{"id":2971,"date":"2020-10-04T12:57:06","date_gmt":"2020-10-04T09:57:06","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/petra-pau-zur-einheit-die-leute-haben-schlicht-keine-ahnung-wie-es-in-der-ddr-war\/"},"modified":"2020-10-04T12:57:06","modified_gmt":"2020-10-04T09:57:06","slug":"petra-pau-zur-einheit-die-leute-haben-schlicht-keine-ahnung-wie-es-in-der-ddr-war","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/petra-pau-zur-einheit-die-leute-haben-schlicht-keine-ahnung-wie-es-in-der-ddr-war\/","title":{"rendered":"Petra Pau zur Einheit: &#8220;Die Leute haben schlicht keine Ahnung, wie es in der DDR war&#8221;"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/13064ee5-0001-0004-0000-000001454394_w948_r1.77_fpx39.07_fpy45.jpg\" title=\"Bundestagsvizepr\u00e4sidentin Petra Pau\" alt=\"Bundestagsvizepr\u00e4sidentin Petra Pau\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Bundestagsvizepr\u00e4sidentin Petra Pau<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Guido Kirchner\/ dpa  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Seit 22 Jahren sitzt Petra Pau im Bundestag. Seit mehr als 14 Jahren ist sie f\u00fcr ihre Partei Vizepr\u00e4sidentin des Parlaments. Ihre Partei, das ist Die Linke, die fr\u00fcher PDS hie\u00df und davor SED. Sechsmal in Folge hat sie in ihrer Geburtsstadt Berlin ein Direktmandat gewonnen, das erste Mal, 1998, gegen Wolfgang Thierse (SPD), Marianne Birthler (Gr\u00fcne) und G\u00fcnter Nooke (CDU), gleich drei ehemalige B\u00fcrgerrechtlerinnen und B\u00fcrgerrechtler. Und das als Ex-Funktion\u00e4rin der FDJ, des Jugendverbands in der DDR.<\/p>\n<p>Nach der deutschen Einheit, die jetzt 30 Jahre zur\u00fcckliegt, ist sie schnell im neuen System angekommen. &quot;Ich bin leidenschaftliche Parlamentarierin und Demokratin geworden&quot;, hatte sie im Fr\u00fchjahr dem SPIEGEL gesagt. Aber eben auch: geworden. Daraus macht sie keinen Hehl.<\/p>\n<p>Im Interview schaut Petra Pau, 57, auf ihre eigene Vergangenheit, die Zeit des Umbruchs und die Rolle ihrer Partei im neuen Gesamtdeutschland.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Frau Pau, mit welchen Gef\u00fchlen blicken Sie nach 30 Jahren auf die deutsche Einheit zur\u00fcck?<\/p>\n<p><strong>Petra Pau: <\/strong>Ich habe zweieinhalb politische Systeme erlebt: den realexistierenden Sozialismus in der DDR, sp\u00e4ter den realexistierenden Kapitalismus in der Bundesrepublik. Am spannendsten fand ich die Zeit von Herbst 1989 bis zum Fr\u00fchjahr 1990. Damals nahmen die Menschen in der DDR ihr politisches Schicksal in die Hand, die Opposition gab pl\u00f6tzlich den Ton an. Es ging um gro\u00dfe Fragen: In welchem Land, in welcher Gesellschaft wollen wir leben? Doch mit dem Sieg der Konservativen bei der Volkskammerwahl am 18. M\u00e4rz brach alles zusammen. Ab dann war klar: Diese Aufbruchzeit endet, wir steuern auf die Einheit zu\u2026<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> \u2026die Sie nicht wollten?<\/p>\n<p><strong>Pau:<\/strong> Nein. Aber ich wollte Ver\u00e4nderung. Es war klar, dass wir Reformen brauchten. Ich war emp\u00f6rt, als Egon Krenz erkl\u00e4rte, die SED habe die Wende eingeleitet. Falsch! Nicht die Partei hat die Wende eingeleitet. Das waren die friedlichen Demonstranten.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Sie selbst geh\u00f6rten nicht dazu.<\/p>\n<p><strong>Pau:<\/strong> So weit war ich damals noch nicht. Heute wei\u00df ich, dass mich eine gute Freundin Anfang 1989 getestet hat. Sie wollte wissen, ob ich brauchbar bin f\u00fcr die Opposition. Sie kam zu dem Schluss, ich sei noch nicht reif.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Sie hatten keine Zweifel?<\/p>\n<p><strong>Pau:<\/strong> Das war ein l\u00e4ngerer Prozess bei mir. Ich arbeitete damals beim Zentralrat der FDJ. Am 4. November 1989 verfolgte ich im B\u00fcro mit Kolleginnen die Gro\u00dfdemonstration am Alexanderplatz im Fernsehen. Als wir irgendwann in Richtung Kantine gingen, trafen wir auf Uniformierte mit schwerem Ger\u00e4t, Panzer und Wasserwerfer. Die M\u00e4nner sagten, sie hielten sich bereit, um notfalls den Durchbruch der Klassenfeinde in den Westen zu verhindern, also jener friedlichen Leute, die wir eben noch im Fernsehen gesehen hatten. F\u00fcr mich war das ein Schock, ein einschneidendes Erlebnis.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> F\u00fcr Ihren Job an der Spitze der DDR-Jugendorganisation musste man ideologisch standfest sein. Hadern Sie heute mit Ihrer Rolle in der DDR?<\/p>\n<p><strong>Pau:<\/strong> Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, in welchen Strukturen ich unterwegs war &#8211; in meiner Funktion, aber auch in meinem Denken. Das war ein innerer Aufarbeitungsprozess. Und nat\u00fcrlich ging es da auch um meine eigene Rolle in der DDR. Ich war in der SED, ich war Funktion\u00e4rin der staatlichen Kinderorganisation. Ich war auch Lehrerin und hatte Einfluss auf Lebenswege. Da muss man sich schon fragen: Hast du Unrecht getan?<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wie lautet Ihre Antwort?<\/p>\n<p><strong>Pau:<\/strong> Ich habe dar\u00fcber auch mit ehemaligen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern gesprochen. Ja, ich habe die Ideologie weitergetragen. Aber ich konnte zum Gl\u00fcck keinen Punkt finden, an dem ich jemandem pers\u00f6nlich Unrecht getan h\u00e4tte.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Was lief aus Ihrer Sicht schief bei der Einheit?<\/p>\n<p><strong>Pau:<\/strong> Der Einigungsvertrag war westgepr\u00e4gt. Wir leiden noch heute an den Geburtsfehlern dieser deutschen Einheit. Die vermeintlichen Altschulden belasten die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften. Die Renten in Ost und West sind nach wie vor nicht angeglichen. Es gibt keinen gleichen Lohn f\u00fcr gleiche Arbeit. Von gleichwertigen Lebensverh\u00e4ltnissen kann keine Rede sein. All das ist ungerecht. Das macht viele Menschen zu Recht w\u00fctend, weil ihre Lebensleistung nicht anerkannt wird.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> &quot;Jetzt w\u00e4chst zusammen, was zusammengeh\u00f6rt&quot;- was ist aus Willy Brandts ber\u00fchmtem Einheits-Versprechen geworden?<\/p>\n<p><strong>Pau:<\/strong> Die Gesellschaft driftet auseinander. Die Kluft zwischen Ost und West ist gr\u00f6\u00dfer geworden. F\u00fcr Wessis war der Osten meistens uninteressant. Die meisten Ossis haben sich nach dem Fall der Mauer ein Bild von der Welt gemacht, indem sie gereist sind. Vielen Westdeutschen ist dagegen nach wie vor egal, was da dr\u00fcben passiert.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Jetzt gehen Sie mit den Wessis aber hart ins Gericht.<\/p>\n<p><strong>Pau:<\/strong> Ich muss heute noch in Baden-W\u00fcrttemberg oder Bayern erkl\u00e4ren, dass der Ossi genauso den Soli bezahlt wie die B\u00fcrger im Westen. Die Leute haben schlicht keine Ahnung, wie es in der DDR war, sie haben keine Vorstellung vom Bildungssystem dort oder vom Gesundheitswesen. Sie wissen auch wenig \u00fcber die Br\u00fcche in den Ostbiografien. Die Neugier ist offenbar schnell erloschen. Wenn sie \u00fcberhaupt jemals da war.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Ihnen f\u00e4llt so gar nichts Positives zur Wiedervereinigung ein?<\/p>\n<p><strong>Pau:<\/strong> Doch, klar. Ich bin zum Beispiel seit 30 Jahren B\u00fcrgerin einer demokratischen Republik. Mal abgesehen davon, dass ich pers\u00f6nlich durch die Einheit sehr viel gewonnen habe. Wenn mir jemand 1990 gesagt h\u00e4tte, du wirst mal Bundestagsabgeordnete oder gar Vizepr\u00e4sidentin des Bundestags, h\u00e4tte ich diese Person zum Arzt geschickt. Aber es \u00e4rgert mich, dass es nicht gelungen ist, soziale Gerechtigkeit in der Bundesrepublik zu verankern.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Warum nicht?<\/p>\n<p><strong>Pau: <\/strong>Es ist nicht gewollt, insbesondere von der CDU\/CSU nicht.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>W\u00e4re es nicht eine glaubw\u00fcrdigere Abkehr von der Diktatur gewesen, wenn sich die SED mit der Wende aufgel\u00f6st h\u00e4tte?<\/p>\n<p><strong>Pau: <\/strong>Die Partei hat sich als PDS komplett neu organisiert, und ich halte die Entscheidung nach wie vor f\u00fcr richtig. Es h\u00e4tte ja f\u00fcr Leute wie mich sonst keine Partei gegeben. Vielleicht w\u00e4re die Lage eine andere gewesen, wenn die SPD ehemalige SED-Mitglieder aufgenommen h\u00e4tte. Ich wollte selbst etwas tun und mich nicht einfach in dieses neue Land hineinverwalten lassen. F\u00fcr mich war entscheidend, dass es in der PDS einen klaren Bruch mit dem Sozialismus sowjetischer Pr\u00e4gung gab, inhaltlich und in der politischen Praxis. Wer sich um ein politisches Mandat bewarb, musste fr\u00fchere Kontakte mit der Staatssicherheit und anderen Geheimdiensten offenlegen. Ich selbst habe mich f\u00fcr diese Dinge sehr eingesetzt.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Trotzdem gibt es auch heute noch Kritik an der historischen Aufarbeitung der Partei. Wo Teile der SED-Milliarden geblieben sind, ist immer noch ein R\u00e4tsel.<\/p>\n<p><strong>Pau: <\/strong>Das ist falsch, weil seit 1992 juristisch klar geregelt.Klar ist doch: Sollte noch irgendwo SED-Geld auftauchen, dann ginge es an die Bundesrepublik f\u00fcr den Aufbau Ost.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wieviel SED steckt heute noch in der Linken?<\/p>\n<p><strong>Pau:<\/strong> So gut wie nichts. Den Stalinismus lehnen wir ab, programmatisch sind wir v\u00f6llig neu aufgestellt als Partei des demokratischen Sozialismus. Nur noch eine Minderheit in der heutigen Linken war fr\u00fcher auch in der SED.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Aber es gibt noch Linke, die das mit der Mauer gar nicht so schlimm fanden.<\/p>\n<p><strong>Pau:<\/strong> Der Anteil dieser Leute ist heute marginal, ohne Einfluss. Ich werbe dennoch daf\u00fcr, dass wir die Verantwortung unserer Geschichte ernst nehmen. Wir d\u00fcrfen nicht zulassen, dass wir im politischen Alltag nachl\u00e4ssig werden.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Was meinen Sie?<\/p>\n<p><strong>Pau: <\/strong>Ich habe mich etwa ma\u00dflos \u00fcber unsere sogenannte Strategiekonferenz im M\u00e4rz ge\u00e4rgert.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Damals witzelte Parteichef Bernd Riexinger nach einem Beitrag einer Genossin w\u00e4hrend einer Podiumsdiskussion \u00fcber die Erschie\u00dfung oder Zwangsarbeit von Reichen.<\/p>\n<p><strong>Pau:<\/strong> Dass Mitglieder meiner Partei in v\u00f6lliger Verkennung der Situation nicht in aller Sch\u00e4rfe auf solch einen Einwurf reagieren, egal ob dieser satirisch gemeint war oder nicht, ist inakzeptabel.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Heute kommen die Hardliner bei den Linken eher aus dem Westen. Haben Sie Sorge, dass man es dort mit der historischen Verantwortung nicht ganz so ernst nimmt?<\/p>\n<p><strong>Pau: <\/strong>Das ist sehr pauschal gefragt. Aber nehmen wir zum Beispiel den Antisemitismus: Der war Teil des Sozialismus sowjetischer Pr\u00e4gung. Eine kritische Auseinandersetzung mit Antisemitismus ist aber auch unter westdeutschen Linken bitter n\u00f6tig. Wir brauchen auch neue politische Bildungsangebote. Das ist eine Aufgabe der neuen Parteichefs, die wir beim bevorstehenden Parteitag w\u00e4hlen werden.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Die Linke war mal die Ostpartei schlechthin. Doch vielerorts hat die AfD den Genossen den Rang als Protestpartei abgelaufen. Wie gehen Sie damit um?<\/p>\n<p><strong>Pau: <\/strong>Die Linke hat sich 1990 durch die Wende erneuert, dann 2005 bis 2007 durch die Gr\u00fcndung der gesamtdeutschen Partei Die Linke. Jetzt brauchen wir eine dritte Erneuerung, hin zu einer europ\u00e4ischen Zukunftspartei der sozialen Gerechtigkeit, von \u00d6kologie, Digitalisierung, B\u00fcrgerrechten und Demokratie.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Als Teil einer rot-rot-gr\u00fcnen Koalition im Bund w\u00e4ren die Linken 30 Jahre nach der Einheit endg\u00fcltig etabliert in Gesamtdeutschland. Ist das Land bereit f\u00fcr eine Linke an der Regierung?<\/p>\n<p><strong>Pau:<\/strong> Ja.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Gleichzeitig gibt es Widerstand gegen eine Regierungsbeteiligung aus den eigenen Reihen. Ist die Partei bereit?<\/p>\n<p><strong>Pau:<\/strong> Man tritt im politischen Gesch\u00e4ft an, um neue Mehrheiten zu erringen und Ver\u00e4nderungen herbeizuf\u00fchren. Wenn die Linke daf\u00fcr nicht bereitsteht, hat sie keine Funktion mehr.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Bundestagsvizepr\u00e4sidentin Petra Pau Foto:\u2002Guido Kirchner\/ dpa Seit 22 Jahren sitzt Petra Pau im Bundestag. Seit mehr als 14 Jahren ist sie f\u00fcr ihre Partei Vizepr\u00e4sidentin des Parlaments. 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