{"id":2887,"date":"2020-09-30T16:32:01","date_gmt":"2020-09-30T13:32:01","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/audi-prozess-gegen-rupert-stadler-und-andere-manager-hat-begonnen\/"},"modified":"2020-09-30T16:32:01","modified_gmt":"2020-09-30T13:32:01","slug":"audi-prozess-gegen-rupert-stadler-und-andere-manager-hat-begonnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/audi-prozess-gegen-rupert-stadler-und-andere-manager-hat-begonnen\/","title":{"rendered":"Audi: Prozess gegen Rupert Stadler und andere Manager hat begonnen"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/78956969-a7f2-4a75-9243-7e39b222bfc3_w948_r1.77_fpx67.24_fpy44.98.jpg\" title=\"Ex-Audi-Boss Stadler im Landgericht M\u00fcnchen: Ein Skandal, der die Autorepublik Deutschland ersch\u00fcttert hat\" alt=\"Ex-Audi-Boss Stadler im Landgericht M\u00fcnchen: Ein Skandal, der die Autorepublik Deutschland ersch\u00fcttert hat\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Ex-Audi-Boss Stadler im Landgericht M\u00fcnchen: Ein Skandal, der die Autorepublik Deutschland ersch\u00fcttert hat<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Peter Kneffel \/ dpa  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Er kommt als letzter der vier Angeklagten. Mit schnellen Schritten durchschreitet Rupert Stadler hinter seinen Verteidigern den Vorraum zum unterirdischen Hochsicherheitsgerichtssaal in M\u00fcnchen-Stadelheim, direkt neben den langen Mauern der Justizvollzugsanstalt. Kurz stutzen die wartenden Journalisten. Nicht nur wegen der Corona-Maske &#8211; Modell blauer Einweg-Mundschutz \u2013 ist Stadler nicht gleich zu erkennen. Die grauen Haare, sonst akkurat kurz gestutzt, fallen ihm in die Stirn. Er tr\u00e4gt ein wei\u00dfes Hemd unter dunkelblauem Anzug, da hat sich nichts ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Stadler nimmt auf der Anklagebank Platz &#8211; zweite Reihe Mitte, eingerahmt von seinen Anw\u00e4lten Thilo Pfordte und Ulrike Thole &#8211; und setzt den Mundschutz ab. Das Gesicht ist etwas schmaler geworden. Das minutenlange, monotone Klackern der auf ihn gerichteten Digitalkameras l\u00e4sst Stadler sitzend \u00fcber sich ergehen. Dann verlassen die Fotografen den Saal. 20, durch rot-wei\u00dfe Klebeb\u00e4nder auf Corona-Abstand gehaltene Journalisten und Zuschauer d\u00fcrfen in dem hell get\u00e4felten Saal bleiben, durch die vergitterten Dachfenster f\u00e4llt Tageslicht.<\/p>\n<p>So betritt der 57-j\u00e4hrige Stadler die B\u00fchne f\u00fcr das erste Strafverfahren im Dieselskandal auf deutschem Boden. Ein Skandal, der die Autorepublik Deutschland ersch\u00fcttert hat und bis heute nachwirkt. Wenn VW, Daimler und BMW heute verzweifelt gegen die Stigmatisierung von Verbrennungsmotoren ank\u00e4mpfen und um ihren Platz in der neuen Mobilit\u00e4tswelt ringen, dann liegt das nicht nur an Elon Musk und &quot;Fridays for Future&quot;, sondern auch an den eigenen S\u00fcnden der Vergangenheit.<\/p>\n<p>Am 18. September 2015 hatten die amerikanischen Umweltbeh\u00f6rden die Audi-Mutter VW beschuldigt, Grenzwerte f\u00fcr den Aussto\u00df giftiger Stickoxide \u00fcber Jahre nur mithilfe manipulierter Motoren eingehalten zu haben. Auf dem f\u00fcr die Zulassung ausschlaggebenden Pr\u00fcfstand erf\u00fcllten die Diesel-Fahrzeuge die Norm, im Stra\u00dfenbetrieb \u00fcberstiegen sie die zul\u00e4ssigen Werte um ein Vielfaches, weil ausgekl\u00fcgelte Mechanismen die Abgasreinigung stoppten.<\/p>\n<p>Wichtige Komponenten des von den Amerikanern entlarvten Betrugsmotors E189 waren Jahre zuvor bei Audi entwickelt worden. Seit dem Auffliegen des Skandals hat deshalb der Slogan &quot;Vorsprung durch Technik&quot;, mit dem die Luxusmarke lange Erfolge feierte, einen zynischen Beiklang. Audi gilt heute als Keimzelle des Dieselbetrugs, dennoch dauerte es l\u00e4nger als ein Jahr, ehe die Ermittlungen in Deutschland sich auch gegen Audi richteten. Dann aber gingen die Staatsanw\u00e4lte umso massiver vor, weil sie bald den Verdacht hatten, dass die Audi-F\u00fchrung um Stadler nicht aufkl\u00e4rte, sondern wissentlich weiter manipulierte Autos verkaufte. Im Juli 2019 erging die Anklage, jetzt geht es vor Gericht. <\/p>\n<h3>Hunderttausende Autofahrer haben wom\u00f6glich auf diesen Moment gewartet<\/h3>\n<p>F\u00fcnf Jahre lang haben viele auf diesen Moment gewartet: Hunderttausende Autofahrer, deren Pkw mit Betrugssoftware bespielt wurden und die deswegen heute wom\u00f6glich weniger wert sind; Mitarbeiter von Audi und anderer in den Skandal verwickelter Konzerne, die sich von ihrem Arbeitgeber verraten f\u00fchlen; die Staatsanw\u00e4lte um Chefermittler Dominik Kieninger, die jahrelang ermittelt und allein bei Audi mehr als 40 Beschuldigte ausgemacht haben; der Vorsitzende Richter Stefan Weickert, der erst Anfang des Jahres an die Spitze der f\u00fcr Wirtschaftsstrafsachen zust\u00e4ndigen 5. Kammer des Landgerichts M\u00fcnchen II r\u00fcckte und gleich eines der meistbeachteten Verfahren der vergangenen Jahrzehnte auf den Tisch bekam; und nicht zuletzt die vier Angeklagten und ihre Verteidiger. <\/p>\n<p>Richter Weickert stellt die vier M\u00e4nner vor, zwei rechts von ihm, zwei gegen\u00fcber, jeder der Angeklagten hat eine Reihe f\u00fcr sich. Weickert gilt als zielstrebig und schn\u00f6rkellos. Er spricht schnell, beendet S\u00e4tze oft mit einem fragend nach oben gezogenen &quot;jaa&quot;. Er beginnt mit den Ingenieuren und endet mit Stadler.<\/p>\n<h3>Tiefer Fall<\/h3>\n<p>Stadler sitzt Weickert gegen\u00fcber, wenn auch mit etwa zehn Metern Abstand. Viereinhalb Monate lang sa\u00df er in der Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen in Untersuchungshaft. Ein tiefer Fall f\u00fcr den Manager. Aufgewachsen auf einem Bauernhof nicht weit von Ingolstadt, Betriebswirtschaft studiert, 1990 bei Audi eingetreten, zum Assistenten von VW-Patriarch Ferdinand Pi\u00ebch aufgestiegen, 2007 an die Audispitze ger\u00fcckt; Unternehmer eines Jahres, CEO eines anderen Jahres, Honorarprofessor und Ehrensenator, dekoriert mit dem Bayerischen Verdienstorden \u2013 und jetzt also Stadelheim.<\/p>\n<p>Stadler wird vorgeworfen, er sei wenige Tage nach dem Auffliegen des Skandals bei VW informiert worden, dass auch Audi-Motoren illegale Abschalteinrichtungen f\u00fcr die Abgasreinigung enthielten. Seitdem habe er es vers\u00e4umt, die Produktion zu stoppen und die Sache aufzukl\u00e4ren. Stadler streitet all das bisher ab. Sein Anwalt Pfordte reicht gleich zu Beginn einen Antrag ein, er will von den Richtern wissen, ob einer von ihnen zwischen 2009 und 2020 einen Pkw benutzt habe, der mit einem Audi-Dieselmotor ausgestattet war. Das k\u00f6nnte ein Grund sein, in dem Verfahren befangen zu sein. <\/p>\n<p>Vor Stadler sitzt Wolfgang Hatz, 61, einst ein Star im VW-Universum, von 2001 an Leiter der Aggregate-Entwicklung bei Audi. 2007 nahm der damalige Audi-Chef Martin Winterkorn seinen Vertrauten Hatz mit nach Wolfsburg, Winterkorn wurde VW-Chef, Hatz leitete die Aggregate-Entwicklung f\u00fcr den gesamten Konzern.<\/p>\n<p>Neun Monate lang sa\u00df Hatz in Untersuchungshaft, l\u00e4nger als alle anderen, erlitt einen Bandscheibenvorfall, seine Anw\u00e4lte f\u00fchrten einen erbitterten Kampf mit der Staatsanwaltschaft. Der Freiburger Verteidiger Gerson Tr\u00fcg, der auch im Gericht an seiner Seite sitzt, schrieb auch in dem Jahr zwischen Anklageerhebung und Prozessbeginn noch lange Schrifts\u00e4tze, in denen er darlegte, warum Hatz unschuldig sei. Im Kern: Erst nachdem Hatz zu VW gewechselt sei, habe der vermeintliche Betrug bei Audi begonnen, er habe davon nichts gewusst. <\/p>\n<p>Die beiden M\u00e4nner, die im Hochsicherheitsgerichtssaal rechts vom Richter sitzen, haben der Staatsanwaltschaft eine andere Geschichte erz\u00e4hlt, und sie wollen es auch vor Gericht tun. <\/p>\n<p>Da ist der Ingenieur L., von allen Angeklagten in der Audi-Hierarchie am weitesten unten verankert, er f\u00fchrte die Unterabteilung &quot;Abgasnachbehandlung&quot;. L., 52 Jahre alt, hat ausgepackt und vor allem Hatz und andere Manager unterhalb des Vorstands schwer belastet. Er habe nur ausgef\u00fchrt, h\u00e4tte in seiner Position gar nicht entscheiden k\u00f6nnen, welche Technik in die Motoren gebaut und ob dabei Gesetze missachtet w\u00fcrden. Unter Ermittlern hei\u00dft es: Wer verstehen wolle, wie der Betrug technisch ablief, der m\u00fcsse mit L. reden. <\/p>\n<p>Oder mit Zaccheo Giovanni Pamio. Der 63-j\u00e4hrige Italiener \u2013 dunkelgrauer B\u00fcrstenschnitt, taubenblauer Anzug &#8211; sitzt wie L. schr\u00e4g gegen\u00fcber von Hatz und Stadler. Pamio leitete die Abteilung &quot;Thermodynamik, OBD, Abgasnachbehandlung&quot;, stand also in der Hierarchie eine Etage \u00fcber L. Im Internet findet sich ein Video, in dem Pamio auf der Stra\u00dfe eines amerikanischen Wohnviertels steht und den &quot;saubersten Diesel der Welt&quot; erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Wie Hatz arbeitete Pamio einst bei Fiat, beide wirkten dann bei Audi \u00fcber Jahre eng zusammen. Ihr gutes Verh\u00e4ltnis zerbrach am Dieselskandal. Wie L. hat auch Pamio gestanden und Hatz schwer belastet. Immer wieder sagte er in den vier Monaten gegen Hatz aus, in denen er in Stadelheim in Untersuchungshaft sa\u00df, dort, wo bald darauf auch Hatz eine Zelle bekam und wo die beiden sich nun erstmals wieder begegnen. Sie w\u00fcrdigen einander kaum eines Blickes.<\/p>\n<h3>In der Anklage: Wie Hatz, Pamio und L. die Manipulation umgesetzt haben sollen<\/h3>\n<p>In Verfahrenskreisen hei\u00dft es, alle vier Angeklagten wollten sich in den ersten Prozesswochen auch pers\u00f6nlich zu den gegen sie erhobenen Vorw\u00fcrfen \u00e4u\u00dfern. Doch jetzt haben erst die Staatsanw\u00e4lte Dominik Kieninger und Christian Schuster das Wort, die verlesen im Wechsel die Anklageschrift.<\/p>\n<p>Schon als Kieninger die Hierarchien und an der Entwicklung der am mutma\u00dflichen Betrug beteiligten Abteilungen vorstellt, deutet sich an, wie komplex die Sache ist, die hier in den n\u00e4chsten zwei Jahren verhandelt werden soll. <\/p>\n<p>Von oxidativen und reduktiven NOx-Abbaumechanismen ist die Rede, von chemischen Prozessen und Formeln. Von SCR-Katalysatoren, einer Akustikfunktion und AdBlue, dem Harnstoffgemisch zur Abgasreinigung, von dem die Auto-Manager m\u00f6glichst wenig im Tank haben wollten.<\/p>\n<h3>Die Technik war nie Stadlers Welt<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend der Staatsanwalt Seite um Seite die Feinheiten der Technologien zur Abgasminderung erkl\u00e4rt, nimmt Stadler kurz die Brille ab, f\u00e4hrt sich mit der Hand \u00fcber die Augen und das Gesicht. Die Technik war nie seine Welt, er ist Betriebswirt, ein Verk\u00e4ufer. Hatz, der Motor-Mann, der sich f\u00fcr den Erfolg der &quot;Clean-Diesel-Kampagne&quot; bei Konzernchef Martin Winterkorn pers\u00f6nlich verb\u00fcrgt haben soll, beugt sich mal nach links, mal nach rechts zu seinen Verteidigern und kommentiert den technischen Vortrag, sch\u00fcttelt gelegentlich den Kopf. Pamio, f\u00fcr den eine Dolmetscherin den Vortrag \u00fcbersetzt, und L. verfolgen die Verlesung unger\u00fchrt.<\/p>\n<p>Nach fast einer Stunde Lesezeit \u00fcbernimmt Staatsanwalt Schuster und beginnt, die Manipulationsstrategien im Einzelnen zu beschreiben, von A bis F. Er verliest lange Tabellen betroffener Audi-Modelle, ihre Motoren und die angewandten Betrugstechniken. Und tr\u00e4gt schlie\u00dflich vor, wie Hatz, Pamio und L. die Manipulation umgesetzt haben sollen. Es f\u00e4llt der schon oft zitierte Satz aus der E-Mail eines Ingenieurs, dass man es ohne Beschei\u00dfen nicht schaffen werde. N\u00e4mlich, das Unvereinbare vereinbar zu machen, alle vermeintlichen Kundenw\u00fcnsche zu erf\u00fcllen und zugleich die Abgasnormen. <\/p>\n<p>Erst ganz am Ende, im letzten Teil der 92 Seiten langen Anklageschrift, wird es am Nachmittag um den Tatbeitrag von Rupert Stadler gehen. Anders als die anderen Angeklagten soll er an der Manipulation nicht aktiv mitgewirkt, sondern nur nicht angemessen aufgekl\u00e4rt und den Vertrieb manipulierter Fahrzeuge ab Herbst 2015 in Europa wider besseres Wissen nicht unterbunden haben. Deshalb d\u00fcrfte seine Strafe glimpflich ausfallen, wom\u00f6glich bleibt ihm eine Haft erspart.<\/p>\n<h3>Der Fall Winterkorn steht noch aus<\/h3>\n<p>Die Aufmerksamkeit d\u00fcrfte sich dennoch auch in den n\u00e4chsten Monaten vor allem auf Stadler richten. Bis im n\u00e4chsten Jahr ein anderer Manager noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen d\u00fcrfte: der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn. Voraussichtlich im Fr\u00fchjahr 2021 m\u00fcssen sich Winterkorn und andere Mitglieder der ehemaligen VW-F\u00fchrungsriege in Braunschweig einem Prozess wegen ihrer Rolle in der Dieselaff\u00e4re stellen. Vor der Prominenz der Angeklagten werden auch die Braunschweiger Richter keinen allzu gro\u00dfen Respekt haben.  <\/p>\n<p>Im Fall Winterkorn geht das Landgericht Braunschweig sogar dem Verdacht nach, ob der einstige Vorstandsboss schon fr\u00fcher von den Manipulationen erfahren hat, als die Staatsanwaltschaft vermutet. Statt erst 2014, wie die Ermittler annehmen, k\u00f6nnte Winterkorn bereits im Sommer 2012 von dem Betrug erfahren haben \u2013 daf\u00fcr sieht das Gericht zumindest Anhaltspunkte.  <\/p>\n<p>Zwei ehemalige VW-Techniker wollen die illegale Abschalteinrichtung damals intern gemeldet haben. Die heikle Information soll auch an einen engen Vertrauten Winterkorns gegangen sein. Das Gericht will nun pr\u00fcfen, ob der Vertraute die Information schon damals an Winterkorn weitergegeben hat. Sollte sich der Anfangsverdacht erh\u00e4rten, w\u00e4re die bisherige Verteidigungslinie des VW-Konzerns endg\u00fcltig hinf\u00e4llig: Seit Jahren behauptet Volkswagen, der Betrugsverdacht habe erst im Sommer 2015 die Vorstandsebene erreicht. <\/p>\n<p>Der ehemalige VW-Chef bestreitet alle Vorw\u00fcrfe.<\/p>\n<p><em>Mitarbeit: Simon Hage<\/em><\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Ex-Audi-Boss Stadler im Landgericht M\u00fcnchen: Ein Skandal, der die Autorepublik Deutschland ersch\u00fcttert hat Foto:\u2002Peter Kneffel \/ dpa Er kommt als letzter der vier Angeklagten. 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