{"id":31122,"date":"2025-12-17T21:17:16","date_gmt":"2025-12-17T18:17:16","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/isw-experte-im-interview-wie-die-russen-dazulernen-macht-mir-sorgen\/"},"modified":"2025-12-17T21:17:16","modified_gmt":"2025-12-17T18:17:16","slug":"isw-experte-im-interview-wie-die-russen-dazulernen-macht-mir-sorgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/isw-experte-im-interview-wie-die-russen-dazulernen-macht-mir-sorgen\/","title":{"rendered":"ISW-Experte im Interview: &#8220;Wie die Russen dazulernen, macht mir Sorgen&#8221;"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Politik<\/p>\n<h2>ISW-Experte im Interview&quot;Wie die Russen dazulernen, macht mir Sorgen&quot;<\/h2>\n<p>17.12.2025, 17:35 Uhr <\/p>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/img\/30153719\/1765975946\/Img_16_9\/1024\/Russia-Ukraine-Military-Operation-Motor-Giatsint-S-Artillery-Unit-9061499-28-11-2025-Russian-servicemen-of-73rd-Artillery-Brigade-of-the-25th-Combined-Arms-Army-of-the-Zapad-West-Group-of-Forces-prepare-to-fire-a-2S5-Giatsint-S-self-propelled-howitzer-towards-Ukrainian-positions-in-the-Krasny-Liman-also-known-as-Lyman-sector-of-the-front-line-amid-Russia-s-military-operation-in-Ukraine-in-the-Lugansk-People-s-Republic-Russia.webp\" alt=\"Russia-Ukraine-Military-Operation-Motor-Giatsint-S-Artillery-Unit-9061499-28-11-2025-Russian-servicemen-of-73rd-Artillery-Brigade-of-the-25th-Combined-Arms-Army-of-the-Zapad-West-Group-of-Forces-prepare-to-fire-a-2S5-Giatsint-S-self-propelled-howitzer-towards-Ukrainian-positions-in-the-Krasny-Liman-also-known-as-Lyman-sector-of-the-front-line-amid-Russia-s-military-operation-in-Ukraine-in-the-Lugansk-People-s-Republic-Russia\"\/><figcaption>Russische Soldaten der Einheit &quot;Zapad&quot; (deutsch: Westen) feuern mit Artillerie gegen ukrainische Stellungen. (Foto: IMAGO\/SNA)<\/figcaption><\/figure>\n<p>W\u00e4hrend in der Politik manche auf Waffenruhe vor Weihnachten hoffen, r\u00fccken die russischen Truppen unbeirrt vor. ISW-Chef-Analyst George Barros erkl\u00e4rt ntv.de, warum dieser Winter f\u00fcr die Verteidiger so schwierig wird. <\/p>\n<p>ntv.de: Herr Barros, monatelang k\u00e4mpften die Ukrainer mit allem, was sie aufbringen konnten, um Pokrowsk. Dann ging die Stadt verloren. Sehen wir die Niederlage der Ukraine heraufziehen?<\/p>\n<p>George Barros: If it bleeds, it leads &#8211; so hei\u00dft es in den US-Medien. Wenn es blutet, dann l\u00e4uft die Meldung oben. Und Pokrowsk blutet. Aber es ist wichtig, dass wir das im operativen Kontext besprechen, denn die Russen haben sehr lange um die Stadt gek\u00e4mpft und sehr lange keinen Erfolg gehabt. Jetzt hat Putin die Meldung: Die Ukraine hat Pokrowsk verloren. Die Einnahme der Stadt durch die russischen Truppen ist die Basis f\u00fcr eine ziemlich ausgekl\u00fcgelte Operation im Informationskrieg. Da will Russland jetzt mit Pokrowsk einen Sieg einfahren. <\/p>\n<p>Warum vor allem dort? Schlie\u00dflich war Pokrowsk auch ein wichtiger Knotenpunkt f\u00fcr die Logistik. <\/p>\n<p>Das stimmt, aber das m\u00fcssen wir uns genau anschauen. V\u00f6llig korrekt, Pokrowsk hatte als Logistik-Hub herausragende Bedeutung aufgrund der Eisenbahnlinie und der Autostra\u00dfe, die dort entlangf\u00fchren. Beide hatten operative Bedeutung f\u00fcr die ukrainischen Truppen, die dar\u00fcber ihren Nachschub organisierten. Aber wenn wir uns Karten vom Kriegsverlauf aus dem Juni 2025 anschauen, dann ist dort erkennbar: Die Russen haben ihr Ziel, diese ukrainischen Nachschublinien zu zerst\u00f6ren, schon damals erreicht. Schon seit Juni, seit sechs Monaten, funktioniert Pokrowsk nicht mehr als Logistikknotenpunkt. Die Nachschublinien sind seitdem unterbrochen. <\/p>\n<figure><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/logo_grey.svg\" alt=\"Screenshot 2025-12-16 152652\"\/><figcaption>George Barros, Experte f\u00fcr Globale Studien, leitet am renommierten US-Institute for the Study of War das Analyseteam f\u00fcr Russland und den Ukrainekrieg. Zum Kriegsverlauf in der Ukraine liefert das ISW seit Beginn der Vollinvasion ein t\u00e4gliches Update. (Foto: ISW)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Warum ist aber dieser Sieg im Informationskrieg so relevant? Putin k\u00f6nnte mit seinem Propaganda-Apparat in Russland doch alles behaupten. <\/p>\n<p>Den Russen ist bewusst, dass der eigentliche Schwerpunkt dieses Krieges derzeit nicht unbedingt in den taktischen Entwicklungen auf dem Schlachtfeld liegt. Entscheidend ist die Solidarit\u00e4t der internationalen Koalition. Ohne die internationale Unterst\u00fctzung hat die Ukraine keine Chance, aus diesem Krieg als souver\u00e4ner Staat herauszugehen. <\/p>\n<p>Dann sind wir der Adressat in Putins Operation? <\/p>\n<p>Medienkonsumenten genauso wie Politiker h\u00f6ren auf die Nachrichten und denken, &quot;Hui, die Ukrainer haben eine wichtige Stadt verloren&quot;. Das unterst\u00fctzt das Narrativ, Russlands Sieg sei unvermeidbar, die Russen seien nicht zu stoppen. Egal wie, sie werden immer weitermarschieren. Das sollen wir denken. <\/p>\n<p>Was denken Sie? <\/p>\n<p>Was mir Sorgen bereitet, ist die Einsatzkunst der Russen. Sie lernen dazu, ihr Vorgehen wird immer ausgefeilter. Besonders auff\u00e4llig ist, wie f\u00e4hig die Russen bei der Luft\u00fcberwachung des Schlachtfelds geworden sind. Mit dem Einsatz von Luftstreitkr\u00e4ften kann man bestimmte Teile der Frontlinie isolieren, also die Versorgungswege abschneiden. Die Russen machen das mit ihren Drohnen, und zwar nicht nur innerhalb der ersten 30 Kilometer, sondern 40, 50, 60, manchmal bis zu 90 Kilometer von der Front entfernt. Sie greifen Stra\u00dfen an, Z\u00fcge, Logistikzentren, und das ist ein gro\u00dfes Problem, weil die Ukrainer an der Front nat\u00fcrlich auf Nachschub angewiesen sind. Diese Situation unterscheidet sich von den ersten Kriegsjahren. Bislang hatten die Ukrainer immer ein sicheres Hinterland, aus dem heraus die Front versorgt wurde. Das ist jetzt vorbei. Noch etwas macht mich unruhig. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Steuert-die-Ukraine-auf-die-Niederlage-zu-id30138075.html\" rel=\"noreferrer\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/logo_grey.svg\" alt=\"KHARKIV-OBLAST-UKRAINE-OCTOBER-4-Ukrainian-soldiers-fire-D30-artillery-at-Russian-infantry-in-the-direction-of-the-Borova-front-Ukraine-on-October-4-2025-All-civilian-services-from-Borova-are-planned-to-be-transferred-to-safer-areas\"\/>&quot;Die Russen sind gereift&quot;Steuert die Ukraine auf die Niederlage zu?<\/a><\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren. <\/p>\n<p>Die Ukrainer m\u00fcssten genau in dieser etwas gr\u00f6\u00dferen Distanz zur Front auch selbst besser werden. In der mittleren Reichweite. Sie k\u00e4mpfen mit ihren kleinen Drohnen sehr effektiv in der Kill-Zone nahe der Front. Auch in gro\u00dfer Distanz, ab 100, 200, 300 Kilometern Entfernung, fliegen sie eine gute strategische Kampagne gegen kritische russische Infrastruktur &#8211; Raffinerien, Gaswerke. Aber in der mittleren Reichweite, zwischen 30 und 120 Kilometern Entfernung zur Front, passiert gar nichts. Da haben sie in der Vergangenheit mit amerikanischen Himars gewirkt, doch das funktioniert nicht mehr, weil die Russen im Bereich der elektronischen Kriegf\u00fchrung &#8211; mit St\u00f6rsendern zum Beispiel &#8211; so viel besser geworden sind. Himars-Raketen kommen nicht mehr ins Ziel. <\/p>\n<p>K\u00f6nnte man die Himars an die russischen F\u00e4higkeiten anpassen?<\/p>\n<p>Ich f\u00fcrchte nein, denn die USA liefern den Ukrainern nur die alte Version des Raketenwerfers. Es gibt eine h\u00f6her entwickelte Himars-Rakete, die wir aber f\u00fcr die Nato zur\u00fcckhalten. Wir wollen den Russen nicht die Chance geben, an der neuen Version zu lernen, wie man sie abwehrt. Die alte Version kann man kaum adaptieren, mit Himars sind wir in der Sackgasse gelandet. In der mittleren Reichweite m\u00fcssen die Ukrainer wieder F\u00e4higkeiten aufbauen.<\/p>\n<p>Was w\u00e4re der Weg dorthin? Drohnen? <\/p>\n<p>Drohnen kann man nutzen, sie bergen aber das Problem, dass sie nicht genug Sprengladung tragen k\u00f6nnen, um h\u00e4rtere, speziell gesch\u00fctzte Ziele zu zerst\u00f6ren. Die Ukrainer m\u00fcssten in diesen Angriffen Drohnen und Raketen f\u00fcr die mittlere Reichweite miteinander kombinieren. Daf\u00fcr hat Kiew derzeit nicht die perfekte Waffe, aber die Industrie arbeitet daran. Allerdings bekommen sie aus der Truppe kein wirkliches Nachfrage-Signal. Das ist ein Problem, und das betrifft die Kommando-Ebene, also die Operationsplanung der Ukrainer. Die Kommandeure zielen ungern auf die mittlere Reichweite. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Ukrainischer-Drohnenpilot-berichtet-von-seinem-Front-Alltag-Wenn-ich-angreife-hoere-ich-dabei-Carmen-id30057305.html\" rel=\"noreferrer\" target=\"_blank\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.n-tv.de\/logo_grey.svg\" alt=\"UKRAINE-2025-02-11-Inside-an-underground-bunker-Ukrainian-drone-operators-fly-a-drone-to-target-Russian-positions-on-the-frontline-The-war-between-Ukraine-and-Russia-has-shown-how-inexpensive-and-expendable-drones-like-kamikaze-or-bomb-dropping-models-are-reshaping-warfare-These-drones-allow-for-precise-low-cost-strikes-and-have-proven-highly-effective-in-disrupting-enemy-operations-As-a-result-they-are-changing-military-strategies-signaling-a-future-where-drones-play-a-central-role-in-combat-reducing-reliance-on-traditional-expensive-weaponry\"\/>Drohnenpilot \u00fcber Front-Alltag&quot;Wenn ich angreife, h\u00f6re ich dabei &#039;Carmen&#039;&quot;<\/a><\/p>\n<p>Wieso das denn? Hat das irgendwelche Nachteile? <\/p>\n<p>Wir haben ja eben schon besprochen, was wir auf dem Schlachtfeld sehen: Viele Kommandeure und auch die ukrainischen Drohnen-Einheiten zielen auf das, was ihnen direkt vor die Nase kommt, also auf den Nahbereich. Sie m\u00fcssten aber dringend verstehen, wie wichtig die Schl\u00e4ge in die russische Tiefe sind: Zerst\u00f6re die russische Einheit nicht erst, wenn du sie direkt vor der Nase hast, sondern zerst\u00f6re sie, wenn sie in Donezk oder in Rostow am Don aus dem Zug steigt. Das ist viel effektiver. <\/p>\n<p>Was genau gibt es da nicht zu verstehen? <\/p>\n<p>Naja, so einfach ist es f\u00fcr die Kommandeure nicht. Einen schlechten Einfluss hat letztlich das Punktesystem, das unter den Drohneneinheiten entwickelt wurde. Das wird gehandhabt wie ein Spiel, mit Belohnungen. Die Einheiten f\u00fcr unbemannte Systeme haben eine Rangliste f\u00fcr zerst\u00f6rte Ziele &#8211; Radarsysteme, Panzer, Personen, f\u00fcr jeden Typ bekommen sie unterschiedlich viele Punkte, und die lassen sich in Geld umwandeln. F\u00fcr viele zerst\u00f6rte Ziele, die in der Rangliste oben stehen, gibt es also mehr Geld, um sich Ausr\u00fcstung und Munition f\u00fcr die Einheit zu kaufen. <\/p>\n<p>Klingt smart. Wenn das Kommando m\u00f6chte, dass die Frontk\u00e4mpfer sich auf einen Zieltypen fokussieren, geht es mit dem Preis hoch? <\/p>\n<p>Genau so machen sie das. Erkennt die Kommandozentrale: Wir m\u00fcssen mehr Artilleriesysteme ausschalten, dann erh\u00f6hen sie die Belohnung f\u00fcr Artillerie von f\u00fcnf Punkten auf zehn Punkte, als Beispiel. Die Einheiten werden alles daransetzen, eher Artillerie als Panzer anzugreifen. In dieser Rangliste m\u00fcsste es einen Faktor f\u00fcr die Distanz geben. Wenn es zehn Punkte bringt, einen Panzer in der Todeszone abzuschie\u00dfen, m\u00fcsste es 100 Punkte bringen, ihn weit hinter der Front, in Rostow am Don zu zerst\u00f6ren. Aber so funktioniert das System leider nicht. Die Einheiten sehen darum keinen Grund, in mittlerer Distanz anzugreifen. Entsprechend ben\u00f6tigen sie f\u00fcr mittlere Distanz kaum Waffen und Munition. Also erreicht die Industrie auch nur eine schwache Nachfrage und sie produziert kaum. Es ist ein fataler Kreislauf, aber wir versuchen, dieses Verst\u00e4ndnis auf ukrainischer Seite herzustellen, da muss ein anderes Mindset her. <\/p>\n<p>Wie zuversichtlich sind Sie? Eine Denkweise \u00e4ndert man nicht von heute auf morgen. <\/p>\n<p>Das stimmt, aber das ukrainische Milit\u00e4r ist auch kein Monolith. Es gibt auch Korps-Kommandeure, die das Problem sehen und bereit sind, es anzugehen. Es gibt Exzellenzzentren, die diese Faktoren der operativen Planung durchdringen. Aber es ist noch nicht so ausgereift wie bei den Russen. <\/p>\n<p>Womit wir wieder bei Ihrer Sorge w\u00e4ren: Die Russen lernen dazu. <\/p>\n<p>Exakt. Mit der Rubikon-Einheit etwa haben die Russen eine Elite-Truppe, die sehr stark ist bei der Aufkl\u00e4rung von Signalen, etwa wenn sie die Funkabstrahlung ukrainischer Stellungen lokalisiert. Sie greift gezielt Bedienmannschaften an, Nachschubrouten, Fahrzeugkolonnen, auch weit hinter der Front, und schaltet ukrainische Drohnenteams aus. Die Russen haben dieses operative Konzept tats\u00e4chlich ausgearbeitet, reifen lassen und dann skaliert. Im Vergleich dazu agieren die Ukrainer noch etwas zusammenhanglos, sind sich nicht einig, was Priorit\u00e4t haben sollte, richten die Hersteller nicht danach aus. Das w\u00e4re aber der Schl\u00fcssel, um hier nach vorn zu kommen. Eine der wichtigsten Herausforderungen, die ich derzeit sehe. <\/p>\n<p>Mit George Barros sprach Frauke Niemeyer im Rahmen der Konferenz Defense Baltics in Litauen, ausgerichtet u.a. von der Friedrich-Naumann-Stiftung. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politik ISW-Experte im Interview&quot;Wie die Russen dazulernen, macht mir Sorgen&quot; 17.12.2025, 17:35 Uhr Russische Soldaten der Einheit &quot;Zapad&quot; (deutsch: Westen) feuern mit Artillerie gegen ukrainische Stellungen. 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