{"id":3309,"date":"2020-10-20T07:56:00","date_gmt":"2020-10-20T04:56:00","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/belgien-der-corona-kontrollverlust\/"},"modified":"2020-10-20T07:56:00","modified_gmt":"2020-10-20T04:56:00","slug":"belgien-der-corona-kontrollverlust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/belgien-der-corona-kontrollverlust\/","title":{"rendered":"Belgien: der Corona-Kontrollverlust"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/d0568075-043b-4fe1-aed7-cc6a217968ed_w948_r1.77_fpx45.33_fpy50.jpg\" title=\"Belgiens Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke\" alt=\"Belgiens Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Belgiens Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke<\/p>\n<p>  Foto:\u2002STEPHANIE LECOCQ\/POOL\/EPA-EFE\/Shutterstock  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Belgiens neuer Gesundheitsminister versuchte gar nicht erst, die Lage sch\u00f6nzureden. &quot;Wir sind wirklich sehr nahe an einem Tsunami&quot;, sagte Frank Vandenbroucke. &quot;Wir haben keine Kontrolle dar\u00fcber, was passiert.&quot; Damit auch jeder verstand, was auf dem Spiel steht, f\u00fcgte der Mann im belgischen Fernsehsender RTL am Sonntagabend hinzu: Die Corona-Situation in Br\u00fcssel und dem s\u00fcdlichen Landesteil Wallonien sei &quot;die Gef\u00e4hrlichste in ganz Europa&quot;.  <\/p>\n<p>Ein Blick auf aktuelle Zahlen best\u00e4tigt den Befund. Im Schnitt registrierte Belgien in den vergangenen 14 Tagen 605 Corona-Infektionen auf 100.000 Einwohner, in der EU ist derzeit nur Tschechien schlimmer von der Pandemie betroffen. Laut Statistiken des belgischen Gesundheitsinstituts Sciensano stieg die Zahl der Corona-Infizierten vom 9. bis zum 15. Oktober um 79 Prozent auf im Schnitt fast 8000 neue F\u00e4lle pro Tag.<\/p>\n<p>Die Zahl der Toten lag mit t\u00e4glich 30 Menschen um 89 Prozent \u00fcber der Vorwoche, hat damit jedoch noch l\u00e4ngst nicht das Niveau von Anfang April erreicht. Insgesamt sind in Belgien seit Beginn der Pandemie mehr als 10.000 Menschen an Corona gestorben &#8211; das sind in etwa gleich viele Opfer wie in Deutschland \u2013 allerdings hat Belgien mit elf Millionen nur einen Bruchteil der Einwohner.  <\/p>\n<h3>Caf\u00e9s, Bars und Restaurants m\u00fcssen f\u00fcr vier Wochen schlie\u00dfen<\/h3>\n<p>Ausgerechnet jetzt, wo das Land nach beinahe 500 Tagen Koalitionssuche endlich wieder eine richtige Regierung hat, droht der Corona-Kontrollverlust. Premier Alexander De Croo reagiert mit drastischen Schritten, sp\u00e4t, aber immerhin. Ab Montag m\u00fcssen neben Caf\u00e9s und Bars nun auch alle Restaurants zun\u00e4chst f\u00fcr vier Wochen schlie\u00dfen. Zudem gilt nun im ganzen Land eine Ausgangssperre von Mitternacht bis 5 Uhr. Ob Belgien die Ausbreitung des Virus damit aufhalten kann, ist derzeit v\u00f6llig offen. <\/p>\n<p>Sonntagabend, eine Stra\u00dfe in der eher wohlhabenden Br\u00fcsseler Gemeinde Ixelles, Familien mit Kindern leben hier, viele EU-Beamte, ein bisschen Prenzlauer Berg, nur auf Franz\u00f6sisch. Ein Schild weist auf die Maskenpflicht auf der Stra\u00dfe hin, doch ob das noch gilt, wei\u00df keiner, eigentlich hat die Regierung die Pflicht l\u00e4ngst aufgehoben.<\/p>\n<p>Restaurantbesucher kuscheln sich unter die Heizpilze auf den Terrassen, auch drinnen sind die Tische gut besetzt. Ein letztes Abendessen beim Lieblingsitaliener, bevor jetzt wieder alles dicht ist. Montag sollen viele von ihnen wieder von zu Hause arbeiten, die Regierung besteht auf Telearbeit, soweit es m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Die Menschen nehmen es hin, aber anders als im Fr\u00fchjahr, als viele dachten, es handele sich um eine einmalige Situation, liegt nun Frust in der Luft, nicht nur bei den Restaurantbetreibern. Schon bei der ersten Welle der Coronakrise hatte das Land mit \u00fcberdurchschnittlich vielen F\u00e4llen und Toten zu k\u00e4mpfen \u2013 und reagierte mit einem etwa im Vergleich zu Deutschland sehr harten Lockdown: Zeitweise war au\u00dfer Superm\u00e4rkten und B\u00e4ckereien gar nichts mehr ge\u00f6ffnet, keine Schulen und Universit\u00e4ten, keine Beh\u00f6rden, keine L\u00e4den. Wer mit Freunden im Park spazieren war, musste sich von der Polizei unangenehme Fragen gefallen lassen. Immerhin, zumeist schien die Sonne. <\/p>\n<p>Und jetzt, was hat es alles genutzt? Viel w\u00e4re schon gewonnen, wenn man die Ursachen daf\u00fcr klar benennen k\u00f6nnte, warum Belgien von Welle zwei erneut so hart getroffen wird. Sicher, das Land ist eng besiedelt, viele Menschen reisen durch, auf dem Weg nach Frankreich, Gro\u00dfbritannien oder nach Deutschland \u2013 ideal f\u00fcr das Virus, um sich rasch auszubreiten.<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass die oft kafkaesk anmutende Regierungsstruktur des im Grunde zwischen Flandern und Wallonien geteilten Landes eine rasche Reaktion auf Krisen erschwert. Das gilt auch f\u00fcr die in 19 Gemeinden zersplitterte Hauptstadt Br\u00fcssel, derzeit die am heftigsten von Corona betroffene Gro\u00dfstadt Europas.  <\/p>\n<p>Auch die Kommunikation mit den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern klappt nicht immer reibungslos. So hob der Nationale Sicherheitsrat die eben erst fl\u00e4chendeckend eingef\u00fchrte Maskenpflicht auf den Stra\u00dfen Ende September wieder auf \u2013 und das, obwohl die Zahlen schon wieder stiegen. Der Druck der Corona-Leugner und Maskengegner zeigte Wirkung. Man m\u00fcsse lernen, mit dem Virus zu leben, sagte die damalige \u00dcbergangsregierungschefin Sophie Wilm\u00e8s. Viele Menschen sahen das als Signal, dass das Schlimmste bereits \u00fcberstanden sei. Eine gewaltige Fehleinsch\u00e4tzung.  <\/p>\n<p>&quot;Wir gaben den Leuten den Eindruck, dass alles unter Kontrolle w\u00e4re&quot;, sagt der Mikrobiologe Emmanuel Andr\u00e9, Medizinprofessor an der Katholischen Universit\u00e4t L\u00f6wen und Chef des nationalen Referenzlabors f\u00fcr Atemweginfekte. &quot;In Belgien brauchten nicht nur die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, sondern auch das Krisenmanagement erst die Furcht vor \u00fcberf\u00fcllten Krankenh\u00e4usern, um schlie\u00dflich zu reagieren.&quot; <\/p>\n<p>Daneben scheinen auch die R\u00fcckkehrer aus dem Sommerurlaub, etwa aus der T\u00fcrkei, Kroatien oder Spanien, viel zur Verbreitung der Pandemie beigetragen zu haben, wie Geert Molenberghs sagt, Biostatistiker, ebenfalls an der Katholischen Universit\u00e4t L\u00f6wen. &quot;Mitte August war die Zirkulation des Virus deutlich zur\u00fcckgegangen. Bereits Mitte September gab es dann \u00fcberall neue Brandstellen. Das sind keine lokalen \u00dcbertragungen.&quot; <\/p>\n<p>Dazu kommt die Rolle der franz\u00f6sischsprachigen Universit\u00e4ten, etwa in Louvain-La-Neuve, die fr\u00fcher als die anderen Institute des Landes aus der Sommerpause starteten. Studierende steckten sich im Wohnheim an und verteilten das Virus von dort aus zu Hause, vor allem im franz\u00f6sischsprachigen Landesteil. In Belgien ist es viel verbreiteter als etwa in Deutschland, dass Studierende das Wochenende bei ihren Eltern verbringen.<\/p>\n<p>Die schwierige Lage in Br\u00fcssel beeintr\u00e4chtigt l\u00e4ngst auch wieder die Arbeit der EU-Institutionen. Im Europaparlament wurden einige Abgeordnete positiv getestet, viele Parlamentarier, darunter auch Fraktionschefs, sind wegen Kontakten mit positiv getesteten Personen in freiwilliger Quarant\u00e4ne. Das gilt auch f\u00fcr die EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen. Die aktuelle Sitzungswoche findet daher weitgehend im Videoformat statt.<\/p>\n<p>Nun also: Sperrstunde, Schluss mit Restaurants, Homeoffice. Mikrobiologe Andr\u00e9 h\u00e4lt all die Punkte f\u00fcr sinnvoll. &quot;Klar, die Ma\u00dfnahmen kommen sehr sp\u00e4t&quot;, sagt er, &quot;aber sie k\u00f6nnten ausreichen, um das Virus einzud\u00e4mmen.&quot; Besondere Sorge bereite ihm, einmal mehr, die Situation in den Alten- und Pflegeheimen. Hier hatte das Virus schon in der ersten Welle gew\u00fctet. <\/p>\n<h3>Situation in den Krankenh\u00e4usern wird angespannter<\/h3>\n<p>Auch die Lage in den Kliniken wird angespannter. Insgesamt befinden sich momentan 2485 Corona-Patienten in den belgischen Krankenh\u00e4usern, davon 412 auf den Intensivstationen. Das entspricht in etwa der Lage um den 20. M\u00e4rz herum, der Anfangsphase des vergangenen Lockdowns, wie der Fernsehsender RTBF berichtet. <\/p>\n<p>Das wei\u00df auch Oliver Paasch. Der Ministerpr\u00e4sident der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens geht davon aus, dass die jetzt beschlossenen Einschr\u00e4nkungen erst mal reichen, um das Virus zu kontern. Wie viele andere sieht er allerdings das komplette Aus f\u00fcr Restaurants kritisch. &quot;Wenn wir alles schlie\u00dfen, verlagert sich das komplette Leben ins Private \u2013 mit der Folge, dass wir noch weniger kontrollieren k\u00f6nnen, ob sich die Menschen an die Regeln halten.&quot; <\/p>\n<p>Paaschs gro\u00dfes Anliegen ist es, dass die Grenzen Ostbelgiens zu Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz offen bleiben. Noch ist das der Fall, noch nutzen viele Belgier die Stippvisite \u00fcber die Grenze, um billig Diesel zu tanken oder einzukaufen. Geht es nach Paasch, soll sich daran nichts \u00e4ndern. &quot;Grenzschlie\u00dfungen sind kein Medikament gegen das Coronavirus&quot;, sagt Paasch. &quot;Der Aachener, der nach Berlin f\u00e4hrt, hat ein h\u00f6heres Risiko, als wenn er nach Ostbelgien kommt.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Belgiens Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke Foto:\u2002STEPHANIE LECOCQ\/POOL\/EPA-EFE\/Shutterstock Belgiens neuer Gesundheitsminister versuchte gar nicht erst, die Lage sch\u00f6nzureden. &quot;Wir sind wirklich sehr nahe an einem Tsunami&quot;, sagte Frank Vandenbroucke. &quot;Wir<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3310,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3309","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3309","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3309"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3309\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3310"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3309"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3309"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3309"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}