{"id":3267,"date":"2020-10-18T06:32:41","date_gmt":"2020-10-18T03:32:41","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/mannergefangnis-in-sierra-leone-lebenslanglich-aus-mangel-an-dokumenten\/"},"modified":"2020-10-18T06:32:41","modified_gmt":"2020-10-18T03:32:41","slug":"mannergefangnis-in-sierra-leone-lebenslanglich-aus-mangel-an-dokumenten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/mannergefangnis-in-sierra-leone-lebenslanglich-aus-mangel-an-dokumenten\/","title":{"rendered":"M\u00e4nnergef\u00e4ngnis in Sierra Leone: Lebensl\u00e4nglich \u2013 aus Mangel an Dokumenten"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/0f317894-6c52-491a-92fe-3f738b116666_w948_r1.77_fpx58.66_fpy50.jpg\" title=\"Momo Moses Kargbo (&quot;Momo Jesus&quot;) besucht H\u00e4ftlinge im M\u00e4nnergef\u00e4ngnis Male Correctional Center in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone\" alt=\"Momo Moses Kargbo (&quot;Momo Jesus&quot;) besucht H\u00e4ftlinge im M\u00e4nnergef\u00e4ngnis Male Correctional Center in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Momo Moses Kargbo (&quot;Momo Jesus&quot;) besucht H\u00e4ftlinge im M\u00e4nnergef\u00e4ngnis Male Correctional Center in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Benjamin Moscovici  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Krachend f\u00e4llt das Eisengitter ins Schloss, kurz m\u00fcssen sich seine Augen an die Dunkelheit im Zellenblock gew\u00f6hnen. Aus der Finsternis strecken sich ihm H\u00e4nde entgegen. &quot;Momo Jesus ist da!&quot;, ruft jemand, und aus den Zellen hallt dr\u00f6hnend, wispernd und st\u00f6hnend das Echo: &quot;Momo Jesus, Momo Jesus!&quot;<\/p>\n<p>Momo Jesus, der eigentlich Momo Moses Kargbo hei\u00dft, ist Sozialarbeiter bei Don Bosco Fambul, einer lokalen NGO, deren Tr\u00e4ger die katholische Ordensgemeinschaft der Salesianer Don Boscos ist. Ein hochgewachsener Mann Anfang f\u00fcnfzig. Kariertes kurz\u00e4rmeliges Hemd, glatt rasiert &#8211; kein Mensch, der viel Gewese um sich macht.<\/p>\n<p>Aber hier, im Male Correctional Center, dem heillos \u00fcberf\u00fcllten Zentral- und Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis in Sierra Leones Hauptstadt Freetown, ist er f\u00fcr viele die letzte Hoffnung. Seit Jahren kommt er die Insassen besuchen. Von Montag bis Freitag. Jeden Tag. Er zeigt ihnen, dass die Welt da drau\u00dfen sie nicht vergessen hat.<\/p>\n<p>Das war bis vor wenigen Monaten vor allem moralisch und emotional wichtig; inzwischen h\u00e4ngt davon das Leben der knapp 1400 M\u00e4nner ab.<\/p>\n<p>Denn: Es gibt \u00fcber die Gefangenen keine Unterlagen mehr. Nichts. Gar nichts. Alles weg. Wie lang sind ihre Haftstrafen? Wann sind sie eingefahren, und wann d\u00fcrfen sie wieder raus? Fragen, die in der Gef\u00e4ngnisverwaltung niemand mehr beantworten kann. Wie konnte es dazu kommen?<\/p>\n<p>&quot;Hier hat es angefangen&quot;, murmelt Momo Jesus leise, w\u00e4hrend er tiefer ins Dunkel des lang gezogenen Zellentrakts dringt. Bei dem Gedanken an jenen 29. April wird ihm noch immer leicht \u00fcbel. Lange haben ihm die Ereignisse jenes Morgens den Schlaf geraubt, haben ihn die Bilder im Traum heimgesucht.<\/p>\n<p>Zwei Tage zuvor war der erste Corona-Fall registriert worden, in einem Gef\u00e4ngnis, das eigentlich nur f\u00fcr rund 300 Insassen ausgelegt ist. Die H\u00e4ftlinge hatten Angst. Was, wenn das Virus sich ausbreitet? Schlecht ern\u00e4hrt, zusammengepfercht in winzigen Zellen ohne flie\u00dfend Wasser. Und ohne richtige medizinische Versorgung. W\u00fcrden sie hier allesamt verrecken?<\/p>\n<p>Als die W\u00e4rter dann am Morgen jenes 29. April die Zellent\u00fcren aufschlossen, wurden sie von herausst\u00fcrmenden H\u00e4ftlingen \u00fcberw\u00e4ltigt. Einem zertr\u00fcmmerten die Gefangenen mit Betonkl\u00f6tzen den Sch\u00e4del &#8211; die anderen W\u00e4rter flohen.<\/p>\n<p>Die H\u00e4ftlinge sprengten Zellenschl\u00f6sser, brachen die Gitter zu den Bl\u00f6cken auf und legten Feuer an den Verwaltungsgeb\u00e4uden der Haftanstalt. Bald loderten \u00fcberall auf dem Gel\u00e4nde die Flammen. Erst nach mehreren Stunden konnte die Armee den Aufstand wieder unter Kontrolle bringen.<\/p>\n<p>Als sich der Rauch verzogen hatte, zeigte sich das Ausma\u00df der Katastrophe: Im Hof lagen Dutzende Tote, mehrere Geb\u00e4ude waren v\u00f6llig ausgebrannt. Auch das Archiv des Gef\u00e4ngnisses war von den Flammen zerst\u00f6rt worden. Und von den Haftunterlagen waren nur noch qualmende Fetzen \u00fcber, die zwischen den Fingern zerfielen, erinnert sich Momo Jesus.<\/p>\n<p>&quot;Das Ganze ist inzwischen ein halbes Jahr her&quot;, sagt Momo Jesus sp\u00e4ter in seinem B\u00fcro in der Zentrale der Hilfsorganisation. Er ist m\u00fcde, ersch\u00f6pft, hat seit Wochen keine Pause gemacht. &quot;Einige Insassen h\u00e4tten schon vor Monaten entlassen werden sollen&quot;, sagt er. Aber was soll man machen, wenn es keine Unterlagen mehr gibt? Selbst der Computer, auf dem die Ein- und Ausg\u00e4nge in dem Gef\u00e4ngnis dokumentiert wurden, ist bei den Br\u00e4nden zerst\u00f6rt worden.<\/p>\n<p>Der Staat ist \u00fcberfordert und hat andere Priorit\u00e4ten als Verbrecher und H\u00e4ftlinge. Im zust\u00e4ndigen Innenministerium hei\u00dft es: Wir k\u00fcmmern uns. Aber passiert ist bislang nichts. Der Minister hat zwar angek\u00fcndigt, das marode Gef\u00e4ngnis zu schlie\u00dfen und die H\u00e4ftlinge in einem gr\u00f6\u00dferen Geb\u00e4ude unterzubringen. Aber das wird schon seit Jahren versprochen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die H\u00e4ftlinge bedeutet das f\u00fcrs Erste wohl: lebensl\u00e4nglich &#8211; aus Mangel an Dokumenten.<\/p>\n<p>Aber die Menschen w\u00fcrden Momo Moses Kargbo nicht Momo Jesus nennen, wenn er einfach aufgeben w\u00fcrde. Schon seit einem Vierteljahrhundert k\u00fcmmert er sich um Menschen in Not. W\u00e4hrend des B\u00fcrgerkriegs und sp\u00e4ter w\u00e4hrend Ebola. Wenn alle flohen, blieb er. Wenn alle aufgaben, war er da. Und so ist es auch jetzt.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit seinen Kollegen von Don Bosco hat er einen Weg gefunden, die H\u00e4ftlinge vielleicht doch noch vor einem Leben in der ewigen Dunkelheit ihrer engen Zellen zu bewahren: In Sierra Leone muss jeder Richter Kopien seiner Urteilsspr\u00fcche aufbewahren. Diese Kopien gilt es jetzt zu finden.<\/p>\n<p>Aber in einem Land, in dem Gerichte weder Websites noch Pressesprecher haben, in dem Richter private Hotmail-Adressen nutzen und in dem fast die gesamte Verwaltung auf Papier geregelt wird, nicht selten handschriftlich, kann diese Suche Jahre dauern. Immerhin geht es um fast 1400 H\u00e4ftlinge und jahre-, teils jahrzehntealte Urteile aus dem ganzen Land.<\/p>\n<p>&quot;Schon direkt nach dem Aufstand haben wir angefangen, Gerichte anzuschreiben und Richter zu kontaktieren&quot;, sagt Momo Jesus. &quot;Und wir haben Kollegen in die verschiedenen Provinzen geschickt, um pers\u00f6nlich nach den Kopien zu fahnden.&quot; Aber bislang sind die M\u00fchen fast immer vergeblich.<\/p>\n<p>Auch der Staat ist keine gro\u00dfe Hilfe. Zwei Mitarbeiter hat das Innenministerium abgestellt, die gemeinsam mit Don Bosco nach den Unterlagen fahnden sollen. Fahrten und sonstige Kosten zahlt aber die Hilfsorganisation.<\/p>\n<p>&quot;Es ist frustrierend&quot;, sagt einer der Rechtsassistenten der NGO. Er ist mitverantwortlich f\u00fcr die Suche nach den Kopien und klagt: &quot;Richter sind angeblich im Urlaub, E-Mails bleiben unbeantwortet, Handynummern sind unerreichbar.&quot;<\/p>\n<p>In anderen F\u00e4llen h\u00e4tten sie die Unterlagen zwar in irgendwelchen Archiven gefunden, aber die zust\u00e4ndigen Richter w\u00fcrden sich weigern, die Dokumente herauszugeben und zu beglaubigen. Einige erfinden irgendwelche Geb\u00fchren, andere verlangen ganz offen ein Trinkgeld f\u00fcr ihre Unterschrift.<\/p>\n<p>Ihr Kalk\u00fcl: Wir k\u00f6nnen warten, die Gefangenen nicht. Wenn die Hilfsorganisation nicht zahlt &#8211; vielleicht ist ja irgendwann der ein oder andere H\u00e4ftling bereit, f\u00fcr seine Freilassung zu zahlen. Es lohnt sich f\u00fcr die Gerichte also, die Hilfsgesuche zu verschleppen.<\/p>\n<p>&quot;Wir k\u00e4mpfen weiter&quot;, verspricht Momo Jesus den H\u00e4ftlingen immer wieder. Er wei\u00df, dass die Nachforschungen Jahre dauern k\u00f6nnen und dass sie wohl nie alle Unterlagen werden finden k\u00f6nnen. Aber er wei\u00df auch, dass diese Suche f\u00fcr die Gefangenen die einzige Hoffnung ist.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Momo Moses Kargbo (&quot;Momo Jesus&quot;) besucht H\u00e4ftlinge im M\u00e4nnergef\u00e4ngnis Male Correctional Center in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone Foto:\u2002Benjamin Moscovici Krachend f\u00e4llt das Eisengitter ins Schloss, kurz<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":3268,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-3267","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3267","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3267"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3267\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/3268"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3267"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3267"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3267"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}