{"id":3445,"date":"2020-10-26T14:22:35","date_gmt":"2020-10-26T11:22:35","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/thomas-oppermann-nachruf-der-bassist\/"},"modified":"2020-10-26T14:22:35","modified_gmt":"2020-10-26T11:22:35","slug":"thomas-oppermann-nachruf-der-bassist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/thomas-oppermann-nachruf-der-bassist\/","title":{"rendered":"Thomas Oppermann &#8211; Nachruf: Der Bassist"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/8f069e67-1351-48be-a75c-5885470dfb23_w948_r1.77_fpx50_fpy38.jpg\" title=\"Thomas Oppermann (1954 - 2020)\" alt=\"Thomas Oppermann (1954 - 2020)\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Thomas Oppermann (1954 &#8211; 2020)<\/p>\n<p>  Foto:\u2002<\/p>\n<p>Thomas Trutschel \/ photothek.net \/ imago images<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wenn Thomas Oppermann eine Pointe setzen wollte, wusste man das meist schon kurz vorher. Er hielt dann kurz inne, r\u00e4usperte sich kr\u00e4ftig, und es war klar: Jetzt kommt wieder irgendwas, ein kleiner Gag, ein Seitenhieb auf den politischen Gegner. Meistens sa\u00df die Pointe.<\/p>\n<p>Es gab eine Zeit, in der Thomas Oppermann sich besonders oft ger\u00e4uspert hat. Er war damals, vor der Bundestagswahl 2013, Erster Parlamentarischer Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der SPD-Bundestagsfraktion, in Sitzungswochen veranstaltete er Pressegespr\u00e4che, sogenannte Hintergrundrunden, es gab R\u00fchrei mit Krabben, aber nicht nur deshalb kam man gern. Die Attraktion dieser Gespr\u00e4che war mehr und mehr Oppermann selbst. Eigentlich sollte es vor allem um die Tagesordnung der bevorstehenden Plenarsitzung gehen, doch Oppermann hielt sich mit der trockenen Materie nicht l\u00e4nger auf als unbedingt notwendig. Stattdessen machte er aus der Runde zeitweise eine Art politischer Stand-up-Comedy.<\/p>\n<h3>Traum vom Ministeramt erf\u00fcllte sich nicht<\/h3>\n<p>Er genoss es, wenn die Medienvertreter immer wieder lachen mussten, er bereitete seine Pointen offensichtlich gr\u00fcndlich vor, und von Mal zu Mal steigerte er die Dichte der Gags. Es war, auch wenn er dann manchmal \u00fcbers Ziel hinausschoss, immer unterhaltsam, ein Pflichttermin im politischen Berlin. Unter seinen Nachfolgern hielt dann wieder der Charme der Tagesordnung Einzug. Unterhaltsam ist in diesen Runden seither nichts mehr.<\/p>\n<p>Nach seinen Jahren als Parlamentarischer Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer f\u00fchrte Oppermann als Vorsitzender die SPD-Bundestagsfraktion, nach der Wahl 2017 wurde er Vizepr\u00e4sident des Bundestags. Der Sozialdemokrat w\u00e4re immer gern Minister geworden, aber sein gro\u00dfer Traum erf\u00fcllte sich nicht, jedenfalls nicht auf der Bundesebene. Stattdessen blieb Oppermann in der Politik das, was in einer Rockband der Bassist ist: Fotografiert werden meist die anderen. Aber wenn der Bassist fehlt, geht nichts mehr.<\/p>\n<p>Bassisten sind oft ein bisschen eigenbr\u00f6tlerisch, ihnen h\u00e4ngt ein \u00e4hnlicher Ruf an wie den Torh\u00fctern im Fu\u00dfball. Meist dr\u00e4ngt es sie aber auch nicht ganz nach vorn auf der B\u00fchne. Oppermann war nie so, er wollte ganz nach vorn. Er war ein Bassist, ohne das Gem\u00fct eines Bassisten zu haben. Vielleicht war das die kleine Tragik in seiner ansonsten gro\u00dfen politischen Karriere.<\/p>\n<p>Oppermanns Aufstieg in die erste Reihe der deutschen Politik war auch das Ergebnis sozialdemokratischer Bildungspolitik. Sein Vater war Molkereimeister, die Mutter erzog die vier Kinder. In der Schule blieb Oppermann zweimal sitzen, machte aber, anders als seine Geschwister, das Abitur. Er fing an, Germanistik und Anglistik zu studieren, brach ab und begann ein Jurastudium in G\u00f6ttingen. Er war Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung, nebenher arbeitete er als Nachtw\u00e4chter und Bauarbeiter.<\/p>\n<p>Politisch ging es schnell nach oben. 1990 zog Oppermann in den nieders\u00e4chsischen Landtag ein, 1998 wurde er j\u00fcngster Minister im Landeskabinett von Gerhard Schr\u00f6der, verantwortete das Ressort f\u00fcr Wissenschaft und Kultur. Als Schr\u00f6ders Nachfolger Gerhard Glogowski Ende 1999 zur\u00fccktreten musste, geh\u00f6rte Oppermann zu den jungen Wilden, die ihm gern als Ministerpr\u00e4sident nachgefolgt w\u00e4ren. Doch das Rennen machte ein anderer, noch etwas wilderer Junger: Sigmar Gabriel. Es war die erste Gelegenheit, bei der Oppermann der Sprung ins ganz gro\u00dfe Rampenlicht verwehrt blieb.<\/p>\n<h3>Harter Verhandler und politischer Stratege<\/h3>\n<p>Daf\u00fcr gelang ihm etwas, woran viele Politiker scheitern, die es in der Landespolitik zu etwas gebracht haben: eine zweite Karriere in Berlin, auf der Bundesebene. Bei der Bundestagswahl 2005 holte er f\u00fcr die SPD das Direktmandat in G\u00f6ttingen. Schnell erarbeitete er sich im Bundestag einen Ruf als harter Verhandler und politischer Stratege. Im Geheimdienst-Untersuchungsausschuss verteidigte er den damaligen Au\u00dfenminister Frank-Walter Steinmeier. 2013, bei der Neuauflage der Gro\u00dfen Koalition, galt er als sicherer Anw\u00e4rter auf einen Ministerposten. Aus Proporzgr\u00fcnden wurde daraus nichts, es gab schlicht zu viele M\u00e4nner aus Niedersachsen. Wieder stand ihm Sigmar Gabriel im Weg, damals Parteichef. Oppermann wurde Fraktionschef, obwohl er eigentlich gar nicht wollte.<\/p>\n<p>Den Drang nach ganz vorn hatte er offenbar schon immer. Als Oppermann 2014 in G\u00f6ttingen seinen 60. Geburtstag feierte, hielt dort ein alter Freund aus Studientagen eine Rede. Er war Mitglied einer Wandergruppe, mit der Oppermann, ein leidenschaftlicher Wanderer, schon vor Jahrzehnten unterwegs gewesen war, und er berichtete, wie es gewesen sei, mit dem Thomas Fu\u00dfball zu spielen: Da habe er gern mal den gut platzierten Mitspieler \u00fcbersehen und lieber selbst aufs Tor geschossen. Beim Wandern habe er stets den leichtesten Rucksack gehabt, aber am lautesten \u00fcber das schwere Gep\u00e4ck lamentiert. Irgendwann packten die Freunde ihm genervt einen dicken Stein in den Rucksack.<\/p>\n<p>Oppermann korrigierte damals: Das mit dem leichten Rucksack stimme zwar (er packe &quot;intelligenter&quot; als andere), aber lamentiert habe er nicht &#8211; sondern sich nur dar\u00fcber beklagt, dass die anderen seinem Tempo nicht folgen konnten. Daher die Idee mit dem Stein.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter lud er einmal im Jahr Journalisten zur Wanderung auf den Brocken. Er wollte so die Sch\u00f6nheit seiner Heimat pr\u00e4sentieren, aber nat\u00fcrlich immer auch verdeutlichen, wie schnell er f\u00fcr sein Alter war, wie fit und kernig. In T-Shirt und Laufschuhen marschierte Oppermann vorneweg, es gab Kollegen, die hatten ihre Probleme mitzuhalten. Oben auf der H\u00fctte gab es einen Schnaps.<\/p>\n<p>Oppermann hatte seine Freude daran, sich mit dem politischen Gegner anzulegen, nicht einmal Bundespr\u00e4sidenten waren vor ihm sicher. Als Horst K\u00f6hler 2010 dar\u00fcber philosophiert hatte, Deutschlands Wirtschaftsinteressen auch milit\u00e4risch abzusichern, giftete Oppermann: &quot;Wir wollen keine Wirtschaftskriege.&quot; Nur Tage sp\u00e4ter trat K\u00f6hler als Bundespr\u00e4sident zur\u00fcck. <\/p>\n<h3>Reizfigur f\u00fcr die Parteilinken<\/h3>\n<p>Der Nachteil seiner Angriffslust war, dass kaum jemand Mitleid mit Oppermann hatte, wenn er selbst in Schwierigkeiten geriet. Die Kinderpornografie-Aff\u00e4re um den Innenexperten Sebastian Edathy kostete Oppermann fast den Job. Den Verdacht, er habe sich damals vom Bundeskriminalamt Insiderinfos besorgt und Edathy vor staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gewarnt, konnte er nie wirklich ausr\u00e4umen. Nur mit M\u00fche \u00fcberstand er einen Untersuchungsausschuss.<\/p>\n<p>W\u00e4re diese Episode nicht gewesen, w\u00e4re Oppermanns Name in den sozialdemokratischen Personaldebatten der vergangenen Jahre unter Garantie irgendwann gefallen. Vor allem als Kanzlerkandidat w\u00e4re er ohne diesen Ballast eine denkbare Wahl gewesen.<\/p>\n<p>Oppermann, Vater von vier Kindern, sah stets j\u00fcnger und frischer aus, als er war, er konnte mit Kameras spielen, und er konnte im direkten Gespr\u00e4ch sehr charmant sein. Vor allem aber stand er f\u00fcr eine Sozialdemokratie, die noch auf Mehrheiten zielte: nie ideologisch, im Zweifel immer pragmatisch. Oppermann f\u00fchlte sich den eher konservativen Seeheimern in der SPD zugeh\u00f6rig, auch bei den pragmatischen Netzwerkern schaute er gern mal vorbei. F\u00fcr die Linken in der Partei war er eine Reizfigur, doch auch sie respektierten ihn daf\u00fcr, dass er das politische Handwerk beherrschte wie kaum jemand.<\/p>\n<p>Zuletzt, in der Coronakrise, stritt Oppermann vor allem daf\u00fcr, dem Bundestag wieder mehr Einfluss zu verschaffen. Ausgerechnet er, der so gern einmal im Kabinett gesessen und wohl auch einen hervorragenden Regierungspolitiker abgegeben h\u00e4tte, war \u00fcber die Jahre und durch die F\u00fcgungen des Lebens zu einem leidenschaftlichen Parlamentarier geworden.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re so eine Pointe gewesen, wie sie Thomas Oppermann gefallen h\u00e4tte. Kurz vorher h\u00e4tte er sich noch mal kr\u00e4ftig ger\u00e4uspert.<\/p>\n<p>Am Sonntag ist der Sozialdemokrat im Alter von 66 Jahren gestorben.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Thomas Oppermann (1954 &#8211; 2020) Foto:\u2002 Thomas Trutschel \/ photothek.net \/ imago images Wenn Thomas Oppermann eine Pointe setzen wollte, wusste man das meist schon kurz vorher. Er<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3446,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3445","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3445","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3445"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3445\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3446"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3445"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3445"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3445"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}