{"id":3536,"date":"2020-10-30T21:00:15","date_gmt":"2020-10-30T18:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/islamismus-in-frankreich-der-terror-wirkt-eine-analyse\/"},"modified":"2020-10-30T21:00:15","modified_gmt":"2020-10-30T18:00:15","slug":"islamismus-in-frankreich-der-terror-wirkt-eine-analyse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/islamismus-in-frankreich-der-terror-wirkt-eine-analyse\/","title":{"rendered":"Islamismus in Frankreich: Der Terror wirkt &#8211; eine Analyse"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/6dd91aa5-3968-4e88-ba5e-5202d98fb855_w948_r1.77_fpx57.34_fpy50.jpg\" title=\"Menschen gedenken vor der Kirche Notre Dame in Nizza der Opfer eines islamistischen Attent\u00e4ters\" alt=\"Menschen gedenken vor der Kirche Notre Dame in Nizza der Opfer eines islamistischen Attent\u00e4ters\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Menschen gedenken vor der Kirche Notre Dame in Nizza der Opfer eines islamistischen Attent\u00e4ters<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Valery Hache \/ dpa  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Der militante Islamismus folgt einer m\u00f6rderischen und menschenverachtenden Ideologie. Und kein europ\u00e4isches Land hat unter diesem Gedankengut so sehr gelitten wie Frankreich.<\/p>\n<p>Es sind nur noch wenige Tage bis zum f\u00fcnften Jahrestag der Anschl\u00e4ge vom 13. November 2015 auf das Bataclan, auf die Caf\u00e9s und Restaurants im Pariser Zentrum. 130 Menschen wurden dabei ermordet, mehr als 600 verletzt. Ein Dreivierteljahr davor hatten schon die Anschl\u00e4ge auf die Satirezeitung &quot;Charlie Hebdo&quot; das Land traumatisiert. Schon 2012 hatte ein islamistischer Attent\u00e4ter in Toulouse gezielt j\u00fcdische Menschen hingerichtet. Und im Jahr 2016 ermordete ein Terrorist am Nationalfeiertag in Nizza 86 Menschen mit einem Lastwagen.<\/p>\n<p>Es gibt auch kein anderes europ\u00e4isches Land, aus dem so viele B\u00fcrger in das Territorium des &quot;Islamischen Staats&quot; reisten \u2013 fast 2000 Franzosen eilten ins Kalifat, um dort zu k\u00e4mpfen und zu leben. Viele, aber l\u00e4ngst nicht alle, hatten einen Migrationshintergrund. Die Radikalisierung junger franz\u00f6sischer Muslime in den Vorst\u00e4dten der Metropolen ist seit Jahren ein dr\u00e4ngendes Problem, das keine Regierung in den Griff bekommt.<\/p>\n<h3>Autorit\u00e4re Erm\u00e4chtigungsfantasien<\/h3>\n<p>Frankreich kennt das Gift des militanten Islamismus also schon viel zu gut. In den vergangenen Wochen ist es erneut damit konfrontiert worden: Ein Lehrer, der mit seinen Sch\u00fclern anhand von Mohammed-Karikaturen \u00fcber Meinungsfreiheit diskutieren wollte, wurde bestialisch ermordet. Und nun hat ein Attent\u00e4ter am Donnerstag in Nizza erneut drei Menschen get\u00f6tet \u2013 in einer Kirche.<\/p>\n<p>Jede dieser Taten macht aufs Neue fassungslos und w\u00fctend. Es sind totalit\u00e4re Angriffe auf die Freiheit einer liberalen, westlichen Gesellschaft. Radikalisierte, ideologisch verblendete Attent\u00e4ter leben ihre autorit\u00e4ren Erm\u00e4chtigungsfantasien aus. Sie folgen meist einem Ziel: sich selbst zu erheben \u00fcber andere, sich m\u00e4chtig zu f\u00fchlen. Ein kleiner arbeitsloser Jugendlicher kann im Kosmos der Dschihadisten mit einer unmenschlichen Bluttat zum Star werden. Und er kann eine ganze Gesellschaft ersch\u00fcttern.<\/p>\n<p>Das ist das zweite, das grunds\u00e4tzliche Ziel des islamistischen Terrors: Die westlichen Gesellschaften von innen heraus anzugreifen und sie zu spalten. In der Ideologie des &quot;Islamischen Staats&quot; war stets die Rede davon, dass mit den Anschl\u00e4gen die sogenannte graue Zone des Miteinanders ausgel\u00f6scht werden m\u00fcsse, in der Muslime friedlich mit Nichtmuslimen zusammenleben \u2013 dieses Zusammenleben gilt den Ideologen des Terrors als S\u00fcnde. Muslime, die selbstverst\u00e4ndlich und gut integriert als Staatsb\u00fcrger einer westlichen Demokratie leben, widersprechen dieser totalit\u00e4ren Ideologie.<\/p>\n<p>Die Islamisten haben damit zumindest ein gemeinsames Ziel mit einem anderen radikalen Teil des politischen Spektrums: den Rechtsextremisten. Auch ihnen sind diverse Gesellschaften ein\u2008Dorn im Auge, auch sie wollen kein friedliches Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen.<\/p>\n<p>Es ist deshalb kein Zufall, dass am Donnerstag in Avignon nur wenige Stunden nach dem Attentat in Nizza ein rechtsextremistischer Attent\u00e4ter auftauchte und gerade noch rechtzeitig am T\u00f6ten gehindert werden konnte. Dschihadisten und Rechtsextremisten, Islamisten und Islamhasser \u2013 sie bedingen einander, sie geh\u00f6ren zusammen und sie sind beide Feinde einer liberalen, inklusiven Gesellschaft.<\/p>\n<h3>Die Meinungsfreiheit muss verteidigt werden<\/h3>\n<p>Es gibt auf die islamistischen Attentate auf die Meinungsfreiheit dieser Tage nat\u00fcrlich nur eine Antwort. Pr\u00e4sident Emmanuel Macron hat sie gegeben: Die Meinungsfreiheit muss klar verteidigt werden, nat\u00fcrlich geh\u00f6ren dazu auch Karikaturen. Und der militante Islamismus muss mit aller Macht von den Sicherheitsbeh\u00f6rden verfolgt und ausgemerzt werden.<\/p>\n<p>Der Islamismus hat allerdings auch einen N\u00e4hrboden, der nicht vergessen werden darf. Da sind nat\u00fcrlich zum einen die Radikalisierer im Internet, die YouTube-Akademien, in denen Attent\u00e4ter gez\u00fcchtet werden.<\/p>\n<p>Aber es gibt auch ein gesellschaftliches Reservoir, aus dem viele der Extremisten stammen: Frankreichs Vorst\u00e4dte mit ihren unterprivilegierten Jugendlichen, die auch \u00f6konomisch am Rand der Gesellschaft stehen \u2013 es ist Frankreichs Politikern seit vielen Jahrzehnten nicht gelungen, sie durch das Bildungssystem und die Wirtschaft besser zu integrieren, sie bleiben \u00fcber Generationen am Rand der Gesellschaft. Auch das hat dazu gef\u00fchrt, dass sich die totalit\u00e4ren islamistischen Ideologien hier so gut ausbreiten konnten.<\/p>\n<p>Je mehr grausame Taten ein Land erleben muss, desto schwerer f\u00e4llt vielen auch die Differenzierung \u2013 und desto mehr richten sich die Ressentiments auch gegen Muslime insgesamt.<\/p>\n<p>Die islamistischen Anschl\u00e4ge haben es in Frankreich in der Vergangenheit zwar geschafft, weite Teile der Gesellschaft gegen den Terror zu einen \u2013 aber zugleich ist es in Frankreich l\u00e4ngst nicht mehr nur am rechtsextremen Rand der Politik salonf\u00e4hig geworden, nicht mehr nur die islamistische Terrorideologie anzugreifen, sondern auch die franz\u00f6sischen Muslime als Ganzes kritisch zu sehen. Dabei leben in Frankreich so viele Muslime wie nirgends in Europa, und selbstverst\u00e4ndlich h\u00e4ngt die gro\u00dfe Mehrheit von ihnen keineswegs dem militanten Islam an. Diese Tatsache geht aber in diesen aufgew\u00fchlten Zeiten immer mal wieder unter.<\/p>\n<h3>Kritik am Islam statt am Islamismus<\/h3>\n<p>In Frankreich ist in den vergangenen Jahren eine grunds\u00e4tzliche Islamkritik von den rechten R\u00e4ndern in den Mainstream eingedrungen. Ein Rechtsau\u00dfen wie Eric Zemmour schreibt weiterhin in der konservativen Zeitung &quot;Le Figaro&quot; und verbreitet die These, dass der militante Islamismus und der Islam im Grunde ein und dasselbe seien. Marine Le Pen und ihr rechtsextremes Rassemblement national verbreiten solche Ideen schon lange, aber man h\u00f6rt sie schon lange nicht mehr nur an den R\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das j\u00fcngste Beispiel ist Macrons Innenminister G\u00e9rald Darmanin, der sich gegen &quot;kommunitaristische&quot; Halal-Abteilungen in Superm\u00e4rkten aussprach und unterstellte, sie gef\u00e4hrdeten die laizistischen Grundfesten der Republik.<\/p>\n<p>Der Begriff &quot;Communautarisme&quot; ist in\u2008Frankreich ein Schimpfwort \u2013 er bezeichnet eine Weltanschauung, die ethnische oder religi\u00f6se Besonderheiten von Bev\u00f6lkerungsgruppen hochh\u00e4lt und sich nicht vollkommen der laizistischen Leitkultur der franz\u00f6sischen Republik unterstellen will. Mittlerweile ist der Begriff ein\u2008Code geworden f\u00fcr die Sorge vor einer muslimischen Parallelgesellschaft.<\/p>\n<p>Die \u00c4u\u00dferungen des Innenministers wurden von vielen scharf kritisiert, auch vom ehemaligen Pr\u00e4sidenten Fran\u00e7ois Hollande: Hier werde eine &quot;Vermischung&quot; vorgenommen. In einer Rede kritisierte Pr\u00e4sident Macron zudem beil\u00e4ufig den Islam als eine Religion, die &quot;weltweit in der Krise&quot; sei. Auch das kam bei vielen nicht gut an.<\/p>\n<p>Der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fan, der mit Macron schon lange wegen Gasvorkommen im Mittelmeer im Konflikt liegt, sah darin eine willkommene Gelegenheit zum Angriff. Auch die Mohammed-Karikaturen, die in\u2008Frankreich aus Solidarit\u00e4t gerade wieder gedruckt werden, nutzte er f\u00fcr seine perfide Attacke. Erdo\u011fan beschimpfte Macron als geisteskrank und schickte seine digitalen Propagandatruppen in den Kampf gegen Frankreich \u2013 die Accounts der Muslimbr\u00fcder verbreiteten Boykottaufrufe, in Teilen der islamischen Welt kam es zu Protesten gegen Frankreich. Ausgerechnet gegen das Land, das gerade zum Opfer einer m\u00f6rderischen Tat von Islamisten geworden war.<\/p>\n<h3>Erdo\u011fan hat ein zynisches, perverses Spiel getrieben<\/h3>\n<p>Erdo\u011fan hat ein zynisches, perverses Spiel getrieben \u2013 und er ist damit zumindest indirekt mitschuldig an dem erneuten Anschlag dieser Woche in Nizza. Er hat mit seinen Angriffen das aufgeheizte Klima geschaffen, das zu der grausamen, erneuten Bluttat in der Kirche f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat sich durch diese Kontroverse und das erneute Attentat auch das gesellschaftliche Klima in Frankreich noch einmal verd\u00fcstert. Es ist ein trauriges Fazit, das man am Ende dieser Woche ziehen muss: Der islamistische Terror wirkt, er schafft es, nicht nur Angst und Schrecken zu verbreiten, sondern auch die gesellschaftliche Spaltung zu versch\u00e4rfen \u2013 und politische Kontroversen zu befeuern, die zu neuen Terrorakten f\u00fchren. Frankreich befindet sich durch den erneuten Corona-Lockdown ohnehin schon in einer depressiven Phase.<\/p>\n<p>Der islamistische Terror trifft das Land in einer besonders verwundbaren Zeit. Frankreich hat wie kein anderes europ\u00e4isches Land unter dem islamistischen Terror gelitten \u2013 und wirkt tief ersch\u00fcttert. Es verteidigt zu Recht seine Werte. Aber es stimmt \u2013 kurz vor dem Jahrestag der Bataclan-Anschl\u00e4ge \u2013 leider pessimistisch, dass der Terrorismus die Spaltungen in Frankreich weiter versch\u00e4rft. Und dass das Land darauf weder politisch noch gesellschaftlich eine Antwort findet.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Menschen gedenken vor der Kirche Notre Dame in Nizza der Opfer eines islamistischen Attent\u00e4ters Foto:\u2002Valery Hache \/ dpa Der militante Islamismus folgt einer m\u00f6rderischen und menschenverachtenden Ideologie. 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