{"id":2566,"date":"2020-09-15T20:16:17","date_gmt":"2020-09-15T17:16:17","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-russlands-impfstoff-sputnik-v-forscher-finden-hinweise-auf-manipulation\/"},"modified":"2020-09-15T20:16:17","modified_gmt":"2020-09-15T17:16:17","slug":"corona-russlands-impfstoff-sputnik-v-forscher-finden-hinweise-auf-manipulation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-russlands-impfstoff-sputnik-v-forscher-finden-hinweise-auf-manipulation\/","title":{"rendered":"Corona: Russlands Impfstoff &#8220;Sputnik V&#8221; &#8211; Forscher finden Hinweise auf Manipulation"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/82656b14-7349-4587-830f-e233cebda749_w948_r1.77_fpx16_fpy59.jpg\" title=\"&quot;Sputnik V&quot;: Die erste Massenimmunisierung ist noch f\u00fcr dieses Jahr geplant\" alt=\"&quot;Sputnik V&quot;: Die erste Massenimmunisierung ist noch f\u00fcr dieses Jahr geplant\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>&quot;Sputnik V&quot;: Die erste Massenimmunisierung ist noch f\u00fcr dieses Jahr geplant<\/p>\n<p>  Foto:\u2002NATALIA KOLESNIKOVA \/ AFP  <\/figcaption><\/figure>\n<p>Wenn es f\u00fcr V\u00e4ter eng zu werden droht, schicken sie schon mal ihre T\u00f6chter vor. So geschehen in der antiken Sage der Iphigenie, die der erbosten G\u00f6ttin Artemis geopfert werden musste &#8211; im Tausch gegen freies Geleit f\u00fcr ihren Vater Agamemnon. \u00c4hnlich wie das hellenistische Vorbild sollte auch Wladimir Putins Tochter vor wenigen Wochen ihrem Vater den Weg ebnen: hin zu einem Impfstoff gegen das Coronavirus.<\/p>\n<p>Im Eilverfahren hatte Russland &quot;Sputnik V&quot; als ersten Corona-Impfstoff weltweit f\u00fcr die breite Anwendung freigegeben, obwohl das Mittel bisher kaum in klinischen Studien erprobt ist. \u00d6ffentlichkeitswirksam verk\u00fcndete Putin, seiner Tochter sei die Vakzine injiziert worden, sie habe sie gut vertragen. Die Ank\u00fcndigung sollte offenbar das Vertrauen in den Impfstoff st\u00e4rken. Wer w\u00fcrde seiner eigenen Tochter schon ein Mittel verabreichen lassen, wenn es nicht absolut sicher w\u00e4re?<\/p>\n<p>Die hastige Genehmigung sorgte international f\u00fcr Kritik. Nun regen sich auch noch Zweifel an der ohnehin schon wackeligen wissenschaftlichen Grundlage des Impfstoffs.<\/p>\n<h3>&quot;Statistisch h\u00f6chst unwahrscheinlich&quot;<\/h3>\n<p>Angesehene Forscher aus mehreren L\u00e4ndern stellen die Echtheit der Daten infrage, die ihre russischen Kollegen Anfang September im Fachblatt &quot;Lancet&quot; vorgelegt hatten, als Beleg f\u00fcr die Wirksamkeit der Vakzine. Es geht um den Verdacht plumper Manipulation. Haben sich die f\u00fcr den Impfstoff verantwortlichen Wissenschaftler ihre Ergebnisse ausgedacht, oder mit Photoshop aufgeh\u00fcbscht?<\/p>\n<p>Die Auff\u00e4lligkeiten beginnen schon bei der zweiten Abbildung der Studie, kritisieren Forscher um den bekannten Molekularbiologen Enrico Bucci. Die fraglichen Stellen sind bunt umkringelt. Sie zeigen ein auff\u00e4lliges Zahlenmuster in den Datens\u00e4tzen. So hatten mehrere Probanden an wechselnden Tagen exakt denselben Antik\u00f6rperspiegel im Blut. Auch der Wert der T-Zellen, die das Coronavirus bek\u00e4mpfen sollen, ist identisch. Dabei hatten die Probanden unterschiedliche Formen des Impfstoffs bekommen.<\/p>\n<p>Nur Zufall? Dass in den einzelnen Gruppen, die exakt gleichen Zahlen herauskommen, obwohl unterschiedliche Dinge getestet werden, sei h\u00f6chst unwahrscheinlich, argumentiert Bucci. &quot;Das ist, als ob man w\u00fcrfelt und mehrmals genau die gleiche Zahlenfolge erh\u00e4lt&quot;, sagte er der &quot;Moscow Times&quot;.<\/p>\n<p>Die Daten wirkten, als seien sie mit Photoshop bearbeitet worden, argumentiert Andrea Cossarizza, Immunologe an der italienischen Modena Universit\u00e4t. Die Zahlen \u00e4hnelten sich zu sehr, aus statistischer Sicht seien die Ergebnisse unwahrscheinlich. Gemeinsam mit anderen Forschern haben die beiden einen offenen Brief an &quot;Lancet&quot; geschickt, in dem sie die Ver\u00f6ffentlichung der Rohdaten fordern.<\/p>\n<p>So eine &quot;Note of Concern&quot; ist genau der Weg, den Wissenschaftler einschlagen, wenn es aus ihrer Sicht berechtigte Kritik an einer Studie gibt. Normalerweise ist das allenfalls f\u00fcr eine kleine Fachwelt interessant, doch auf den Impfstoff, in dem es in der Studie geht, wartet die Welt.<\/p>\n<p>Wenn es Russland als erstem Land gelingt, mit einer sicheren Immunisierung aufzuwarten, w\u00e4re das f\u00fcr den Kreml eine willkommene Machtdemonstration. Nicht umsonst kn\u00fcpft der Name &quot;Sputnik V&quot; an das legend\u00e4re Raumfahrtprogramm der Sowjetunion an.<\/p>\n<h3>&quot;So was sieht man in Studien normalerweise nicht&quot;<\/h3>\n<p>War der politische Druck auf die Forscher am Ende so gro\u00df, dass sie die ersehnten Ergebnisse bewusst herbeifantasierten?<\/p>\n<p>Der offene Brief ist zun\u00e4chst nur ein Verdacht, eine Nachfrage unter Wissenschaftlern. Ein Beweis f\u00fcr eine Manipulation ist das nicht. Zwar handelt es sich bei den Unterzeichnern um renommierte Forscher. Doch auch das Fachblatt, das die Studie ver\u00f6ffentlicht hat, ist namhaft. Bevor Ergebnisse in &quot;Lancet&quot; publiziert werden, m\u00fcssen sie der \u00dcberpr\u00fcfung unabh\u00e4ngiger Fachkollegen standhalten.<\/p>\n<p>&quot;F\u00fcr Forschende hei\u00dft das: Hose herunterlassen&quot;, sagte Clemens Wendtner, Infektiologe an der M\u00fcnchen Klinik Schwabing, der selbst schon in Fachbl\u00e4ttern wie &quot;Nature&quot; publiziert hat, dem SPIEGEL. S\u00e4mtliche Daten m\u00fcssten offengelegt werden. Auch deshalb ist der Anhang vieler Studien oft deutlich l\u00e4nger als der Text selbst. Nur wer alle Daten hat, kann Forschungsergebnisse \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Bisher haben die f\u00fcr &quot;Sputnik V&quot; verantwortlichen Forscher des staatseigenen Gamaleja-Instituts ihre Daten nicht \u00f6ffentlich preisgegeben. &quot;Eigentlich m\u00fcsste das bei der Corona-Impfstoff-Suche g\u00e4ngige Praxis sein&quot;, sagt Wendtner. Schlie\u00dflich soll das Mittel Millionen &#8211; wenn nicht gar Milliarden Menschen verabreicht werden. &quot;Die entscheidende Frage wird nun sein, wie der Pr\u00fcfprozess vor der Ver\u00f6ffentlichung abgelaufen ist und ob &quot;Lancet&quot; Einblick in die Rohdaten hatte.&quot;<\/p>\n<p>&quot;Lancet&quot; hat die Autoren der Studie um eine Stellungnahme gebeten, die offene Fragen kl\u00e4ren soll. &quot;Wir verfolgen die Situation genau&quot;, teilte das Fachblatt auf Anfrage des SPIEGEL mit. Die Studie sei von internationalen Experten f\u00fcr Covid-19 begutachtet worden.<\/p>\n<p>Im besten Fall lassen sich die Zweifel schnell ausr\u00e4umen. Doch was, wenn nicht?<\/p>\n<p>&quot;Die Kollegen um Bucci haben sich die Daten schon ganz genau angeschaut&quot;, sagt Wendtner. Die identischen Antik\u00f6rperspiegel seien vielleicht noch erkl\u00e4rbar, aber besonders auff\u00e4llig seien dieselben Werte beim Nachweis von T-Zellen. &quot;So was sieht man in Studien normalerweise nicht&quot;, sagt Wendtner. Ein Beweis f\u00fcr Manipulation sei das freilich nicht, aber auf jeden Fall ein Grund, einen Blick in die Rohdaten zu werfen.<\/p>\n<h3>Millionen Impfdosen sind bereits bestellt<\/h3>\n<p>Es w\u00e4re nicht das erste Mal, dass Forscher den Pr\u00fcfprozess bewusst aushebeln. Erst Anfang Juni musste &quot;Lancet&quot; eine entscheidende Corona-Studie zur\u00fcckziehen, nachdem bekannt geworden war, dass wahrscheinlich die komplette Datengrundlage der Analyse frei erfunden war. (Mehr dazu lesen Sie hier.) &quot;Lancet&quot; war d\u00fcpiert. Schon damals konstatierten Forscher, der Pr\u00fcfprozess &#8211; bekannt als Peer Review &#8211; sei eben nicht dazu gedacht, bewusste T\u00e4uschungen aufzudecken.<\/p>\n<p>Doch wenn die T\u00e4uschungen so offensichtlich scheinen, wie die Vorw\u00fcrfe nahelegen, h\u00e4tten die russischen Forscher nicht besser f\u00e4lschen k\u00f6nnen? Auch diese Frage kann wahrscheinlich nur ein pr\u00fcfender Blick in die Rohdaten beantworten.<\/p>\n<p>&quot;Sputnik V&quot; basiert auf abgeschw\u00e4chten Adenoviren, die als ungef\u00e4hrlich f\u00fcr den Menschen gelten. Mithilfe von Gentechnik haben die Forscher Corona-Erbgut in sie hineingeschleust, das nicht krank machen, aber dem Immunsystem eine Infektion vorgaukeln soll. Der K\u00f6rper &#8211; so die Theorie &#8211; bringt daraufhin Abwehrkr\u00e4fte in Stellung, die auch vor einer echten Infektion mit dem Coronavirus sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Allerdings gibt es bisher nur wenig Erfahrung mit solchen Huckepack-Impfstoffen. Im Fall von &quot;Sputnik V&quot; waren die Ergebnisse vielversprechend. Der Impfstoff schien sogar eine st\u00e4rkere Immunantwort hervorzurufen als bei einer echten Infektion. Russlands Staatsfonds Foreign Direct Investment Fund (RDIF) meldete bereits Zigmillionen Bestellungen, obwohl an den ersten Studien nur einige Dutzend Probanden teilgenommen hatten.<\/p>\n<p>Auch andere Impfstoffkandidaten sind bereits millionenfach geordert worden, keiner von ihnen hat die entscheidenden Studien der Phase III bestanden. In der letzten Phase der Zulassung wird das Mittel Zehntausenden Probanden gespritzt, um m\u00f6gliche Nebenwirkungen aufzudecken.<\/p>\n<h3>Ein riskantes Spiel<\/h3>\n<p>Anders als andere Impfstoffe hat &quot;Sputnik V&quot; allerdings bereits eine Art vorl\u00e4ufige Zulassung, die erste landesweite Massenimmunisierung ist f\u00fcr Ende des Jahres geplant &#8211; gerade systemrelevante Berufe wie Lehrer und Mediziner sollen geimpft werden, noch bevor die letzte Studienphase abgeschlossen ist.<\/p>\n<p>Der kurzzeitige Stopp des sogenannten Oxford-Impfstoffs, der auf derselben Technologie basiert wie &quot;Sputnik V&quot;, zeigt, wie riskant dieses Spiel werden kann. (Mehr dazu lesen Sie hier.)<\/p>\n<p>Lassen sich die Zweifel an &quot;Sputnik V&quot; nicht ausr\u00e4umen, bleibt Putin wahrscheinlich nur, das Vertrauen in den Impfstoff angesichts fehlender wissenschaftlicher Fakten anderweitig zu generieren. Vielleicht l\u00e4sst er sich selbst impfen?<\/p>\n<p>Andere ranghohe Politiker haben sich vor laufenden Kameras immunisieren lassen. Bleibt zu hoffen, dass sie nicht einen \u00e4hnlich hohen Preis zahlen wie Iphigenie.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern &quot;Sputnik V&quot;: Die erste Massenimmunisierung ist noch f\u00fcr dieses Jahr geplant Foto:\u2002NATALIA KOLESNIKOVA \/ AFP Wenn es f\u00fcr V\u00e4ter eng zu werden droht, schicken sie schon mal ihre T\u00f6chter vor. 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