{"id":2654,"date":"2020-09-19T21:57:45","date_gmt":"2020-09-19T18:57:45","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/nachruf-auf-ruth-bader-ginsburg\/"},"modified":"2020-09-19T21:57:45","modified_gmt":"2020-09-19T18:57:45","slug":"nachruf-auf-ruth-bader-ginsburg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/nachruf-auf-ruth-bader-ginsburg\/","title":{"rendered":"Nachruf auf Ruth Bader Ginsburg"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/dcde48a4-cfc1-4e87-ac82-3842362b5cbb_w948_r1.77_fpx51.33_fpy50.jpg\" title=\"Amerikanisches Nationalheiligtum: Ruth Bader Ginsburg\" alt=\"Amerikanisches Nationalheiligtum: Ruth Bader Ginsburg\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Amerikanisches Nationalheiligtum: Ruth Bader Ginsburg<\/p>\n<p>  Foto:\u2002Jim Young \/ REUTERS  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Noch in der Nacht str\u00f6mten die Menschenmengen zum angestrahlten Justizpalast des Supreme Courts in Washington. Hunderte scharten sich auf der Freitreppe und dem Platz davor, im Schatten des US-Kapitols. Sie knieten nieder, weinten, z\u00fcndeten Kerzen an, sangen &quot;Amazing Grace&quot;. Ringsum stapelten sich Blumenstr\u00e4u\u00dfe, Fotos und Kondolenzkarten.<\/p>\n<p>&quot;Danke, RBG&quot;, stand auf einem Schild mit ihren Initialen.<\/p>\n<p>Solch eine spontane \u00f6ffentliche Traueraufwallung geb\u00fchrt sonst meist nur Staatslenkern oder Stars. Ruth Bader Ginsburg war viel mehr als das.<\/p>\n<p>Der Tod der dienst\u00e4ltesten Richterin am Obersten US-Gerichtshof ist nicht nur ein Politikum, so kurz vor den Pr\u00e4sidentschaftswahlen, die nun erst recht zur Entscheidung \u00fcber die Zukunft der amerikanischen Demokratie werden. Ginsburg, die am Freitag mit 87 Jahren starb, war eine nationale Ikone, eine der wichtigsten US-Frauenrechtlerinnen und &quot;die wahrscheinlich bekannteste Richterin in der Geschichte&quot; des Supreme Courts, wie es der Juraprofessor Michael Yelnosky schon 2018 sagte.<\/p>\n<p>In ihren 27 Jahren am US-Verfassungsgericht war Ginsburg vor allem aber die Personifizierung &#8211; die letzte, so scheint es einem fast &#8211; von Idealismus, Optimismus und Hoffnung in Zeiten zynischer Hoffnungslosigkeit.<\/p>\n<p>Ihre historische &#8211; und lange einsame &#8211; Rolle als Vorreiterin f\u00fcr Frauen, Minderheiten und alle anderen, die keine Stimme haben, begann nicht erst, als Bill Clinton sie an den Supreme Court berief. Sie begann in Brooklyn, wo Ginsburg als Tochter einer j\u00fcdischen Einwandererfamilie aufwuchs.<\/p>\n<p>Schon als Ginsburg noch ein Teenager war, ermutigte ihre Mutter Celia sie zu einer Ausbildung \u00fcber die damals noch beschr\u00e4nkten M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Frauen hinaus. &quot;Was ist der Unterschied zwischen einer Buchhalterin und einer Bundesrichterin?&quot;, sagte Ginsburg sp\u00e4ter. &quot;Eine Generation.&quot;<\/p>\n<p>Ginsburg peilte eine Jurakarriere an, fast undenkbar in jenen Jahren. Als 17-j\u00e4hrige Studentin lernte sie den ein Jahr \u00e4lteren Marty Ginsburg kennen, die Liebe ihres Lebens &#8211; und ihren gr\u00f6\u00dften Cheerleader: &quot;Er war der einzige Junge, dem wichtig war, dass ich was im Kopf hatte.&quot; Sie heirateten 1954.<\/p>\n<p>In Harvard war Ginsburg eine von nur neun Frauen in einem Jahrgang mit 552 Studenten. Doch alle Kanzleien, bei denen sie sich als Rechtsanw\u00e4ltin bewarb, weigerten sich, sie einzustellen. Auch der namhafte Supreme-Court-Richter Felix Frankfurter lehnte sie als Referendarin ab. Schlie\u00dflich ergatterte sie eine Lehrstelle an der Rutgers Law School in New York und wechselte sp\u00e4ter an die Columbia University, ihre Alma Mater.<\/p>\n<p>In den Siebzigerjahren begann Ginsburg, im Auftrag der B\u00fcrgerrechtsbewegung ACLU vor Gericht f\u00fcr diskriminierte Minderheiten zu k\u00e4mpfen. Sie empfinde es als ihr gro\u00dfes &quot;Gl\u00fcck&quot;, damals &quot;als Anw\u00e4ltin am Leben&quot; gewesen zu sein, schrieb sie 2016: &quot;Zum ersten Mal in der US-Geschichte wurde es m\u00f6glich, sich f\u00fcr die Gleichberechtigung von Frauen und M\u00e4nnern als Verfassungsprinzip einzusetzen.&quot;<\/p>\n<p>1980 bef\u00f6rderte Jimmy Carter sie an den Court of Appeals in Washington, eine zentrale Berufungsinstanz in den USA, wo die Gerichte Politik und Gesellschaft viel st\u00e4rker pr\u00e4gen als anderswo. Sie begann eine lebenslange Freundschaft mit Antonin Scalia, einem erzkonservativen Juristen, der 1986 an den Supreme Court ging. Ginsburg folgte ihm 1993, als erst zweite Richterin in der Geschichte des Gerichts. Der Senat best\u00e4tigte sie mit 93 zu 3 Stimmen &#8211; eine \u00fcberparteiliche Mehrheit, die heute unvorstellbar ist. Ihre Nominierungsanh\u00f6rung wurde vom damaligen Senator Joe Biden geleitet.<\/p>\n<p>Am Obersten Gerichtshof setzte Ginsburg ihre Pionierrolle zugunsten von Frauen, Homosexuellen und Einwanderern fort, Schritt f\u00fcr Schritt, Verhandlung f\u00fcr Verhandlung, Urteil f\u00fcr Urteil. Und wenn sie der konservativen Mehrheit mal unterlag, machte sie ihre Emp\u00f6rung mit flammenden Widerspr\u00fcchen g\u00fcltig, die zur Pflichtlekt\u00fcre wurden, nicht nur f\u00fcr Jurastudenten.<\/p>\n<p>Von 2006 bis 2009 war Ginsburg die einzige Frau am neunk\u00f6pfigen Supreme Court. Ihre &quot;schlimmste Zeit&quot;, wie sie sp\u00e4ter zugab &#8211; zumal sie mit gerade mal 1,55 Metern den m\u00e4nnlichen Kollegen zumindest optisch unterlegen war. Es war in jenen Jahren, dass ihr Dissens immer lauter wurde.<\/p>\n<p>So konnte sie es kaum fassen, dass das Gericht 2007 die Klage einer Frau wegen Diskriminierung am Arbeitsplatz aus Formgr\u00fcnden abschmetterte. Aufgrund ihres Widerspruchs verankerte der Kongress die Gleichbezahlung von Frauen und M\u00e4nnern schlie\u00dflich gesetzlich. Eine gerahmte Kopie des Lilly Ledbetter Fair Pay Acts, benannt nach der Kl\u00e4gerin, hing bis zuletzt in Ginsburgs B\u00fcro.<\/p>\n<p>Mit der Pensionierung ihres Kollegen John Paul Stevens wurde sie 2010 zur Wortf\u00fchrerin des linksliberalen Fl\u00fcgels am Supreme Court. Mit Donald Trumps Wahlsieg wurde sie 2016 zur Hoffnungstr\u00e4gerin des halben Landes.<\/p>\n<p>Und zur Pop-Meme. Eine Studentin verpasste ihr den Spitznamen &quot;Notorious RBG&quot;, in Anspielung auf den legend\u00e4ren Rapper Notorious BIG. Ginsburg liebte den Vergleich: &quot;Wir sind ja beide in Brooklyn aufgewachsen.&quot;<\/p>\n<p>Ihr Konterfei zierte Tassen, Taschen, T-Shirts. Sie war Star einer Oper, eines Kinderbuchs und einer Fitnessbibel und eine Legofigur im &quot;The Lego Movie 2&quot;. Fans lie\u00dfen sich &quot;RBG&quot; in die Haut t\u00e4towieren und brachen bei ihrem Anblick in Tr\u00e4nen aus. Die TV-Show &quot;Saturday Night Live&quot; verewigte sie als Rapperin in Richterrobe, Ginsburg fand die Parodie der Kom\u00f6diantin Kate McKinnon &quot;fabelhaft&quot;. Die Doku &quot;RBG&quot; stellte Ginsburg 2018 dann einer ganz neuen Generation vor &#8211; und offenbarte ihre private Seite.<\/p>\n<p>Je \u00e4lter sie wurde, geschw\u00e4cht von Krebs und anderen Krankheiten, desto gr\u00f6\u00dfer war die Angst &#8211; auch um den Bestand der liberalen Fraktion am Supreme Court. Ihre Entscheidung, nicht in den Ruhestand zu gehen, w\u00e4hrend Barack Obama noch einen Nachfolger nominieren konnte, war ein sp\u00e4ter Fehler. &quot;Es wird einen Pr\u00e4sidenten nach diesem geben, und ich bin hoffnungsvoll, dass es ein feiner Pr\u00e4sident sein wird&quot;, sagte sie drei Jahre vor Trumps Wahl.<\/p>\n<p>Ginsburg starb zu Beginn von Rosch ha-Schana, dem j\u00fcdischen Neujahrsfest, an dem man Bilanz zieht und zugleich nach vorne schaut. Ihre letzte Botschaft, ihrer Enkelin Clara Spera diktiert, war so politisch wie ihr Leben: &quot;Mein sehnlichster Wunsch ist es, dass ich nicht ersetzt werde, bevor ein neuer Pr\u00e4sident im Amt ist.&quot; Der Wunsch k\u00f6nnte unerf\u00fcllt bleiben.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Amerikanisches Nationalheiligtum: Ruth Bader Ginsburg Foto:\u2002Jim Young \/ REUTERS Noch in der Nacht str\u00f6mten die Menschenmengen zum angestrahlten Justizpalast des Supreme Courts in Washington. Hunderte scharten sich auf der Freitreppe und dem Platz davor, im Schatten des US-Kapitols. Sie knieten nieder, weinten, z\u00fcndeten Kerzen an, sangen &quot;Amazing Grace&quot;. 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