{"id":26219,"date":"2024-01-26T21:06:05","date_gmt":"2024-01-26T18:06:05","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/wirtschaft-und-infekte-interview-mit-claus-michelsen-uber-hohen-krankenstand\/"},"modified":"2024-01-26T21:06:05","modified_gmt":"2024-01-26T18:06:05","slug":"wirtschaft-und-infekte-interview-mit-claus-michelsen-uber-hohen-krankenstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/wirtschaft-und-infekte-interview-mit-claus-michelsen-uber-hohen-krankenstand\/","title":{"rendered":"Wirtschaft und Infekte: Interview mit Claus Michelsen \u00fcber hohen Krankenstand"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\"><strong>SPIEGEL:<\/strong> Herr Michelsen, nach Ihren Berechnungen <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/konjunktur-in-deutschland-hoher-krankenstand-offenbar-ursache-der-rezession-a-2f55be4e-5e69-4737-9202-974ca1b4d4f4\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">w\u00fcrde Deutschland nicht in einer Rezession stecken<\/a>, wenn nicht so viele Besch\u00e4ftigte krank w\u00e4ren. Sie verstehen schon, dass wir Journalisten erst einmal skeptisch sind, wenn es sich um eine Studie der Pharmaindustrie handelt?<\/p>\n<p><strong>Michelsen:<\/strong> Das ist einerseits verst\u00e4ndlich, andererseits best\u00e4tigt unsere Studie bereits vorliegende Befunde unabh\u00e4ngiger Institute. Das Institut f\u00fcr Weltwirtschaft in Kiel macht regelm\u00e4\u00dfig auf den Zusammenhang zwischen dem Krankenstand und der Wirtschaftsleistung aufmerksam. Und alle unsere Berechnungen sind transparent. Sie k\u00f6nnen Sie gern \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Wie gro\u00df ist der Effekt der Krankmeldungen denn Ihren Berechnungen nach?<\/p>\n<p><strong>Michelsen: <\/strong>Der Effekt ist erheblich. Konservativ gesch\u00e4tzt hat uns der hohe Krankenstand im vergangenen Jahr 0,8 Prozentpunkte an Wachstum gekostet \u2013 anders ausgedr\u00fcckt: Mit einem durchschnittlichen Krankenstand w\u00e4re die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr nicht um 0,3 Prozent geschrumpft, sondern um 0,5 Prozent gewachsen. W\u00e4ren wir nicht so krank, w\u00fcrde die Diskussion \u00fcber den \u00bbkranken Mann\u00ab Deutschland vielleicht anders gef\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Ihr Ausgangspunkt ist ja ein ungew\u00f6hnlich hoher Krankenstand. Was hat es damit auf sich?<\/p>\n<p><strong>Michelsen:<\/strong> F\u00fcr die Krankentage liegen uns Daten seit 1990 vor. Tats\u00e4chlich waren sie in den vergangenen beiden Jahren weit \u00fcber dem historischen Durchschnitt. 2022 gab es 50 Prozent mehr Krankentage als 2015, im vergangenen Jahr sogar 57 Prozent mehr. Vor allem das Jahr 2023 ist im internationalen Vergleich auff\u00e4llig: In den USA, Kanada, Australien und auch in Schweden ist der Krankenstand nach der Coronapandemie deutlich gefallen, in Deutschland dagegen sogar noch gestiegen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Woran liegt das?<\/p>\n<p><strong>Michelsen:<\/strong> Wir sind \u00d6konomen, keine Epidemiologen. Aber wir wissen aus den Daten des Robert Koch-Instituts, dass die Inzidenz bei Atemwegserkrankungen sehr hoch ist. Dazu z\u00e4hlt selbstverst\u00e4ndlich auch Corona, dazu kommen grippale Infekte, die echte Grippe \u2013 und offenbar machen uns vor allem RSV-Infekte stark zu schaffen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Aber bedeuten Arbeitsausf\u00e4lle automatisch weniger Wirtschaftsleistung? Wenn ich heute krank w\u00e4re, k\u00f6nnten wir dieses Interview nicht f\u00fchren \u2013 aber der SPIEGEL w\u00fcrde wohl nicht weniger Umsatz machen.<\/p>\n<p><strong>Michelsen:<\/strong> Richtig, es gibt da Flexibilit\u00e4tspuffer. Oft springen etwa Kolleginnen und Kollegen ein und machen \u00dcberstunden. Oder die Qualit\u00e4t des Produkts kann angepasst werden \u2013 wenn zum Beispiel eine Servicekraft im Restaurant ausf\u00e4llt, m\u00fcssen die G\u00e4ste vielleicht nur ein bisschen l\u00e4nger auf ihr Essen warten. Das hei\u00dft, der Krankenstand \u00fcbertr\u00e4gt sich nicht eins zu eins auf die Produktion. W\u00e4re das der Fall, h\u00e4tte uns der hohe Krankenstand im vergangenen Jahr sogar 1,7 Prozent an Wachstum gekostet. Er \u00fcbertr\u00e4gt sich aber mit einem geringeren Faktor, den wir \u00d6konomen Elastizit\u00e4t nennen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wie gro\u00df ist dieser Faktor?<\/p>\n<p><strong>Michelsen: <\/strong>Wir haben verschiedene Informationen etwa des Bundesgesundheitsministeriums oder des IAB-Forschungsinstituts verwendet und kommen zum Schluss, dass das Verh\u00e4ltnis etwa bei zwei zu eins liegt: Ein Prozentpunkt mehr Krankenstand d\u00e4mpft die Produktion ungef\u00e4hr um ein halbes Prozent. Somit ergibt sich konservativ gesch\u00e4tzt das um 0,8 Prozentpunkte geringere Wirtschaftswachstum \u2013 das bedeutet \u00fcbrigens f\u00fcr die Jahre 2022 und 2023 zusammengenommen einen Gesamtverlust von rund 50 Milliarden Euro.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Wie stark schl\u00e4gt das in einzelnen Wirtschaftszweigen durch?<\/p>\n<p><strong>Michelsen:<\/strong> Die Industrie ist aus zwei Gr\u00fcnden besonders stark betroffen: Erstens kann sie Arbeitsausf\u00e4lle in geringerem Ma\u00df durch ein Absenken der Qualit\u00e4t ausgleichen \u2013 wie es etwa ein Restaurant kann. Zweitens ist der Krankenstand insbesondere in Zweigen wie der Metallbearbeitung oder der Chemie \u00fcberdurchschnittlich hoch.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Diese Branchen leiden derzeit aber ohnehin wegen der schwachen Weltwirtschaft, viele Betriebe laufen weit unter ihrer vollen Kapazit\u00e4t. Da d\u00fcrfte es doch kein Problem sein, wenn Besch\u00e4ftigte krank sind, die ohnehin gerade nicht ausgelastet sind.<\/p>\n<p><strong>Michelsen: <\/strong>Das haben wir in unsere Berechnungen einbezogen. Wir haben die konjunkturelle Lage ber\u00fccksichtigt. Die Ergebnisse haben unsere Befunde best\u00e4tigt. Allein der Autobranche sind in den vergangenen beiden Jahren 3,5 Milliarden Euro an Wertsch\u00f6pfung durch den hohen Krankenstand verloren gegangen, im Maschinenbau waren es 3,1 Milliarden Euro.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wir sind also tats\u00e4chlich aufgrund von Krankheit der viel zitierte kranke Mann?<\/p>\n<p><strong>Michelsen:<\/strong> Na ja, auch bei 0,5 Prozent Wachstum w\u00e4ren die strukturellen Schwierigkeiten der deutschen Wirtschaft offenkundig. Daran \u00e4ndern unsere Befunde wenig. Dennoch ist es auch volkswirtschaftlich wichtig, die hohen Krankenst\u00e4nde zu senken \u2013 insbesondere angesichts des Fachkr\u00e4ftemangels und des demografischen Wandels: Umgerechnet bedeutet der hohe Krankenstand ein Minus von 350.000 Arbeitskr\u00e4ften, die dringend ben\u00f6tigt werden.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Was muss nun passieren?<\/p>\n<p><strong>Michelsen:<\/strong> Es ist auch volks- und betriebswirtschaftlich wichtig, sich um die Gesundheit zu k\u00fcmmern. Das ist auch Aufgabe von Gesundheitspolitik. Aber Unternehmen k\u00f6nnen ebenfalls Pr\u00e4vention betreiben, wie sie das in der Coronapandemie gelernt haben: Hygienekonzepte, die die Belegschaft vor Ansteckungen sch\u00fctzen. Sinnvoll ist zum Beispiel auch \u2013 und das sage ich nicht, weil ich bei einem Pharmaverband arbeite \u2013, wenn Betriebs\u00e4rzte Grippeimpfungen anbieten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SPIEGEL: Herr Michelsen, nach Ihren Berechnungen w\u00fcrde Deutschland nicht in einer Rezession stecken, wenn nicht so viele Besch\u00e4ftigte krank w\u00e4ren. 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