{"id":3277,"date":"2020-10-18T19:08:10","date_gmt":"2020-10-18T16:08:10","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/fluchtlinge-auf-lesbos-wir-hatten-es-besser-in-moria\/"},"modified":"2020-10-18T19:08:10","modified_gmt":"2020-10-18T16:08:10","slug":"fluchtlinge-auf-lesbos-wir-hatten-es-besser-in-moria","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/fluchtlinge-auf-lesbos-wir-hatten-es-besser-in-moria\/","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlinge auf Lesbos: &#8220;Wir hatten es besser in Moria&#8221;"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/71b50d79-6f2d-43b1-8f94-dce8524fd32a_w948_r1.77_fpx60.74_fpy47.jpg\" title=\"Safiya Mohammadi, eine Asylsuchende auf Lesbos\" alt=\"Safiya Mohammadi, eine Asylsuchende auf Lesbos\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Safiya Mohammadi, eine Asylsuchende auf Lesbos<\/p>\n<p><\/p>\n<p>  Foto:\u2002Giorgos Christides  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Kaum eine Wolke ist an diesem warmen, sonnigen Oktobernachmittag am Himmel \u00fcber Lesbos zu sehen. Nur \u00fcber Safiya Mohammadis dunkelbraunen Augen liegt ein Schatten. Die 24-j\u00e4hrige Asylsuchende aus Afghanistan sitzt am Ufer einer kleinen Bucht in der N\u00e4he der Inselhauptstadt Mytilene und blickt auf das tiefblaue Wasser der \u00c4g\u00e4is.<\/p>\n<p>Sie denkt an ihren kranken Ehemann im neuen Fl\u00fcchtlingslager. An ihren f\u00fcnfj\u00e4hrigen Sohn, der eine Brandverletzung am linken Bein erlitten hat. An ihren Zweij\u00e4hrigen, der das Essen im Lager verabscheut und sich weigert, es zu essen. Sie denkt an den kommenden Winter, wenn warme Nachmittage wie dieser bald von K\u00e4lte und vielleicht Schnee abgel\u00f6st werden. Vor allem beunruhigt sie, dass es keinen klaren Weg f\u00fcr die Zukunft gibt. Sie hat keine Ahnung, wann sie zu ihrem Asylantrag befragt wird, obwohl es ein Jahr her ist, dass sie mit einem Schlauchboot aus der T\u00fcrkei auf Lesbos angekommen ist.<\/p>\n<p>&quot;Wir hatten es in Moria besser&quot;, sagt Mohammadi mit einem Seufzer. Eine Aussage, die fassungslos machen kann &#8211; man h\u00f6rt sie jedoch von vielen Asylbewerbern auf Lesbos. Moria, das gr\u00f6\u00dfte und ber\u00fcchtigtste Lager Europas, war zum Synonym f\u00fcr einen h\u00f6llischen, gesetzlosen, verkommenen Ort geworden, an dem grundlegende Menschenrechte jahrelang mit F\u00fc\u00dfen getreten wurden.<\/p>\n<h3>Ein Sieben-Quadratmeter-Zelt f\u00fcr vier Personen<\/h3>\n<p>Moria gibt es nicht mehr. Es wurde vergangenen Monat dem Erdboden gleichgemacht, als eine zweit\u00e4gige Feuersbrunst 13.000 Asylsuchende obdachlos machte. Als Reaktion darauf errichteten die griechischen Beh\u00f6rden in aller Eile ein provisorisches Lager auf einem verfallenen Schie\u00dfplatz der Armee, etwa 3 km s\u00fcd\u00f6stlich, direkt am Meer, in einem Ort namens Kara Tepe.<\/p>\n<p>Nachdem sie sich wochenlang geweigert hatten, es zu betreten, leben nun etwa 7500 Menschen in dem neuen Lager, das sich \u00fcber eine riesige Fl\u00e4che von 35.000 Quadratmetern erstreckt. Auf sieben Quadratmetern davon steht Mohammadis neues Zuhause &#8211; ein UNHCR-Zelt, in dem sie mit ihrem Mann und ihren beiden S\u00f6hnen lebt.<\/p>\n<p>Das neue Lager ist von Stacheldraht umgeben und normalerweise f\u00fcr Reporter und Au\u00dfenstehende nicht zug\u00e4nglich. Luftaufnahmen, die k\u00fcrzlich von der Regierung ver\u00f6ffentlicht wurden und auf denen Angela Merkel und EU-W\u00fcrdentr\u00e4ger zu sehen sind, zeigen eine Zeltstadt. Aus der Vogelperspektive wirkt sie organisiert, ordentlich, gar idyllisch gelegen.<\/p>\n<h3>Kein flie\u00dfendes Wasser, kochen verboten<\/h3>\n<p>Wie kann das also schlimmer sein als Moria? Wie k\u00f6nnte irgendetwas schlimmer sein als Moria?<\/p>\n<p>Mohammadi z\u00e4hlt in rascher Folge die Gr\u00fcnde auf: &quot;Unsere Zelte haben keinen Boden. Es gibt kein flie\u00dfendes Wasser. Essen wird nur einmal am Tag verteilt, und es ist sehr schlecht. Wenn es regnet, wird das Lager \u00fcberflutet. Wenn es warm ist, h\u00e4lt man es kaum aus vor Hitze. In der Nacht frieren wir. Es ist uns nicht erlaubt zu kochen. Es gibt sehr wenig zu tun, besonders f\u00fcr die Kinder. Also, ja, dieser Ort ist schlimmer als Moria.&quot;<\/p>\n<p>Ich bin f\u00fcr den SPIEGEL um das Lager herumgegangen. Viele der Zelte sehen d\u00fcnn und wackelig aus. Die Zeltreihen sind durch schmale Schlammwege getrennt. M\u00e4nner sind zu sehen, die um ihre Zelte herum Gr\u00e4ben ausheben, Kinder laufen ziellos auf dem Gel\u00e4nde herum. N\u00e4her am Meer sind einige Gr\u00fcppchen dabei, zu angeln oder ins Wasser zu springen. Sie scheinen sich zu am\u00fcsieren. &quot;Wir machen das nicht zum Spa\u00df. Nur um uns und unsere Kleider zu waschen&quot;, erkl\u00e4ren einige von ihnen.<\/p>\n<p>Gyde Jensen (FDP), Vorsitzende des Ausschusses f\u00fcr Menschenrechte und humanit\u00e4re Hilfe im Deutschen Bundestag, besuchte das Camp am Mittwoch. Jensen verstand die Herausforderungen, vor denen die griechischen Beh\u00f6rden nach der Zerst\u00f6rung von Moria standen, war aber von dem, was sie sah, nicht beeindruckt: &quot;Das neue Lager kann nur eine kurzfristige Notl\u00f6sung sein. Es gibt noch immer keine Duschen, grundlegende Einrichtungen m\u00fcssen sofort bereitgestellt werden&quot;, sagte sie dem SPIEGEL nach dem Besuch.<\/p>\n<p>So wie viele Angeh\u00f6rige der afghanischen Minderheit in Iran, verlie\u00dfen Mohammadi und ihre Familie Teheran 2019, um dem Dasein als B\u00fcrger zweiter Klasse zu entkommen. Ein Monat in Istanbul und mehrere vergebliche Versuche, nach Griechenland zu gelangen, endeten mit ihrer Verhaftung durch die t\u00fcrkischen Beh\u00f6rden. Im Dezember 2019 schaffte sie es endlich.<\/p>\n<p>Wie die meisten Asylsuchenden lebte sie in Moria im sogenannten Dschungel, au\u00dferhalb des massiv \u00fcberf\u00fcllten offiziellen Lagers. Und wie die meisten ehemaligen Bewohner Morias verlor sie bei dem Brand vom 8. September fast alles. Das Wenige, was die Flammen \u00fcberlebte, verlor sie, als schwere Regenf\u00e4lle vergangene Woche das neue Lager \u00fcberschwemmten und etwa 80 der 1100 Zelte zerst\u00f6rten.<\/p>\n<p>Ihre Habseligkeiten bestehen jetzt nur noch aus ein paar Kleidungsst\u00fccken, einem 8er-Pack Wasser in Flaschen, einem Topf, in dem sie Reis kocht, den sie im nahe gelegenen Lidl-Supermarkt kauft, und einer kleinen Schachtel mit Kinderspielzeug.<\/p>\n<p>F\u00fcr Mohammadi ist das Leben in den Lagern schlimmer als w\u00fcrdelos &#8211; es ist sinnlos. Sie wacht jeden Tag um 7 Uhr auf, um Tee zu kochen, und eilt zu einer der 400 chemischen Toiletten, solange es noch fr\u00fch ist und diese noch sauber sind. Dann bereitet sie das Mittagessen vor. Den Rest des Tages verbringt sie mit ihren S\u00f6hnen und spielt mit ihnen in der N\u00e4he ihres Zeltes.<\/p>\n<p>Die griechische Regierung versucht, auf die Kritik an dem neuen Lager und dem mangelnden Schutz gegen Wetterlagen zu reagieren. Schwere Maschinen waren am Mittwoch beim Graben von Kan\u00e4len und bei Reparaturen zu sehen. Politiker versprechen, dass das Lager rechtzeitig winterfest gemacht wird. \u00dcber die Zelte wurden Regenschutzh\u00fcllen gelegt, Projekte f\u00fcr Hochwasserschutz, Elektrizit\u00e4t, Wasserversorgung und Brandschutz sind ebenfalls im Gange; Kies wird ausgelegt.<\/p>\n<p>Auch Athen besteht darauf, dass das Lager eine vor\u00fcbergehende L\u00f6sung darstellt. Es soll durch ein neues Geb\u00e4ude ersetzt werden, das als Durchgangsort genutzt werden soll. Ein Regierungsbeamter teilte dem SPIEGEL mit, dass bis 2021 fast alle derzeitigen Asylsuchenden von den f\u00fcnf sogenannten Hotspot-Inseln umgesiedelt sein werden. Das hei\u00dft, solange die Zahl der Ank\u00f6mmlinge unten bleiben.<\/p>\n<p>Seit Januar ist die Zahl der Migranten auf den griechischen Inseln um 49 Prozent auf 21.500 Personen zur\u00fcckgegangen. In der ersten H\u00e4lfte dieses Jahres sind weniger als 1160 Migranten auf den Inseln angekommen: Eine Kombination aus der Corona-Pandemie und dem umstrittenen neuen Dogma Griechenlands, die Seegrenze aggressiv zu \u00fcberwachen.<\/p>\n<p>Was im neuen Lager sicherlich besser ist als in Moria: die Sicherheitslage. Entgegen der Ger\u00fcchte ist der Ort kein Gef\u00e4ngnis. Die Bewohner k\u00f6nnen das Lager morgens verlassen, m\u00fcssen aber bis 19 Uhr zur\u00fcck sein. Beim Verlassen zeigen sie ihre Papiere vor und erhalten eine nummerierte Karte, die sie bei der R\u00fcckkehr wieder abgeben m\u00fcssen. Die Beamten \u00fcberpr\u00fcfen dann ihre Temperatur und ihre Taschen und entfernen alle potenziellen Waffen, wie zum Beispiel Scheren. Wer zu sp\u00e4t kommt, zahlt eine Strafe von 25 Euro.<\/p>\n<h3>Viel Polizei, wenig medizinisches Personal<\/h3>\n<p>Ebenfalls anders als in Moria ist die Polizei allgegenw\u00e4rtig und hilft bei der Bek\u00e4mpfung der Gewalt, die ein Problem im fr\u00fcheren Lager war. Seit Januar waren dort sechs Morde begangen worden.<\/p>\n<p>Nicht allgegenw\u00e4rtig ist hingegen medizinisches Personal. Als die Nacht hereinbricht, hat Mohammadi Schmerzen. Ihr Zahn tut unertr\u00e4glich weh. Das Lager hat keinen Zahnarzt. Das Krankenhaus w\u00fcrde sich um sie k\u00fcmmern, daf\u00fcr br\u00e4uchte sie jedoch eine \u00e4rztliche \u00dcberweisung. Doch nach der Ausgangssperre um 19 Uhr ist kein Arzt mehr im Lager.<\/p>\n<p>Also muss Mohammadi bis zum Morgen warten. Aber sie kommt damit zurecht. &quot;Ein schlimmer Zahn ist das geringste meiner Probleme.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Safiya Mohammadi, eine Asylsuchende auf Lesbos Foto:\u2002Giorgos Christides Kaum eine Wolke ist an diesem warmen, sonnigen Oktobernachmittag am Himmel \u00fcber Lesbos zu sehen. 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