{"id":2652,"date":"2020-09-19T19:56:32","date_gmt":"2020-09-19T16:56:32","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/wir-sind-keine-barbaren\/"},"modified":"2020-09-19T19:56:32","modified_gmt":"2020-09-19T16:56:32","slug":"wir-sind-keine-barbaren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/wir-sind-keine-barbaren\/","title":{"rendered":"&#8220;Wir sind keine Barbaren&#8221;"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/a450ba42-2cfd-4b4f-a29d-d935a08eddbb_w948_r1.77_fpx33.33_fpy50.jpg\" title=\"Lega-Chef Salvini, Spitzenkandidatin Ceccardi am Freitag in Florenz: das &quot;Land von Michelangelo, Galileo und der Renaissance&quot; gewinnen\" alt=\"Lega-Chef Salvini, Spitzenkandidatin Ceccardi am Freitag in Florenz: das &quot;Land von Michelangelo, Galileo und der Renaissance&quot; gewinnen\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Lega-Chef Salvini, Spitzenkandidatin Ceccardi am Freitag in Florenz: das &quot;Land von Michelangelo, Galileo und der Renaissance&quot; gewinnen<\/p>\n<p>  Foto:\u2002CARLO BRESSAN \/ AFP  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Schon der Ort ist eine Provokation. Die Kathedrale Santa Maria del Fiore mit der Brunelleschi-Kuppel liegt nur wenige Schritte entfernt, ein paar Meter in die andere Richtung steht vor dem Palazzo Vecchio die ber\u00fchmte David-Kopie von Michelangelo. Hier, im Zentrum von Florenz, im Herzen der Toskana, regieren seit Jahrzehnten italienische Sozialdemokraten, stolz auf das kulturelle Erbe ihrer Stadt.<\/p>\n<p>Aber an diesem Freitagabend geh\u00f6rt die Piazza della Repubblica Lega-Chef Matteo Salvini und seinen rechten Freunden. Zahllose Fans schwenken italienische Flaggen \u00fcber dem Platz, am Rand verteilen Rechtsextremisten der Identit\u00e4ren Bewegung in schwarzen T-Shirts ihre Propaganda, als Salvini um 18.51 Uhr auf die B\u00fchne tritt, von der Sch\u00f6nheit und Kultur der Toskana schw\u00e4rmt und &quot;das Land von Michelangelo, Galileo und der Renaissance&quot; f\u00fcr sich gewinnen will. Ab Montag, so hofft er, wird seine Lega dieses Land regieren.<\/p>\n<h3>&quot;Von den Linken vergessene Probleme l\u00f6sen&quot;<\/h3>\n<p>Dann steigt Susanna Ceccardi aufs Podium, der neue Shootingstar der Lega. Die 33-J\u00e4hrige tritt als Spitzenkandidatin bei der Regionalwahl in der Toskana an, und sie verzichtet geschickt auf jene Hetze, mit der Salvini in der Vergangenheit das Land aufpeitschte. &quot;Wir sind keine Barbaren&quot;, sagt sie \u00fcber die rechten B\u00fcrgermeister von Pisa, Siena und einigen anderen St\u00e4dten, die neben ihr auf der B\u00fchne stehen. &quot;Sie haben nur von den Linken vergessene Probleme gel\u00f6st.&quot; Und ihr Gegner Eugenio Giani von den Sozialdemokraten, ein fast doppelt so alter Politikfunktion\u00e4r? &quot;Ich habe Sympathie f\u00fcr ihn&quot;, sagt Ceccardi l\u00e4chelnd, &quot;niemals w\u00fcrde ich mir erlauben, ihn zu diffamieren.&quot;<\/p>\n<p>Wenn an diesem Sonntag und Montag gew\u00e4hlt wird, hat Ceccardi Chancen, die Mehrheit in der Toskana zu gewinnen. In Italien k\u00e4me das einem politischen Erdbeben gleich, die Toskana ist eine der letzten linken Hochburgen Italiens &#8211; ihr Fall w\u00e4re so aufsehenerregend wie ein Machtverlust der CSU in Bayern.<\/p>\n<p>Entsprechend nerv\u00f6s sind deshalb auch Regierung und Opposition in Rom. Nachdem die Pandemie zun\u00e4chst das ganze Land lahmgelegt und einen wirtschaftlichen Crash provoziert hatte, folgt nun der erste Stimmungstest. Insgesamt sechs Regionen w\u00e4hlen einen neuen Regierungschef, und die Aussichten von Matteo Salvini und seinen rechten B\u00fcndnispartnern scheinen gut.<\/p>\n<p>Wenn die Umfragen zutreffen, d\u00fcrfte die Lega Ligurien und Venezien verteidigen und Apulien und die Marken hinzugewinnen. F\u00fcrs linke Lager relativ sicher gilt nur Kampanien, wo Amtsinhaber Vincenzo De Luca w\u00e4hrend des Lockdowns mit harten Spr\u00fcchen gegen feiernde Studenten (&quot;Ich schicke Euch den Flammenwerfer&quot;) popul\u00e4r wurde. Kurz: Eine Niederlage in der Toskana kann sich die Mitte-links-Regierung von Ministerpr\u00e4sident Giuseppe Conte eigentlich nicht erlauben.<\/p>\n<p>Es ist eines der gro\u00dfen R\u00e4tsel im Corona-Jahr 2020, warum Conte zurzeit so wenig politischen Nutzen aus der Krise zieht. Durch sein mutiges Lockdown-Management wurde der parteilose Juraprofessor zum beliebtesten Premier Italiens seit 25 Jahren. Seine Koalition aus 5-Sterne-Bewegung und dem sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) genoss auf dem H\u00f6hepunkt der Pandemie breiten R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung. Und der europ\u00e4ische Wiederaufbaufonds wurde f\u00fcr Conte zum pers\u00f6nlichen Triumph, er sicherte seinem Land EU-Hilfen in H\u00f6he von 207 Milliarden Euro &#8211; die wohl gr\u00f6\u00dfte Finanzspritze in der italienischen Geschichte.<\/p>\n<h3>&quot;Wir k\u00e4mpfen gegen die extreme Rechte&quot;<\/h3>\n<p>Man k\u00f6nnte erwarten, dass der Premier &#8211; wie Angela Merkel in Deutschland &#8211; von seinem besonnenen Kurs profitiert, dass die B\u00fcrger honorieren, wie seine Regierung die Infiziertenzahlen im Vergleich zu Spanien, Frankreich und vielen anderen L\u00e4ndern relativ niedrig h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Aber im Wahlkampf der vergangenen Wochen legten erneut die rechten Parteien zu. Schon bisher regieren sie 13 von 21 Regionen im Land, nun kommen wom\u00f6glich zwei bis drei weitere hinzu. Wie ist dieser Wechselwille zu erkl\u00e4ren? Und warum tun sich die Sozialdemokraten sogar in ihrem toskanischem Stammland schwer, einer der wirtschaftlich st\u00e4rksten Regionen Italiens, die Covid-19 sehr viel besser bew\u00e4ltigte als die Lega-regierten Provinzen Venezien und Lombardei?<\/p>\n<p>Donnerstagmittag in Viareggio, einem toskanischen Badeort in der N\u00e4he von Pisa. Es ist Markttag an der Capponi-Allee, Einwohner und Touristen schlendern zwischen Gem\u00fcse- und K\u00e4sest\u00e4nden, als zwei \u00e4ltere Herren umringt von Fernsehkameras den Kontakt zu W\u00e4hlern suchen. Es sind Nicola Zingaretti, der Chef der italienischen Sozialdemokraten, und sein Spitzenkandidat f\u00fcr die Toskana, Eugenio Giani.<\/p>\n<p>&quot;Wenn ich einen Appell machen darf: Verteidigt diese sch\u00f6ne Stadt. Rettet die Toskana&quot;, sagt Zingaretti. Seine Partei trete schlie\u00dflich nicht gegen ein beliebiges Mitte-rechts-B\u00fcndnis an wie so oft in der Geschichte. &quot;Wir k\u00e4mpfen gegen die extreme Rechte&quot;, sagt der Parteivorsitzende, &quot;ich kann nicht glauben, dass die Toskana von Politikern beherrscht werden soll, die neofaschistische Parolen benutzen.&quot;<\/p>\n<h3>Salvini freut sich \u00fcber neue Rosenkr\u00e4nze<\/h3>\n<p>Es ist die gleiche Strategie, mit der sein Partito Democratico im Januar die Regionalwahl in der benachbarten Emilia Romagna gewann. Die Angst vor Matteo Salvini und seiner Hetze, seinen teils menschen- und ausl\u00e4nderfeindlichen Slogans hatte dort zahllose Menschen mobilisiert. Die parteiferne Sardinen-Bewegung f\u00fcllte die Pl\u00e4tze und machte sich f\u00fcr eine offene Zivilgesellschaft stark. Am Ende hatten die Rechten keine Chance.<\/p>\n<p>Doch die Lega hat daraus gelernt. Salvini tritt nicht mehr so aggressiv auf wie fr\u00fcher, er spricht lieber vom schwierigen Schulstart statt von illegalen Migranten. Er, der so gern im Mittelpunkt steht, verzichtete sogar darauf, wie eigentlich geplant mit dem Fallschirm \u00fcber Arezzo abzuspringen. Der Stunt, das sah selbst er ein, h\u00e4tte seiner Kandidatin vor Ort die Show gestohlen. Und als ihm eine afrikanischst\u00e4mmige Frau im Wahlkampf den Rosenkranz vom Hals riss und sein Hemd zerfetzte, schimpfte er nicht \u00fcber Ausl\u00e4nder, sondern bedankte sich sp\u00e4ter lieber leutselig f\u00fcr die vielen neuen Rosenkr\u00e4nze und Hemden, die er geschenkt bekommen habe.<\/p>\n<p>Eugenio Giani, der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten, wirkt dagegen wie eine toskanische Version von Joe Biden, er war immer schon da. Sein erstes politisches Amt \u00fcbernahm er, als seine junge Lega-Konkurrentin Ceccardi noch nicht mal im Kindergarten war, zurzeit ist er Pr\u00e4sident des toskanischen Regionalparlaments. Seine Hobbys &#8211; Heraldik und Medizingeschichte &#8211; wirken bemerkenswert langweilig, seine Visionen eher pragmatisch-trocken. Sorgen macht ihm nicht die Toskana, die in seinen Augen mit ihrem Wohlstand ohnehin fast alle anderen Regionen Italiens \u00fcbertrifft. Sorgen macht ihm der nationale Trend. &quot;Die Lega und ihre rechten Partner sind zurzeit landesweit in Mode&quot;, sie profitierten von einem sozialen Unwohlsein im Rest des Landes, sagte Giani dem SPIEGEL am Rande seines Auftritts in Viareggio.<\/p>\n<h3>&quot;Wir fallen ins Mittelalter zur\u00fcck&quot;<\/h3>\n<p>Von diesem Trend will er seine Heimat so gut es geht abschotten. Salvini sei nach der Wahl wieder weg, prophezeit der Historiker, der in Florenz nebenbei Pr\u00e4sident des Museums Casa Dante ist. Aber wenn seine junge Statthalterin gewinnt, f\u00fcrchtet er, werden die Beziehungen zu Europa zerst\u00f6rt. &quot;Dann r\u00fcckt die Toskana in eine ganz andere Richtung.&quot; \u00c4hnlich dr\u00fcckte es vor wenigen Tagen Enrico Letta aus, von 2013 bis 2014 linker Ministerpr\u00e4sident Italiens. &quot;Unsere Regierung steht nicht mit Budapest und Warschau, sondern mit Berlin und Paris&quot;, sagte er in einem Interview \u00fcber die Zeit nach dem Machtverlust von Salvini vor einem Jahr. &quot;Wir sind von Orban zu Merkel gewechselt.&quot;<\/p>\n<p>Ein 17-j\u00e4hriger Sch\u00fcler, er hei\u00dft Alessio, tritt in Viareggio auf Giani zu. Die beiden gehen ein paar Hundert Meter durch einen Park spazieren und unterhalten sich. Die meisten seiner Altersgenossen w\u00fcssten nicht, wof\u00fcr die Sozialdemokraten st\u00fcnden, sagt Alessio hinterher \u00fcber das Gespr\u00e4ch. &quot;Die Partei hat sich zu weit von den jungen Menschen entfernt.&quot; D\u00fcrfte er schon w\u00e4hlen, w\u00fcrde er zwar f\u00fcr die Sozialdemokraten stimmen. Aber die Lega-Kandidatin Ceccardi gefalle ihm auch nicht schlecht. &quot;Sie scheint echt korrekt, und sie spricht in klaren Worten zu uns Jungen.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Albtraum Toskana&quot;, titelten italienische Zeitungen bereits, dem Partito Democratico drohe ein &quot;Armageddon&quot;. Die meisten im linken Lager glauben, dass sie es noch einmal schaffen k\u00f6nnen. Aber sie brauchen die Angst vor einer rechten Gefahr, um ihre W\u00e4hler zu mobilisieren. &quot;Wenn die Ceccardi gewinnt, fallen wir ins Mittelalter zur\u00fcck&quot;, warnte ein PD-Minister aus Rom im Wahlkampf \u00fcber die Lega-Kandidatin. &quot;Sie ist ein Wolf im Schafspelz&quot;, sagte der B\u00fcrgermeister von Florenz. In Prato, einem Vorort von Florenz, habe sie gegen neue Radwege gek\u00e4mpft, weil die nur von Migranten genutzt w\u00fcrden. Jetzt gehe es darum, das wahre Gesicht der Lega zu zeigen: &quot;intolerant, diskriminierend, antieurop\u00e4isch.&quot;<\/p>\n<p>Es steht viel auf dem Spiel, f\u00fcr beide Seiten. Matteo Salvini will wieder die Deutungshoheit im Land erringen, nachdem er w\u00e4hrend des Lockdowns im Abseits stand und Ministerpr\u00e4sident Conte als Krisenmanager die Agenda bestimmte. Und Contes Koalition muss ihre Erfolge in der Corona-Politik endlich in politisches Kapital verwandeln &#8211; was der 5-Sterne-Bewegung besonders schwerf\u00e4llt: In den meisten Regionen sind die Sterne nicht bereit, ein Wahlb\u00fcndnis mit ihrem Regierungspartner in Rom einzugehen. Sie treten mit eigenen Kandidaten an und schw\u00e4chen so die eigene Regierung.<\/p>\n<p>Und Susanna Ceccardi? Salvinis Spitzenkandidatin versucht, die Stimmung zu beruhigen. Auf der B\u00fchne in Florenz spricht sie vom Gesundheitswesen, von Verkehrspolitik; Ausf\u00e4lle gegen Europa oder Migranten vermeidet sie. Stattdessen kritisiert die 33-J\u00e4hrige lieber die angebliche Vetternwirtschaft in der Region. &quot;Wer die \u00c4rmel hochkrempelt, soll belohnt werden&quot;, ruft sie unter dem Jubel der Fans, &quot;und nicht, wer nur das richtige Parteibuch hat.&quot;<\/p>\n<p>Ansonsten vertraut die Juristin auf ihre Erfahrungen in Cascina, einer jahrzehntelang von Linken regierten toskanischen K\u00fcstenstadt, wo sie 2016 das B\u00fcrgermeisteramt gewann. Jetzt machten die anderen wieder denselben Fehler wie damals, sagte Ceccardi in einem Interview mit &quot;La Repubblica&quot;: &quot;D\u00e4monisierung funktioniert nicht bei mir.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Lega-Chef Salvini, Spitzenkandidatin Ceccardi am Freitag in Florenz: das &quot;Land von Michelangelo, Galileo und der Renaissance&quot; gewinnen Foto:\u2002CARLO BRESSAN \/ AFP Schon der Ort ist eine Provokation. Die Kathedrale Santa Maria del Fiore mit der Brunelleschi-Kuppel liegt nur wenige Schritte entfernt, ein paar Meter in die andere Richtung steht vor dem Palazzo Vecchio [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2653,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2652","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2652","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2652"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2652\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2653"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2652"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2652"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2652"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}