{"id":25048,"date":"2023-12-06T19:15:59","date_gmt":"2023-12-06T16:15:59","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/verschwundenes-sed-vermogen-plastiktuten-voller-geld-ard-dokuserie-die-milliardenjagd\/"},"modified":"2023-12-06T19:15:59","modified_gmt":"2023-12-06T16:15:59","slug":"verschwundenes-sed-vermogen-plastiktuten-voller-geld-ard-dokuserie-die-milliardenjagd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/verschwundenes-sed-vermogen-plastiktuten-voller-geld-ard-dokuserie-die-milliardenjagd\/","title":{"rendered":"Verschwundenes SED-Verm\u00f6gen: Plastikt\u00fcten voller Geld &#8211; ARD-Dokuserie \u00bbDie Milliardenjagd\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Als treuer Genosse hatte man es zwischen Mauerfall, ersten freien Wahlen und der W\u00e4hrungsunion 1989\/90 leicht, zu Reichtum zu kommen: Mit einer Aktentasche, dem Jutebeutel oder notfalls einer Plastikt\u00fcte konnte man einfach b\u00fcndelweise Scheine aus dem \u00bbSchatz der Arbeiterklasse\u00ab in bar mit nach Hause nehmen.<\/p>\n<p>So etwa am 1. M\u00e4rz 1990, dem Tag, an dem die Treuhand gegr\u00fcndet wurde. Da stopfte sich in den Mittagsstunden PDS-Genosse H. aus Friedrichshain in Ost-Berlin im Geb\u00e4ude des abgetretenen Zentralkomitees 300.000 D-Mark in bar aus einem Panzerschrank in zwei T\u00fcten von Aldi, wie er Jahre sp\u00e4ter lachend erz\u00e4hlte. Zur Abdeckung drapierte er noch eine Ausgabe des \u00bbNeuen Deutschland\u00ab obendrauf, quittierte Schatzmeister Wolfgang Langnitschke auf dessen altem DDR-Quittungsblock den Coup als \u00bbEinnahme\u00ab und zog mit den T\u00fcten voller D-Mark von dannen.<\/p>\n<p>Eine bis heute unbekannte Summe aus dem Parteiverm\u00f6gen der SED, mindestens 6,2 Milliarden Mark, flossen in der Wendezeit an die alten Kader der in PDS (\u00bbPartei des demokratischen Sozialismus\u00ab) umbenannten Partei nebst ihren befreundeten Gruppierungen.<\/p>\n<p>Die \u00bbSozialistische Einheitspartei Deutschlands\u00ab hatte zwar das Land auch wirtschaftlich gegen die Wand gefahren, selbst aber 40 Jahre lang im In- und Ausland ein gigantisches Verm\u00f6gen angeh\u00e4uft. Rund 1700 Immobilien und Firmen, die nach der W\u00e4hrungsunion gut zehn Milliarden DM wert waren, kamen obendrein hinzu.<\/p>\n<p>Die fantasievoll im kleinen Kreis beiseitegeschafften und raffiniert verteilten Werte fehlten in der Transformationszeit beim Wiederaufbau des Landes. Stattdessen st\u00e4rkten die Milliarden die damals von Gregor Gysi angef\u00fchrte PDS, aus der 2007 die heutige Linkspartei hervorgegangen ist.<\/p>\n<p>Gysi sagt dazu, er habe sich als Parteichef damals nicht um die Details gek\u00fcmmert, jedoch als eine seiner ersten Amtshandlungen die R\u00e4ume der SED-Finanzabteilung versiegeln lassen. Erst sp\u00e4ter habe er erfahren, dass Devisen nicht von der Finanz-, sondern von der Verkehrsabteilung verwaltet worden seien. Und auf Nachfrage zu den Darlehen an verdiente Genossen antwortet Gysi heute: \u00bbSchatzmeister Pohl kam zu mir und sagte: \u203aEs gibt Leute, die sind in gr\u00f6\u00dften Schwierigkeiten. Darf ich denen, wenn es alte, anst\u00e4ndige Genossen und Genossinnen sind, ein Darlehen geben?\u2039 Das war f\u00fcr mich gar kein Problem.\u00ab<\/p>\n<h3>Geheimnisvoller \u00bbTresor 28\u00ab<\/h3>\n<p>Die ganze Geschichte um das verschwundene Parteiverm\u00f6gen ist so spannend wie ein Agententhriller: mit Stroh- und Mittelsm\u00e4nnern, dubiosen wie skurrilen Gestalten zwischen Rostock und Dresden, einem geheimnisvollen \u00bbTresor 28\u00ab sowie schillernden Vertretern westdeutscher Linker. In der ARD-Dokuserie \u00bbDie Milliardenjagd\u00ab wird das Geschehen detailliert rekonstruiert (jetzt in der ARD-Mediathek            ).<\/p>\n<p>Es geht um Moskauer Briefkastenfirmen und Schwarzgeldkonten in Liechtenstein, der Schweiz oder auf den Cayman-Inseln. Um Tarnfirmen der DDR im Westen und einen PDS-Schatzmeister, der viel mehr als alle anderen wusste \u2013 und eines Tages zuf\u00e4llig vor seinem Hotel auf dem Zebrastreifen \u00fcberfahren wurde.<\/p>\n<p>Die Regisseurin, Autorin und Filmproduzentin Heike Bittner hat den gr\u00f6\u00dften Finanzskandal, in den je eine im Bundestag vertretene Partei verwickelt war, neu aufgerollt. F\u00fcr \u00bbDie Milliardenjagd\u00ab hat Bittner Recherchen des SPIEGEL weiterverfolgt, Zeitzeugen und Ermittler vor die Kamera geholt, Parteigenossen wie Gregor Gysi und Dietmar Bartsch befragt.<\/p>\n<p>Zu sehen sind erstmals auch verschollen geglaubte Originalunterlagen des Leiters Parteifinanzen bei der SED und sp\u00e4ter bei der PDS, Wolfgang Langnitschke. Er starb am 8. Juni 1998 in Lugano bei einem Autounfall vor seiner Unterkunft. Am 20. Juni 1998 erschien eine einsilbige Todesanzeige im \u00bbNeuen Deutschland\u00ab. Ein Hinweis, wer die Anzeige aufgegeben hatte, fehlte \u2013 ebenso, wo und wie der Unfall passiert war, bis heute ist der Fall ungekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Nach seinem Tod erhielt der SPIEGEL die Unterlagen, die viele Namen von Geldw\u00e4scheprofiteuren offenbaren. So stand etwa unverhohlen in einem internen Schreiben vom 25. April 1990 aus dem Bereich Parteifinanzen der PDS, wie man vorging, um Gelder \u00bbverschwinden\u00ab zu lassen:<\/p>\n<p><em>\u00bbFinanzielle Mittel werden in bar von der Handelsbank abgefordert (\u2026), anschlie\u00dfend werden diese Mittel auf ausl\u00e4ndischen Banken, auf bereits eingerichteten Nummernkonten durch Mittelsm\u00e4nner deponiert. Der entsprechende Weg dazu ist vorbereitet und absolut sicher (\u2026). Das Schreiben wird bei mir deponiert und ist offiziell nicht vorhanden.\u00ab<\/em><\/p>\n<p>Das Volk demonstrierte 1989 noch auf den Stra\u00dfen, da bildeten die Genossen bereits klammheimliche Seilschaften und machten sich ran an die Pfr\u00fcnde. Es ging um das Verstecken und Verschwindenlassen des Parteiverm\u00f6gens. Schon bald kam es zu 380 Millionen Mark \u00bbAbfindungszahlungen\u00ab an ehemalige SED-Parteimitarbeiter, 750 Millionen wurden f\u00fcr h\u00f6here Renten der Parteimitglieder spendiert, fast eine halbe Milliarde floss an PDS-Kreisverb\u00e4nde.<\/p>\n<p>Schon bei der gr\u00f6\u00dften Ost-Berliner Demonstration am 4. November 1989 , noch vor dem Mauerfall, war ein Protestplakat zu sehen, auf dem zu lesen war: \u00bbDas Volk steckt tief im Dreck \u2013 und ihr schleppt Gelder weg!\u00ab Doch die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit wandte sich bald darauf mehr der drohenden Vernichtung von Stasi-Akten zu.<\/p>\n<p>So hatten die Kader freie Hand: \u00dcber drei Milliarden Mark wurden als \u00bbfreiwillige R\u00fcckgabe von Parteiverm\u00f6gen\u00ab via DDR-Ministerpr\u00e4sident Lothar de Maizi\u00e8re \u00bbf\u00fcr soziale Zwecke\u00ab deklariert \u2013 gingen jedoch nach den Vorgabelisten der PDS an linke oder der Partei zumeist nahestehende Institutionen, Firmen und Kulturtr\u00e4ger der ehemaligen DDR.<\/p>\n<p>Um Gysis neue Partei entstand so in Ost-, aber auch in Westdeutschland ein gro\u00dfes, finanziell gut ausgestattetes Netzwerk, das zum Erfolg der Partei erheblich beitrug. Es st\u00e4rkte den politischen und gesellschaftlichen Einfluss der PDS mit einer Wucht, von der die in der Friedlichen Revolution entstandenen Parteien rund um das Neue Forum nur tr\u00e4umen konnten.<\/p>\n<p>Dabei st\u00fcrzten einige Transferaktionen nicht nur die Partei, sondern auch Gysi und Bartsch selbst beinahe in den Abgrund. Etwa durch den sogenannten Putnik-Deal: Ein PDS-Kreisvorsitzender aus Halle, ausgestattet mit einer \u00bbGeneralvollmacht\u00ab der Moskauer Firma Putnik, schrieb fingierte Mahnungen an die PDS \u00fcber angebliche \u00bbAltschulden\u00ab in H\u00f6he von 107 Millionen Mark.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend veranlasste der Parteivize Wolfgang Pohl und der sp\u00e4ter zu Tode gekommene PDS-Finanzchef Langnitschke, dass die Gelder zuerst nach Norwegen und in die Niederlande transferiert werden sollten.<\/p>\n<p>Doch die Bank in Oslo, wo die PDS-Geldw\u00e4scher die 107 Millionen unterbringen wollten, sch\u00f6pfte Verdacht und alarmierte das Bundeskriminalamt. Umgehend r\u00fcckte die Polizei in die Berliner PDS-Zentrale ein, das Karl-Liebknecht-Haus am Rosa-Luxemburg-Platz, in dem heute die Linke residiert. Die Hausdurchsuchungen verglichen emp\u00f6rte PDS-Politiker damals mit dem Vorgehen der Nationalsozialisten.<\/p>\n<p>Peinlich war der Fund eines von Gysi unterschriebenen Briefes an Dietmar Bartsch vom 5. August 1991, beschlagnahmt aus dessen Aktentasche. Darin bat Gysi darum, dieses Schreiben gleich nach dem Lesen zu vernichten.<\/p>\n<p>Es ging darum, Parteispenden \u00bbwie bisher nur bar\u00ab zu verwenden, nicht \u00fcber Konten laufen zu lassen. Gysis Erkl\u00e4rung f\u00fcr eine derart konspirative Kommunikation mit Bartsch: Er habe m\u00f6glichen Einbrechern keinen Hinweis auf Barbest\u00e4nde im Hause der Partei geben wollen.<\/p>\n<p>Bis heute fehlt von einem dreistelligen Millionenbetrag jede Spur.<\/p>\n<p><strong><em>\u00bbDie Milliardenjagd\u00ab (MDR, Dokfilm). <\/em><\/strong><em>Doku-Serie, Buch und Regie: Heike Bittner und Heike Nelsen, exklusiv in der ARD-Mediathek .<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als treuer Genosse hatte man es zwischen Mauerfall, ersten freien Wahlen und der W\u00e4hrungsunion 1989\/90 leicht, zu Reichtum zu kommen: Mit einer Aktentasche, dem Jutebeutel oder notfalls einer Plastikt\u00fcte konnte<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":25049,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-25048","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-nachrichten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25048","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=25048"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/25048\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media\/25049"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=25048"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=25048"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=25048"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}