{"id":3408,"date":"2020-10-24T21:58:57","date_gmt":"2020-10-24T18:58:57","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/verfassungsreferendum-in-chile-sie-applaudierten-weil-die-herrschende-klasse-verletzt-wurde\/"},"modified":"2020-10-24T21:58:57","modified_gmt":"2020-10-24T18:58:57","slug":"verfassungsreferendum-in-chile-sie-applaudierten-weil-die-herrschende-klasse-verletzt-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/verfassungsreferendum-in-chile-sie-applaudierten-weil-die-herrschende-klasse-verletzt-wurde\/","title":{"rendered":"Verfassungsreferendum in Chile: &#8220;Sie applaudierten, weil die herrschende Klasse verletzt wurde&#8221;"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/652f1c96-7c17-47b6-bd6c-b5a623d8799e_w948_r1.77_fpx58_fpy55.01.jpg\" title=\"Jubelnder Demonstrant vor brennender Kirche Iglesia de la Asunci\u00f3n in Santiago de Chile am vergangenen Sonntag: &quot;Rache f\u00fcr die Polizeigewalt&quot;\" alt=\"Jubelnder Demonstrant vor brennender Kirche Iglesia de la Asunci\u00f3n in Santiago de Chile am vergangenen Sonntag: &quot;Rache f\u00fcr die Polizeigewalt&quot;\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Jubelnder Demonstrant vor brennender Kirche Iglesia de la Asunci\u00f3n in Santiago de Chile am vergangenen Sonntag: &quot;Rache f\u00fcr die Polizeigewalt&quot;<\/p>\n<p>  Foto:\u2002CLAUDIO REYES \/ AFP  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Als am vergangenen Sonntag mehrere junge Leute die Kirche San Francisco de Borja im Zentrum von Santiago de Chile in Brand steckten, jubelten die Demonstranten, die sich vor dem Geb\u00e4ude versammelt hatten. Sie tanzten auf der Stra\u00dfe, so wie sie es ein paar Stunden zuvor getan hatten, als das nahe Gotteshaus Iglesia de la Asunci\u00f3n Feuer fing &#8211; auch sie ein Opfer mutwilliger Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Die Bilder aus Santiago gingen um die Welt. Sie waren umso schockierender, weil sie an die brennende Kathedrale von Notre Dame vor einem Jahr erinnerten &#8211; und weil der Kontrast zu der Trag\u00f6die in Frankreich kaum gr\u00f6\u00dfer sein konnte: In Paris weinten die Menschen, die sich in der N\u00e4he des lichterloh brennenden Nationalsymbols versammelt hatten. In Santiago applaudierten die Demonstranten und tanzten auf der Stra\u00dfe, als der brennende Turm der Iglesia de la Asunci\u00f3n einst\u00fcrzte.<\/p>\n<h3>Es g\u00e4rt seit Jahren in dem Land, einer der ungleichsten Nationen Lateinamerikas<\/h3>\n<p>Es war ein gezielter Tabubruch, der die Illusion von Chile als einem konservativen und gottesf\u00fcrchtigen Land zerst\u00f6rte. Denn es g\u00e4rt seit Jahren in dem Land, einer der ungleichsten Nationen Lateinamerikas.<\/p>\n<p>Vor einem Jahr manifestierte sich die Unzufriedenheit in Massendemonstrationen. Was als Protest gegen eine Erh\u00f6hung der Fahrpreise f\u00fcr Busse und U-Bahn in Santiago begann, wuchs rasch zu einem Aufstand gegen das wirtschaftliche und politische Establishment heran, das das Land seit dem Ende der Pinochet-Diktatur vor drei\u00dfig Jahren regiert.<\/p>\n<p>&quot;Um es mit brutaler Klarheit zu sagen: Die Demonstranten haben die Zerst\u00f6rung der Kirchen genossen, weil es dem Establishment weh tat&quot;, sagt Marta Lagos, Leiterin des Umfrageinstituts Latinobar\u00f3metro in Santiago. &quot;Sie applaudierten, weil die herrschende Klasse verletzt wurde. Es war ein Symbol.&quot;<\/p>\n<h3><strong>&quot;Mit dem Plebiszit kehrt Ruhe ein&quot;<\/strong><\/h3>\n<p>Die Meinungsforscherin glaubt aber auch, dass die Anspannung auf den Stra\u00dfen ab Sonntag abebben wird: An diesem Tag stimmen die Chilenen ab, ob sie der Nation eine neue Verfassung geben und wie diese ausgearbeitet werden soll. Lagos sagt: &quot;Wenn die Bef\u00fcrworter siegen, wie Umfragen vorhersagen, kehrt Ruhe ein.&quot;  <\/p>\n<p>Das Plebiszit markiert einen Epochenbruch: Wenn sich eine Mehrheit f\u00fcr eine neue Verfassung ausspricht, w\u00fcrde damit das letzte und hartn\u00e4ckigste Erbe der Pinochet-Diktatur beerdigt. Die aktuelle Magna Charta wurde 1980 von einer Kommission ohne demokratische Legitimation ausgearbeitet; sie zementierte viele der Regeln und Gesetze, gegen die vor allem junge Leute heute auf die Stra\u00dfe gehen.<\/p>\n<p>&quot;Erst als die Demonstranten vor einem Jahr drohten, Santiago zu zerst\u00f6ren, setzten sich Regierung und Opposition an einen Tisch und machten den Weg f\u00fcr eine neue Verfassung frei&quot;, sagt Lagos.<\/p>\n<p>Seit dem Ende der Diktatur ist Chile in den H\u00e4nden zweier politischer Gruppierungen: Dem Mitte-Links-B\u00fcndnis Concertaci\u00f3n und der Rechten, die von zwei Parteien vertreten wird und in dem gegenw\u00e4rtigen Pr\u00e4sidenten Sebasti\u00e1n Pi\u00f1era, einem Unternehmer und Milliard\u00e4r, ihren bekanntesten Vertreter hat. &quot;80 Prozent der Bev\u00f6lkerung sieht sich von keiner der Parteien repr\u00e4sentiert&quot;, sagt Lagos. &quot;Das sind die Leute, die auf die Stra\u00dfe gehen.&quot;<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Menschen bedeutet das Plebiszit einen gro\u00dfen Erfolg: Es weist einen demokratischen Ausweg aus dem Korsett der Pinochet-Verfassung. Die Magna Charta verhindert die Modernisierung von Staat und Gesellschaft: F\u00fcr \u00c4nderungen des Rentensystems, der staatlichen Krankenversorgung, der Bildung und der Arbeitsgesetzgebung sind qualifizierte Mehrheiten von zwei Drittel, f\u00fcnf Siebtel oder vier F\u00fcnftel n\u00f6tig, die in der Praxis kaum zu erreichen sind. &quot;Die Verfassung blockiert jede \u00c4nderung der politischen Struktur&quot;, sagt Lagos. &quot;Das hat dazu gef\u00fchrt, dass die Forderungen nach einem sozialen Wandel immer lauter wurden.&quot;<\/p>\n<h3><strong>Kaum noch Corona-Beschr\u00e4nkungen in Santiago<\/strong><\/h3>\n<p>Urspr\u00fcnglich war die Volksabstimmung f\u00fcr April geplant, wegen der Corona-Pandemie wurde sie auf Oktober verschoben. Mittlerweile hat sich die Lage in Santiago entspannt, die Anzahl der Infektionen und Todesopfer ist zur\u00fcckgegangen. B\u00fcros, Gesch\u00e4fte, Restaurants und Kinos haben wieder ge\u00f6ffnet. &quot;Allm\u00e4hlich kehrt Normalit\u00e4t ein&quot;, so Lagos. Das gilt allerdings nicht f\u00fcrs Landesinnere: Im Norden und S\u00fcden stehen noch weite Regionen unter Quarant\u00e4ne.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Abstimmung am Sonntag haben die Beh\u00f6rden einen riesigen Katalog an Hygienema\u00dfnahmen erlassen, um einen erneuten Corona-Ausbruch zu verhindern. Dennoch erwarten Experten, dass die Beteiligung geringer ausf\u00e4llt als unter normalen Bedingungen. &quot;Es m\u00fcssen nicht 80 Prozent sein, aber 60 oder 65 Prozent w\u00e4ren gut&quot;, meint Lagos.<\/p>\n<p>Unterdessen r\u00e4tseln Polizei und \u00d6ffentlichkeit \u00fcber die Hintergr\u00fcnde der Brandstiftungen vom vergangenen Sonntag. Videos verschiedener Fernsehanstalten zeigen eine kleine Gruppe junger Leute, die im Inneren des Kirchenschiffs von San Borja Feuer legen.<\/p>\n<p>Lagos glaubt, dass ihre Tat eine Reaktion auf das zunehmend brutale Vorgehen der Sicherheitskr\u00e4fte ist: Vor drei Wochen st\u00fcrzte ein 16-J\u00e4hriger w\u00e4hrend einer Demonstration von einer Br\u00fccke in den Rio Mapocho in Santiago. Der Fluss f\u00fchrt kein Wasser, der Junge prallte auf das mit Zementplatten ausgelegte Flussbett und verletzte sich.<\/p>\n<p>Videos scheinen zu belegen, dass der junge Mann von den Carabineros, den Polizisten, von der Br\u00fccke gesto\u00dfen wurde. &quot;Die Brandstifter wollten sich f\u00fcr die Polizeigewalt r\u00e4chen&quot;, sagt Lagos. &quot;Sie sind schon oft durch Gewalt aufgefallen.&quot; F\u00fcr diese Hypothese spricht, dass eines der Gottesh\u00e4user speziell den Sicherheitskr\u00e4ften gewidmet war: Die Kirche San Borja hei\u00dft auch &quot;Kapelle der Carabineros&quot;.       <\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Jubelnder Demonstrant vor brennender Kirche Iglesia de la Asunci\u00f3n in Santiago de Chile am vergangenen Sonntag: &quot;Rache f\u00fcr die Polizeigewalt&quot; Foto:\u2002CLAUDIO REYES \/ AFP Als am vergangenen Sonntag<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3409,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3408","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3408","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3408"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3408\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3409"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3408"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3408"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3408"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}