{"id":2679,"date":"2020-09-21T01:31:07","date_gmt":"2020-09-20T22:31:07","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-eindrucke-im-neuen-schuljahr-zwischen-angst-und-euphorie\/"},"modified":"2020-09-21T01:31:07","modified_gmt":"2020-09-20T22:31:07","slug":"corona-eindrucke-im-neuen-schuljahr-zwischen-angst-und-euphorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-eindrucke-im-neuen-schuljahr-zwischen-angst-und-euphorie\/","title":{"rendered":"Corona &#8211; Eindr\u00fccke im neuen Schuljahr: Zwischen Angst und Euphorie"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/26454409-6d67-4011-82d0-14149b18c49e_w948_r1.77_fpx48.75_fpy49.99.jpg\" title=\"Eingeschr\u00e4nkter Regelbetrieb: Wie f\u00fchlt sich das an?\" alt=\"Eingeschr\u00e4nkter Regelbetrieb: Wie f\u00fchlt sich das an?\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p class=\"caps\">Eingeschr\u00e4nkter Regelbetrieb: Wie f\u00fchlt sich das an?<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Julian Rettig \/ DER SPIEGEL; imago images  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Kein Mindestabstand im Klassenraum, kein Unterricht im Schichtsystem: Das neue Schuljahr hat inzwischen in ganz Deutschland im sogenannten eingeschr\u00e4nkten Regelbetrieb begonnen, weitgehend normal, aber eben nicht ganz. Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler m\u00fcssen sich ebenso wie ihre Lehrkr\u00e4fte auf neue Corona-Regeln einstellen. Wie klappt das? Wie f\u00fchlt sich die viel zitierte &quot;neue Normalit\u00e4t&quot; an?<\/p>\n<p>Sch\u00fcler, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer haben dem SPIEGEL von ihren Erfahrungen in den ersten Tagen und Wochen berichtet. In der Redaktion kamen teils sehr emotionale E-Mails an. F\u00fcr die Protokolle in diesem Text haben wir mit den Absendern telefoniert, uns Eindr\u00fccke und Erlebnisse genauer schildern lassen und sie &#8211; soweit m\u00f6glich &#8211; gepr\u00fcft.<\/p>\n<p>Das Ergebnis: ein Chor individueller Stimmen, aus denen in den kommenden Wochen und Monaten ein Gesamtbild der unterschiedlichen Perspektiven auf dieses Pandemie-Schuljahr entstehen soll.<\/p>\n<p>Wie sensibel das Thema ist, zeigt sich daran, dass einige Gespr\u00e4chspartner anonym bleiben wollen &#8211; weil sie sich ohne Genehmigung nicht \u00e4u\u00dfern d\u00fcrfen oder aus Angst vor negativen Folgen f\u00fcr ihr Kind. Die Klarnamen sind der Redaktion in allen F\u00e4llen bekannt. Lesen Sie hier die Protokolle:<\/p>\n<h3><strong>&quot;Nicht nur wir im Kollegium, auch die Sch\u00fcler haben richtig Bock auf Schule&quot;<\/strong><\/h3>\n<p><em>N.N., Berufsschullehrerin aus Nordrhein-Westfalen<\/em><\/p>\n<p><em>&quot;<\/em>Ich habe noch nie erlebt, dass in einer neuen Schulklasse so viele Sch\u00fcler einzeln auf dem Schulhof stehen und keinen Anschluss finden. Das ist sicher nicht nur der pers\u00f6nlichen Sch\u00fcchternheit geschuldet, sondern vor allem den Corona-Regeln, wonach alle auf Distanz bleiben sollen.<\/p>\n<p>In der ersten Schulwoche finden bei uns immer sogenannte Einf\u00fchrungstage statt, in denen es ums Kennenlernen und um Teambuilding geht. Dabei wird der Grundstein f\u00fcr eine gute Klassengemeinschaft gelegt. Dieses Jahr mussten die Sch\u00fcler auf ihren Pl\u00e4tzen sitzen bleiben und durften sich nur verbal austauschen. Gruppenspiele und Interaktion waren nicht m\u00f6glich. Fr\u00fcher entstand dadurch eine positive Dynamik im Miteinander. Dieses Jahr nicht.<\/p>\n<p>Wegen Corona gibt es auch p\u00e4dagogische und didaktische R\u00fcckschritte. Kooperative Lernformen zum Beispiel sind nicht mehr m\u00f6glich. Ich muss meist klassischen Frontalunterricht machen. Der f\u00fchrt zwar dazu, dass wir Unterrichtsinhalte vielleicht etwas schneller schaffen. Aber daf\u00fcr bleiben die Sozialkompetenzen, die ich als Lehrerin sonst in jeder Unterrichtsstunde f\u00f6rdere und auch einfordere, auf der Strecke.<\/p>\n<p>Corona zeigt mir au\u00dferdem mal wieder, dass wir an den Schulen mehr Lehrer brauchen, eine bessere Ausstattung und vor allem kleinere Klassen. Durch die Abstandsregeln vor den Sommerferien haben wir zum ersten Mal ausprobiert, wie Unterricht mit 10 bis 15 Sch\u00fclern laufen kann, statt wie sonst mit knapp 30. Ich habe dabei deutlich gemerkt: Je kleiner eine Gruppe ist, desto effektiver wird gelernt.<\/p>\n<p><strong>&quot;Nach gerade mal vier Wochen liegen die Nerven blank&quot;<\/strong><\/p>\n<p>Klar, es ist f\u00fcr uns Lehrkr\u00e4fte vielleicht etwas \u00e4tzend, mehreren Kleingruppen nacheinander in Dauerschleife dasselbe zu erz\u00e4hlen. Aber das Positive ist: Niemand kann sich verstecken, alle kommen mal dran. Auch meine Sch\u00fcler fanden das gut. Nach dem Lockdown habe ich auch gemerkt, wie sch\u00f6n es ist, wieder zu unterrichten. Nicht nur wir im Kollegium, auch die Sch\u00fcler haben richtig Bock auf Schule &#8211; auch wenn sie das niemals zugeben w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen uns nun allerdings mit neuen Herausforderungen herumschlagen: Die Maskenpflicht im Unterricht wurde in NRW zwar aufgehoben, aber einige Sch\u00fcler &#8211; und ich selbst auch &#8211; tragen die Maske weiterhin, denn das Virus ist ja nicht weg. Sowohl im Geb\u00e4ude als auf dem kompletten Schulgel\u00e4nde besteht zudem nach wie vor Maskenpflicht.<\/p>\n<p>Die Pausen bestehen daher zurzeit aus einer endlosen Wiederholung der Aufforderungen: &#039;Setzen Sie Ihre Maske auf.&#039; &#8211; &#039;Halten Sie Abstand. Das sind nicht 1,50 Meter.&#039; &#8211; &#039;Auf der Bank d\u00fcrfen nur zwei sitzen.&#039; &#8211; &#039;Nein, Sie bei\u00dfen nicht vom Schokoriegel der anderen ab.&#039; Oder: &#039;Nein, Sie teilen sich auch keine Zigarette.&#039;<\/p>\n<p>Wenn dann nur die Augen verdreht werden, geht es ja noch. So mancher Sp\u00e4tpubertierende will aber auch schon mal anhand seiner Penisgr\u00f6\u00dfe demonstrieren, wie lang 1,50 Meter sind. Es hat etwas von Realsatire. Aber es ist vor allem nervig und anstrengend und macht die Beziehung zu den Sch\u00fclern schlechter, wenn man st\u00e4ndig reglementieren und erinnern und ermahnen muss. Sch\u00f6n ist das f\u00fcr alle nicht. Nach gerade mal vier Wochen liegen die Nerven blank.&quot;<\/p>\n<h3><strong>&quot;Ich sollte dar\u00fcber nachdenken, das Abitur abzubrechen&quot;<\/strong><\/h3>\n<p><em>Maurice Bartz, 20, Abiturient und Risikopatient aus Berlin<\/em><\/p>\n<p>&quot;Mein D\u00fcnndarm ist nur ein Zehntel so lang wie bei anderen Menschen. Ich habe das Kurzdarmsyndrom. Au\u00dferdem ist mein Immunsystem wegen einer Herzmuskelentz\u00fcndung geschw\u00e4cht. Als ich der Direktorin meiner Schule nach dem Lockdown mailte, ich sei Risikopatient und habe Angst, in die Schule zu zur\u00fcckzukehren, sagte sie mir, ich m\u00fcsse kommen. Ansonsten sollte ich dar\u00fcber nachdenken, das Kolleg abzubrechen oder ein Jahr auszusetzen. Ich war schockiert, dass es keine andere M\u00f6glichkeit f\u00fcr Risikopatienten geben sollte.<\/p>\n<p>Meine Schule und der Senat hatten ein halbes Jahr Zeit, aber anstatt an einer L\u00f6sung zu arbeiten, stellten sie sich quer. Dabei geh\u00f6ren viele Lehrer ja auch zur Risikogruppe. Warum k\u00f6nnen die denn nicht die Risikosch\u00fcler online unterrichten, so wie das von der Politik zugesagt wurde und an einigen Schulen auch umgesetzt wird?<\/p>\n<p>Die Lehrer an meiner Schule nehmen die Ma\u00dfnahmen ernst, weisen auf die Maskenpflicht hin, benutzen verschiedene Ein- und Ausg\u00e4nge und l\u00fcften in den Klassenzimmern, aber manchmal sitzen mehr als 15 Leute in einem Klassenraum. Dies ist grunds\u00e4tzlich kein Verbot, da Berlin die Abstandsregel f\u00fcr die Schulen aufgehoben hat. Auf den Pausenh\u00f6fen sind die Leute auch oft eng beieinander. Was ich verstehen kann. Immerhin m\u00fcssen wir im Unterricht auch nah beieinander sitzen.<\/p>\n<p>Ich bin in der 12. Klasse, in anderthalb Jahren mache ich Abitur. Ich will die Schule nicht abbrechen und habe mich deswegen daf\u00fcr entschieden, am Unterricht teilzunehmen. Ich wei\u00df, dass ich damit ein gro\u00dfes Risiko eingehe: Ich k\u00f6nnte mich anstecken und sogar mit Covid-19 sterben. Aber ich versuche, nicht daran zu denken, das w\u00fcrde mich verr\u00fcckt machen.&quot;<\/p>\n<h3><strong>&quot;Ich gehe jeden Tag mit einem unguten Gef\u00fchl in die Schule&quot; <\/strong><\/h3>\n<p><em>N.N., Lehrer und Risikopatient aus Berlin<\/em><\/p>\n<p>&quot;Ich habe Diabetes, Typ 1. Vor der Coronakrise hatte mich die Krankheit nicht gro\u00dfartig eingeschr\u00e4nkt, aber das hat sich v\u00f6llig ge\u00e4ndert. Ich geh\u00f6re zur Risikogruppe und bin Lehrer an einer weiterf\u00fchrenden Schule. Die Regeln zum Infektionsschutz werden dort immer wieder nicht eingehalten oder sind gar nicht umsetzbar. Ich f\u00fchle mich deshalb von der Politik im Stich gelassen und gehe jeden Tag mit einem unguten Gef\u00fchl in die Schule.<\/p>\n<p>Wir sollen regelm\u00e4\u00dfig l\u00fcften, und in den Klassenr\u00e4umen klappt das halbwegs. Aber in den G\u00e4ngen gibt es gar keine Fenster, die wir \u00f6ffnen k\u00f6nnten. Es gibt zudem etliche Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die sich weder an den Mindestabstand auf dem Schulhof noch an die geltende Maskenpflicht in den Fluren und Gemeinschaftsr\u00e4umen halten. Wenn ich sie ermahne, sagen einige nur: &#039;Chill mal.&#039;<\/p>\n<p>Ich habe das Gef\u00fchl, dass ich mich in der Schule einem gro\u00dfen Infektionsrisiko aussetze, w\u00e4hrend ich in meinem Privatleben sehr vorsichtig bin. Seit Monaten treffe ich mich allenfalls mal drau\u00dfen im Garten mit wenigen Freunden.<\/p>\n<p>Um mich besser gesch\u00fctzt zu f\u00fchlen, w\u00fcnsche ich mir in Berlin eine Maskenpflicht auch f\u00fcr den Unterricht. Es gibt einige Sch\u00fcler, die durchaus R\u00fccksicht auf mich nehmen. Die setzen ihre Maske in meinem Unterricht freiwillig auf und fragen, wie es mir geht &#8211; und warum ich nicht zu Hause bleibe, wenn ich Angst vor Ansteckung habe. Ich habe ein Attest, ich k\u00f6nnte das tun. Aber ich arbeite gerne, ich m\u00f6chte mich einbringen und f\u00fchle mich verantwortlich f\u00fcr meine Schule und f\u00fcr meine Klasse.<\/p>\n<p>Die brauchen den pers\u00f6nlichen Kontakt, und Fernunterricht scheitert schon an technischen Voraussetzungen. Ich habe mal in meiner Klasse nachgefragt: Von 26 Sch\u00fclern hatten zwei einen Drucker und etwa jeder F\u00fcnfte einen Laptop. Ich versuche jetzt, auf eigene Faust Kompromisse zu finden. Ich habe mir FFP2-Masken bestellt. Ohne gehe ich nicht in die Schule. Sportunterricht mache ich, solange es das Wetter irgendwie zul\u00e4sst, nur drau\u00dfen, im Zweifel bis es schneit.&quot;<\/p>\n<h3>&quot;Mir war wichtig, dass wir nicht hysterisch werden&quot;<\/h3>\n<p><em>Susanne Hilbig-Rehder, Leiterin der Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg<\/em><\/p>\n<p>&quot;Als die erste Sch\u00fclerin am Mittwoch vor zwei Wochen positiv getestet wurde, habe ich das erst mal hingenommen. So ungew\u00f6hnlich ist das nicht, wir hatten an unserer Schule schon h\u00e4ufiger Verdachtsf\u00e4lle. Doch am n\u00e4chsten Tag hat sich ein Lehrer gemeldet. Auch sein Testergebnis: positiv. Au\u00dferdem hatten Eltern weitere Verdachtsf\u00e4lle gemeldet. Die Informationen haben sich in meinem Kopf sofort verkn\u00fcpft. F\u00fcr einen Moment hat mich das wirklich erschreckt.<\/p>\n<p>Ich habe an das Gesundheitsamt, meine Schulaufsicht und das sogenannte Coronapostfach der Schulbeh\u00f6rde geschrieben. Unterdessen kam ein weiteres positives Testergebnis aus dem 8. Jahrgang.<\/p>\n<p>Das Gesundheitsamt hat dann genau die Frage gestellt, auf die wir uns im Leitungsteam schon vorbereiteten: Wer hatte wann mit wem Kontakt? Da es Verbindungen zwischen den drei Betroffenen gab, hat das Amt entschieden, die beiden betroffenen Klassen und einen eng definierten Kollegenkreis sofort in Quarant\u00e4ne zu schicken.<\/p>\n<p>Ich habe das Kollegium als Ganzes informiert, die betroffenen Lehrkr\u00e4fte und Eltern, und dann die ganze Elternschaft. So konnte gar nicht erst der Eindruck entstehen, wir wollten hier etwas verschweigen oder kleinmachen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag gab es zwei weitere positive Tests. Das Gesundheitsamt entschied, beide Jahrg\u00e4nge, also fast 400 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, und alle 200 Bediensteten testen zu lassen. Die Vorbereitung daf\u00fcr lief am Wochenende und war sehr aufwendig. Bei 12 und 14 Jahre alten Kindern m\u00fcssen die Eltern das schlie\u00dflich genehmigen, niemand darf dazu gezwungen werden.<\/p>\n<p>\u00dcber das Wochenende ordnete das Gesundheitsamt an, dass der 6. und 8. Jahrgang komplett in Quarant\u00e4ne m\u00fcssen &#8211; und das halbe Kollegium auch. Nebenbei den Schulbetrieb zu organisieren, war ein echter Balanceakt. Tausend Sch\u00fcler sollten weiter zum Unterricht kommen &#8211; allerdings mit Maske, bis das Infektionsgeschehen aufgekl\u00e4rt ist. Die Schulpflicht wird ja nicht ausgesetzt, hier hat sich das Hygienekonzept mit den unterschiedlichen Kohorten bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p>Die Tests fanden auf unserem Parkplatz statt, fast alle machten mit. Insgesamt waren schlie\u00dflich 33 Sch\u00fcler und drei Mitarbeiter positiv.<\/p>\n<p>In dieser Zeit habe ich kaum geschlafen. Die ganze Situation war mit vielen \u00c4ngsten und Emotionen in der Schulgemeinschaft verbunden, mir war es wichtig, dass wir nicht hysterisch werden. Deswegen habe ich unglaublich viel kommuniziert. Eltern und Kollegen haben jeden Tag ein Update gekriegt.<\/p>\n<p>Es gab trotzdem Eltern, die sich f\u00fcr eine komplette Schulschlie\u00dfung oder mehr Hygiene aussprachen oder im Gegenteil die Maskenpflicht nicht akzeptieren wollten oder die Gefahr ganz leugneten. Aber insgesamt habe ich in der Zeit unheimlich viel Zuspruch bekommen. Ich habe noch nie so viele Blumenstr\u00e4u\u00dfe gekriegt.<\/p>\n<p>Gl\u00fccklicherweise gab es bei den Erkrankten keine schlimmen Verl\u00e4ufe. Am Montag sollen die letzten Sch\u00fcler und Lehrkr\u00e4fte in den Pr\u00e4senzunterricht zur\u00fcckkommen.&quot;<\/p>\n<h3><strong>&quot;Wir haben ein gro\u00df angelegtes Corona-Testverfahren gestartet&quot;<\/strong><\/h3>\n<p><em>Clemens Becker, 64, Chefarzt und Vater aus Baden-W\u00fcrttemberg<\/em><\/p>\n<p>&quot;Meine Frau und ich sind \u00c4rzte, eines unserer Kinder, zehn Jahre alt, geht auf eine evangelische Schule in Stuttgart. Dort haben wir ein gro\u00df angelegtes Corona-Testverfahren gestartet, ebenso an zwei weiteren Schulen desselben Tr\u00e4gers. Wenige Tage vor Ende der Sommerferien konnten sich alle Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sowie alle Lehrkr\u00e4fte und sonstigen Mitarbeiter der Schule testen lassen, rund 2000 Menschen.<\/p>\n<p>Um Zeit und Kosten zu sparen, wurden in einem Poolverfahren immer zehn Proben aus einer Klasse gemeinsam getestet; nur wenn etwas auff\u00e4llig gewesen w\u00e4re, h\u00e4tten wir die einzelnen Proben ausgewertet. Fast alle haben mitgemacht, und so lagen zum ersten Schultag die Ergebnisse vor: Alle waren negativ. Ich hoffe, dass wir viele Lehrer, Sch\u00fcler und Eltern entlasten konnten, die Angst vor einer Ansteckung in der Schule hatten. Es herrscht jedenfalls eine riesige Erleichterung.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich als Vater gab es noch einen Grund, aktiv zu werden: Das Homeschooling in den vergangenen Monaten war f\u00fcr uns eine Herausforderung, die wir eigentlich nicht bew\u00e4ltigen konnten. Wir k\u00f6nnen nicht von zu Hause arbeiten, und so geht es vielen Eltern, die in der Medizin und Pflege t\u00e4tig sind. Deshalb blo\u00df kein Homeschooling, bitte.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wollen wir gerne unser Wissen und K\u00f6nnen zur Verf\u00fcgung stellen. Wir haben andere Eltern mit Fachkenntnissen gefragt, ob sie mitmachen, in nicht mal zwei Stunden hatte ich einige Dutzend Mitstreiter. Alle wissen, worauf es ankommt. Es ist zum Beispiel wichtig, dass sich auch die Helfer testen lassen. Sind die infiziert, sind Proben verseucht. Der Schultr\u00e4ger hat den gr\u00f6\u00dften Teil der Kosten \u00fcbernommen, eine Summe im unteren f\u00fcnfstelligen Bereich.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, dass die Ergebnisse nur eine Momentaufnahme sind und sich Sch\u00fcler und Lehrkr\u00e4fte st\u00e4ndig irgendwo anstecken k\u00f6nnen. Aber wir haben gezeigt: So eine Schultestung ist machbar, die Akzeptanz ist da. Wenn regional die Fallzahlen steigen, k\u00f6nnten Schulen eine Stichprobe durchf\u00fchren und h\u00e4tten zumindest vor\u00fcbergehend Gewissheit.&quot;<\/p>\n<h3><strong>&quot;Es gibt immer noch kein Konzept f\u00fcr digitalen Unterricht&quot;<\/strong><\/h3>\n<p><em>Michael T., Vater aus Nordrhein-Westfalen<\/em><\/p>\n<p>&quot;Mir steckt die Zeit vor den Sommerferien noch in den Knochen. Meine 16 Jahre alte Tochter sa\u00df heulend auf dem Bett und sagte mir, sie w\u00fcnsche sich die Schule zur\u00fcck. Monatelang hatte sie nur zwei Stunden Online-Unterricht in der Woche und ihr fehlte der geregelte Tagesablauf. Sie erhielt jeden Freitag Mails mit Aufgaben. Einmal war ein Zettel dabei, auf dem 180 Mathematikaufgaben standen. Da ist sie ausgerastet. Auf alle Arbeiten, die sie eingereicht hat, bekam sie nur eine R\u00fcckmeldung. So kann Unterricht doch nicht aussehen.<\/p>\n<p>Wir waren immer zufrieden mit der Schule, doch in der Krise hat sie sich von einer anderen Seite gezeigt. Meine Tochter hat nichts Neues gelernt, h\u00f6chstens alten Stoff wiederholt. H\u00e4tte die Schulleitung wenigstens zugegeben, dass der Unterricht w\u00e4hrend des Lockdowns nicht gut gelaufen ist, h\u00e4tte ich mehr Verst\u00e4ndnis aufbringen k\u00f6nnen. Aber es wurde immer so getan, als sei alles unter Kontrolle. Das macht mich w\u00fctend.<\/p>\n<p>Inzwischen geht meine Tochter wieder auf ihr Gymnasium. Sie ist jetzt in der 10. Klasse und tr\u00e4gt im Klassenzimmer eine Maske. Das ist zwar nicht sch\u00f6n, aber eben der Preis, den die Sch\u00fcler zahlen m\u00fcssen, damit die Schule \u00fcberhaupt offen bleiben kann. Ungef\u00e4hr 15 Prozent des Unterrichts fallen allerdings aus, noch dazu manchmal sehr kurzfristig. Kann die Schule das nicht anders regeln?<\/p>\n<p>Was mich richtig aufregt: Das Gymnasium hat uns Eltern kein schl\u00fcssiges Konzept vorgelegt, wie der verpasste Stoff aus dem vergangenen Halbjahr nachgeholt werden soll. Wir wissen auch nicht, was passiert, wenn die Schule wegen des Infektionsgeschehens wieder schlie\u00dfen m\u00fcsste. Das Gymnasium hatte sechs Monate Zeit, aber es gibt immer noch kein Konzept f\u00fcr digitalen Unterricht. Da ist nach meinem Eindruck nichts passiert.&quot;<\/p>\n<h3>&quot;Ich bin am Ende meiner Kraft&quot;<\/h3>\n<p><em>Monika Gotthart aus D\u00fcsseldorf, Mutter von Marcel, 16, F\u00f6rdersch\u00fcler mit schweren Behinderungen<\/em><\/p>\n<p>&quot;Der erste Schultag nach den Sommerferien h\u00e4tte f\u00fcr meinen Sohn Marcel auch gleich wieder der letzte sein k\u00f6nnen. Meine Mutter hat ihn an dem Tag ausnahmsweise abgeholt und mir sp\u00e4ter erz\u00e4hlt, wir m\u00fcssten Marcel ab jetzt entweder selbst zur Schule fahren oder er k\u00f6nne halt nicht mehr zum Unterricht gehen. Das habe ihr der Klassenlehrer gesagt.<\/p>\n<p>Normalerweise wird Marcel vom Behindertentransport der Schule mitgenommen. Aber der Schultr\u00e4ger LVR hat entschieden, dass nur noch Sch\u00fcler mitd\u00fcrfen, die eine Maske tragen. Marcel kann das aber nicht. Er ist schwerstmehrfachbehindert und Epileptiker und zieht sich die Maske immer sofort wieder ab.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war das ein ziemlicher Schock. Marcel zweimal am Tag eine knappe Dreiviertelstunde durch den D\u00fcsseldorfer Stadtverkehr zu fahren, ist Stress pur. Ich bin Migr\u00e4nepatientin und alleinerziehend. Meinen Minijob, der f\u00fcr mich ein wichtiger Ausgleich zur Pflege meines Sohnes ist, kann ich dann auch nicht mehr machen.<\/p>\n<p>Der LVR begr\u00fcndet seine Entscheidung damit, dass unter den Sch\u00fclern viele Risikopatienten sind, die gesch\u00fctzt werden m\u00fcssen. Und dass die Bef\u00f6rderung sowieso ein freiwilliges Angebot ist. Ich finde das nicht korrekt. Schlie\u00dflich wirbt der LVR damit, die Kinder in die Schule zu bringen. Und er hatte ein paar Monate Zeit, sich zu \u00fcberlegen, wie er die Gesundheit aller Kinder sch\u00fctzen kann.  <\/p>\n<p>Doch beim LVR habe ich niemanden erreicht, mit dem ich das Problem besprechen konnte. Die Zust\u00e4ndige rief mich \u00fcber Tage nicht zur\u00fcck. Ich habe dann bei der Stadt einen Eilantrag auf Einzelbef\u00f6rderung gestellt, doch der wurde abgelehnt. Die Begr\u00fcndung: Der LVR sei zust\u00e4ndig. Dort k\u00f6nnte ich einen Antrag auf Kosten\u00fcbernahme f\u00fcr einen Einzeltransport stellen. Aber die Anforderungen seien sehr hoch.<\/p>\n<p>Ich habe dann noch mal die Vorgesetzte bei der Stadt angeschrieben und auch die Schulleitung. Aber mir blieb nichts anderes, als Marcel weiter zur Schule zu fahren.<\/p>\n<p>Nach knapp einem Monat gab es wenigstens einen Lichtblick: Die Stadt hat sich gemeldet, dass Marcel f\u00fcr die Fahrt eine Integrationshelferin bekommt, die ihm die Maske immer wieder aufsetzt, wenn er sie runterzieht. Die Ank\u00fcndigung ist jetzt zwei Wochen her, passiert ist aber nichts.<\/p>\n<p>Allerdings hat sich Mitte der Woche endlich eine Dame vom LVR gemeldet: Sie habe meine Antr\u00e4ge vorliegen und \u00fcberbringe mir jetzt die gl\u00fcckliche Nachricht, dass Marcel einen Einzeltransport bekommt. Ich bin zwar erleichtert, finde es aber unm\u00f6glich, dass das so lange gedauert hat. Ich bin am Ende meiner Kraft.<\/p>\n<p>Und ganz durch ist das Thema leider noch nicht: Das Bef\u00f6rderungsunternehmen will Marcel deutlich sp\u00e4ter hinbringen und fr\u00fcher abholen als \u00fcblich. Marcel hat Schulpflicht, und ich m\u00f6chte nicht, dass er so viel Unterricht verpasst. Ich muss also weiter hinterhertelefonieren.&quot;<\/p>\n<h3> <strong>&quot;Wir denken \u00fcber Privatlehrer und Privatschulen nach&quot;<\/strong><\/h3>\n<p><em>Gesa Schwerdtfeger, Mutter von zwei Kindern, 7 und 11 Jahre alt, aus Baden-W\u00fcrttemberg<\/em><\/p>\n<p>&quot;Aus meiner Sicht haben unsere Kinder wegen der Schulschlie\u00dfungen in den vier Monaten vor den Sommerferien keine Schule gehabt, und meine Sorge ist, dass sie auch die kommenden vier Monate nichts lernen. Sobald ein Corona-Fall an ihrer Schule auftaucht, f\u00e4llt der Unterricht wieder aus. Die Digitalisierung b\u00f6te viele M\u00f6glichkeiten, aber die werden nicht genutzt.<\/p>\n<p>Auf die Frage, ob die Lehrerinnen und Lehrer von zu Hause Video-Unterricht geben k\u00f6nnten, hie\u00df es am Gymnasium unseres Sohnes, das er seit diesem Schuljahr besucht, dies sei aus Datenschutzgr\u00fcnden nicht m\u00f6glich. Aber Datenschutz interessiert mich als Mutter im Moment wirklich gar nicht. Mir ist wichtig, dass mein Kind jetzt etwas lernt.<\/p>\n<p>Vor den Osterferien in Baden-W\u00fcrttemberg, als die Schulen zu waren, haben mein Mann und ich uns abwechselnd einen Tag frei genommen, um mit unseren Kindern die Wochen- und Tagespl\u00e4ne durchzuarbeiten. Wir haben morgens um 9 Uhr angefangen, mit ihnen zu lernen, und waren nachmittags um 15 Uhr durch. Danach kamen Korrekturen und Besprechung. Erst am Abend waren wir fertig. Das ist nicht noch mal machbar.<\/p>\n<p>Ich bin jetzt absolut daf\u00fcr, Abstand zu halten und die Anti-Corona-Ma\u00dfnahmen einzuhalten. Wir m\u00fcssen wirklich keine gro\u00dfen Feste feiern. Aber an den Schulen muss guter Unterricht laufen, wenn nicht vor Ort, dann mindestens digital. Es ist traurig, dass dies nicht an jeder Schule garantiert ist. Wir denken \u00fcber Privatlehrer und Privatschulen nach, weil wir nicht wissen, wie wir die Situation im Zweifel noch mal auffangen sollen.<\/p>\n<p>Es ist absurd. Mein Mann und ich haben vor Corona \u00f6fter \u00fcberlegt, wie sch\u00f6n es w\u00e4re, die Kinder mal f\u00fcr ein halbes Jahr aus dem Unterricht nehmen zu k\u00f6nnen, um reisen zu gehen. Das ist aufgrund der Schulpflicht aber nicht m\u00f6glich, und nun wirkt es, als sei sie pl\u00f6tzlich ausgesetzt.&quot;<\/p>\n<h3>&quot;Ich \u00e4rgere mich \u00fcber die teils massive Kritik an der Schulpolitik&quot;<\/h3>\n<p><em>Holger Schmenk, Schulleiter an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen <\/em><\/p>\n<p>&quot;Ich bin sonst eher gelassen, war aber kurz vor Beginn des neuen Schuljahrs besorgt. Ich nehme Corona sehr ernst und empfinde eine gro\u00dfe Verantwortung f\u00fcr die rund 1200 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler und das Kollegium an meiner Schule, die wieder bei voller Besetzung im Klassenraum loslegen sollten. Der Schulstart verlief bei uns dann aber zum Gl\u00fcck weitgehend problemlos.<\/p>\n<p>Im alten Schuljahr hat das Ministerium teils sehr kurzfristig, etwa am Samstag, per Mail Ansagen gemacht, die wir am Montag umgesetzt haben sollten. Das war ein \u00c4rgernis. Zum neuen Schuljahr gab es dagegen rechtzeitig recht klare Vorgaben, etwa zur Maskenpflicht im Unterricht und zum Thema L\u00fcften. Wir k\u00f6nnen diese gut umsetzen. Alle Kollegen haben Schl\u00fcssel f\u00fcr unsere abschlie\u00dfbaren Fenster bekommen. Sie lassen zudem die T\u00fcren offen. Um Gedr\u00e4nge in den Fluren zu vermeiden, gibt es ein Einbahnstra\u00dfensystem. Sport wird bisher nur drau\u00dfen durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ein IT-Team hat ein Konzept f\u00fcr digitalen Unterricht entwickelt. So schalten wir zum Beispiel Sch\u00fcler in Quarant\u00e4ne per Video zu und stellen Aufgaben in unsere neue Lernplattform ein. Leider scheitert manches, weil wir teilweise kein WLAN haben und die Schule nicht am Glasfasernetz angeschlossen ist.<\/p>\n<p>Alles in allem k\u00f6nnen wir sicher nicht perfekt arbeiten, aber ich \u00e4rgere mich \u00fcber die teils massive Kritik an der Politik. Wenn man bedenkt, dass wir eine besondere Situation haben, l\u00e4uft doch vieles bemerkenswert gut. Und was w\u00e4re die Alternative?<\/p>\n<p>Die Schulen zu \u00f6ffnen, ist f\u00fcr mich der absolut richtige Schritt. Kinder und Jugendliche m\u00fcssen lernen, und w\u00e4hrend des Lockdowns drohten manche zu vereinsamen. Ich bin sehr froh, dass die meisten nun wieder da sind. Ich wei\u00df, dass das nicht jeder so sieht. Es gibt bei uns die ganze Bandbreite von teils \u00fcberbesorgten Eltern bis hin zu wenigen Corona-Leugnern. Um \u00c4ngste zu nehmen und aufzukl\u00e4ren, versuchen wir, sehr viel mit allen Beteiligten zu kommunizieren, sei es \u00fcber die Website oder pers\u00f6nlich. Transparenz ist hier der einzig richtige Weg.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Eingeschr\u00e4nkter Regelbetrieb: Wie f\u00fchlt sich das an? 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