{"id":32229,"date":"2026-06-13T12:46:08","date_gmt":"2026-06-13T09:46:08","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/kleinvolker-durch-krieg-bedroht-weil-sie-indigenen-volkern-eine-stimme-gaben-behandelt-moskau-sie-als-terroristinnen\/"},"modified":"2026-06-13T12:46:08","modified_gmt":"2026-06-13T09:46:08","slug":"kleinvolker-durch-krieg-bedroht-weil-sie-indigenen-volkern-eine-stimme-gaben-behandelt-moskau-sie-als-terroristinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/kleinvolker-durch-krieg-bedroht-weil-sie-indigenen-volkern-eine-stimme-gaben-behandelt-moskau-sie-als-terroristinnen\/","title":{"rendered":"Kleinv\u00f6lker durch Krieg bedroht: Weil sie indigenen V\u00f6lkern eine Stimme gaben, behandelt Moskau sie als Terroristinnen"},"content":{"rendered":"<p>Politik<\/p>\n<h2>Kleinv\u00f6lker durch Krieg bedrohtWeil sie indigenen V\u00f6lkern eine Stimme gaben, behandelt Moskau sie als Terroristinnen <\/h2>\n<p>13.06.2026, 09:41 Uhr <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/incoming\/Artur-Weigandt-id30760145.html\" rel=\"noreferrer\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/img\/30760148\/1777303281\/Img_1_1\/36\/Artur Weigandt.webp\" alt=\"Artur Weigandt\"\/>Interview: Artur Weigandt<\/a><\/p>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/img\/30958521\/1781261934\/Img_16_9\/1024\/260527_Olga_Podoplelova_Irina_Kurilova-043.webp\" alt=\"260527_Olga_Podoplelova_Irina_Kurilova-043\"\/><figcaption>Die Anw\u00e4ltin Olga Podoplelova und die Journalistin Irina Kurilova mussten wegen ihres friedlichen Engagements ins Exil gehen. (Foto: Nora Erdmann )<\/figcaption><\/figure>\n<p>In der Russischen F\u00f6deration leben 40 indigene Kleinv\u00f6lker. Der Krieg gegen die Ukraine gef\u00e4hrdet ihre Existenz mehr denn je. Denn w\u00e4hrend die M\u00e4nner aus dem Norden und fernen Osten an der Front verheizt werden, setzt der Staat ihre unabh\u00e4ngigen Vertreter massiv unter Druck. Im Interview mit ntv.de berichten die Journalistin Irina Kurilova und die Menschenrechtsanw\u00e4ltin Olga Podoplelova von den Moskauer Methoden &#8211; einschlie\u00dflich absurd anmutender Vorw\u00e4nde f\u00fcr eine Behandlung als Terroristinnen.<\/p>\n<p>ntv.de: Was war das Aborigen-Forum &#8211; und wie waren Sie damit verbunden?<\/p>\n<p>Irina Kurilova: 2013 geriet RAIPON &#8211; die offizielle Dachorganisation indigener V\u00f6lker Russlands &#8211; unter die Kontrolle des Kremls. Unabh\u00e4ngige F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten schlossen sich zum informellen Netzwerk Aborigen-Forum zusammen. Sie analysierten Gesetzgebung, schrieben offene Briefe und traten auf internationalen Plattformen auf &#8211; auch bei den Vereinten Nationen. Die Arbeit war vollst\u00e4ndig transparent. Es gab nie Aufrufe zu Extremismus oder Gewalt.<\/p>\n<p>Olga Podoplelova: Ich war sehr inspiriert, als ich anfing, mitzuarbeiten. Ziemlich schnell aber musste ich mich auf die pers\u00f6nliche Sicherheit der Beteiligten konzentrieren. Verh\u00f6re an Grenzen, Handydurchsuchungen, steuerlicher Druck auf Gemeinschaften, \u00dcberwachung bei UN-Veranstaltungen, Verfahren wegen &quot;Diskreditierung der Armee&quot; und Beteiligung an &quot;unerw\u00fcnschten Organisationen&quot;. Das Gef\u00fchl, dass etwas Schreckliches auf uns zukam, wurde immer st\u00e4rker.<\/p>\n<p>Im Juli 2024 wurde das Forum als extremistische Organisation eingestuft, im Dezember als terroristische. Wie ist das m\u00f6glich?<\/p>\n<p>Podoplelova: Das ist eine Methode, die der russische Staat bereits an vielen Organisationen erprobt hat &#8211; etwa gegen die nicht existierende &quot;internationale Memorial-Bewegung&quot; und die &quot;internationale LGBT-Bewegung&quot;. Das Aborigen-Forum wurde als angebliche Strukturuntergliederung einer nicht existierenden &quot;antiseparatistischen Bewegung&quot; in die Extremistenliste aufgenommen. Im Dezember 2024 folgte die Einstufung als Terrororganisation &#8211; als Teil einer Liste von 172 Gruppen, allesamt angeblich Unterorganisation des &quot;Forums der freien Staaten Postrusslands&quot;. Diese Konstruktion wurde im FSB erfunden. Wenn man sich die Liste ansieht, ist keine Logik erkennbar: Manche Gebilde existieren gar nicht &#8211; wie die &quot;Kurskische Volksrepublik&quot;, ein Internetmeme aus der Zeit des ukrainischen Vorsto\u00dfes in die Kurskregion. Dennoch kann man nun Strafverfolgungen wegen dieses erfundenen Memes erwarten.<\/p>\n<p>Kurilova: Das Absurdeste ist, dass man in unseren Reden und Eingaben weder Gewaltaufrufe noch extremistische Rhetorik finden kann. Wir haben Gesetze kommentiert, \u00fcber Rechte und soziale Probleme gesprochen. Im Russland von heute kann selbst das zum Anlass f\u00fcr Strafverfolgung werden.<\/p>\n<p>Irina Kurilova und Olga Podoplelova<\/p>\n<p>Irina Kurilova (rechts im Bild) ist Journalistin aus Jakutien und Angeh\u00f6rige des Yukagiren-Volkes &#8211; eine von rund 1800 Menschen. Sie war kommissarische Vorsitzende des Verbands ihres Volkes und wurde am 17. Dezember 2025 von den russischen Beh\u00f6rden aufgesucht. Danach musste sie Russland verlassen.<\/p>\n<p><\/p>\n<p>Olga Podoplelova ist Menschenrechtsanw\u00e4ltin und Anw\u00e4ltin der inhaftierten Daria Egereva. Podoplelova lebt ebenfalls im Exil. Beide kennen die Arbeit des unabh\u00e4ngigen Netzwerks Aborigen-Forum, das F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten und Experten der indigenen V\u00f6lker Russlands vereinte. Im Dezember 2024 erkl\u00e4rten die russischen Beh\u00f6rden das Forum zur terroristischen Organisation.<\/p>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/logo_grey.svg\" alt=\"260527_Olga_Podoplelova_Irina_Kurilova-033\"\/><figcaption>\n<p>(Foto: Nora Erdmann )<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Am 17. Dezember 2025 kamen die Beh\u00f6rden. Was passierte da?<\/p>\n<p>Kurilova: Alles geschah gleichzeitig und nach einem vorbereiteten Plan. FSB-Beamte kamen zu denjenigen, die sie f\u00fcr mit dem Aborigen-Forum verbunden hielten &#8211; nach Hause, an den Arbeitsplatz, manche wurden direkt von Veranstaltungen mitgenommen. 17 Personen wurden durchsucht und verh\u00f6rt, darunter ich selbst. Danach musste ich Russland verlassen. Unsere Kolleginnen Daria Egereva und Natalia Leongardt wurden in Moskau verhaftet. An einem Tag wurde klar: Die gesamte unabh\u00e4ngige Gemeinschaft der indigenen V\u00f6lker, die offen \u00fcber ihre Rechte gesprochen hatte, stand unter Beschuss.<\/p>\n<p>Podoplelova: Es war der Abschluss eines langen Prozesses. Das Unterst\u00fctzungszentrum f\u00fcr indigene Kleinv\u00f6lker des Nordens wurde 2019 aufgel\u00f6st, der Fonds Batan liquidiert und nach Neuregistrierung im Ausland zur unerw\u00fcnschten Organisation erkl\u00e4rt. Zum ersten Mal traf der Schlag nicht nur Organisationen, sondern konkrete Menschen &#8211; jene, die jahrelang die Rechte indigener V\u00f6lker verteidigt hatten. F\u00fcr viele wurde klar: Es geht um die Kriminalisierung unabh\u00e4ngiger zivilgesellschaftlicher Aktivit\u00e4t der indigenen V\u00f6lker selbst.<\/p>\n<p>Zwei der Verhafteten waren Daria Egereva und Natalia Leongardt. Wer sind sie?<\/p>\n<p>Podoplelova: Egereva ist Angeh\u00f6rige des Selkupen-Volkes mit weniger als 3500 Menschen in Russland. Ich bin ihre Anw\u00e4ltin. Sie war eine der wenigen wirklich unabh\u00e4ngigen indigenen Stimmen auf internationaler Ebene &#8211; bei der UNO, bei Klimakonferenzen, als Co-Vorsitzende des Internationalen indigenen Volksforums zum Klimawandel. Natalia Leongardt hat mehr als 20 Jahre dem Schutz indigener Rechte gewidmet und Gemeinschaften geholfen, einen Dialog mit internationalen Plattformen aufzubauen. Ohne Menschen wie sie h\u00e4tten viele dieser V\u00f6lker keine Stimme nach au\u00dfen.<\/p>\n<p>Darja Jegerewa und Natalja Leongardt <\/p>\n<p>Das Moskauer Basmannyj-Bezirksgericht hat die Untersuchungshaft der indigenen Aktivistinnen Darja Jegerewa und Natalja Leongardt verl\u00e4ngert. Angeh\u00f6rige, Journalisten und Diplomaten aus mehreren EU-Staaten sowie Norwegen wurden nicht zur Verhandlung zugelassen. Menschenrechtler kritisieren den Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit als Versto\u00df gegen rechtsstaatliche Grunds\u00e4tze. Die beiden Frauen sitzen seit ihrer Festnahme am 17. Dezember 2025 in Haft und hatten seitdem keinen Kontakt zu ihren Familien. Internationale Organisationen und UN-Experten fordern weiterhin ihre Freilassung und ein faires Verfahren.<\/p>\n<p>Der Staat erkl\u00e4rt gleichzeitig, er sch\u00fctze die indigenen V\u00f6lker. Putin hat 2026 zum &quot;Jahr der Einheit der V\u00f6lker Russlands&quot; erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Kurilova: Der russische Staat liebt symbolische Gesten. Es gibt einen offiziellen Tag der indigenen Kleinv\u00f6lker, einen Tag der Muttersprachen, Festivals mit Liedern und Nationaltrachten. Hinter dieser Fassade bleibt eine andere Realit\u00e4t. Die sozialen, wirtschaftlichen und \u00f6kologischen Probleme bleiben ungel\u00f6st. Wer versucht, offen dar\u00fcber zu sprechen, riskiert Verfolgung. Im heutigen Russland kann Menschenrechtsarbeit zum Anlass f\u00fcr Extremismus- oder Terrorismusvorw\u00fcrfe werden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Der-Bedarf-an-Menschenmaterial-ist-so-gross-dass-kaum-Zeit-fuer-Ausbildung-bleibt-id30804341.html\" rel=\"noreferrer\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/logo_grey.svg\" alt=\"Russische-Soldaten-nehmenm-an-der-Militaerparade-zum-Tag-des-Sieges-in-Moskau-teil-dpa-Bildfunk\"\/>Wie stark ist Russland wirklich?&quot;Der Bedarf an &#039;Menschenmaterial&#039; ist so gro\u00df, dass kaum Zeit f\u00fcr Ausbildung bleibt&quot;<\/a><\/p>\n<p>Wie hat der Krieg gegen die Ukraine die Lage der indigenen V\u00f6lker ver\u00e4ndert?<\/p>\n<p>Kurilova: Drastisch. Nach der Mobilisierung im Herbst 2022 begannen als Erstes Bewohner abgelegener n\u00f6rdlicher D\u00f6rfer Einberufungsbescheide zu erhalten. In meinem Heimatdorf mit etwa 700 Einwohnern wurden Dutzende M\u00e4nner in den Krieg geschickt. Heute z\u00e4hlt es 72 Kriegsteilnehmer und 22 Gefallene &#8211; Ewenen, Yukagiren und Tschuktschen. Viele waren sehr jung und hatten noch keine Familie. Wenn M\u00e4nner fehlen, bricht die Subsistenzwirtschaft zusammen. Im Norden sind Jagd und Fischerei keine Freizeitbesch\u00e4ftigung, sondern Grundlage der Ern\u00e4hrungssicherheit. Familien ziehen in die Stadt, D\u00f6rfer leeren sich, Schulen schlie\u00dfen. Mit den Menschen verschwinden Sprache, Wissen und kulturelle Praktiken. F\u00fcr Kleinv\u00f6lker sind solche Verluste besonders schmerzhaft &#8211; es geht nicht nur um eine demografische Krise, sondern um eine Bedrohung ihrer Eigenst\u00e4ndigkeit. Das beschleunigt Assimilationsprozesse, die ohnehin seit Jahrzehnten andauern.<\/p>\n<p>Ist die Mobilisierung indigener V\u00f6lker nicht formal illegal? Und wie sehen Sie die westliche Wahrnehmung, dass \u00fcberdurchschnittlich viele Jakuten und Burjaten an der Front k\u00e4mpfen?<\/p>\n<p>Podoplelova: Formal gibt es ein Gesetz \u00fcber alternativen Zivildienst f\u00fcr indigene Kleinv\u00f6lker. Aber die Beh\u00f6rden erkl\u00e4ren: Es gilt w\u00e4hrend der Mobilisierung nicht. Selbst der Gouverneur des Nenzischen Autonomen Bezirks, der seine Nenzen-Rentierhalter sch\u00fctzen wollte, wurde zum Schweigen gebracht. Dabei h\u00e4ngt an einem Rentierhalter eine ganze Herde &#8211; und die gesamte Wirtschaft einer Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Kurilova: Die westliche Beobachtung ist richtig &#8211; aber sie kann in eine falsche Richtung deuten. Als w\u00e4ren diese M\u00e4nner bereitwillige T\u00e4ter. Das sind sie nicht. Sie wurden zwangsweise eingezogen. Wenn man das so darstellt, verschiebt sich die Verantwortung von denen, die den Befehl zum Krieg gaben, auf jene, die k\u00e4mpfen m\u00fcssen. Das ist auch eine Form von Unrecht gegen\u00fcber diesen V\u00f6lkern.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/mediathek\/videos\/politik\/Reisner-Ukraine-hat-Momentum-fuer-sich-gewonnen-id30954450.html\" rel=\"noreferrer\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/logo_grey.svg\" alt=\"Reisner2\"\/>Oberst sieht zwei VorteileReisner: &quot;Ukraine hat Momentum f\u00fcr sich gewonnen&quot;<\/a><\/p>\n<p>Was sollte die Welt &#8211; und Deutschland konkret &#8211; tun?<\/p>\n<p>Podoplelova: Auf internationalen Plattformen aktiv der russischen Gegenpropaganda entgegenwirken. Die von Moskau kontrollierten Vertreter indigener V\u00f6lker pr\u00e4sentieren dort ein gesch\u00f6ntes Bild, w\u00e4hrend unabh\u00e4ngige Aktivisten als Verr\u00e4ter diffamiert werden. UNO-Sonderberichterstatter haben im April 2025 Russlands Missbrauch des Antiterrorismusrechts im Fall des Aborigen-Forums verurteilt, mehr als 100 Organisationen forderten die Freilassung von Daria Egereva und Natalia Leongardt.<\/p>\n<p>Kurilova: Einfach wissen, dass es uns gibt. In Russland leben 40 indigene Kleinv\u00f6lker mit zusammen etwa 300.000 Menschen &#8211; so viele wie in einer mittelgro\u00dfen deutschen Stadt. Ihre Gebiete sind reich an \u00d6l und Gas, auf denen Milliarden verdient werden &#8211; vom Staat, von Unternehmen, von ausl\u00e4ndischen Investoren. Aber die indigenen V\u00f6lker entscheiden fast nie, was auf ihrem Territorium geschieht. Ihre M\u00e4nner sterben an der Front. Wer dar\u00fcber spricht, wird als Terrorist verfolgt. Daria Egereva sitzt im Gef\u00e4ngnis. Natalia Leongardt sitzt im Gef\u00e4ngnis. Die Welt muss das wissen. Damit die indigenen V\u00f6lker Russlands weder f\u00fcr ihren eigenen Staat noch f\u00fcr die internationale Gemeinschaft unsichtbar bleiben.<\/p>\n<p>Mit IIrina Kurilova und Olga Podoplelova sprach Artur Weigandt<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politik Kleinv\u00f6lker durch Krieg bedrohtWeil sie indigenen V\u00f6lkern eine Stimme gaben, behandelt Moskau sie als Terroristinnen 13.06.2026, 09:41 Uhr Interview: Artur Weigandt Die Anw\u00e4ltin Olga Podoplelova und die Journalistin Irina Kurilova mussten wegen ihres friedlichen Engagements ins Exil gehen. (Foto: Nora Erdmann ) In der Russischen F\u00f6deration leben 40 indigene Kleinv\u00f6lker. 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