{"id":2711,"date":"2020-09-22T14:23:20","date_gmt":"2020-09-22T11:23:20","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-in-lateinamerika-pastoren-und-fake-doktoren-als-influencer\/"},"modified":"2020-09-22T14:23:20","modified_gmt":"2020-09-22T11:23:20","slug":"corona-in-lateinamerika-pastoren-und-fake-doktoren-als-influencer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-in-lateinamerika-pastoren-und-fake-doktoren-als-influencer\/","title":{"rendered":"Corona in Lateinamerika: Pastoren und Fake-Doktoren als Influencer"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/ad121732-f178-42a4-8c18-ccf672447b68_w948_r1.77_fpx44_fpy54.jpg\" title=\"In Lateinamerika versuchen Menschen, sich mit Eigentherapien von Covid-19 zu heilen\" alt=\"In Lateinamerika versuchen Menschen, sich mit Eigentherapien von Covid-19 zu heilen\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">In Lateinamerika versuchen Menschen, sich mit Eigentherapien von Covid-19 zu heilen<\/p>\n<p>  Foto:\u2002<\/p>\n<p>Rodrigo Urzagasti \/ REUTERS<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Pastor Oscar Gutierrez ist angeblich auf der Flucht. Der Mexikaner sitzt in einem Hotelzimmer, das d\u00fcster wirkt. Er habe das Land verlassen, weil er bedroht worden sei, nicht mehr streamen d\u00fcrfe, sagt er in einem Facebook-Video von Ende August. Dann hebt er wie bei einer Predigt den Zeigefinger: &quot;Ich werde verfolgt, weil meine Videos die Wahrheit zeigen&quot;, so Gutierrez. Damit habe er &quot;viele m\u00e4chtige Gruppen ver\u00e4rgert&quot;.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter feiert der Pastor die k\u00fcrzlich von US-Pr\u00e4sident Donald Trump zugelassene Blutplasma-Therapie als Sieg gegen Coronavirus und Impfindustrie &#8211; wobei noch unklar ist, ob die Therapie funktioniert. In anderen Videos referiert er Thesen des deutschen Arztes Bodo Schiffmann, der Verschw\u00f6rungstheoretikern Argumente liefert, oder erkl\u00e4rt, wie genmodifizierte M\u00fccken angeblich gezielt Malaria verbreiten. Da die Symptome denen einer Covid-19-Erkrankung \u00e4hnelten, solle so Angst vor Corona gesch\u00fcrt werden, damit mehr Menschen sich impfen lie\u00dfen, so Gutierrez.<\/p>\n<p>Irrglauben verbreitet sich wie das Coronavirus rund um die Welt. In Lateinamerika k\u00e4mpfen viele L\u00e4nder mit verheerenden Corona-Ausbr\u00fcchen, gleichzeitig werden soziale Netzwerke mit Ger\u00fcchten und Produkten \u00fcberschwemmt, die nutzlos bis gef\u00e4hrlich sind. Influencer wie der Pastor, aber auch Prominente und Politiker spielen dabei eine Schl\u00fcsselrolle.<\/p>\n<h3>Gef\u00e4hrliche Empfehlungen f\u00fcr ein Millionenpublikum<\/h3>\n<p>Gutierrez erreicht Millionen von Menschen, die seinen Worten mehr vertrauen als Medien, \u00c4rzten und Regierungen &#8211; und dessen Empfehlungen eifrig weiter teilen. Oft sind es \u00e4rmere, gl\u00e4ubige Bewohner Lateinamerikas, die sich vom Staat im Stich gelassen f\u00fchlen: &quot;In Kolumbien haben wir keinen Pr\u00e4sidenten, er verkauft sich an die Eliten und reitet uns alle in die Schei\u00dfe&quot;, schreibt eine Frau unter einem Video von Gutierrez auf Facebook. &quot;Die Pr\u00e4sidenten wollen nicht das Gute f\u00fcr das Volk, im Gegenteil&quot;, pflichtet ihr eine andere bei. &quot;Sie wollen die Bev\u00f6lkerung in Armut sehen &#8211; w\u00e4hrend die Verr\u00e4ter sich die Taschen f\u00fcllen.&quot;<\/p>\n<p>Rund 220.000 Facebook-Nutzer haben die Fanpage &quot;Pastor Oscar Gutierrez&quot; abonniert, auch religi\u00f6se Gruppen wie &quot;V\u00eddeos de Reflexi\u00f3nes y Musicas Cristianas&quot; verst\u00e4rken die Reichweite der Videos. In den Kommentarspalten diskutieren Nutzer, wie sie sich selbst therapieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein Video, in dem der Pastor Chlordioxid als Heilmittel gegen Corona anpreist, wurde mehr als 2,2 Millionen Mal geklickt. Immer wieder empfiehlt Gutierrez eine Firma, die eine Chlordioxidl\u00f6sung vertreibt. Wer sie auf WhatsApp kontaktiert, erh\u00e4lt sofort ein Angebot. Bestellt werden kann per Messenger &#8211; das Mittel helfe, &quot;jeden Virus und jede Krankheit&quot; zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Mit dem Desinfektions- und Bleichmittel werden eigentlich Schwimmb\u00e4der oder Fu\u00dfb\u00f6den ges\u00e4ubert. In der Pandemie nehmen schlecht beratene Menschen es ein oder injizieren es. Doch Chlordioxid kann Haut und Schleimh\u00e4ute ver\u00e4tzen und Durchfall, Nierenversagen oder Darmsch\u00e4den ausl\u00f6sen. Allein in Bolivien mussten bereits mindestens zehn Menschen aufgrund vonChlordioxid-Vergiftungen ins Krankenhaus.<\/p>\n<h3>&quot;Falschmeldungen verbreiten sich schneller&quot;<\/h3>\n<p>Mar\u00eda Silvia Trigo von der Fact-Checking-Initiative &quot;Bolivia Verifica&quot; ist nach eigenen Angaben noch damit besch\u00e4ftigt, Meldungen rund um die Coronakrise zu \u00fcberpr\u00fcfen &#8211; und entlarvt h\u00e4ufig Wundermittel und Verschw\u00f6rungstheorien. &quot;Die Falschmeldungen entstehen meistens in sozialen Netzwerken oder basieren auf Aussagen von bekannten Pers\u00f6nlichkeiten&quot;, sagt die 34-J\u00e4hrige.<\/p>\n<p>&quot;Bolivia Verifica&quot; wurde 2019 von der gemeinn\u00fctzigen &quot;Fundaci\u00f3n para el Periodismo&quot; (&quot;Stiftung f\u00fcr den Journalismus&quot;) gegr\u00fcndet. Die Journalisten gleichen Aussagen mit Informationen von der Weltgesundheitsorganisation WHO oder dem Gesundheitsministerium in Bolivien ab und verifizieren Herkunft und Inhalte von Videos, Bildern und Audios. Sie ver\u00f6ffentlichen ihre Ergebnisse auf ihrer Webseite, in Podcasts, Videos, sozialen Netzwerken und anderen Medien.<\/p>\n<p>&quot;Falschnachrichten haben zwar schon immer existiert, ihre Reichweite ist aber heute aufgrund des Internets viel gr\u00f6\u00dfer&quot;, sagt Trigo. WhatsApp und Facebook seien in Bolivien die beiden digitalen Hauptkan\u00e4le, \u00fcber die falsche Inhalte verbreitet werden.<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich hat &quot;Bolivia Verifica&quot; ein Video als Unsinn entlarvt, in dem ein falscher Arzt &quot;Interferon Alpha-2b&quot; als Medizin gegen eine Corona-Infektion anpreist &#8211; eine Mixtur aus L\u00f6wenzahn, Kamille und Gr\u00fcntee. &quot;Dank dieser Formel war ich in der Lage, meinen K\u00f6rper zu entgiften&quot;, behauptete der angebliche &quot;Dr. Luis Scaf&quot; in dem Video. Scaf ist zwar tats\u00e4chlich ein renommierter Arzt aus Kolumbien &#8211; mit dem Video hatte er aber nichts zu tun.<\/p>\n<p>Die Angst vor dem Virus und Wissensl\u00fccken sind weltweit ein Problem, in Bolivien fallen solche Ger\u00fcchte offenbar auf einen besonders fruchtbaren Boden: &quot;Das Gesundheitssystem ist sehr prek\u00e4r und kulturell sind die Menschen daran gew\u00f6hnt, sich selbst zu heilen, mit Alternativen zur traditionellen Medizin&quot;, sagt Trigo.<\/p>\n<p>Auch Aberglauben ist in dem indigen gepr\u00e4gten Andenland verbreitet: Neben Koka-Bl\u00e4ttern und Heilkr\u00e4utern bieten Verk\u00e4ufer auf dem Hexenmarkt in Boliviens Hauptstadt La Paz Teufelstropfen und Dynamit-Z\u00fcndschn\u00fcre als Schlafmittel an oder Lama-F\u00f6ten, die Gl\u00fcck bringen sollen.<\/p>\n<p>Eine starke Social-Media-Nutzung, geringe Bildung und Armut weiter Bev\u00f6lkerungsteile und das Misstrauen in staatliche Institutionen bilden in ganz Lateinamerika ein Klima, in dem sich Desinformationen rasant verbreiten. Dem Reuters Institute Digital Report 2020 zufolge sind Internetnutzer weltweit verunsichert, welche Nachrichten im Internet real und gef\u00e4lscht sind &#8211;  besonders aber im globalen S\u00fcden wie in Brasilien, wo soziale Medien boomen und traditionelle Institutionen oft schw\u00e4cher sind. Vielerorts haben sich Fake-News-Industrien herausgebildet, die etwa im Auftrag von Parteien gezielt Propaganda verbreiten und die Gesellschaft polarisieren.<\/p>\n<p>Das Vertrauen in den Staat war in Lateinamerika bereits vor der Pandemie gering, die Krise legt die extreme soziale Ungleichheit und die Schw\u00e4chen der \u00f6ffentlichen Versorgung schonungslos offen. In vielen L\u00e4ndern sind die \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4user \u00fcberlastet und unterfinanziert &#8211; in Mexiko ziehen viele Corona-Infizierte es etwa aus Angst vor, zu Hause zu sterben, als ins Krankenhaus zu gehen.<\/p>\n<h3>Regierungschefs als schlechtes Vorbild<\/h3>\n<p>Oft sind es in Lateinamerika auch Politiker, die Verwirrung stiften oder Botschaftern f\u00fcr Corona-Wundermittel werden. Boliviens umstrittene Interimspr\u00e4sidentin Jeanine A\u00f1ez trug bei Auftritten eine blaue Karte, die angeblich das Virus aus der Luft filtern kann. Wer &quot;Virus Shut Out&quot; tr\u00e4gt, braucht dubiosen Onlineshops in Bolivien, Mexiko oder Ecuador zufolge keine Maske mehr.<\/p>\n<p>Man h\u00e4ngt sich einfach die blaue Wunderkarte um den Hals, und die befreit dann die Umgebung vom Coronavirus, anderen Viren und Bakterien &#8211; &quot;zu 99,9 Prozent&quot;, wie ein Verk\u00e4ufer auf Facebook verspricht. Zehn US-Dollar soll das nutzlose Produkt kosten, das urspr\u00fcnglich aus Asien kommt.<\/p>\n<p>In Brasilien beobachtet Tai Nalon, Direktorin und Gr\u00fcnderin derFact-Checking-Plattform &quot;Aos Fatos&quot; (&quot;Die Fakten&quot;), wie Aussagen des Pr\u00e4sidenten Jair Bolsonaro immer wieder eine Flut von Falschnachrichten ausl\u00f6sen &#8211; die etwa das umstrittene Malariamittel Hydroxychloroquin anpreisen, das die Sterblichkeitsrate bei Corona-Infektionen erh\u00f6ht. &quot;Aos Fatos&quot; versucht, verwirrte Brasilianer mit Nachrichten und Analysen, Videos sowie Newslettern aufzukl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Nalon sieht derzeit eine Professionalisierung von Seiten, die als Verteilerpunkte f\u00fcr Falschnachrichten dienen: &quot;Die Zahl, aber auch die Relevanz von Websites w\u00e4chst, die Inhalte mit geringer Qualit\u00e4t verbreiten&quot;, sagt Nalon. &quot;Sie pr\u00e4sentieren sich als unabh\u00e4ngige Journalisten, unterst\u00fctzen aber die Narrative der Regierung.&quot; Sie w\u00fcrden die Leser manipulieren, indem sie Fakten, Meinung und falsche Informationen mischen. Wissenschaftlicher Konsens werde so infrage gestellt.<\/p>\n<p>Mit dem neuen Analysewerkzeug &quot;Radar Aos Fatos&quot; will Nalons Team mehr Orientierung beim Nachrichtenkonsum bieten: Das Tool scannt das Internet automatisiert nach Schl\u00fcsselw\u00f6rtern, die mit der Coronakrise in Verbindung stehen. Die Nachrichten werden mit einer Farbskala eingeordnet &#8211; Rot kennzeichnet Inhalte mit besonders niedriger Qualit\u00e4t, Gr\u00fcn steht f\u00fcr eine hohe Glaubw\u00fcrdigkeit.<\/p>\n<p>Auch Chatbot &quot;F\u00e1tima&quot; kl\u00e4rt auf: Nutzer k\u00f6nnen \u00fcber WhatsApp News-Updates empfangen und dem Dialogsystem Fragen stellen. Mehr als 5300 Menschen sind Nalon zufolge regelm\u00e4\u00dfig mit dem Chatbot in Kontakt, seit Mai haben Nutzer fast 25.000 Nachrichten geschickt &#8211; das zeigt viel Interesse, ist in einem Land mit 210 Millionen Einwohnern aber eher ein Tropfen auf den hei\u00dfen Stein.<\/p>\n<p>Auch soziale Netzwerke gehen mittlerweile st\u00e4rker gegen Desinformationen vor. Sie kooperieren mit Fact-Checking-Initiativen und versehen Inhalte mit Warnhinweisen, l\u00f6schen Konten, die Falschnachrichten streuen. In einem virtuellen Informationszentrum zur Coronakrise k\u00f6nnen Facebook-Nutzer einen Newsfeed zur Pandemie abonnieren. Auch vor falschen Corona-Schutzma\u00dfnahmen wird gewarnt.<\/p>\n<p>&quot;Im Verlauf der Pandemie hat bei den sozialen Netzwerken ein Umdenken stattgefunden&quot;, sagt die deutsche Fact-Checking-Expertin Karolin Schwarz. &quot;Allerdings ist unklar, wie wirksam die Ma\u00dfnahmen sind, weil es an Daten fehlt, die Forschende auswerten k\u00f6nnen.&quot; Zugleich seien die Plattformen Schwarz zufolge nicht \u00fcberall und in jeder Sprache gleich gut aufgestellt. Twitter konzentriere sich aktuell etwa stark auf die USA, auch wegen der bevorstehenden Wahlen &#8211; und warnt etwa vor Trumps irref\u00fchrenden Tweets.<\/p>\n<p>Auch Facebook hat ein Video, in dem Pastor Oscar Gutierrez Chlordioxid als Heilmittel gegen Corona anpreist, mit einem Warnhinweis versehen und verlinkt auf einen Faktencheck der peruanischen Initiative &quot;Verificador&quot;. Doch seine Fans best\u00e4rkt jede Kritik eher: &quot;So ergeht es allen, die uns gut informieren, um die Welt zu retten&quot;, schreibt eine Peruanerin zu der angeblichen Bedrohung des Pastors. Der streamt unterdessen ungest\u00f6rt weiter.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern In Lateinamerika versuchen Menschen, sich mit Eigentherapien von Covid-19 zu heilen Foto:\u2002 Rodrigo Urzagasti \/ REUTERS Pastor Oscar Gutierrez ist angeblich auf der Flucht. 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