{"id":3418,"date":"2020-10-25T08:36:18","date_gmt":"2020-10-25T05:36:18","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/chile-junge-chilenen-protestieren-und-kampfen-fur-ein-neues-land\/"},"modified":"2020-10-25T08:36:18","modified_gmt":"2020-10-25T05:36:18","slug":"chile-junge-chilenen-protestieren-und-kampfen-fur-ein-neues-land","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/chile-junge-chilenen-protestieren-und-kampfen-fur-ein-neues-land\/","title":{"rendered":"Chile: Junge Chilenen protestieren und k\u00e4mpfen f\u00fcr ein neues Land"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/99f26de3-5288-4cf5-9c24-e000834cd962_w948_r1.77_fpx33.95_fpy49.99.jpg\" title=\"Viele junge Chilenen fordern eine neue Verfassung\" alt=\"Viele junge Chilenen fordern eine neue Verfassung\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Viele junge Chilenen fordern eine neue Verfassung<\/p>\n<p>  Foto:\u2002MARTIN BERNETTI \/ AFP  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Auf dem Weg zu einem neuen Land haben Tausende Chilenen brutale Verletzungen in Folge von Polizeigewalt davongetragen, manche haben ihre Augen verloren, einige sogar ihr Leben. Seit Beginn der Massenproteste vor einem Jahr, die durch die Fahrpreiserh\u00f6hungen der U-Bahn in Santiago ausgel\u00f6st wurden, fordern Hunderttausende mehr soziale Gleichheit, politische und wirtschaftliche Reformen.<\/p>\n<p>Nun steht das Land vor einem historischen Umbruch: Am Sonntag stimmen die Chilenen \u00fcber eine Reform der Verfassung ab. Die aktuelle gilt noch als Erbe der Pinochet-Diktatur. Die B\u00fcrger entscheiden in einem Referendum, ob die Verfassung neu geschrieben werden soll, und von wem &#8211; durch eine B\u00fcrgerversammlung oder durch ein gemischtes Konvent aus Parlamentariern und B\u00fcrgern. Prognosen zufolge wollen mehr als zwei Drittel der Chilenen eine Reform.<\/p>\n<p>Der Reform-Prozess wird landesweit von Kundgebungen begleitet: Am Jahrestag der Massenproteste am vergangenen Wochenende sind allein in der Hauptstadt Santiago wieder Zehntausende Menschen auf die Stra\u00dfe gegangen, bereits zuvor waren immer wieder kleinere Proteste trotz Lockdown aufgeflammt.<\/p>\n<p>Hier berichten junge Chilenen, warum sie sich der Protestbewegung angeschlossen haben, was sich \u00e4ndern muss &#8211; und wie sie sich f\u00fcr den Wandel engagieren.<\/p>\n<h3>B\u00e1rbara Bel\u00e9n Brito Carrasco, 30: &quot;Wir brauchen eine Gesellschaft, die nicht nach der Logik der Reichen funktioniert&quot;<\/h3>\n<p>&quot;Die Proteste am Jahrestag vor einer Woche waren beeindruckend. Wir waren mehr als 10.000 Menschen, die von morgens bis abends in Santiago protestiert haben &#8211; die gr\u00f6\u00dften Demonstrationen seit dem Ausbruch der Pandemie. Wir fordern eine gerechtere Gesellschaft.<\/p>\n<p>An der Schule, an der ich unterrichte, sehe ich zum Beispiel jeden Tag, wie prek\u00e4r das \u00f6ffentliche Bildungssystem ist. An staatlichen Schulen ist es manchmal so kalt, dass sich die Sch\u00fcler nicht konzentrieren k\u00f6nnen oder es regnet in die Klassenr\u00e4ume hinein. Oft sitzen 50 Sch\u00fcler in einem Raum, sodass es unm\u00f6glich ist, kreativere Lehrmethoden auszuprobieren und wir k\u00f6nnen uns auch nicht um die psychischen Probleme einzelner Kindern k\u00fcmmern, die unter Armut, h\u00e4uslicher Gewalt oder Hunger leiden. Je mehr du zahlst, desto bessere Privatschulen kannst du dagegen besuchen.<\/p>\n<p>In den vergangenen Jahren haben wir von den verschiedenen Regierungen auf Proteste nie eine Antwort bekommen, sondern nur Repression. Wir brauchen eine Gesellschaft, die nicht wieder nach der Logik der Reichen, der Unternehmer und der alten Parteien funktioniert &#8211; deswegen sollten es auch keine Vertreter etablierter Parteien sein, die den Prozess zu einer neuen Verfassung bestimmen.<\/p>\n<p>Ich will, dass Pr\u00e4sident Sebasti\u00e1n Pi\u00f1era nach all den Menschenrechtsverletzungen zur\u00fccktritt; und wir lancieren gerade das &quot;Comando por una Asamblea Constituyente Libre y Soberana&quot; &#8211; eine Kampagne f\u00fcr eine wirklich unabh\u00e4ngige verfassungsgebende Versammlung, bei der auch Arbeiter, \u00e4rmere Menschen, Frauen und Indigene Entscheidungsmacht haben.&quot;<\/p>\n<h3>Alexander Vergara, 32, Musiker und Filmemacher: &quot;Ich habe so viel Gewalt gesehen, auch Tote&quot;<\/h3>\n<p>&quot;Ich habe mich bei den Massenprotesten von hinten nach vorne gearbeitet: Erst habe ich Autos umgeleitet, ich habe geholfen, Verletzte wegzutragen, irgendwann stand ich mit armen Menschen, aber auch mit Anw\u00e4lten in der ersten Reihe, um die Protestierenden von der Milit\u00e4rpolizei abzuschirmen.<\/p>\n<p>Ich habe so viel Gewalt gesehen, auch Tote. Ich war fast jeden Tag voller Blut. Als ich einmal eine Barrikade gebaut habe, hat ein Polizist mit einem Schlagstock auf mich eingepr\u00fcgelt und mir zwei Rippen gebrochen. Der Staat k\u00e4mpft brutal, weil er gemerkt hat, dass er viel zu verlieren hat.<\/p>\n<p>Die chilenische Milit\u00e4rpolizei ist in der Diktatur entstanden und setzt immer noch auf Strategien aus dieser Zeit: einfach zuschlagen. Ich habe als Sch\u00fcler angefangen f\u00fcr eine gerechtere Gesellschaft zu protestieren und wei\u00df: Sie pr\u00fcgeln auch auf Minderj\u00e4hrige ein. Sie wissen nicht, was Menschenrechtsverletzungen sind &#8211; Menschen nackt auszuziehen, zu foltern, das ist in Chile Standard.<\/p>\n<p>Die Sicherheitskr\u00e4fte leben in einer Parallelgesellschaft mit eigenen Renten, eigenen Krankenh\u00e4usern und Schulen; dort herrscht noch Kalte-Krieg-Mentalit\u00e4t. Sie halten Menschen, die demonstrieren gehen, f\u00fcr Kommunisten, die man bek\u00e4mpfen muss.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen die Milit\u00e4rpolizei komplett aufl\u00f6sen und eine neue nationale Polizei schaffen, die keine milit\u00e4rischen Strukturen hat und die zivil kontrolliert wird. Wir brauchen weniger Waffen und mehr Bildung: Auch Polizisten m\u00fcssen besser ausgebildet werden &#8211; wer die Gesetze sch\u00fctzen soll, muss sie auch kennen.<\/p>\n<p>Sonntag ist f\u00fcr mich der wichtigste Tag in der modernen Geschichte von Chile: Wir versuchen unsere eigene Verfassung zu schreiben und es f\u00fchlt sich gerade so an, als ob wir gewinnen werden. Ich funktioniere langsam wieder, aber ich kann keine Gewalt ertragen. Ich hatte monatelang Albtr\u00e4ume. Derzeit mobilisiere ich auch andere, w\u00e4hlen zu gehen und schneide Clips f\u00fcr soziale Netzwerke, die \u00fcber die Verfassungsreform informieren.<\/p>\n<p>Wenn wir es schaffen, in den n\u00e4chsten zwei Jahren eine neue Verfassung und eine Sozialdemokratie zu etablieren, dann werden Polizisten hoffentlich in Zukunft dazu da sein, Demonstrationen zu begleiten &#8211; und nicht, um sie zu zerschlagen.&quot;<\/p>\n<h3>Alex Dixon Fajardo, 25, Student: &quot;Viele wissen nicht, wie sie \u00fcberleben sollen&quot;<\/h3>\n<p>&quot;Ich lebe in Valparaiso und habe im vergangenen Oktober beobachtet, wie die Protestwelle die Hauptstadt Santiago \u00fcberrollt hat, sich nicht nur immer mehr Studenten, sondern auch Arbeiter und Familien der Bewegung angeschlossen haben. Meine Freunde und ich wollten die Proteste auch nach Valparaiso bringen und so sind wir alle spontan auf die Stra\u00dfe gegangen. Es war aufregend und sch\u00f6n &#8211; und der Moment, in dem wir endlich geh\u00f6rt wurden.<\/p>\n<p>Viele Menschen in Chile sind frustriert, wie die Regierung das Land f\u00fchrt. In Valparaiso zerfallen historische Geb\u00e4ude, viele Studenten landesweit sind mit hohen Studienkrediten verschuldet. Die Kluft zwischen den B\u00fcrgern und der politischen Elite ist extrem. Sie sind v\u00f6llig von der Realit\u00e4t abgekoppelt, ihnen fehlt Empathie. Die Politiker wussten zum Beispiel genau, dass die Menschen nichts mehr zu essen haben, wenn sie nicht arbeiten gehen d\u00fcrfen &#8211; trotzdem gab es keine finanzielle Unterst\u00fctzung w\u00e4hrend des Lockdowns.<\/p>\n<p>In der Pandemie ist die Armut noch sichtbarer geworden. Viele haben ihre Arbeit verloren oder sie arbeiten im informellen Sektor und wissen nicht, wie sie \u00fcberleben sollen. Ich bin in der Kirche aktiv und wir haben eine <em>olla com\u00fan<\/em>, eine Gemeinschaftsk\u00fcche organisiert, um den Hunger ein bisschen zu lindern &#8211; seit Juni verteilen wir Mittagessen an 70 Familien.<\/p>\n<p>Gerade gehe ich wegen Corona nicht zu Protesten. Ich will meine Familie nicht gef\u00e4hrden und ich darf auch nicht krank werden, weil ich am Sonntag unbedingt abstimmen will. Eine neue Verfassung w\u00e4re ein Fortschritt und w\u00fcrde die Wut der Leute etwas lindern &#8211; aber sie ist nur ein Anfang.<\/p>\n<p>Auf B\u00fcrgerversammlungen haben wir vor der Pandemie diskutiert, welche politischen Ver\u00e4nderungen wir brauchen, jetzt organisieren wir Zoom-Foren. Es gibt viel Hass, Intoleranz und die Gesellschaft ist polarisiert. Ich will aber, dass wir gemeinsam vorw\u00e4rtskommen, obwohl wir unterschiedlich denken.&quot;<\/p>\n<h3>Valentina Pinera, 32, Geografin: &quot;Wir brauchen St\u00e4dte f\u00fcr alle&quot;<\/h3>\n<p>&quot;Bei den kleinen und gr\u00f6\u00dferen Protesten, die gerade fast jeden Tag stattfinden, kann man sp\u00fcren, wie m\u00fcde, aber auch wie w\u00fctend die Menschen sind. Das neoliberale Wirtschaftsmodell, das in der Diktatur etabliert wurde, hat die Ungleichheit versch\u00e4rft und nicht nur zu extremer Armut, sondern auch zu einer miserablen Lebensqualit\u00e4t f\u00fcr die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Wir brauchen das Recht auf ein menschenw\u00fcrdiges Leben f\u00fcr alle, bisher stehen Wirtschaftsinteressen an erster Stelle. In Chile sind alle Sektoren, die eigentlich \u00f6ffentlich sein sollten, privatisiert worden &#8211; von Gesundheit und Bildung, bis hin zum Wasser.<\/p>\n<p>Konzerne beuten die Umwelt brutal aus und zerst\u00f6ren sensible \u00d6kosysteme, etwa durch Minen, Abholzung, Industrieabf\u00e4lle oder Lachsfarmen. Unsere Eisberge, die als Wasservorr\u00e4te wichtig sind, schmelzen in Folge von Ausbeutung und des Klimawandels ab. Chile besitzt auch einige St\u00e4dte mit der h\u00f6chsten Luftverschmutzung weltweit.<\/p>\n<p>Ich engagiere mich in sozialen Organisationen wie &quot;Ciudad Feminista&quot;, eine Initiative, die sich f\u00fcr Stadtentwicklung und Umweltpolitik mit einer feministischen Perspektive einsetzt. Es ist wichtig, dass unsere Ressourcen wieder zu Gemeingut werden &#8211; und wir brauchen St\u00e4dte f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>Die asymmetrischen Machtverh\u00e4ltnisse spiegeln sich in St\u00e4dten wie Santiago wider: Die St\u00e4dteplanung konzentriert sich vor allem auf Wirtschaftst\u00e4tigkeiten wie Produktion und Konsum, es gibt aber nicht genug Freizeitangebote. \u00c4rmere Viertel haben eine schlechtere Ausstattung und kaum B\u00e4ume, die wohlhabenderen Viertel haben einen direkten Zugang zu Gr\u00fcnanlagen. Santiago ist auf Autos ausgerichtet und nicht auf Fu\u00dfg\u00e4nger oder Fahrradfahrer.<\/p>\n<p>Wir brauchen auch Strategien, damit Frauen und M\u00e4dchen sich sicherer f\u00fchlen. Sie sind sexuellen \u00dcbergriffen ausgesetzt, und wenn wir nicht dar\u00fcber nachdenken, wie eine Stadt f\u00fcr alle aussehen muss, entstehen dunkle Stra\u00dfen, blinde Flecken oder menschenleere Orte, die gef\u00e4hrlich sind. Ich hoffe, dass das Plebiszit am Sonntag die Bev\u00f6lkerung nicht einschl\u00e4fert, sondern neue Proteste mobilisiert &#8211; damit wir alle unsere Forderungen durchsetzen k\u00f6nnen.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Viele junge Chilenen fordern eine neue Verfassung Foto:\u2002MARTIN BERNETTI \/ AFP Auf dem Weg zu einem neuen Land haben Tausende Chilenen brutale Verletzungen in Folge von Polizeigewalt davongetragen,<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3419,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3418","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3418","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3418"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3418\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3419"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3418"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3418"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3418"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}