{"id":26011,"date":"2024-01-17T18:46:29","date_gmt":"2024-01-17T15:46:29","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/psychiater-uber-trauma-in-israel-gefuhl-als-konne-sich-der-holocaust-wiederholen\/"},"modified":"2024-01-17T18:46:29","modified_gmt":"2024-01-17T15:46:29","slug":"psychiater-uber-trauma-in-israel-gefuhl-als-konne-sich-der-holocaust-wiederholen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/psychiater-uber-trauma-in-israel-gefuhl-als-konne-sich-der-holocaust-wiederholen\/","title":{"rendered":"Psychiater \u00fcber Trauma in Israel: \u00bbGef\u00fchl, als k\u00f6nne sich der Holocaust wiederholen\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\"><em>Die Schrecken der Gegenwart reichen bis in das Gespr\u00e4ch hinein. Eigentlich wollte Martin Auerbach schon am Vormittag telefonieren, dann wurde daraus ein Termin um die Mittagszeit. Eine Minute vor Beginn sagt er erneut ab.<\/em><\/p>\n<p><em>Sp\u00e4ter entschuldigt er sich, er habe eine Supervisionssitzung mit Sozialarbeitern vergessen, die seit dem 7. Oktobern traumatisierte Menschen betreuen, \u00bbund da haben sie schon alle auf Zoom gewartet\u00ab. <\/em><\/p>\n<p><em>Als es schlie\u00dflich klappt, sitzt Auerbach ruhig vor dem Laptop an seinem Schreibtisch, blickt konzentriert in die Kamera. Er ist in \u00d6sterreich aufgewachsen, spricht Deutsch mit weicher Wiener F\u00e4rbung, seine silbergrauen Locken wippen beim Reden sanft auf dem Kopf.<\/em><\/p>\n<p><em>Eigentlich arbeitet Auerbach als klinischer Direktor f\u00fcr die Hilfsorganisation AMCHA, die Holocaust\u00fcberlebende psychologisch unterst\u00fctzt. Seit dem 7. Oktober aber betreuen er und sein Team auch \u00dcberlebende des Terrorangriffs der Hamas. Rund tausend Menschen haben bei ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen eine Traumabehandlung angefragt; 700 haben sie bereits begonnen. <\/em><\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Herr Auerbach, k\u00f6nnen Sie uns sagen, wie Sie den 7. Oktober erlebt haben?<\/p>\n<p><strong>Auerbach:<\/strong> Ich war gerade im Urlaub mit meiner Familie, in Irland. Nat\u00fcrlich wusste ich gleich, dass wir jetzt gebraucht werden. Die ersten Therapiegespr\u00e4che habe ich noch von vor Ort am Telefon gef\u00fchrt. Inzwischen bieten wir f\u00fcr die \u00dcberlebenden des Terrorangriffs in Zusammenarbeit mit der Sozialversicherung Kriseninterventionen und Traumatherapien an, f\u00fcr die man keine offizielle Diagnose ben\u00f6tigt \u2013 in unseren Beratungszentren, an improvisierten Orten, manchmal einfach online. Zuerst zw\u00f6lf Sitzungen, falls n\u00f6tig bis zu 24. Die meisten Menschen sp\u00fcren danach sicherlich noch seelische Sch\u00e4den, aber sie k\u00f6nnen erst einmal weitermachen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>K\u00f6nnen Sie allen Betroffenen Unterst\u00fctzung anbieten?<\/p>\n<p><strong>Auerbach:<\/strong> Wir haben 500 Therapeutinnen und Therapeuten in unserem Netzwerk. Au\u00dferdem gibt es noch eine Reihe von anderen Organisationen und Kliniken, die therapeutische Hilfe anbieten. Es gibt eine bewundernswerte Welle der Solidarit\u00e4t, viele haben spontan und freiwillig geholfen. Aber es reicht nicht, der Bedarf ist zu gro\u00df.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Seit drei Monaten f\u00fchrt Israel Krieg in Gaza, es droht eine Eskalation auch im Norden. Wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus?<\/p>\n<p><strong>Auerbach:<\/strong> Die Unsicherheit dar\u00fcber, wie lange der Krieg weitergeht und ob er sich ausweitet, sorgt f\u00fcr extrem viel Stress. Es ist der l\u00e4ngste Konflikt dieser Art seit dem Unabh\u00e4ngigkeitskrieg. Der Jom-Kippur-Krieg dauerte drei Wochen, der Sechstagekrieg wurde danach benannt, wie kurz er war. Jetzt aber dauern die K\u00e4mpfe bereits drei Monate. T\u00e4glich schlagen Raketen ein, 130.000 Menschen haben ihre Heimatorte verlassen m\u00fcssen. Fr\u00fcher gab es im Krieg zwei Gruppen: die an der Front und die daheim. Jetzt f\u00e4llt diese Unterscheidung weg, wir haben eine v\u00f6llig neue Situation.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wie meinen Sie das?<\/p>\n<p><strong>Auerbach:<\/strong> Seit dem 7. Oktober habe ich keinen einzigen Menschen getroffen, der nicht mindestens ein Opfer kennt. Es gibt niemanden, der sagen kann: Na ja, das ist schlimm, aber mich selbst betrifft es nicht. Das grundlegende Sicherheitsgef\u00fchl, soweit es das einmal gab, ist ersch\u00fcttert. Fast alles, was noch gut funktioniert, h\u00e4ngt an der Zivilgesellschaft. Mir hilft es jetzt, dass ich als Therapeut so viel zu tun habe. Ich bin gerade sehr froh, dass ich diesen Beruf aus\u00fcbe. Aber nat\u00fcrlich habe ich auch Angst und Sorgen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Gibt es f\u00fcr solche Gef\u00fchle Raum in der Gesellschaft?<\/p>\n<p><strong>Auerbach:<\/strong> Ja, damit wird sehr offen umgegangen. Das war schon in der Vergangenheit so. \u00dcber Politik streitet man sofort. Aber das Gef\u00fchl von existenzieller Angst verbindet uns.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Israel wurde vor allem deshalb gegr\u00fcndet, um f\u00fcr j\u00fcdische Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg einen sicheren Zufluchtsort zu erschaffen. Regiert die Bev\u00f6lkerung auch deswegen so stark auf die Ereignisse im Oktober, weil es den Holocaust gab?<\/p>\n<p><strong>Auerbach:<\/strong> Der sichere Zufluchtsort wurde durch den Terrorangriff der Hamas verletzt wie vielleicht nie zuvor. Kinder und Eltern wurden voreinander gefoltert, Frauen wurden vergewaltigt. Menschen wurden nicht nur ermordet, sondern gequ\u00e4lt und lebendig verbrannt. Jede andere Gesellschaft w\u00e4re danach ebenfalls traumatisiert. Aber in Israel weckt es eben noch zus\u00e4tzliche Erinnerungen. Es ist zwangsl\u00e4ufig, dass wir an die Progrome der Vergangenheit und an die Schoa denken. Viele haben ein Gef\u00fchl, als k\u00f6nne sich der Holocaust wiederholen. Die \u00dcberlebenden von damals, mit denen ich jetzt spreche, sagen: So war meine Kindheit. Das, was die Hamas jetzt gemacht hat, das habe ich im Holocaust mit eigenen Augen gesehen \u2013 als Kind.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wie lassen sich all diese Schrecken \u00fcberhaupt noch verarbeiten?<\/p>\n<p><strong>Auerbach:<\/strong> Viele denken, man m\u00fcsse schlimme Erinnerungen vergessen, aber das stimmt nicht. Im Gegenteil. Traumata sind Ausdruck von Hilflosigkeit. Wir m\u00fcssen uns den Erinnerungen stellen, um zu lernen, eigene Antworten zu finden. Bei der Traumabew\u00e4ltigung geht es darum, die Kontrolle dar\u00fcber wiederzuerlangen. Erst wenn wir unserem Schmerz gen\u00fcgend Raum geben, k\u00f6nnen wir ihn \u00fcberwinden.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Es gibt Berichte von Menschen in Israel, die seit drei Monaten nicht aufh\u00f6ren k\u00f6nnen, sich die verwackelten Videos der Hamas-Gr\u00e4ueltaten anzuschauen. Was steckt dahinter?<\/p>\n<p><strong>Auerbach:<\/strong> Jemand, der sich so intensiv immer wieder solchen Bildern aussetzt, hat offensichtlich noch nicht gelernt, die rohen Eindr\u00fccke von Gewalt zu verarbeiten und selbst zu deuten. Nach meiner Erfahrung geht es oft darum, den Opfern gedanklich nahe zu sein oder so etwas wie ein Augenzeuge zu werden, damit die Schrecken nicht vergessen werden. Aber es funktioniert nicht. Die Reiz\u00fcberflutung wirkt selbst traumatisierend, auch f\u00fcr Unbeteiligte. Und f\u00fcr die \u00dcberlebenden ist es wichtig, dass sie sich ihren Erinnerungen in einer kontrollierten Umgebung stellen, nicht allein zu Hause vor einem Bildschirm.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wie funktioniert die \u00dcberwindung eines Traumas?<\/p>\n<p><strong>Auerbach:<\/strong> Eine traumatische Erinnerung ist wie ein ungebetener Gast, der immer wieder vor der T\u00fcr steht und laut anklopft. Wenn man nicht vorbereitet ist, tritt er die T\u00fcr ein, dieser ungebetene Gast \u00fcberschreitet dann nicht nur bildlich jedes Mal eine Schwelle. Es ist eine sich wiederholende Erfahrung von Kontrollverlust und existenzieller Hilflosigkeit. In der Therapie lernt man, wie man die T\u00fcr kontrolliert. Die Erinnerung ist immer noch da, aber die Betroffenen k\u00f6nnen besser entscheiden, wie sie mit ihr umgehen. Wann sie sie zulassen und wann fernhalten.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Sie sagten, der Hamas-Terror erinnere Israelis zwangsl\u00e4ufig an den Holocaust. Der israelische Premierminister Netanyahu hat die Terroristen mit den Nazis verglichen. Halten Sie das f\u00fcr angebracht, oder geht es da um die Rechtfertigung f\u00fcr einen Krieg, der derzeit als eine Art letzter Garant seiner politischen Machtposition wirkt?<\/p>\n<p><strong>Auerbach:<\/strong> Ich kann nicht in seinen Kopf schauen, aber niemand sollte diese historischen Erfahrungen instrumentalisieren. Erinnerung ist wichtig. Doch man ben\u00f6tigt keinen Nazi-Vergleich, um den jetzigen Konflikt zu verstehen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> In Umfragen sagen nun regelm\u00e4\u00dfig 70 bis 80 Prozent der j\u00fcdischen Israelis, dass die Armee keine oder wenig R\u00fccksicht auf zivile Opfer in Gaza nehmen soll. Woher kommt diese K\u00e4lte, ist das auch eine Folge von Trauma?<\/p>\n<p><strong>Auerbach: <\/strong>Ich sehe das nicht als K\u00e4lte, sondern als Schutzmechanismus. Der Konflikt erscheint den meisten Israelis jetzt als konkrete, existenzielle Bedrohung. Auch Linke und Liberale sagen mittlerweile oft: Was geschehen ist, hat eine neue Qualit\u00e4t, wir k\u00f6nnen das nicht mehr hinnehmen: Sie haben sogar Gastarbeiter aus <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/thema\/thailand\/\" rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\">Thailand<\/a> umgebracht und Muslime. Junge Menschen auf einem Festival, wahllos. Nicht irgendwie, sondern sadistisch. In so einer Gef\u00fchlslage hat es Empathie schwer. Die Menschen sind mit sich besch\u00e4ftigt. Sie sehen ihre eigene Angst, ihre Trauer und ihr Leid, aber nicht das der anderen. Auch innerhalb der Gesellschaft kommt es zu Gr\u00e4ben. Es werden vermeintliche Verr\u00e4ter gebrandmarkt. Es gibt einen deutlichen Rechtsruck derzeit. Selbst die Familien der Entf\u00fchrten werden teilweise angegriffen, wenn sie sich f\u00fcr einen Gefangenenaustausch einsetzen. Gesellschaften im Krieg tun sich immer schwer mit Widerspr\u00fcchen. In Gefahrensituation neigt der Mensch dazu, die Welt in ein dichotomes Freund-Feind-Schema aufzuspalten, f\u00fcr Differenzierungen und Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen bleibt wenig Platz.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Machen eigene Gewalterfahrungen den Menschen unnachgiebiger oder mitf\u00fchlender?<\/p>\n<p><strong>Auerbach:<\/strong> Das h\u00e4ngt ganz vom Umgang und Umfeld ab. Ich kenne Holocaust\u00fcberlebende aus der Ukraine, die derzeit sagen: Warum bekommen die heutigen Opfer des Krieges dort so viel Aufmerksamkeit? Sie sollen still sein. Damals hat mir auch niemand zugeh\u00f6rt. So redet ganz typisch jemand, der das Gef\u00fchl hat, dass sein Leid nie anerkannt wurde. Aber es gibt auch viele, die jetzt besonders sensibel sind. \u00dcberlebende von Traumata, die Verst\u00e4ndnis, Anerkennung und Empathie erfahren haben, sind viel eher dazu f\u00e4hig das Leid anderer anzuerkennen. Viele \u00dcberlebende der Schoa zeigen erstaunlich oft Mitgef\u00fchl, gerade auch f\u00fcr die Pal\u00e4stinenser.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Sie klingen trotz aller Not immer noch so, als seien Sie vorsichtig optimistisch. Warum eigentlich?<\/p>\n<p><strong>Auerbach:<\/strong> Als Psychologe muss ich anerkennen, dass Leid universell ist, egal auf welcher Seite der Grenze. Wir k\u00f6nnen nur vorankommen, wenn wir das wahrnehmen. Gleichzeitig haben wir erlebt, wie wir sogar mit Ihnen, den Deutschen, wieder Verbindungen schlie\u00dfen konnten! Auch andere L\u00e4nder haben Konflikte \u00fcberwunden. Oft nach Jahrhunderten. Ich bin nicht besonders optimistisch, was die n\u00e4chsten Monate angeht. Aber ich bin dennoch \u00fcberzeugt, dass wir den Weg einer gegenseitigen Verst\u00e4ndigung gehen m\u00fcssen und Angst und Schrecken irgendwann hinter uns lassen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schrecken der Gegenwart reichen bis in das Gespr\u00e4ch hinein. Eigentlich wollte Martin Auerbach schon am Vormittag telefonieren, dann wurde daraus ein Termin um die Mittagszeit. 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