{"id":25052,"date":"2023-12-06T23:17:44","date_gmt":"2023-12-06T20:17:44","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/literaturnobelpreis-fur-jon-fosse-ich-schreibe-um-mir-zu-entkommen\/"},"modified":"2023-12-06T23:17:44","modified_gmt":"2023-12-06T20:17:44","slug":"literaturnobelpreis-fur-jon-fosse-ich-schreibe-um-mir-zu-entkommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/literaturnobelpreis-fur-jon-fosse-ich-schreibe-um-mir-zu-entkommen\/","title":{"rendered":"Literaturnobelpreis f\u00fcr Jon Fosse: \u00bbIch schreibe, um mir zu entkommen\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\"><strong>SPIEGEL:<\/strong> Herr Fosse, am 10. Dezember bekommen Sie in Stockholm den Literaturnobelpreis verliehen. Freuen Sie sich auf den Abend?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Eigentlich eher nicht. Ich bin ein sch\u00fcchterner, nicht sehr geselliger Mensch und halte mich von sozialen Events lieber fern. Immerhin ist die Verleihung in Stockholm ein so gro\u00dfes Event mit einem riesigen Bankett, dass es mich weniger \u00e4ngstigt als eine kleinere Feier. Angeblich muss ich nur Danke sagen. Meine Frau wird mitkommen und unsere \u00e4lteste Tochter, sie ist zw\u00f6lf.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Sie sind als Schriftsteller ber\u00fcchtigt f\u00fcr etwas r\u00e4tselhafte und oft handlungsarme St\u00fccke und Romane. Hat die Nobelpreisjury recht, wenn sie den Preis an Sie damit begr\u00fcndete, dass Sie \u00bbdem Unsagbaren eine Stimme verleihen\u00ab?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Im Grunde ist ja genau das die Aufgabe der Literatur. Da bin ich ein Romantiker. Der Sinn von Literatur ist es, dass sie es schafft, etwas zum Ausdruck zu bringen, das man auf andere Weise nicht sagen kann.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> In Ihrem Riesenroman \u00bbHeptalogie\u00ab von 2019, der an sieben Tagen vor Weihnachten die Lebensbilanzen zweier zwillingshafter Kunstmaler schildert, sagen Sie es auf mehr als 1100 Seiten und ohne einen Punkt. Das ganze Buch besteht aus einem einzigen Satz. Warum?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Es ist ein Flow. Ich nenne es langsame Prosa. Ich wei\u00df, dass das erst mal dumm klingt. Aber wenn man pr\u00e4zise ein Glas Wasser beschreiben m\u00f6chte, dann kann man das in einem Theaterst\u00fcck schwerlich machen. In der Prosa ist das m\u00f6glich. Ich habe vier Jahre lang an diesem Buch geschrieben, und ich wollte damit das Gegenteil von der Intensit\u00e4t eines Theaterst\u00fccks schaffen. Ich wollte die Langsamkeit.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Sind nicht Ihre weltweit erfolgreichen Theaterst\u00fccke, in denen zum Beispiel ein wortkarges junges Elternpaar \u00fcber den Namen seines Kindes meditiert oder eine Familie zur Beerdigung der Gro\u00dfmutter zusammenkommt, auch extrem langsam?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Klar behaupten das manche Leute. Aber es stimmt nicht wirklich. Es gibt eine innere Geschwindigkeit in meinen St\u00fccken.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Interessiert es Sie in irgendeiner Weise, was Ihre Literatur mit den Leserinnen und Lesern und dem Theaterpublikum macht?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Nicht im Geringsten. Ich habe keinerlei Absichten. Wer irgendwas mit seinem Schreiben bewirken will, der schreibt keine gute Literatur. Der predigt. Das ist keine Kunst, zumindest nicht f\u00fcr mich. Mir geht es darum, zuzuh\u00f6ren und so gut und aufrichtig zu schreiben, wie es mir m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wem h\u00f6ren Sie zu?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Da ist ein anderer in mir. Als Schriftsteller bin ich derjenige, der ihm zuh\u00f6rt. Jedes Werk, jedes Buch ist ein eigenes Universum, mit seinen spezifischen Regeln und Bedingungen. Ich entwerfe diese Universen. Ich schreibe nicht, um mich auszudr\u00fccken. Ich schreibe, um mich loszuwerden, um mich von mir zu entfernen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Sie sind vor ein paar Jahren der katholischen Kirche beigetreten. Ist es in Ihrer Vorstellung Gott, dem Sie beim Schreiben zuh\u00f6ren?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Ich benutze das Wort Gott nicht. Ich hoffe, es ist irgendeine Art von guter Macht.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Warum nennen Sie Gott nicht beim Namen und schreiben in \u00bbHeptalogie\u00ab, Gott sei \u00bbetwas, das wir nicht denken k\u00f6nnen\u00ab?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> F\u00fcr mich gilt: Wir k\u00f6nnen nichts \u00fcber ihn sagen. Er ist hinter den Dingen. Wir k\u00f6nnen nicht sagen, was war, bevor wir geboren wurden. Wir k\u00f6nnen nicht sagen, wohin wir gehen. Wir k\u00f6nnen nur sagen, dass wir fr\u00fcher nicht auf der Welt waren und dass wir irgendwann von hier verschwinden werden. Alles Weitere ist auf der anderen Seite. Und Gott ist auf der anderen Seite.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Aber Sie sind davon \u00fcberzeugt, dass es eine andere Seite gibt?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Ja, ich glaube das. Ich bin gl\u00e4ubig. I\u2019m a believer.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Hei\u00dft das, dass Sie Ihre Schriftstellerarbeit als eine Art Medium betreiben?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Nein. Ich muss schon daf\u00fcr sorgen, dass es funktioniert. Ich muss es verwandeln. Es kommt, simpel gesagt, von au\u00dfen. Ich muss es hereinlassen. Ich h\u00f6re es, ich benutze es, erst mithilfe meiner Person wird es Literatur. Ich spiele eine Art Musik, meine Art von Musik.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Ist Ihnen klar, dass 99 Prozent der Literatur v\u00f6llig anders sind als Ihre?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Ich w\u00fcrde nicht sagen, dass ich Literatur in einem breiten Sinne \u00fcberhaupt lese und wahrnehme.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Als dezidiert religi\u00f6ser Autor sind Sie im europ\u00e4ischen Literaturbetrieb des 21. Jahrhunderts jedenfalls eine Ausnahme.<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Ich bin inzwischen ein religi\u00f6ser Schriftsteller. Das war bei meinen ersten Romanen nicht so. Mein erster wurde vor genau 40 Jahren ver\u00f6ffentlicht. Er hei\u00dft \u00bbRot, schwarz\u00ab und ist ein finsteres Buch. Der zweite noch finsterer. Damals war ich gegen alles, auch gegen das Christentum. Ich war ein aggressiver Hippie. Es war meine Heavy-Metal-Phase.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Sie sind in einer Familie von Obstbauern unweit der Stadt Bergen aufgewachsen. Stimmt es, dass ein Unfall, den Sie als Siebenj\u00e4hriger erlitten, Sie zum Schreiben inspiriert hat?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Ich habe damals viel Blut verloren, und ich schreibe bis heute aus dieser Erfahrung als Siebenj\u00e4hriger. Das hat mich sehr geformt als Schriftsteller.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Ihre ersten Texte schrieben Sie als Zw\u00f6lfj\u00e4hriger, worum ging es darin?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Ich war ein seltsames Kind. Ich habe mich nicht wohlgef\u00fchlt in meiner Haut und mich als anders als alle anderen Menschen empfunden \u2013 wie vermutlich viele Jugendliche in diesem Alter. Ich habe kleine Gedichte und Short Stories geschrieben, vor allem aber Songtexte, weil ich mich damals sehr f\u00fcr Musik interessiert habe. An einen Songtext erinnere ich mich noch, er ist wirklich peinlich. Ich habe dann bald in einer Band gespielt, nur Jungs, wir traten bei Tanzfesten auf, mit damals popul\u00e4ren Liedern von Bands wie Creedence Clearwater Revival, \u00bbWho\u2019ll Stop the Rain\u00ab und so was.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Waren Sie gut?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Nein. Sogar in der Band waren alle Jungs besser als ich, an der Gitarre fehlte mir das Talent. F\u00fcr das Malen hatte ich mehr Begabung. Aber dann fand ich zum Schreiben und habe mit dem Musikmachen abrupt aufgeh\u00f6rt. Was ich daran mochte, habe ich ins Schreiben \u00fcbertragen: die Wiederholungen, den Rhythmus.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Konnten Sie von diesem Schreiben leben?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Vom B\u00fccherschreiben nicht. Ich habe bis heute keine gro\u00dfe Leserschaft, ich bin kein Bestsellerautor. W\u00e4hrend des Studiums \u2013 ich habe Literaturwissenschaften, Soziologie und Psychologie studiert \u2013 habe ich als Journalist gearbeitet. Ich schrieb f\u00fcr eine kleine Zeitung in Bergen \u00fcber das, was auf dem Land passierte. Mir gefiel die Arbeit am Schreibtisch, aber ich mochte es nicht so gern, Menschen zu treffen oder mit ihnen zu telefonieren. Besonders schlimm war es, wenn jemand anrief, weil ich einen Fehler gemacht oder jemanden verletzt hatte. Das hat mich sehr verunsichert.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Sie haben dann eine Weile als Dozent Literatur unterrichtet, einer ihrer Sch\u00fcler war Karl Ove Knausg\u00e5rd, der knapp zehn Jahre j\u00fcnger ist als Sie und mit seinem sechsteiligen Romanzyklus \u00bbK\u00e4mpfen\u00ab zum Bestsellerautor wurde.<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Ich erinnere mich sehr genau daran, dass ich ihm sagte: \u00bbKarl Ove, du kannst nicht nur einfach aufschreiben, was in deinem Leben passiert. Du musst es transformieren!\u00ab Aber er tat das, was alle guten Sch\u00fcler tun: genau das Gegenteil von dem, was ihm sein Lehrer riet.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Sie lehnen die literarische Gattung der Autofiktion ab, das Schreiben \u00fcber das eigene Leben, das Knausg\u00e5rd ber\u00fchmt gemacht hat. Warum?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Weil sie f\u00fcr mich nicht funktioniert. In meinem Buch \u00bbKindheitsszenen\u00ab habe ich versucht, so ehrlich und so wahr \u00fcber meine Kindheit zu schreiben, wie es nur m\u00f6glich ist. Ich bin daran gescheitert. Ich musste es erst verwandeln, damit es eine Art Wahrheit bekam. Insofern arbeite ich mehr wie ein Maler.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Sind Schreiben und Malen nicht zwei sehr unterschiedliche Kunstformen?<\/p>\n<p><strong>Fosse: <\/strong>Ich finde, jede gute Kunst redet vom Gleichen. Von dem, was anders nicht sagbar ist. Sehen Sie sich die Bilder von Mark Rothko an. Auch sie erz\u00e4hlen genau davon, von einem inneren Leuchten.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Kann man Literatur Ihrer Meinung nach \u00fcberhaupt lehren?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Die technischen Aspekte des Schreibens schon, den Rest nicht. Aber je mehr jemand liest, desto besser wird seine Literatur. Auch ich habe durch Lesen gelernt und lerne bis heute.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wer waren Ihre Lehrer?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Georg Trakl, der gro\u00dfe \u00f6sterreichische Gedichteschreiber, und Tarjei Vesaas, ein gro\u00dfer norwegischer. Und durch die Theaterst\u00fccke von Samuel Beckett habe ich viel gelernt. Mein St\u00fcck \u00bbDa kommt noch wer\u00ab ist schon im Titel eine Antwort auf \u00bbWarten auf Godot\u00ab. Ich wollte zeigen, dass nicht umsonst gewartet wird.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Waren Sie gl\u00fccklich mit dem Erfolg Ihrer Theaterst\u00fccke, die bisher in 44 Sprachen \u00fcbersetzt sind?<\/p>\n<p><strong>Fosse: <\/strong>Nein. F\u00fcr einen sch\u00fcchternen Mann wie mich war es eigentlich der falsche Job. Ich bekam immer neue Auftr\u00e4ge, ich wurde in vielen Theatern gespielt. In Deutschland gab es Jahre, in denen fast in jedem gro\u00dfen Haus Produktionen von mir liefen. Das war nat\u00fcrlich alles sehr aufregend und hat mein Leben ver\u00e4ndert. Ich war es gewohnt, beim Schreiben mit mir allein zu sein. Dann kamen diese Einladungen zu den Salzburger Festspielen oder nach Paris, und nat\u00fcrlich bin ich hingefahren. Salzburg hat mich schon wegen Georg Trakl interessiert, der dort aufgewachsen ist. Ich wollte diesen Tumult nicht, und ich wollte ihn doch, das war sehr widerspr\u00fcchlich. Bis ich eines Tages beschloss, nicht mehr weiter f\u00fcrs Theater zu schreiben.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Wieso das?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Ich hatte das Reisen satt. Ich hatte das Trinken satt. Ich hatte das Gef\u00fchl, dass ich meine M\u00f6glichkeiten als St\u00fcckeschreiber ausgereizt hatte. Rational gesehen war es eine Dummheit, ich war damals, 2012, auf dem Gipfel meiner Karriere. Aber ich wollte dahin zur\u00fcckkommen, wo ich herkam, zur Prosa und zum Gedichteschreiben.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Ungef\u00e4hr zu dieser Zeit hatten Sie einen Zusammenbruch und landeten mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus.<\/p>\n<p><strong>Fosse: <\/strong>Das war kurz nach dem Entschluss, mit dem Theater aufzuh\u00f6ren. Aber nat\u00fcrlich hing es damit zusammen. Also beschloss ich, auch mit dem Trinken aufzuh\u00f6ren. Hinterher war ich unsicher, ob ich \u00fcberhaupt noch Prosa schreiben kann.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Weil Ihnen der Alkohol fehlte?<\/p>\n<p><strong>Fosse: <\/strong>Nein. Ich bezweifle gar nicht, dass es zwischen Alkohol und Literatur eine fruchtbare Verbindung gibt. Aber was die angeht, hatte ich meine Dosis an Alkohol aufgetrunken. Ich bin mir sogar sicher, dass ich sehr viel besser schreibe, seit ich nicht mehr trinke. Als ich nach meinem Zusammenbruch zum Schreiben zur\u00fcckkehrte, wollte ich weg von jeder Action und jeder Dramatik. Ich wollte in allergr\u00f6\u00dfter Ruhe arbeiten, in Frieden. Ich habe damals mein Buch \u00bbTrilogie\u00ab geschrieben.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Eine traurige, finstere Liebesgeschichte, die damit beginnt, dass ein junges Paar, sie hochschwanger, sein Fischerdorf in einem Ruderboot in Richtung Stadt verl\u00e4sst, weil die beiden dort neu anfangen wollen.<\/p>\n<p><strong>Fosse: <\/strong>Ich war mir nicht sicher, ob ich nach der langen Besch\u00e4ftigung mit dem Theater \u00fcberhaupt noch als Prosaschriftsteller tauge. \u00bbTrilogie\u00ab war mein erster Versuch nach 15 Jahren. Deshalb war es unglaublich wichtig f\u00fcr mich, dass ich daf\u00fcr den Preis des Nordischen Rates bekommen habe. Das ist in Skandinavien der wichtigste Preis nach dem Nobelpreis.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Qu\u00e4len Sie sich beim Schreiben, wie man als Leserin oder Leser Ihrer oft kargen Texte vielleicht vermuten k\u00f6nnte?<\/p>\n<p><strong>Fosse: <\/strong>\u00dcberhaupt nicht. Ich bin ein extrem schneller Schreiber. Ich bin ein Maniac. Ich mache nie vorher einen Plan, wenn ich an einem Buch oder einem St\u00fcck arbeite. Ich recherchiere auch nicht, ich schreibe einfach los, h\u00f6re zu und schreibe weiter. Irgendwann habe ich angefangen zu fragen, wo das eigentlich alles herkommt.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Was fanden Sie heraus?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Die Erkenntnis, zu der ich kam, hat meinen Marxismus und meinen Atheismus zerst\u00f6rt. Ich erkannte, dass es eine andere Dimension geben muss, mit der ich in Verbindung bin, wenn ich schreibe. Ich konnte das nicht auf eine materialistische, atheistische Weise erkl\u00e4ren. Ich wurde ein Suchender. So bin ich bei den Qu\u00e4kern gelandet.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Einer christlich grundierten Glaubensgemeinschaft, die im 17. Jahrhundert entstand.<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Die Qu\u00e4ker haben keine Priester, keine Dogmen und keine Liturgie. Und sie sind leise. Wenn man einander trifft, dann sitzt man in einem Kreis, so \u00e4hnlich wie wir hier. Wenn einer das Gef\u00fchl hat, er hat eine Inspiration, dann sagt er etwas. Sonst h\u00e4lt er den Mund. Die Sitzung ist vorbei, wenn einer aufsteht, das ist die einzige Demonstration von Macht, die es dort \u00fcberhaupt gibt. Die Qu\u00e4ker sind gegen jede Art von Autorit\u00e4t und gehen nicht zum Milit\u00e4r. Ich nahm an den Sitzungen der Qu\u00e4ker in Bergen teil, aber ich wurde nie ein Teil der Gemeinschaft. Mir schien es unqu\u00e4kerhaft, der Gemeinschaft angeh\u00f6ren zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Haben Sie bei Ihrer Suche nie daran gedacht, es mal mit einer Psychoanalyse zu probieren?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Nein. Ich habe viele B\u00fccher von Sigmund Freud gelesen und dabei viel gelernt, als ich jung war. Nat\u00fcrlich bin ich neurotisch. Wenn man sein ganzes Leben in einer gewissen Einsamkeit als Schriftsteller verbringt, dann kann man keine ganz normale Pers\u00f6nlichkeit sein. Da muss schon etwas falsch mit einem sein. Ich bin 64 Jahre alt und schreibe jetzt seit mehr als 50 Jahren. Aber meine Neurosen sind sehr produktiv f\u00fcr mich. Ich schreibe, um mir zu entkommen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Eine Art Selbsttherapie?<\/p>\n<p><strong>Fosse: <\/strong>Es ist keine Therapie, es ist eine Art zu leben. Vielleicht sogar eine Art zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Vor rund zehn Jahren sind Sie dann zum Katholizismus konvertiert, der autorit\u00e4r und in vielem v\u00f6llig anders ist als die Qu\u00e4ker. Was fanden Sie ausgerechnet daran noch attraktiver?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Manchmal treffen sich die Extreme, so sagt man doch. Schon Ende der Achtzigerjahre war ich in Bergen einmal in einer katholischen Messe. Die gefiel mir viel besser als die protestantischen Gottesdienste, mit denen ich aufgewachsen war. Bei den Protestanten musste man sich unertr\u00e4glich viel Gelaber von oft dummen Pastoren anh\u00f6ren. Im katholischen Gottesdienst wird \u00fcber die feste Liturgie hinaus nur wenig geredet.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> L\u00e4sst sich nicht das Gleiche \u00fcber Ihre Literatur sagen, in der es fast immer eine Liturgie von Schl\u00fcsselw\u00f6rtern gibt, die Fischerboote, das Meer, den Sturmwind?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Vielleicht gibt es eine \u00c4hnlichkeit, und ich f\u00fchlte mich deshalb von der katholischen Messe angezogen. In der Liturgie werden die Worte ihrer Bedeutung entleert. Man h\u00f6rt die Worte so oft, dass sie einen Zauber, einen Spirit entwickeln. Auch in der Messe geht es darum, etwas zu erlangen, was man in Worten nicht ausdr\u00fccken kann.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> War es Ihrer Meinung nach eine politische Geste, ausgerechnet Sie in diesem Jahr zum Nobelpreistr\u00e4ger zu machen?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Das glaube ich nicht. Mit Politik hat der Preis wenig zu tun. Oder denken Sie, dass Peter Handke 2019 wegen seiner politischen Ansichten zum Nobelpreistr\u00e4ger gek\u00fcrt wurde? Er wurde wohl eher trotz seiner Ansichten gew\u00e4hlt. Ich hoffe, dass es auch bei meinem Preis vor allem um die Literatur geht.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Ist Ihre Literatur Avantgarde oder altmodisch?<\/p>\n<p><strong>Fosse: <\/strong>Diese Kategorien gelten nichts mehr.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Handke sagt, er komme von Homer, dem Urvater der abendl\u00e4ndischen Dichtung. Bob Dylan, der den Nobelpreis 2016 erhalten hat, hat sich auch \u00f6fter auf Homer bezogen.<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Das gilt f\u00fcr mich vermutlich ebenfalls. Auch ich komme aus einer europ\u00e4ischen Tradition.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL:<\/strong> Halten Sie sich f\u00fcr einen politischen Schriftsteller?<\/p>\n<p><strong>Fosse:<\/strong> Nicht so, wie sich Bertolt Brecht f\u00fcr einen hielt. Ich hasse seine langweilige Art, die Menschen zu belehren. Aber ich kenne nat\u00fcrlich die Argumentation, dass alles, was man tut, irgendeine politische Wirkung hat. In diesem Sinne bin nat\u00fcrlich auch ich ein politischer Autor. Ich finde, es gibt einen Frieden, ein Leuchten in meinem Schreiben, eine Art von Liebe. Das ist auch eine Botschaft.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Herr Fosse, wir danken Ihnen f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>SPIEGEL: Herr Fosse, am 10. Dezember bekommen Sie in Stockholm den Literaturnobelpreis verliehen. Freuen Sie sich auf den Abend? Fosse: Eigentlich eher nicht. 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