{"id":2775,"date":"2020-09-25T14:58:25","date_gmt":"2020-09-25T11:58:25","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/belarus-wie-die-kirchen-sich-im-konflikt-mit-alexander-lukaschenko-verhalten\/"},"modified":"2020-09-25T14:58:25","modified_gmt":"2020-09-25T11:58:25","slug":"belarus-wie-die-kirchen-sich-im-konflikt-mit-alexander-lukaschenko-verhalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/belarus-wie-die-kirchen-sich-im-konflikt-mit-alexander-lukaschenko-verhalten\/","title":{"rendered":"Belarus: Wie die Kirchen sich im Konflikt mit Alexander Lukaschenko verhalten"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/75c17fda-275f-4623-8bae-662369483808_w948_r1.77_fpx31.1_fpy54.99.jpg\" title=\"Priester bei einer Demonstration der Opposition in Minsk\" alt=\"Priester bei einer Demonstration der Opposition in Minsk\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Priester bei einer Demonstration der Opposition in Minsk<\/p>\n<p>  Foto:\u2002VASILY FEDOSENKO \/ REUTERS  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Am Freitag wurde der orthodoxe Priester Vladimir Drobyshevsky aus dem belarussischen Gomel zu zehn Tagen Haft verurteilt. Der Grund? Er hatte am Rande einer Anti-Regierungs-Demonstration ein Plakat hochgehalten, darauf ein Portr\u00e4t Isaac Newtons mit der Formel des Wechselwirkungsgesetzes: &quot;Jede Aktion erzeugt eine gleich gro\u00dfe Reaktion.&quot;<\/p>\n<p>Das reichte, um den sechsfachen Vater hinter Gitter zu bringen. Doch nicht nur die Staatsmacht ging gegen den Geistlichen vor: Bereits Anfang August hatte die Kirchenleitung Drobyshevsky aus allen \u00c4mtern entlassen.<\/p>\n<p>Die russisch-orthodoxe Kirche in Belarus ist traditionell ebenso regierungsfreundlich wie die gro\u00dfe Schwester im Osten, der sie untersteht. Zwar gilt offiziell eine Nichteinmischungspolitik &#8211; immer wieder jedoch lassen sich Geistliche von der Regierung Lukaschenko f\u00fcr dessen Agenda instrumentalisieren.<\/p>\n<p><strong><em>Behalten Sie den \u00dcberblick: Jeden Werktag gegen 17 Uhr beantworten SPIEGEL-Autoren die Fragen des Tages. &quot;Die Lage am Abend\u201d &#8211; hintergr\u00fcndig, kompakt, kostenlos. <\/em><\/strong><strong><em>Hier bestellen Sie Ihr News-Briefing als Mail<\/em><\/strong><strong><em>. <\/em><\/strong><\/p>\n<p>So erkl\u00e4rte die Leiterin eines Frauenklosters, \u00c4btissin Gawrila, auf einer Propagandaveranstaltung der Regierung in Minsk, die Demonstranten seien Sektierer, &quot;eine rasende, teuflisch br\u00fcllende Herde&quot;, f\u00fcr die man beten m\u00fcsse. &quot;Ihr Wahnsinnigen, haltet ein!&quot;, rief sie in die applaudierende Menge.<\/p>\n<p>Die Verflechtung von Staat und orthodoxem F\u00fchrungspersonal ist nicht nur ideologischer und machtpolitischer Art: &quot;Die einfachen Priester haben keine materiellen Interessen, es ist der h\u00f6here Klerus, der \u00fcber weitreichende Verbindungen zu Regierung und Wirtschaft verf\u00fcgt und nicht vorhat, Macht abzugeben&quot;, sagt der Priester U\u0142adzimi\u00e9r Kaminski aus Lida, einer Stadt nahe der litauischen Grenze. &quot;Diese Leute verstehen sich als Teil der Elite. Sie f\u00fchlen sich unantastbar.&quot;<\/p>\n<p>Gleichzeitig gibt es einzelne Geistliche, die sich seit Beginn der Proteste nach den manipulierten Wahlen am 9. August auf die Seite der friedlich Demonstrierenden stellen.<\/p>\n<p>So wie Alexander Shramko, einst Priester in der Kirche des Heiligen Erzengels Michael in Minsk. Weil er den Moskauer Patriarchen Kirill kritisierte, wurde ihm 2017 ein Schreibverbot erteilt. Ein Jahr sp\u00e4ter wurde er zus\u00e4tzlich aus allen \u00c4mtern entfernt.<\/p>\n<p>&quot;Die Kirche geht davon aus, dass sie \u00fcber der Politik steht&quot;, sagt Shramko. Doch jede Zur\u00fcckhaltung sei angesichts der hoch angespannten Situation in Belarus sch\u00e4dlich, &quot;denn die M\u00e4chtigen verletzen die Gesetze Gottes&quot;. Wenn die Regierung Wahlbetrug betreibe und gewaltsam gegen ihre B\u00fcrger vorgehe, &quot;muss die Kirche aufstehen, Stellung beziehen und einen Dialog einfordern&quot;.<\/p>\n<p>Davon ist sie allerdings weit entfernt. Die Mehrheit der orthodoxen F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten h\u00fcllt sich angesichts der andauernden Proteste in Schweigen. Wer sich im Internet oder \u00f6ffentlich kritisch \u00e4u\u00dfert, kommt schnell in Kontakt mit den Sicherheitsbeh\u00f6rden, wird \u00fcberwacht oder direkt angegangen. Ein Priester berichtet dem SPIEGEL, er sei gedr\u00e4ngt worden, missliebige Posts auf Facebook zu l\u00f6schen. Von Regierungsbeamten &#8211; aber auch von seinem direkten kirchlichen Vorgesetzten.<\/p>\n<p>Am 22. August stellte Autokrat Alexander Lukaschenko bei einer Massenveranstaltung in Grodno klar, Geistliche aller Konfessionen h\u00e4tten sich aus der Politik herauszuhalten &#8211; eine unmissverst\u00e4ndliche Warnung, wie sich herausstellen sollte.<\/p>\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter trat der belarussische Metropolit Pawel Ponomarjow \u00fcberraschend zur\u00fcck. Er hatte Gewalt- und Folteropfer im Krankenhaus besuchte, was ihm offenbar als Solidarit\u00e4tsbekundung ausgelegt wurde. Der geschasste Priester Shramko ist sicher, dass Moskau diese Entscheidung getroffen habe, &quot;um Lukaschenko den R\u00fccken freizuhalten&quot;.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich geb\u00e4rdet sich der neu installierte Metropolit Benjamin bisher handzahm &#8211; er formuliert vage und l\u00e4sst sich im laufenden Konflikt nicht auf eine Position festnageln.<\/p>\n<h3>&quot;Komfortabel eingerichtet im autokratischen Regime&quot;<\/h3>\n<p>Aber muss Lukaschenko, der sich am Dienstag \u00fcberraschend als Staatschef vereidigen lie\u00df, \u00fcberhaupt Angst vor einem \u00dcberlaufen des Klerus zu den Reformern haben? Wohl kaum. Rund 48 Prozent der Belarussen sind offiziellen Angaben zufolge orthodoxen Glaubens, aber bei Weitem nicht alle gehen regelm\u00e4\u00dfig in die Kirche. &quot;Die belarussische Gesellschaft ist s\u00e4kular&quot;, sagt Shramko. &quot;Viele Demonstranten sind Atheisten, der Einfluss der Kirchen auf die Massen ist \u00fcberschaubar.&quot;<\/p>\n<p>Dennoch genie\u00dfe die orthodoxe Kirche in der Bev\u00f6lkerung seit Jahren unver\u00e4ndert das gr\u00f6\u00dfte Vertrauen von allen gesellschaftlichen Akteuren, sagt Natallia Vasilevich, Leiterin des Vereins &quot;\u00d6kumenisches Zentrum&quot; und der Gruppe &quot;Christliche Vision&quot; beim oppositionellen Koordinationsrat.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nne sich \u00e4ndern, sollte die offizielle Kirchenf\u00fchrung darauf bestehen, ihre Pseudoneutralit\u00e4t aufrechtzuerhalten. &quot;Sie hat sich komfortabel eingerichtet im autokratischen Regime, das ihr symbolische, aber auch handfeste \u00f6konomische Privilegien einger\u00e4umt hat&quot;, so Vasilevich. Aber niemand k\u00f6nne sich derzeit den rasanten Ver\u00e4nderungen in Belarus entziehen. &quot;Die Kirche kann nicht mehr schweigen oder sich verstecken. Sie muss reagieren.&quot;<\/p>\n<h3>Auch Katholiken im Visier der Regierung<\/h3>\n<p>Der sich gern fr\u00f6mmelnd gebende Autokrat Lukaschenko setzt nach altbew\u00e4hrter Art auf totale Kontrolle. Auch die katholische Kirche \u2013 mit einer Million Gl\u00e4ubigen die zweitgr\u00f6\u00dfte Konfession im Land &#8211; ist schon unter Beschuss geraten. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz, durfte nach einem Besuch in Polen nicht wieder nach Belarus einreisen.<\/p>\n<p>Der katholische Weihbischof Juri Kasabuzki geriet ins Visier der Beh\u00f6rden, nachdem er von der Kanzel explizit Gewalt und Festnahmen ger\u00fcgt und das Regime der Wahlf\u00e4lschung bezichtigt hatte. In einem Interview mit &quot;Nascha Niwa&quot; erkl\u00e4rte er, seine Kirche solle unter Druck gesetzt werden.<\/p>\n<p>Rom reagierte &#8211; diplomatisch. Papst Franziskus rief zu Dialog und Gewaltverzicht in Belarus auf und entsandte seinen Au\u00dfenminister, Erzbischof Paul Gallagher, nach Minsk. Offene Kritik formulierte keiner der beiden. Katholische und orthodoxe Kirche machen derzeit eine \u00e4hnlich schlechte Figur wie die Europ\u00e4ische Union, die es wegen des zyprischen Vetos noch immer nicht geschafft hat, Sanktionen gegen den Autokraten Lukaschenko zu verh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>&quot;Es ist unsere Pflicht, Gewalt anzuprangern&quot;, sagt Georgi Roy, Priester in der orthodoxen Kathedrale in Grodno im Westen des Landes. Eben hier, unweit der Grenze zu Polen und Litauen, will Lukaschenko die Grenzen schlie\u00dfen lassen, w\u00e4hrend die Armee in Alarmbereitschaft ist.<\/p>\n<p>In Grodno l\u00e4uteten die Kirchenglocken, als es unl\u00e4ngst zu Ausschreitungen gegen Demonstranten kam &#8211; als Mahnung an die Sicherheitskr\u00e4fte, von der Gewalt abzulassen. Georgi Roy ging nicht auf die Meetings, aber er besuchte das \u00f6rtliche Gef\u00e4ngnis, verteilte Wasser und Fr\u00fcchte, versuchte, die Angeh\u00f6rigen der Inhaftierten zu tr\u00f6sten und aufzubauen. &quot;Die Gewalt gegen das eigene Volk wird als kollektives Trauma erlebt, das verbindet&quot;, sagt Roy. &quot;Die Belarussen sind friedliebende Menschen, die mit allem klarkommen &#8211; aber nicht mit dieser humanit\u00e4ren Katastrophe. Das ist unser gr\u00f6\u00dfter Schmerz.&quot;<\/p>\n<h3>Was die Revolution braucht<\/h3>\n<p>Lukaschenkos Sicherheitsapparat hat bisher ganze Arbeit geleistet: Die wichtigsten Reformer sind entweder im Exil oder im Gef\u00e4ngnis, Demonstranten m\u00fcssen jede Minute damit rechnen, inhaftiert zu werden. Viele Regimegegner f\u00fcrchten Entlassung und Arbeitslosigkeit, den Entzug ihrer Lebensgrundlage.<\/p>\n<p>&quot;Die Opposition in Belarus hat keine Struktur&quot;, bem\u00e4ngelt der ehemalige Anf\u00fchrer der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarno\u015b\u0107, Lech Walesa, in der &quot;taz&quot;. Eine Revolution brauche &quot;vertrauensw\u00fcrdige Fachleute an wichtigen Schaltstellen im Staat, ein realistisches Programm und Durchhalteverm\u00f6gen&quot;.<\/p>\n<p>Dass Revolutionen auch Geld kosten, wei\u00df Walesa nur zu gut. Im Falle von Solidarno\u015b\u0107 kam die Unterst\u00fctzung unter anderem aus dem Vatikan, wo der aus Polen stammende Papst Johannes Paul II. mit Millionenhilfen dem Kommunismus in seinem Heimatland den Garaus machen wollte. Die Investition hat sich bekannterma\u00dfen gelohnt.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Priester bei einer Demonstration der Opposition in Minsk Foto:\u2002VASILY FEDOSENKO \/ REUTERS Am Freitag wurde der orthodoxe Priester Vladimir Drobyshevsky aus dem belarussischen Gomel zu zehn Tagen Haft<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2776,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2775","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2775","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2775"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2775\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2776"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2775"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2775"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2775"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}