{"id":32194,"date":"2026-06-07T13:05:56","date_gmt":"2026-06-07T10:05:56","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/jorn-leonhard-im-interview-es-gibt-parallelen-zwischen-dem-ukraine-krieg-und-dem-ersten-weltkrieg\/"},"modified":"2026-06-07T13:05:56","modified_gmt":"2026-06-07T10:05:56","slug":"jorn-leonhard-im-interview-es-gibt-parallelen-zwischen-dem-ukraine-krieg-und-dem-ersten-weltkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/jorn-leonhard-im-interview-es-gibt-parallelen-zwischen-dem-ukraine-krieg-und-dem-ersten-weltkrieg\/","title":{"rendered":"J\u00f6rn Leonhard im Interview: &#8220;Es gibt Parallelen zwischen dem Ukraine-Krieg und dem Ersten Weltkrieg&#8221;"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Politik<\/p>\n<h2>J\u00f6rn Leonhard im Interview&quot;Es gibt Parallelen zwischen dem Ukraine-Krieg und dem Ersten Weltkrieg&quot;<\/h2>\n<p>07.06.2026, 07:54 Uhr <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/autoren\/Hubertus-Volmer-article13634981.html\" rel=\"noreferrer\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/img\/30029917\/1763369674\/Img_1_1\/36\/b58b01e6-b3b2-4108-ace9-39b8c6dbd390.webp\" alt=\"b58b01e6-b3b2-4108-ace9-39b8c6dbd390\"\/>Interview: Hubertus Volmer<\/a>Artikel anh\u00f6ren(13:13 min)<audio src=\"https:\/\/mp3.n-tv.de\/2026\/06\/TTSART_30897893_20260607075412-radleg2.mp3\"><\/audio>00:00 \/ 13:13<\/p>\n<ul>\n<li>0.5x<\/li>\n<li>0.8x<\/li>\n<li>1.0x<\/li>\n<li>1.2x<\/li>\n<li>1.5x<\/li>\n<li>2.0x<\/li>\n<\/ul>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/img\/30897941\/1780692978\/Img_16_9\/1024\/DONETSK-REGION-UKRAINE-JULY-21-A-Ukrainian-soldier-from-a-VAMPIRE-drone-unit-scans-the-trench-in-the-direction-of-a-bomb-shelter-in-an-area-of-Donetsk-region-Ukraine-July-21-2024-Between-the-trenches-a-Ukrainian-army-FPV-VAMPIRE-drone-unit-helps-stop-the-Russian-offensive-on-the-Donetsk-region.webp\" alt=\"DONETSK-REGION-UKRAINE-JULY-21-A-Ukrainian-soldier-from-a-VAMPIRE-drone-unit-scans-the-trench-in-the-direction-of-a-bomb-shelter-in-an-area-of-Donetsk-region-Ukraine-July-21-2024-Between-the-trenches-a-Ukrainian-army-FPV-VAMPIRE-drone-unit-helps-stop-the-Russian-offensive-on-the-Donetsk-region\"\/><figcaption>Parallelen und Unterschiede: Ukrainischer Soldat einer Drohnen-Einheit im Sch\u00fctzengraben in der Region Donezk. (Foto: picture alliance \/ Anadolu)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Am 11. Juni dauert der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine so lang wie der Erste Weltkrieg. &quot;Ein langer Krieg entwickelt eigene Dynamiken&quot;, sagt der Freiburger Historiker J\u00f6rn Leonhard. &quot;Lange Kriege sind besonders schwer zu beenden.&quot; Seine Bef\u00fcrchtung: &quot;Solange Russland die Logik der imperialen Pfadabh\u00e4ngigkeit nicht verl\u00e4sst, wird die grunds\u00e4tzliche Bedrohung bestehen bleiben &#8211; unabh\u00e4ngig davon, ob der Herrscher Putin hei\u00dft oder anders.&quot;<\/p>\n<p>ntv.de: Der Krieg in der Ukraine dauert bald l\u00e4nger als der Erste Weltkrieg. Ist das mehr als ein zeitlicher Zufall? Gibt es Parallelen zwischen diesen Kriegen?<\/p>\n<p>J\u00f6rn Leonhard: Es gibt Parallelen, wobei man diese nicht mit Analogien verwechseln darf. Die erste Parallele: Es ist offenkundig ein langer Krieg. Das klingt banal, ist es aber nicht. Lange Kriege sind besonders schwer zu beenden.<\/p>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/logo_grey.svg\" alt=\"Leonhard-Joern04\"\/><figcaption>Prof. Dr. J\u00f6rn Leonhard lehrt Neuere und Neueste Geschichte Westeuropas an der Albert-Ludwigs-Universit\u00e4t Freiburg. (Foto: Uni Freiburg)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Warum?<\/p>\n<p>Ein langer Krieg entwickelt eigene Dynamiken &#8211; sei es durch eine Ausweitung auf andere L\u00e4nder, oder durch neue Technologien, die w\u00e4hrend des Kriegs entwickelt werden. Im Ersten Weltkrieg sehen wir das mit dem Einsatz von U-Booten oder dem Giftgaseinsatz, in der letzten Kriegsphase auch mit dem Einsatz von Bomberflugzeugen und Panzern. In der Ukraine ist es der Drohnenkrieg, der Einsatz von Robotern. Solche Dynamiken gibt es bei kurzen Kriegen nicht.<\/p>\n<p>Zu einem langen Krieg geh\u00f6ren auch ein ungeheurer Ressourcenverbrauch und extrem hohe Opferzahlen. Die wiederum machen Konzessionen schwieriger.<\/p>\n<p>Warum machen hohe Opferzahlen eine Einigung zwischen Kriegsparteien schwieriger?<\/p>\n<p>Weil jede Konzession wie ein Verzicht auf den Siegfrieden wirkt, der das hunderttausendfache Opfer rechtfertigen k\u00f6nnte. Mehr noch: In den Augen der Angeh\u00f6rigen, die Br\u00fcder, Ehem\u00e4nner, V\u00e4ter oder S\u00f6hne verloren haben, erscheint eine Konzession dann wie ein Verrat an den Opfern. Diese Konstellation erlebt man im Ersten Weltkrieg ab 1916, 1917.<\/p>\n<p>So fr\u00fch?<\/p>\n<p>Die Dolchsto\u00dflegende entstand nicht erst nach dem Ersten Weltkrieg, sondern schon vor dem Kriegsende. Kern dieser Legende war die Falschbehauptung, dass Deutschland kurz vor dem noch immer m\u00f6glichen Sieg von einer Phalanx innerer Feinde besiegt wurde, die das tapfer k\u00e4mpfende Heer in den R\u00fccken gestochen und so die Niederlage verursacht habe. Vor einem \u00e4hnlichen Problem, die Opfer zu legitimieren, wenn am Ende Konzessionen stehen, k\u00f6nnten auch Selenskyj und Putin stehen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Putin-gibt-in-Ukraine-Frage-keinen-Millimeter-nach-id30894527.html\" rel=\"noreferrer\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/logo_grey.svg\" alt=\"Der-russische-Praesident-Wladimir-Putin-trifft-sich-mit-Vertretern-internationaler-Nachrichtenagenturen-am-Rande-des-Internationalen-Wirtschaftsforums-von-St-Petersburg-im-Konstantin-Palast\"\/>Kremlchef adelt AfD und Schr\u00f6derPutin gibt in Ukraine-Frage keinen Millimeter nach<\/a><\/p>\n<p>Auf den ersten Blick ist es tats\u00e4chlich erstaunlich, dass das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verloren hat, denn bei Kriegsende hatte kein ausl\u00e4ndischer Soldat die Grenzen \u00fcberschritten.<\/p>\n<p>Hauptgrund f\u00fcr die Niederlage war, dass die Deutschen ihre Verluste immer schlechter kompensieren konnten. In der Verteidigung hatten sich die Deutschen als extrem effizient erwiesen. Ab dem Fr\u00fchjahr 1918 versuchte das Deutsche Reich, nach dem Frieden von Brest-Litowsk, dem faktischen Sieg \u00fcber Russland und dem Ende des Zwei-Fronten-Problems, den Sieg im Westen zu erzwingen. Sie verlagerten 40 Divisionen in den Westen, begannen eine gro\u00dfe Offensive und machten noch einmal enorme Gel\u00e4ndegewinne. Aber dann fehlten die Ressourcen, um diese Gewinne zu halten. Als die Gegenoffensive der Alliierten begann, auch mit der Hilfe der USA, die 1917 in den Krieg eingetreten waren, wurde schnell deutlich, dass die Deutschen dem nichts mehr entgegenhalten konnten.<\/p>\n<p>Auch das ist eine Lehre aus dem Ersten Weltkrieg: Sein Ende ist fast so blutig wie der Anfang. Der franz\u00f6sische Premierminister Georges Clemenceau sagt am 8. M\u00e4rz 1918 in einer Rede vor der franz\u00f6sischen Nationalversammlung: &quot;Der Sieger ist derjenige, der es schafft, eine Viertelstunde l\u00e4nger als der Gegner zu glauben, dass er nicht besiegt wurde.&quot; Ich w\u00fcrde nicht ausschlie\u00dfen, dass sich diese Konstellation auch noch einmal im russisch-ukrainischen Krieg zeigen wird, bevor es zu Konzessionen kommt: eine massive Steigerung der Gewalt, um dem Gegner zu demonstrieren, zu was man noch immer in der Lage ist.<\/p>\n<p>1568 Tage Krieg<\/p>\n<p>Der Erste Weltkrieg begann vier Wochen nach dem Attentat von Sarajewo am 28. Juni 1914 mit einer Kriegserkl\u00e4rung \u00d6sterreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli 1914. Am 11. November 1918 unterzeichneten Vertreter des Deutschen Reichs nahe der franz\u00f6sischen Stadt Compi\u00e8gne ein Waffenstillstandsabkommen. Nach 1269 Tagen war der Krieg zu Ende. Die russische Gro\u00dfinvasion in die Ukraine (im Unterschied zu Russlands r\u00e4umlich begrenzten \u00dcberf\u00e4llen auf die Ukraine seit 2014) begann am 24. Februar 2022. Am 11. Juni dauert dieser Krieg 1568 Tage.<\/p>\n<p>Macht es mit Blick auf Opferzahlen und Konzessionsbereitschaft einen Unterschied, ob ein Land angegriffen wurde oder der Angreifer ist?<\/p>\n<p>Nicht zuf\u00e4llig stellen sich alle Regime im Ersten Weltkrieg als die Angegriffenen dar. Deutschland sieht sich von Feinden eingekreist, in Frankreich verweist die Regierung darauf, dass der Feind im eigenen Land steht, ebenso in Belgien, Russland und vielen anderen beteiligten L\u00e4ndern. Der im Krieg Angegriffene kann die Opfer heroisch begr\u00fcnden: Die Toten haben ihre Heimat verteidigt. Diese Deutung spielt etwa im Umgang mit der Schlacht von Verdun bis heute eine sehr gro\u00dfe Rolle in Frankreich.<\/p>\n<p>Dagegen taucht in vielen Feldpostbriefen deutscher Soldaten vor Verdun die Frage auf, was der Sinn der deutschen Angriffe sei, das Bild der &quot;Blutm\u00fchle&quot; entsteht. Auch diese Begr\u00fcndungsnotst\u00e4nde sind typisch f\u00fcr lange Kriege mit hohen Verlusten. Es erkl\u00e4rt, warum Angreifer ihre Kriege als Verteidigungskriege zu rechtfertigen suchen. Auch Putin argumentiert, Russland verteidige sich nur gegen die westliche Expansion.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/In-der-Hoelle-von-Verdun-sollte-Frankreichs-Armee-verbluten-id30325900.html\" rel=\"noreferrer\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/logo_grey.svg\" alt=\"German-infantry-attacking-at-Verdun-world-war-one-1916\"\/>Abnutzung statt DurchbruchIn der &quot;H\u00f6lle von Verdun&quot; sollte Frankreichs Armee verbluten<\/a><\/p>\n<p>Gibt es Parallelen in den Kriegszielen? Kann man sagen, dass der Erste Weltkrieg f\u00fcr das Deutsche Reich ein imperialistischer Krieg war?<\/p>\n<p>Die allerwenigsten M\u00e4chte, die 1914 in den Krieg eintreten, haben zu diesem Zeitpunkt wirklich konkrete Kriegsziele formuliert &#8211; mit der Ausnahme \u00d6sterreich-Ungarns, das eine Kompensation f\u00fcr das 9\/11 der Habsburger-Monarchie, das Attentat von Sarajevo, anstrebte. Erst ab Herbst 1914, also nachdem der Krieg l\u00e4ngst ausgebrochen ist, konkretisieren Franzosen, Deutsche, Russen und Briten ihre Kriegsziele. Deutsche Politiker, Milit\u00e4rs und Unternehmer fordern etwa, dass es k\u00fcnftig kein unabh\u00e4ngiges Belgien mehr geben solle, dr\u00e4ngen auf ein vergr\u00f6\u00dfertes Kolonialreich und streben in Mittel- und Osteuropa eine Hegemonialstellung auf Kosten Russlands an. Aber das sind nicht die urs\u00e4chlichen Motive, die zum August 1914 f\u00fchren. Imperialit\u00e4t als wahrgenommene Konkurrenz und Vergleichsdruck ist ein allgemeiner Kontext vor 1914.  Putins Angriffskrieg spricht dagegen f\u00fcr eine sehr konkrete imperiale Pfadabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p>Was meinen Sie mit imperialer Pfadabh\u00e4ngigkeit?<\/p>\n<p>Es meint in diesem Zusammenhang, dass imperiale Entscheidungen als ein historisches Muster der russischen und sowjetischen Geschichte gegenw\u00e4rtige Handlungsoptionen reduzieren und in Richtung einer geschichtlichen Kontinuit\u00e4t zwingen. So werden einmal eingeschlagene Wege selbst dann fortgesetzt, wenn sie mit extremen Kosten verbunden sind.<\/p>\n<p>Eine h\u00e4ufige Metapher mit Blick auf den Ersten Weltkrieg ist die von den &quot;Schlafwandlern&quot;, die in den Krieg gestolpert seien. Sie teilen diese Vorstellung nicht, oder?<\/p>\n<p>Mit Christopher Clark, auf dessen Buch Sie sich beziehen, habe ich dar\u00fcber immer wieder diskutiert. Er dachte urspr\u00fcnglich \u00fcber den alternativen Titel &quot;The Gamblers&quot; nach, also &quot;Die Zocker&quot;. Das Problem der sehr suggestiven Metapher der &quot;Schlafwandler&quot; liegt darin, dass man schlafwandelnde Personen nicht f\u00fcr ihre Entscheidungen verantwortlich machen kann, sie sind gleichsam vermindert schuldf\u00e4hig. Aus meiner Sicht handelte es sich 1914 eher um eine Fehlkalkulation, bei der alle Beteiligten damit rechneten, es werde ein kurzer und blutiger Krieg, in dem man die Risiken richtig einsch\u00e4tzen k\u00f6nne. Aber jeder einmal ausgebrochene Krieg entwickelt eine Dynamik, die nicht zu planen oder zu prognostizieren ist. Auch 1914 ging das fundamental schief.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Interview-mit-Joern-Leonhard-Die-wenigsten-Kriege-enden-mit-Friedensverhandlungen-article24868549.html\" rel=\"noreferrer\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/logo_grey.svg\" alt=\"2024-04-05T163421Z-1799322820-RC2507AWY82E-RTRMADP-3-UKRAINE-CRISIS-EAST\"\/>Lernen aus der Geschichte&quot;Die wenigsten Kriege enden mit Friedensverhandlungen&quot;<\/a><\/p>\n<p>Ihr Buch \u00fcber den Ersten Weltkrieg hei\u00dft &quot;Die B\u00fcchse der Pandora&quot;, weil die Gewalt dieses Kriegs nicht 1918 endete, sondern weiterging. Warum gelang es nicht, den Krieg wirklich zu beenden?<\/p>\n<p>Nach langen Kriegen mit vielen Opfern besteht die Gefahr, dass ein Waffenstillstand sich nur als eine Atempause erweist, weil die Unterlegenen auf eine Revision der Ergebnisse setzen. Die andere Gefahr liegt in einem zu ehrgeizigen Frieden. Dem totalisierten Weltkrieg folgte nach 1918 ein \u00fcberforderter Frieden. Er sollte den vorangegangenen Krieg zu einem &quot;war to end all wars&quot; machen. Dem entsprach der V\u00f6lkerbund als System kollektiver Sicherheit im Namen des neuen Prinzips der Selbstbestimmung und nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t &#8211; so die weitgespannten Erwartungen. Stattdessen belasteten die nicht erreichten Ziele und der Ausschluss der Besiegten die 1920er und 1930er Jahre. Interessanterweise kennzeichnete die Unzufriedenheit nicht allein die Verlierer, sondern auch die Siegerm\u00e4chte. In Italien entstand der Mythos der &quot;vittoria mutilata&quot;, des verst\u00fcmmelten Sieges, den Mussolini benutzte, um die liberale Nachkriegsregierung zu delegitimieren.<\/p>\n<p>Rechnen Sie f\u00fcr das Ende des russisch-ukrainischen Kriegs mit einem \u00fcberforderten Frieden?<\/p>\n<p>Sehr viel spricht daf\u00fcr, dass wir nicht mehr in einem Zeitalter sind, in dem die Trennung zwischen Krieg und Frieden so eindeutig ist, wie sie sich im 19. und 20. Jahrhundert entwickelte. Das ist der gr\u00f6\u00dfte Unterschied zu den gro\u00dfen klassischen Friedensvertr\u00e4gen wie 1648 nach dem Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg beim Westf\u00e4lischen Frieden, nach den Napoleonischen Kriegen auf dem Wiener Kongress 1815 und vom Anspruch her auch 1919 auf der Pariser Friedenskonferenz. Diese Art von Friedensschl\u00fcssen wird nach dem Zweiten Weltkrieg immer seltener. An ihre Stelle treten fragile Waffenstillst\u00e4nde wie nach dem Korea- und dem Vietnamkrieg. Das sehen wir aktuell auch im Nahen Osten: Es gibt eine Waffenruhe, aber gleichzeitig immer wieder aufflammende Gefechte. Auch zwischen der Ukraine und Russland k\u00f6nnte es irgendwann eine Waffenruhe geben, vielleicht sogar einen Waffenstillstand. Aber selbst das ist unsicher.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/mediathek\/videos\/politik\/Man-muss-Zweifel-haben-ob-Putin-richtig-informiert-ist-id30896214.html\" rel=\"noreferrer\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/logo_grey.svg\" alt=\"Mangott0506\"\/>Mangott zu Falschaussage&quot;Man muss Zweifel haben, ob Putin richtig informiert ist&quot;<\/a><\/p>\n<p>Warum sollte es keinen Waffenstillstandsvertrag geben?<\/p>\n<p>Ein solcher f\u00f6rmlicher Vertrag h\u00e4tte eine v\u00f6lkerrechtliche Bindung und m\u00fcsste international abgesichert werden, um wirkungsvoll zu sein. Meine Prognose geht eher in Richtung einer br\u00fcchigen Waffenruhe, die dann unterhalb der Schwelle offener Kriegshandlungen immer wieder unterlaufen wird: durch den Einsatz von Milizen, durch Entf\u00fchrungen, Terrorakte, hybride Kriegsf\u00fchrung, Angriffe auf kritische Infrastrukturen und dergleichen. Dazu passt, dass in den russischen Kommandost\u00e4ben die Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden eine immer geringere Rolle spielt. Dort sieht man sich in einem Krieg, der je nachdem asymmetrisch eskaliert wird &#8211; zum Beispiel durch den Einschlag einer Drohne in ein Wohnhaus auf Nato-Territorium, einen Cyberangriff auf einen Flughafen oder ein Kraftwerk, oder ein Attentat.<\/p>\n<p>Diese Art von Kriegsende w\u00e4re im Sinne Russlands, weil die Ukraine dann gr\u00f6\u00dfte Schwierigkeiten h\u00e4tte, sich politisch oder wirtschaftlich zu entwickeln.<\/p>\n<p>Die Antwort auf eine solche Konstellation m\u00fcsste der Ukraine eine belastbare Sicherheitszusage anbieten, ob von der Nato oder von Europa, damit sie zu einem &quot;Israel Ostmitteleuropas&quot; werden kann: einem hochger\u00fcsteten Stachelschwein, bei dem der Preis f\u00fcr einen neuen Angriff Russlands so hoch ist, dass es davon abgeschreckt wird. Doch solange Russland die Logik der imperialen Pfadabh\u00e4ngigkeit nicht verl\u00e4sst, wird diese grunds\u00e4tzliche Bedrohung bestehen bleiben &#8211; unabh\u00e4ngig davon, ob der Herrscher Putin hei\u00dft oder anders.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/mediathek\/bilderserien\/politik\/Der-Erste-Weltkrieg-als-Urkatastrophe-des-20-Jahrhunderts-article24291131.html\" rel=\"noreferrer\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/logo_grey.svg\" alt=\"9-AP160701013-18\"\/>Kriegstaumel und Grabenk\u00e4mpfeDer Erste Weltkrieg als &quot;Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts&quot;<\/a><\/p>\n<p>Glauben Sie nicht, dass die Ukraine und Russland ihre Feindschaft irgendwann \u00fcberwinden k\u00f6nnen? Deutschland und Frankreich ist das nach dem Zweiten Weltkrieg gelungen.<\/p>\n<p>Wir vergessen h\u00e4ufig, dass ein Jahr vor dem \u00c9lys\u00e9e-Vertrag das Abkommen von \u00c9vian geschlossen wurde, das den Algerienkrieg beendete. Erst dieses schmerzvolle Ende der Kolonialkriege in Indochina und Nordafrika und das Auslaufen des Kolonialismus \u00f6ffneten Frankreich f\u00fcr die europ\u00e4ische Option. Ohne diesen Abschied von einer imperialen Politik w\u00e4re die kontinentaleurop\u00e4ische Integration als Kontext der Vers\u00f6hnung noch schwerer gewesen.<\/p>\n<p>Wenn man das auf Russland \u00fcbertr\u00e4gt\u2026<\/p>\n<p>\u2026 dann w\u00fcrde eine langfristige Auss\u00f6hnung mit der Ukraine voraussetzen, dass Russland aus seiner imperialen Tradition heraustritt. Das w\u00e4re ein schmerzlicher Prozess, der sicher mit einem Krieg beendet ist.<\/p>\n<p>Mit J\u00f6rn Leonhard sprach Hubertus Volmer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politik J\u00f6rn Leonhard im Interview&quot;Es gibt Parallelen zwischen dem Ukraine-Krieg und dem Ersten Weltkrieg&quot; 07.06.2026, 07:54 Uhr Interview: Hubertus VolmerArtikel anh\u00f6ren(13:13 min)00:00 \/ 13:13 0.5x 0.8x 1.0x 1.2x 1.5x 2.0x<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-32194","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32194","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=32194"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/32194\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=32194"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=32194"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=32194"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}