{"id":24615,"date":"2023-11-18T00:25:56","date_gmt":"2023-11-17T21:25:56","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/antisemitismus-experte-was-wir-jetzt-mit-bin-laden-auf-tiktok-sehen-ist-nur-ein-vorgeschmack\/"},"modified":"2023-11-18T00:25:56","modified_gmt":"2023-11-17T21:25:56","slug":"antisemitismus-experte-was-wir-jetzt-mit-bin-laden-auf-tiktok-sehen-ist-nur-ein-vorgeschmack","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/antisemitismus-experte-was-wir-jetzt-mit-bin-laden-auf-tiktok-sehen-ist-nur-ein-vorgeschmack\/","title":{"rendered":"Antisemitismus-Experte: \u00bbWas wir jetzt mit Bin Laden auf TikTok sehen, ist nur ein Vorgeschmack\u00ab"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">\u00bbJeder sollte es lesen!\u00ab, sagt eine junge Amerikanerin im wei\u00dfen Kapuzenpulli in die Kamera, \u00bbdas hat mir viele Illusionen genommen\u00ab. Eine andere meint: \u00bbIch werde das Leben und dieses Land nie wieder anschauen wie zuvor.\u00ab Ein junger Mann blickt theatralisch auf sein Handy: \u00bbEr hatte recht.\u00ab<\/p>\n<p>Tausende junge Menschen teilen pl\u00f6tzlich diese Videos, in denen es um eine 21 Jahre alte Hetzschrift von Osama Bin Laden geht. Das pl\u00f6tzliche Interesse f\u00fchrte dazu, dass die britische Tageszeitung \u00bbGuardian\u00ab das Dokument kurzfristig von ihrer Internetseite nahm \u2013 was die Aufmerksamkeit mutma\u00dflich nur weiter erh\u00f6hte. Der \u00bbGuardian\u00ab hatte 2002 \u00fcber den auf Arabisch verfassten \u00bbBrief an das amerikanische Volk\u00ab des fr\u00fcheren Chefs der Terrororganisation al-Qaida berichtet und ihn in englischer \u00dcbersetzung komplett ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>In dem Dokument erkl\u00e4rt Bin Laden sein Weltbild, unterstellt dem Judentum heimliche Macht und ruft zu neuen Terroranschl\u00e4gen auf. Im Zuge des aktuell zugespitzten Nahostkonflikts wurde der Brief von jungen Nutzern wiederentdeckt und verbreitet. TikTok hat inzwischen reagiert und angek\u00fcndigt, die Verwendung des Hashtags #lettertoamerica sowie die Verbreitung von Videos zum Thema einzuschr\u00e4nken. Das Unternehmen erg\u00e4nzte, es habe nur \u00bbeine geringe Anzahl\u00ab der Videos gegeben \u2013 und sie verstie\u00dfen ganz klar gegen die Regeln der Plattform. Bis Donnerstagnachmittag seien Videos mit dem entsprechenden Hashtag mehr als 15 Millionen Mal angesehen worden.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Seit Wochen beobachten wir, wie Elite-Studenten in den USA und Klimaaktivistinnen, darunter Greta Thunberg, einseitig Israel kritisieren oder den Hamas-Terror relativieren. Jetzt diskutieren junge Amerikaner auf TikTok begeistert \u00fcber ein Bin-Laden-Pamphlet, seinen Brief an das amerikanische Volk. Was ist da los?<\/p>\n<p><strong>Mattsson: <\/strong>Ich tue mich schwer, das so eindeutig zu erkl\u00e4ren. Verschw\u00f6rungstheorien werden aber offenbar von vielen Menschen nicht mehr erkannt. Und sie sch\u00e4men sich auch nicht mehr, solche Meinungen zu \u00e4u\u00dfern. Dieses Pamphlet wirkt wie D\u00fcnger f\u00fcr etwas, das schon l\u00e4nger w\u00e4chst.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Der Brief wird von begeisterten TikTokern gewisserma\u00dfen als eine Art Erweckungserlebnis beschrieben.<\/p>\n<p><strong>Mattsson: <\/strong>Dieser \u00bbLetter to America\u00ab wurde 2002 ver\u00f6ffentlicht. F\u00fcr viele junge Menschen ist er offensichtlich alt und damit auch besonders authentisch. Sie sehen ihn jetzt als historische Vorahnung, die ihre Gef\u00fchle best\u00e4tigt \u2013 ohne dabei die eigenen Ressentiments zu erkennen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Wie kommt es, dass junge Menschen glauben, sie h\u00e4tten eine gemeinsame Weltanschauung mit islamistischen Terroristen?<\/p>\n<p><strong>Mattsson: <\/strong>Der Brief ist bewusst in einer Sprache geschrieben, die an westliche Verschw\u00f6rungstheorien ankn\u00fcpft. Er appelliert an das Gef\u00fchl, nicht die Kontrolle \u00fcber das eigene Schicksal zu haben. Der Antisemitismus ist in diesem Dokument nicht religi\u00f6s formuliert, sondern so, dass er g\u00e4ngige Erz\u00e4hlungen aufgreift: Israel \u00fcbt heimlich Einfluss aus, die USA werden von einer kleinen Elite und von au\u00dfen kontrolliert. Dann hei\u00dft es: Es braucht eine Revolution. Das ist sehr einfach und spricht viele in ihren Gef\u00fchlen an, wie man in vielen der Videos dazu sieht.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Schrecken die Gr\u00e4ueltaten der Terroristen nicht ab?<\/p>\n<p><strong>Mattsson: <\/strong>Schon in der Friedensbewegung der Sechzigerjahre war es kein Widerspruch, dass man Frieden forderte und gleichzeitig Gewalt als Widerstand legitimierte. In unserer Forschung sehen wir das immer wieder, aus psychologischer Sicht ist es nicht ungew\u00f6hnlich, dass wir so selektiv sind.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Wie schnell breitet sich Judenhass bei jungen Menschen derzeit aus?<\/p>\n<p><strong>Mattsson: <\/strong>Es gibt einen verdeckten Antisemitismus, der immer da ist und sonst nicht ge\u00e4u\u00dfert wird. Viele erkennen ihn auch nicht, davon bin ich \u00fcberzeugt. Aber wenn es bei Fridays for Future jetzt hei\u00dft, die Medien manipulierten und es w\u00fcrde heimlich Stimmung f\u00fcr Israel gemacht, ist die antisemitische Botschaft schon recht klar. Viele Menschen haben sich in den vergangenen Wochen auch selbst radikalisiert.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Woran merken Sie das?<\/p>\n<p><strong>Mattsson: <\/strong>Hier in Schweden schreibt man Zionismus mit einem S: Sionism. Viele junge Menschen schreiben es jetzt aber mit Z \u2013 so, wie sie es in den vergangenen Tagen auf Instagram und TikTok aufgeschnappt haben.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Und nicht nur dort. In der schwedischen Facebookgruppe \u00bbPink Wall\u00ab diskutieren normalerweise bis zu 180.000 Menschen \u00fcber Frauenrechte, Gleichberechtigung und allt\u00e4gliche Erfahrungen. Doch seit Kriegsbeginn herrscht ein anderer Sound. \u00bbFast alle schwedischen Medien sind im Besitz von Zionisten\u00ab, hei\u00dft es da. Oder: \u00bbNur Israel kann das tun und warten, bis es die Weltherrschaft \u00fcbernimmt.\u00ab Die Rede ist vom Blutdurst der Israelis, f\u00fcr den Zivilisten und Kinder get\u00f6tet wurden.<\/p>\n<p><strong>Mattsson: <\/strong>Ein jahrhundertealtes Stereotyp. Ein schrecklicher Antisemitismus wie bei Joseph Goebbels. Das ist wirklich Nazi-Sound. Wir sehen derzeit Antisemitismus, wie wir ihn seit dieser d\u00fcsteren Epoche in der Weltgeschichte nie wieder erlebt haben.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Wie erkl\u00e4ren Sie sich das?<\/p>\n<p><strong>Mattsson: <\/strong>25 bis 30 Prozent aller Schulklassen in Schweden besuchen heute allein die KZ-Gedenkst\u00e4tte Auschwitz. Das sind enorm viele! Auch in Deutschland ist die Erinnerungskultur ja sehr ausgepr\u00e4gt und Teil des Lehrplans. Aber was damals passiert ist, verstehen immer weniger. F\u00fcr viele besteht die Lehre aus dem Holocaust darin, dass man gegen Rassismus und Gewalt einstehen muss. Antisemitismus wird dabei nur als historisches Problem erfasst. So werden Muslime und Minderheiten in den Augen junger Leute schnell zu den neuen Opfern \u2013 auch der Israelis. Dabei darf man sich wenig Illusionen machen: Sie sagen Zionismus, aber es geht gegen J\u00fcdinnen und Juden.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Was macht diesen Zorn aus?<\/p>\n<p><strong>Mattsson:<\/strong> Es hat auch damit zu tun, dass Israel als sehr stark und \u00fcberlegen wahrgenommen wird. Viele haben derzeit den Eindruck, dass man diese Leute nicht auch noch verteidigen muss, weil sie sich ohnehin zu wehren wissen und im Zweifel schamlos ihre Macht ausnutzen \u2013 was wiederum selbst ein sehr klassisches antisemitisches Motiv ist.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>In vielen Kommentaren und Videos ist auch die Rede vom Kampf gegen Kolonialismus und westliche Ausbeutung. Wie wichtig ist die postkoloniale Theorie in dieser Diskussion?<\/p>\n<p><strong>Mattsson: <\/strong>Man sollte den Einfluss von akademischer Arbeit auch nicht \u00fcbersch\u00e4tzen. Aber tats\u00e4chlich hat die postkoloniale Theorie einen Einfluss. Vor allem deshalb, weil sich damit einfache Weltbilder entwerfen lassen. Es gibt die Kolonialherren und die Kolonisierten, die Unterdr\u00fccker und die Unterdr\u00fcckten. Der Nahostkonflikt hat eine sehr komplizierte Geschichte. Aber wenn man ihn durch die Linse der postkolonialen Theorie simplifiziert, wird alles sehr eindeutig und leicht. Und die Unterdr\u00fcckten haben in dieser Logik das Recht, sich gewaltvoll zu wehren, um das Unrecht zu beenden. Es ist eine Legitimation der eigenen Wut.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Woher kommen diese st\u00e4ndige Gereiztheit und der Wunsch nach moralischer Absolutheit?<\/p>\n<p><strong>Mattsson: <\/strong>Ich erz\u00e4hle gern ein Gedankenexperiment des Soziologen Zygmunt Bauman: Die gegenw\u00e4rtige Gesellschaft, die er liquide nennt, befindet sich demnach gewisserma\u00dfen in einem Flugzeug. Jeder wei\u00df, wie er an seinen Platz gekommen ist, kennt aber kaum jemanden um sich herum und wei\u00df auch nicht, wer am Steuer sitzt. Und dann stellen sie sich vor: Es kommt die Durchsage, dass niemand lenkt. F\u00fcr viele Menschen ist das unertr\u00e4glich. Sie k\u00f6nnen diese Art von Unsicherheit nicht ertragen. Daher ist es leichter, sich vorzustellen, dass wir von den falschen Menschen gelenkt werden als von gar niemandem. Viele radikalisieren sich lieber, als diese Unw\u00e4gbarkeit zu akzeptieren.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Offensichtlich wird diese Entwicklung durch soziale Netzwerke und die Neuen Medien noch befeuert.<\/p>\n<p><strong>Mattsson: <\/strong>Unsere Welt hat sich in wenigen Jahren drastisch ver\u00e4ndert. Es gibt heute keine Differenz mehr zwischen unserem Auftreten vor und hinter der B\u00fchne. Was wir fr\u00fcher im kleinen Kreis privat diskutiert haben, \u00e4u\u00dfern wir heute oft \u00f6ffentlich im Netz und beeinflussen damit auch andere. Wir sagen dort Dinge, die wir fr\u00fcher f\u00fcr uns behalten h\u00e4tten und die in einem redaktionellen Medium keinen Platz und keine Verbreitung gefunden h\u00e4tten. Diese Entwicklung wird noch \u00fcber Generationen ver\u00e4ndern, wie wir unsere Realit\u00e4t wahrnehmen.<\/p>\n<p><strong>SPIEGEL: <\/strong>Wie blicken Sie in die Zukunft?<\/p>\n<p><strong>Mattsson: <\/strong>Ich bin sehr pessimistisch. Was wir jetzt mit Bin Laden auf TikTok sehen, ist meiner Meinung nach nur ein Vorgeschmack. Warten Sie einmal ab, was passiert, wenn k\u00fcnstliche Intelligenz voll funktionsf\u00e4hig unseren Alltag beeinflusst. Ich sitze im Safety Advisory Council von Spotify. Podcasts sind nicht unbedingt das zentrale Medium f\u00fcr Verschw\u00f6rungstheorien. Aber es wird auch dort immer leichter, Inhalte zu f\u00e4lschen. Und es gibt Akteure, die bereit sind, daf\u00fcr zu bezahlen. Schon jetzt ist die Angst gro\u00df, wie solche Entwicklungen die US-Wahlen im kommenden Jahr und auch weitere Wahlen in Europa beeinflussen werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbJeder sollte es lesen!\u00ab, sagt eine junge Amerikanerin im wei\u00dfen Kapuzenpulli in die Kamera, \u00bbdas hat mir viele Illusionen genommen\u00ab. 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