{"id":2760,"date":"2020-09-24T22:07:44","date_gmt":"2020-09-24T19:07:44","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/coronavirus-in-brasilien-manaus-schrecklicher-weg-zur-herdenimmunitat\/"},"modified":"2020-09-24T22:07:44","modified_gmt":"2020-09-24T19:07:44","slug":"coronavirus-in-brasilien-manaus-schrecklicher-weg-zur-herdenimmunitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/coronavirus-in-brasilien-manaus-schrecklicher-weg-zur-herdenimmunitat\/","title":{"rendered":"Coronavirus in Brasilien: Manaus schrecklicher Weg zur Herdenimmunit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/2d50db50-8f43-49be-ac6e-4282a7b271da_w948_r1.77_fpx46_fpy52.jpg\" title=\"Friedhof in Manaus, Brasilien, am 20. Juli 2020\" alt=\"Friedhof in Manaus, Brasilien, am 20. Juli 2020\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Friedhof in Manaus, Brasilien, am 20. Juli 2020<\/p>\n<p>  Foto:\u2002MICHAEL DANTAS \/ AFP  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Wenn die Informationen stimmen, hat der Virologe Christian Drosten von der Charit\u00e9 in Berlin recht behalten: Ohne Gegenma\u00dfnahmen, so seine Annahme, w\u00fcrde sich das Coronavirus Sars-CoV-2 exponentiell ausbreiten, bis sich 60 bis 70 Prozent der Bev\u00f6lkerung angesteckt haben, sagte er Anfang des Jahres. Nun gibt es Hinweise, dass in der brasilianischen Stadt Manaus genau das passiert sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dort ist es nicht gelungen, den Erreger zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. In der Folge grassierte das Virus so stark, dass sich die Bev\u00f6lkerung wom\u00f6glich schon jetzt der sogenannten Herdenimmunit\u00e4t ann\u00e4hert oder sie bereits erreicht hat. Sars-CoV-2 breite sich in der 1,8 Millionen-Stadt Manaus nicht mehr so stark aus, weil bereits bis zu zwei Drittel der Bev\u00f6lkerung infiziert gewesen seien, berichten Forscher in einer fachlich noch ungepr\u00fcften Auswertung.<\/p>\n<p>Das Team um Ester Sabino vom Institut f\u00fcr Tropenmedizin der Universit\u00e4t von S\u00e3o Paulo hat mehr als tausend Proben von Blutspendern analysiert, die seit Februar 2020 abgegeben worden waren. In 44 Prozent der Proben entdeckten sie Antik\u00f6rper gegen das neue Coronavirus. Da die Zahl der Antik\u00f6rper mit der Zeit abnimmt, sch\u00e4tzen die Forscher, dass tats\u00e4chlich 66 Prozent der Spender bereits infiziert waren.<\/p>\n<p>Allerdings hat die Studie einige Schw\u00e4chen: Blutspender sind nicht repr\u00e4sentativ f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung. Zudem liegt der von den Forschern erfasste Antik\u00f6rperwert mehr als das Doppelte \u00fcber dem aus einer fr\u00fcheren Antik\u00f6rperstudie in Manaus von Ende Mai.<\/p>\n<h3>Viele Tote trotz junger Bev\u00f6lkerung<\/h3>\n<p>Sollte die Bev\u00f6lkerung aber tats\u00e4chlich als erste weltweit die Herdenimmunit\u00e4t erreicht haben, war der Preis daf\u00fcr hoch: Sabino und Kollegen gehen aufgrund von Hochrechnungen davon aus, dass von allen tats\u00e4chlich Infizierten in der Stadt 0,28 Prozent gestorben sind. Das entspricht mehr als einem Toten von 400 Menschen, die das Virus in sich trugen.<\/p>\n<p>Da sich nicht jeder Einwohner der Stadt angesteckt hat, sch\u00e4tzen die Forscher, dass im Schnitt einer von 500 Bewohnern an Covid-19 sterben musste, um die nun ermittelte Immunit\u00e4t zu erreichen. In konservativeren Berechnungen kommen sie auf einen Toten unter 800 Einwohnern.<\/p>\n<p>Zur Einordnung: Im f\u00fcr deutsche Verh\u00e4ltnisse stark vom Virus betroffenen M\u00fcnchen sind bislang 223 Todesf\u00e4lle bei rund 1,5 Millionen Einwohnern erfasst worden. Das sind ungef\u00e4hr 15 unter 100.000 Menschen.<\/p>\n<p>Dabei ist die Bev\u00f6lkerung von Manaus deutlich j\u00fcnger als in den Industriestaaten. Das Risiko f\u00fcr einen schweren oder gar t\u00f6dlichen Verlauf von Covid-19 nimmt ab einem Alter von etwa 60 Jahren deutlich zu. In Manaus fallen nur sechs Prozent der Menschen in diese Risikogruppe, in Deutschland sind es fast 30 Prozent.<\/p>\n<p>&quot;Herdenimmunit\u00e4t durch nat\u00fcrliche Infektionen ist keine Strategie, sondern ein Zeichen, dass die Regierung versagt hat, einen Ausbruch zu kontrollieren und daf\u00fcr mit verlorenen Leben bezahlt&quot;, twitterte der Immunologe Florian Krammer vom Mount Sinai Hospital in New York (mehr zur Frage, ob Herdenimmunit\u00e4t ein erstrebenswertes Ziel in der Pandemie ist, lesen Sie hier).<\/p>\n<h3>Pl\u00f6tzlich gro\u00dfe Nachfrage nach S\u00e4rgen<\/h3>\n<p>Den ersten Corona-Fall in Manaus gab es im M\u00e4rz. Obwohl die Menschen bereits damals begannen, gr\u00f6\u00dferen Abstand zueinander zu halten, gelang es \u00fcber Monate nicht, die Ausbreitung des Virus einzud\u00e4mmen. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind noch nicht abschlie\u00dfend gekl\u00e4rt. Experten vermuten, dass enge Wohnverh\u00e4ltnisse, schlechte Wasserversorgung und Gedr\u00e4nge im Nahverkehr Infektionen beg\u00fcnstigt haben.<\/p>\n<p>Ab M\u00e4rz stieg die Zahl der Todesf\u00e4lle in der Stadt in wenigen Wochen von 20 bis 30 am Tag auf mehr als hundert, berichtete die britische &quot;Daily Mail&quot;. Die Nachfrage nach S\u00e4rgen vervielfachte sich. Teils lagerten Tote in K\u00fchlcontainern, weil die Bestatter nicht hinterherkamen. Aufnahmen zeigen Felder, auf denen sich ein frisches Grab ans N\u00e4chste reiht. Von Massengr\u00e4bern war die Rede.<\/p>\n<p>Seit Mai geht die Zahl der nachgewiesenen Corona-Infektionen und Todesf\u00e4lle in Manaus jedoch wieder deutlich zur\u00fcck, ohne dass es eine naheliegende Erkl\u00e4rung daf\u00fcr gibt. Sabino und ihr Team sehen nun die vielen positiven Antik\u00f6rpertests als Anhaltspunkt, schlie\u00dfen aber nicht aus, dass auch Verhaltens\u00e4nderungen eine Rolle gespielt haben.<\/p>\n<p>Dass der Wert von zwei Dritteln immuner Menschen in einer Bev\u00f6lkerung immer wieder als Grenze f\u00fcr die exponentielle Ausbreitung des Coronavirus genannt wird, ist kein Zufall. Ohne Gegenma\u00dfnahmen steckt im Schnitt jeder Corona-Infizierte ungef\u00e4hr drei Personen mit dem Virus an, die wiederum drei neue Menschen infizieren.<\/p>\n<p>Diese exponentielle Ausbreitung endet, sobald jeder Infizierte nur noch h\u00f6chstens eine weitere Person ansteckt. Das ist der Fall, wenn zwei von drei Personen, die potenziell von einem Infizierten angesteckt werden k\u00f6nnten, das Virus schon in sich trugen und immun sind.<\/p>\n<h3>Kein Hinweis, dass das Virus harmloser geworden ist<\/h3>\n<p>&quot;So wie die Pandemie in Brasilien verlaufen ist, glaube ich sofort, dass in einigen Regionen eine Herdenimmunit\u00e4t m\u00f6glich sein k\u00f6nnte&quot;, schreibt Krammer. Ob der Schutz tats\u00e4chlich besteht, m\u00fcssen nun aber weitere Untersuchungen zeigen. Experten erhoffen sich davon auch Erkenntnisse, wie lange einst Infizierte immun bleiben.<\/p>\n<p>Auch in Deutschland wird derzeit diskutiert, warum der Anteil der Verstorbenen unter den positiv auf das Virus getestetenInfizierten gesunken ist. Es kursiert die Idee, dass sich das Coronavirus wom\u00f6glich ver\u00e4ndert hat und harmloser geworden ist. Das Robert Koch-Institut (RKI) h\u00e4lt das in seinem Situationsbericht vom Mittwoch aber f\u00fcr unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>Die niedrige Fallsterblichkeit in Deutschland komme daher, dass nun verst\u00e4rkt auch viele Menschen mit leichten Symptomen getestet w\u00fcrden und unter den Infizierten viele junge Menschen sind. &quot;Wenn sich wieder vermehrt \u00e4ltere Menschen anstecken, werden mehr schwere F\u00e4lle und Todesf\u00e4lle auftreten&quot;, so das RKI. Das gilt es weiterhin zu verhindern.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Friedhof in Manaus, Brasilien, am 20. 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