{"id":3345,"date":"2020-10-22T00:00:46","date_gmt":"2020-10-21T21:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/polizeigewalt-in-lateinamerika-todliche-corona-kontrollen\/"},"modified":"2020-10-22T00:00:46","modified_gmt":"2020-10-21T21:00:46","slug":"polizeigewalt-in-lateinamerika-todliche-corona-kontrollen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/polizeigewalt-in-lateinamerika-todliche-corona-kontrollen\/","title":{"rendered":"Polizeigewalt in Lateinamerika: T\u00f6dliche Corona-Kontrollen"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/dc05dea6-6477-4395-81a6-b0731a51c29f_w948_r1.77_fpx61.31_fpy49.99.jpg\" title=\"El Salvadors Pr\u00e4sident geht brutal gegen Gangs vor - und mutma\u00dfliche Kriminelle\" alt=\"El Salvadors Pr\u00e4sident geht brutal gegen Gangs vor - und mutma\u00dfliche Kriminelle\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">El Salvadors Pr\u00e4sident geht brutal gegen Gangs vor &#8211; und mutma\u00dfliche Kriminelle<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Jose Cabezas \/ REUTERS  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Facundo Astudillo Castro wollte w\u00e4hrend des Lockdowns in Argentinien Ende April seine Ex-Freundin besuchen &#8211; doch die Polizei fing ihn auf dem Weg ab, weil er damit gegen die Ausgangssperre verstie\u00df. Auf dem letzten Foto, das den 22-J\u00e4hrigen lebend zeigt, steht er wie eine Troph\u00e4e vor einem Polizeiauto, neben ihm posiert ein Polizist.<\/p>\n<p>Danach fehlte monatelang jede Spur von Facundo. Als er schlie\u00dflich Mitte August, mehr als hundert Tage sp\u00e4ter, in der N\u00e4he eines Kanals gefunden wurde, war er kaum zu erkennen; sein Leichnam war skelettiert, K\u00f6rperteile fehlten.<\/p>\n<p>Seine Mutter Cristina Castro k\u00e4mpft nun f\u00fcr die Aufkl\u00e4rung der Todesumst\u00e4nde &#8211; sie will, dass die mutma\u00dflich verantwortlichen Polizisten zur Rechenschaft gezogen werden. &quot;Es gibt angesichts der Beweise keinen Zweifel, dass es sich um gewaltsames Verschwindenlassen mit Todesfolge oder Mord handelt&quot;, sagt ihr Anwalt Luciano Peretto dem SPIEGEL.<\/p>\n<p>Forensikern zufolge ist Facundo erstickt. Der Sicherheitsminister der Provinz Buenos Aires h\u00e4lt an einem Unfall fest. Peretto zufolge sei es aber &quot;undenkbar und unhaltbar, dass Facundo an diesem Ort einen Unfall hatte oder 120 Kilometer getrampt ist, um sich in einer 20 Zentimeter tiefen Wasserlache das Leben zu nehmen&quot;.<\/p>\n<p>Auch mehrere Zeugen widersprechen den offiziellen Versionen von Polizisten. Auswertungen von beschlagnahmten Handys einiger Sicherheitskr\u00e4fte ergaben, dass sich eines 35 Minuten lang in der N\u00e4he des Leichenfundortes aufhielt. Zudem tauschten Sicherheitskr\u00e4fte kompromittierende Nachrichten aus.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Ermittlungen noch laufen, ist Facundo in Argentinien zu einem Symbol von Machtmissbrauch und Polizeigewalt in der Coronakrise geworden. Sein Gesicht prangt bei Protesten auf T-Shirts und Plakaten, als Graffiti an W\u00e4nden oder auf Fotos, die in sozialen Netzwerken Gerechtigkeit fordern.<\/p>\n<h3>Mangelnde Ausbildung als ein Grund f\u00fcr den Machtmissbrauch der Polizei<\/h3>\n<p>Auch andere L\u00e4nder in der Region betrauern ihre Facundos und gehen w\u00fctend auf die Stra\u00dfe &#8211; Polizeiskandale ersch\u00fcttern gerade ganz Lateinamerika. Willk\u00fcrliche Festnahmen und Gewaltexzesse bis hin zu Morden sind kein neues Problem, es hat sich jedoch in den vergangenen Monaten noch mal versch\u00e4rft. Um ihre fragilen Gesundheitssysteme zu sch\u00fctzen, haben viele Staaten strenge Corona-Regeln wie Ausgangssperren eingef\u00fchrt &#8211; und die Pr\u00e4senz von Polizei, aber auch Milit\u00e4r verst\u00e4rkt, um sie durchzusetzen. Dabei agieren die Patrouillen oft \u00e4u\u00dferst brutal.<\/p>\n<p>&quot;In L\u00e4ndern wie Kolumbien, Chile, Mexiko und Argentinien ist der Machtmissbrauch der Sicherheitskr\u00e4fte h\u00e4ufig auf eine Kombination aus unzul\u00e4nglichen Gesetzen, mangelnder Ausbildung und Straflosigkeit zur\u00fcckzuf\u00fchren&quot;, sagt Jos\u00e9 Miguel Vivanco, Amerika-Direktor der Menschenrechtsorganisation &quot;Human Rights Watch&quot;. &quot;Diese Probleme werden besonders deutlich, wenn ihnen weitreichende Befugnisse zur Durchsetzung von Ma\u00dfnahmen gegen Covid-19 einger\u00e4umt werden, aber auch, wenn sie bei gro\u00dfen Protesten eingesetzt werden.&quot;<\/p>\n<p>Der 43-j\u00e4hrige Anwalt Javier Ord\u00f3\u00f1ez wurde etwa im September in Kolumbien von Polizisten erwischt, als er sich mit Freunden zum Biertrinken traf &#8211; ein Versto\u00df gegen das Versammlungsverbot und das Verbot von Alkoholkonsum im \u00f6ffentlichen Raum. Ein Video dokumentiert, wie die Beamten ihn bei der Festnahme zu Boden dr\u00fccken, ihn tasern und ihm mit dem Knie die Luft abdr\u00fccken &#8211; die Szenen erinnern an den Todeskampf von George Floyd in den USA. Danach verpr\u00fcgelten die Polizisten Ord\u00f3\u00f1ez noch, er starb an einer Kopfverletzung.<\/p>\n<p>Als Demonstranten in Bogot\u00e1 und anderen St\u00e4dten daraufhin gegen die Polizeigewalt auf die Stra\u00dfe gingen, schossen Sicherheitskr\u00e4fte mit scharfer Munition auf sie &#8211; mindestens dreizehn Menschen wurden offiziellen Angaben zufolge get\u00f6tet, rund 400 verletzt.<\/p>\n<p>In Mexiko wurde der 30-j\u00e4hrige Maurer Alejandro Giovanni L\u00f3pez verhaftet, weil er gegen die im Bundesstaat Jalisco geltende Mundschutzpflicht versto\u00dfen hatte. Polizisten verhafteten ihn brutal, sie pr\u00fcgelten einem Bericht der Menschenrechtskommission von Jalisco zufolge auf ihn ein, er starb an Kopfverletzungen und hatte Prellungen am ganzen K\u00f6rper.<\/p>\n<p>Es sind aber nicht nur Faktoren wie schlechte Ausbildung und mangelnde Strafverfolgung, die der Gewalt den Weg ebnen. Sicherheitskr\u00e4fte in Lateinamerika sind vielerorts f\u00fcr urbane Konflikte wie Auseinandersetzungen mit bewaffneten Gruppen trainiert, sie behandeln Bewohner von Armenvierteln, aber auch Demonstranten oft so, als w\u00fcrden sie gegen Staatsfeinde, Mitglieder von Gangs und Kartellen oder terroristische Gruppen vorgehen &#8211; Menschenrechte spielen dabei keine Rolle.<\/p>\n<p>In Staaten wie Chile oder Argentinien sind die Sicherheitskr\u00e4fte zudem aus den Truppen von Milit\u00e4rregimes hervorgegangen, die in der Vergangenheit Zehntausende linke Oppositionelle im Staatsauftrag entf\u00fchrten, folterten und t\u00f6teten. Die Strukturen wurden bis heute nicht richtig reformiert. Berichte von Amnesty International und Uno prangern etwa Folter, sexuelle Gewalt und Morde an Demonstrierenden durch chilenische Sicherheitskr\u00e4fte w\u00e4hrend der Massenproteste im vergangenen Herbst an. Auch bei Protesten am Sonntag haben Polizisten einen jungen Mann erschossen, Anfang Oktober sollen sie zudem einen 16-J\u00e4hrigen von einer Br\u00fccke gesto\u00dfen haben.<\/p>\n<h3>Mehr Milit\u00e4r auf den Stra\u00dfen<\/h3>\n<p>Manche Regierungen ermutigen die Sicherheitskr\u00e4fte sogar, hart gegen Regelverst\u00f6\u00dfe vorzugehen. Dazu werden vielerorts Soldaten zur Verst\u00e4rkung der Polizei auf die Stra\u00dfe geschickt und milit\u00e4rische H\u00e4rte gleicht die Ohnmacht von Staaten aus, ihre B\u00fcrger auf anderen Wegen zur Einhaltung von Covid-19-Ma\u00dfnahmen zu bewegen. Nicht nur in Lateinamerika nutzen Regierungschefs zudem die Krise, um ihre Machtf\u00fclle auszubauen.<\/p>\n<p>El Salvadors Pr\u00e4sident Nayib Bukele wies die Milit\u00e4rs etwa an, durchzugreifen und notfalls &quot;Handgelenke zu verdrehen&quot;. Amnesty International zufolge haben Militarisierung und Polizeigewalt in El Salvador &quot;rasant zugenommen&quot;. Ein junger Mann wurde etwa gestoppt, als er einkaufen wollte, Sicherheitskr\u00e4fte verpr\u00fcgelten ihn und schossen ihm ins Bein.<\/p>\n<p>&quot;In L\u00e4ndern, die bereits zuvor autorit\u00e4re Tendenzen in Politik und Polizei hatten, wurden diese infolge der Pandemie nochmals verst\u00e4rkt&quot;, beobachtet der Sicherheitsexperte Edgardo Buscaglia von der New Yorker Columbia University.<\/p>\n<p>Aufgrund des Gesundheitsnotstandes h\u00e4tten Regierungen viel Entscheidungsmacht, was sich teils auch in fragw\u00fcrdigen Polizei-Operationen und Gewaltanwendung widerspiegeln w\u00fcrde &#8211; etwa in Venezuela, Chile, Peru, Brasilien oder El Salvador. Institutionelle Kontrollen w\u00fcrden fehlen, warnt Buscaglia. Die Machtkonzentration sowie der Missbrauch von \u00f6ffentlicher Gewalt k\u00f6nnten sich daher \u00fcber die Pandemie hinaus &quot;vom Ausnahmezustand zur neuen Normalit\u00e4t entwickeln&quot;. Supranationale Monitoring- und Kontrollmechanismen seien notwendig, um diesem Risiko entgegenzuwirken.<\/p>\n<h3>Schikanen im Armenviertel<\/h3>\n<p>&quot;Die Krise hat die Schw\u00e4chen sichtbar gemacht und verst\u00e4rkt&quot;, sagt auch Mariela Belski, gesch\u00e4ftsf\u00fchrende Direktorin von Amnesty International Argentina. Es fehle an Training, Transparenz und Kontrolle. Facundo ist in Argentinien kein Einzelfall &#8211; Amnesty International hat mehr als 30 F\u00e4lle dokumentiert, in denen Menschen in den vergangenen Monaten gefoltert, entf\u00fchrt oder get\u00f6tet wurden. &quot;Mit mehr Polizeipr\u00e4senz auf der Stra\u00dfe sind die Beschwerden gestiegen&quot;, so Belski.<\/p>\n<p>Die Notdekrete h\u00e4tten es den Provinzen erlaubt, eigene Corona-Regeln zu verh\u00e4ngen sowie den Spielraum f\u00fcr ihre Durchsetzung festzulegen: &quot;In einigen F\u00e4llen sind die Regeln noch strenger als in der Hauptstadt, ungenau formuliert und die Sicherheitskr\u00e4fte legen sie manchmal aus, als k\u00f6nnten sie sich alles erlauben.&quot;<\/p>\n<p>Tausende Menschen sind seit M\u00e4rz in Argentinien verhaftet worden. Handy-Videos, die Augenzeugen und teils auch Polizisten gefilmt und in soziale Netzwerke hochgeladen haben, dokumentieren, wie Sicherheitskr\u00e4fte in Armenvierteln Menschen schikanieren, die sich nicht an den Lockdown halten. Sie weisen sie etwa an, die Nationalhymne zu singen, Liegest\u00fctzen zu machen oder mit H\u00e4nden hinter dem Kopf in der Kniebeuge vorw\u00e4rtszulaufen &#8211; wie H\u00e4ftlinge.<\/p>\n<p>&quot;Die Sicherheitskr\u00e4fte sind rassistisch und diskriminierend, die Gewalt trifft meistens die Armen&quot;, sagt Belski &#8211; Menschen aus der Mittelschicht w\u00fcrden sie trotz Verst\u00f6\u00dfen nicht so behandeln. &quot;In Armenvierteln nehmen sie jeden fest, den sie auf der Stra\u00dfe antreffen, sie treten autorit\u00e4r auf und oft enden solche Situationen in Entf\u00fchrungen oder Morden.&quot;<\/p>\n<p>Auch Facundo kommt aus einer \u00e4rmeren Familie, seine Mutter hat Schwierigkeiten mit der Rechtschreibung, er war Fan des lokalen Fu\u00dfballklubs &quot;Boca Juniors&quot;, den Underdogs, die die Arbeiterviertel repr\u00e4sentieren. Belski hofft auf Justiz f\u00fcr Facundos Familie, doch sie ist skeptisch: &quot;In Argentinien dauern solche F\u00e4lle oft Jahre, bis sie abgeschlossen sind&quot;, wei\u00df sie. Oft h\u00e4tten die Gerichte auch Angst vor Repressalien durch die Polizei oder schlicht keinen Willen, solche Vergehen zu bestrafen.<\/p>\n<p>&quot;Es gibt genug Beweise, jetzt m\u00fcssten Verantwortliche benannt und vor Gericht gebracht werden&quot;, sagt Anwalt Peretto. Facundos Mutter will die T\u00e4ter vor Gericht sehen, auch wenn sie wei\u00df, dass ihr Sohn dadurch nicht zur\u00fcckkommen wird. Sie k\u00e4mpfe aber nicht nur f\u00fcr sich, sagte sie k\u00fcrzlich &#8211; sondern auch f\u00fcr andere.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern El Salvadors Pr\u00e4sident geht brutal gegen Gangs vor &#8211; und mutma\u00dfliche Kriminelle Foto:\u2002Jose Cabezas \/ REUTERS Facundo Astudillo Castro wollte w\u00e4hrend des Lockdowns in Argentinien Ende April seine<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3346,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3345","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3345","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3345"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3345\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3346"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3345"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3345"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3345"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}