung, sondern aus Prinzip&quot;, glaubt der Gr\u00fcnenpolitiker.  <\/p>\n<p>Die Herausforderungen f\u00fcr Kommunen sind gro\u00df. Vor allem in boomenden Gro\u00dfst\u00e4dten geraten die Verkehrssysteme immer \u00f6fter an ihre Grenzen: zugestaute Stra\u00dfen, schlechte Fahrradinfrastruktur, bis zur Pandemie regelm\u00e4\u00dfig \u00fcberf\u00fcllte Busse und Bahnen. Doch statt der avisierten Verkehrswende sieht man vielerorts nur ein Weiter-so.<\/p>\n<h3>Mehr Stra\u00dfen &#8211; mehr Verkehr<\/h3>\n<p>Dabei m\u00fcsste allen Beteiligten l\u00e4ngst klar sein: Zumindest in St\u00e4dten ist das Auto vor allem Teil des Problems und nicht Teil der L\u00f6sung. Das haben zumindest einige, in der Regel gr\u00fcne Kommunalpolitiker erkannt.<\/p>\n<p>&quot;Mehr Autostra\u00dfen bedeuten mehr Automobilverkehr&quot;, sagt beispielsweise Florian Schmidt, gr\u00fcner Baustadtrat von Berlin Friedrichshain-Kreuzberg. Den Satz k\u00f6nne man auch umdrehen: &quot;Weniger Stra\u00dfen schaffen weniger Verkehr.&quot;<\/p>\n<p>Er hat in seinem Bezirk mehrere Pop-up-Radwege er\u00f6ffnet \u2013 und will den \u00f6ffentlichen Verkehrsraum gerechter aufteilen. Autos belegen zwei Drittel aller Fl\u00e4chen, haben bei den Verkehrsmitteln in Friedrichshain-Kreuzberg jedoch nur einen Anteil von einem Drittel. Das will Schmidt \u00e4ndern \u2013 und d\u00fcrfte dabei auf noch heftigeren Widerstand sto\u00dfen als bei den Pollern im Samariterviertel.<\/p>\n<p>Zumindest dort haben sich die Wogen mittlerweile etwas gegl\u00e4ttet. Bei der umfangreichen Onlinebefragung im August und September gaben die Anwohner meist konstruktive und differenzierte Antworten. Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg kommt in seinem Evaluationsbericht dann auch zum Schluss, dass ein R\u00fcckbau der Poller derzeit nicht infrage kommt. Er will aber pr\u00fcfen, ob sich die Verkehrsberuhigung im Samariterkiez noch verbessern l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Weiter f\u00fcr eine Verkehrswende k\u00e4mpfen will auch T\u00fcbingens OB Palmer. Er h\u00e4lt eine autofreie Zufahrt in die Altstadt trotz Widerstand bei den B\u00fcrgern weiterhin f\u00fcr essenziell: &quot;Unser Ziel muss sein, den Autoverkehr zu verringern.&quot; Die M\u00fchlstra\u00dfe sei die Hauptachse f\u00fcr den Radverkehr in T\u00fcbingen. &quot;Man kann keine kommunale Klimastrategie machen, ohne dieses Problem zu l\u00f6sen.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Foto:\u2002[M] BARBARA GINDL \/ APA \/ DPA \/ DER SPIEGEL Konstanze Fritsch wei\u00df, wie schnell eine Versammlung aus dem Ruder laufen kann. &quot;Ich empfehle Ihnen, sich in die<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3574,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3573","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3573","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3573"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3573\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3574"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3573"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3573"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3573"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}