{"id":23931,"date":"2023-10-19T01:48:06","date_gmt":"2023-10-18T22:48:06","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/krieg-in-israel-wie-wir-aus-israel-und-gaza-berichten\/"},"modified":"2023-10-19T01:48:06","modified_gmt":"2023-10-18T22:48:06","slug":"krieg-in-israel-wie-wir-aus-israel-und-gaza-berichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/krieg-in-israel-wie-wir-aus-israel-und-gaza-berichten\/","title":{"rendered":"Krieg in Israel: Wie wir aus Israel und Gaza berichten"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Mit einem beispiellosen Terrorangriff hat die Hamas Israel am 7. Oktober \u00fcberrascht. W\u00e4hrend das Land noch immer unter Schock steht, f\u00fchrt das Milit\u00e4r Krieg gegen die pal\u00e4stinensische Terrororganisation im Gazastreifen. Der SPIEGEL ist vor Ort unterwegs, berichtet \u00fcber die Lage der Menschen in Gaza, in Israel und im Westjordanland. Hier erz\u00e4hlen sechs Redakteure und Reporter von ihrer Arbeit im Krisengebiet.<\/p>\n<h3>Verbindung halten mit Menschen im Gazastreifen<\/h3>\n<p>Die Berichterstattung zur Lage im Gazastreifen ist in diesen Tagen enorm schwierig. Israel l\u00e4sst erstens keine Journalisten \u00fcber die Grenze. Zweitens ist die Situation f\u00fcr lokale Journalisten, die vor Ort sind, extrem gef\u00e4hrlich. Immer wieder berichten Kontaktleute in Gaza von Bombardierungen ohne jegliche Warnung. Mindestens 15 Journalisten wurden seit dem 7. Oktober in Gaza, Israel und im Libanon get\u00f6tet, 11 davon waren pal\u00e4stinensische Journalisten. Drittens hat Israel die Infrastruktur f\u00fcr Internet und Mobiltelefonie bombardiert und den Strom abgestellt. Das hei\u00dft, dass die Menschen ihre Handys kaum mehr aufladen k\u00f6nnen, wenn sie \u00fcberhaupt noch Empfang haben.<\/p>\n<p>Wir versuchen rund um die Uhr, mit Menschen im Gazastreifen in Kontakt zu bleiben und Gespr\u00e4chspartner zu finden. Manchmal dauert es mehrere Tage, bis jemand Empfang hat und sich zur\u00fcckmeldet. Von manchen Kontakten haben wir seit letzter Woche keine Nachricht mehr erhalten. In den vergangenen Tagen waren die Menschen auch damit besch\u00e4ftigt, einen sicheren Ort zu suchen, Nahrung und Wasser zu finden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Menschen um ihr Leben f\u00fcrchten und die Verbindung st\u00e4ndig abrei\u00dft, k\u00f6nnen wir keine ruhigen, reflektierten Gespr\u00e4che mit ihnen f\u00fchren \u2013 was wir erhalten, sind in erster Linie verzweifelte Hilferufe. Viele standen in den vergangenen Tagen oft derart unter Schock, dass sie kaum Worte fanden, um ihre Erfahrungen zu beschreiben.<\/p>\n<p><strong><em>Monika Bolliger<\/em><\/strong>,<em> berichtet f\u00fcr den SPIEGEL \u00fcber den Nahen Osten.<\/em><\/p>\n<h3>Israels S\u00fcden nach dem Gro\u00dfangriff der Hamas<\/h3>\n<p>In den ersten Tagen nach dem 7. Oktober konnte man sich auf der israelischen Seite nahe Gaza relativ frei bewegen, aber es war gef\u00e4hrlich: Immer wieder wurde mit Eindringlingen gek\u00e4mpft, es herrschte Chaos. Mittlerweile gelangt man an viele Orte nur noch mit gef\u00fchrten Pressetouren der israelischen Armee. Fotograf Kobi Wolf und ich konnten im Rahmen einer solchen Tour auf das Festivalgel\u00e4nde, wo Hunderte junge Menschen von Hamas-Terroristen erschossen worden waren. Wir hatten etwa eine Stunde, um uns dort umzuschauen. Pl\u00f6tzlich fielen Sch\u00fcsse, ein Mann mit einem Messer tauchte auf, wurde von Soldaten \u00fcberw\u00e4ltigt. Ein Zeichen, wie nerv\u00f6s alle sind.<\/p>\n<p>Die Lage ist angespannt. Es gibt immer wieder Raketenbeschuss aus Gaza. Auch die schweren Detonationen der israelischen Bomben in Gaza sind zu h\u00f6ren \u2013 und oft sogar zu sp\u00fcren. Wenn wir mit dem Auto unterwegs sind, horchen wir st\u00e4ndig, ob es gerade in der N\u00e4he Raketenbeschuss gibt. Dann fahren wir sofort rechts ran und legen uns flach auf den Boden. Wir tragen nat\u00fcrlich auch kugelsichere Westen, haben Helme und Erste-Hilfe-Ausr\u00fcstung dabei.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he des Gazastreifens ist es wichtig, sich mit den israelischen Soldaten abzustimmen: an den Checkpoints vorsichtig zu sein, langsam zu fahren, den Soldaten m\u00f6glichst ins Gesicht zu blicken, damit man nicht f\u00fcr Terroristen gehalten wird.<\/p>\n<p>Auch mit den Informationen der israelischen Armee muss man vorsichtig umgehen, diese pr\u00fcfen, so gut es geht. Die Armee ist Kriegspartei, verfolgt eigene Interessen. Bei vielen Themen k\u00f6nnen wir nicht einfach \u00fcbernehmen, was das Milit\u00e4r uns pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p><strong><em>Thore Schr\u00f6der<\/em><\/strong>, ist SPIEGEL-Krisenreporter und derzeit im Einsatz in Israel.<\/p>\n<h3>Im Wohnzimmer der \u00dcberlebenden<\/h3>\n<p>Zwei Stunden nach meiner Ankunft in Israel sa\u00df ich bereits im Wintergarten eines \u00dcberlebenden des Supernova-Festivals. Man wei\u00df nie, wie Menschen, die ein Trauma erlitten haben, reagieren. Ich beginne jedes Gespr\u00e4ch damit, dass ich sage: \u00bbWenn es Ihnen zu viel wird, sagen Sie bitte \u203aStopp\u2039\u00ab. Manche weinen, manche brechen das Gespr\u00e4ch ab, andere reden, als ginge es um das Wetter. Mein Gespr\u00e4chspartner Sagi Gaboy geh\u00f6rte zur letzten Gruppe.<\/p>\n<p>Am Ende unseres Gespr\u00e4chs heulten pl\u00f6tzlich die Sirenen \u2013 Luftalarm. Zusammen mit Sagi Gaboy, seiner Schwester und seiner Mutter quetschten wir uns in ihren Schutzraum, eine kleine Abstellkammer im Keller. W\u00e4hrend Sagi Gaboy und seine Schwester mit uns plauderten, atmete die Mutter schwer. Das Trauma, das ich bei ihrem Sohn vermutet hatte, zeigte sich stattdessen bei ihr.<\/p>\n<p>Fast jeder Mensch in Israel kennt einen \u00dcberlebenden oder Toten des Hamas-Angriffs pers\u00f6nlich. Selbst wenn jemand nicht dabei war, kann er oder sie dadurch psychischen Schaden genommen haben. Deshalb m\u00fcssen wir besonders behutsam vorgehen. Dass die Menschen \u00fcber ihre Erfahrungen und Gef\u00fchle reden, ist nicht selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p><strong><em>Muriel Kalisch<\/em><\/strong> <em>reiste vergangene Woche nach Israel und berichtete unter anderem aus Tel Aviv.<\/em><\/p>\n<h3>Unterwegs im Westjordanland<\/h3>\n<p>Die Lage hier ist angespannt. Die Pal\u00e4stinenser f\u00fchlen sich noch verlassener von der ganzen Welt als bisher. Es herrscht das Gef\u00fchl vor, dass ein pal\u00e4stinensisches Leben weniger wert sei als ein j\u00fcdisches. Die Menschen haben das Gef\u00fchl, es werde nicht gesehen, dass sie seit Jahrzehnten unter der Besatzung durch Israel leiden und immer wieder auch Zivilisten durch die israelische Armee get\u00f6tet werden. Die Pal\u00e4stinenser glauben nun noch mehr, ihr Anliegen eines eigenen Staates sei in Vergessenheit geraten. Die Wut wird deswegen immer gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Mit Blick auf die Sicherheitslage ist es wichtig, dass wir uns zur richtigen Zeit als Journalisten zu erkennen geben. Unser Wagen hat israelische Kennzeichen. Fahren wir etwa nach Nablus oder Dschenin, in die Zentren des bewaffneten Widerstands im Westjordanland, geben wir deutlich zu erkennen, dass Journalisten im Auto sitzen. An diesen Orten k\u00f6nnte es gef\u00e4hrlich sein, f\u00fcr einen Israeli gehalten zu werden.<\/p>\n<p>Andernorts ist die israelische Armee sehr pr\u00e4sent. In Huwara etwa, wo die Siedlergewalt immer wieder eskaliert, ist die Hauptstra\u00dfe neuerdings f\u00fcr Pal\u00e4stinenser gesperrt, hier patrouilliert die israelische Armee. Die hat wenig Interesse daran, dass Journalisten von vor Ort berichten. Entsprechend versuchen wir, unauff\u00e4llig durch die Checkpoints zu kommen.<\/p>\n<p>Zudem besteht f\u00fcr uns die Gefahr, aufgestachelten und aggressiven Siedlern zu begegnen. Siedlergewalt gibt es seit Jahren. Vor dem Krieg gab es etwa drei \u00dcbergriffe am Tag, seit vergangener Woche hat sich die Lage noch mal versch\u00e4rft. Auch auf Schusswechsel an Checkpoints oder auf Operationen der israelischen Armee m\u00fcssen wir achten. Wir planen deshalb unsere Routen noch genauer als sonst und sind auf die Ortskenntnisse unserer lokalen Mitarbeiter angewiesen.<\/p>\n<p><strong><em>Fritz Schaap<\/em><\/strong>, <em>studierte Islamwissenschaften und berichtet f\u00fcr den SPIEGEL aus Afrika, derzeit ist er in Israel und dem Westjordanland unterwegs.<\/em><\/p>\n<h3>Am Telefon mit den Familien der Geiseln<\/h3>\n<p>Ich habe selten so schwere Gespr\u00e4che gef\u00fchrt wie diese. Die Perspektive f\u00fcr die Geiseln in Gaza ist d\u00fcster, das wissen auch die Angeh\u00f6rigen. Dennoch k\u00f6nnen sie die Hoffnung nicht aufgeben und klammern sich an jeden Strohhalm. Viele Familien wenden sich bewusst mit ihren Geschichten an die Presse. Sie wollen Aufmerksamkeit erzeugen und den Druck erh\u00f6hen \u2013 auf die israelische Regierung, aber auch auf andere Staaten. Unter den 199 Geiseln sind viele Doppelstaatler.<\/p>\n<p>Die Telefonate mit den Familien sind sehr emotional, da bricht dem Gegen\u00fcber die Stimme weg, es wird nach Worten gesucht, Tr\u00e4nen flie\u00dfen. Es hilft, wenn man das Gespr\u00e4ch dann auf technische Fragen lenkt: \u00bbBuchstabieren Sie mir den Namen, haben Sie eine Kopie vom Pass?\u00ab<\/p>\n<p>In sozialen Netzwerken suchen die Familien nach Lebenszeichen, sie hoffen, die Vermissten in Videos der Hamas zu erkennen. Es sind grausame Bilder. Die Aussagen der Familien helfen uns dabei, die Personen auf den Videos zu identifizieren. Auch kann man etwa Geodaten auswerten. Zeigen wollen wir viele dieser Aufnahmen nicht, sie sind brutal und k\u00f6nnen einen lange verfolgen. Sie angemessen zu beschreiben ist eine gro\u00dfe Herausforderung.<\/p>\n<p><strong><em>Anna-Sophie Schneider <\/em><\/strong>ist SPIEGEL-Redakteurin in Hamburg und berichtet \u00fcber die Lage der Hamas-Geiseln.<\/p>\n<h3>Der letzte gro\u00dfe Krieg<\/h3>\n<p>2014, beim letzten gro\u00dfen Gazakrieg, als Israel auch Bodentruppen in den K\u00fcstenstreifen entsandte, sollte der Fu\u00dfg\u00e4nger\u00fcbergang f\u00fcr Journalisten \u2013 das Terminal Erez im Norden des Gazastreifens \u2013 auch zuerst geschlossen bleiben. Israel nannte diesen Einsatz seiner Streitkr\u00e4fte \u00bbTzuk Eytan\u00ab, \u00fcbersetzt \u00bbFels in der Brandung\u00ab. Und dieser Krieg begann nicht wie heute mit einem Terrormassaker, sondern ging hervor aus einer eher klassischen Eskalation zwischen Israel auf der einen und dem Islamischen Dschihad und Hamas auf der anderen Seite.<\/p>\n<p>Auf Dr\u00e4ngen der Foreign Press Association, aber wohl auch von Reporter ohne Grenzen, wurde Erez dann f\u00fcr wenige Stunden w\u00f6chentlich ge\u00f6ffnet. Das hie\u00df, wir Journalisten konnten in den Gazastreifen, waren dann ein paar Tage lang eingeschlossen in diesem Krieg \u2013 wie die Bewohner Gazas auch. Wir warteten ab, bis die Armee f\u00fcr uns Journalisten kurz \u00f6ffnete und wir wieder rauskonnten, davon erfuhren wir per SMS.<\/p>\n<p>Wir, ein paar franz\u00f6sische Radiojournalisten, zwei Schweden, zwei Australier und ich, r\u00fcckten quasi neben den israelischen Panzern ein, durch den Korridor bei Erez. Noch auf israelischer Seite unterschrieben wir auf einer Kopie unserer P\u00e4sse, dass wir f\u00fcr alles Weitere selbst verantwortlich sind. In den ersten Wochen dieser Offensive waren wir sehr wenige Journalisten im Gazastreifen, fast alle eigentlich waren in zwei, drei Hotels an der K\u00fcste untergebracht.<\/p>\n<p>Der Beschuss war massiv, mindestens 150.000 Menschen mussten ihre H\u00e4user verlassen, Uno-Schulen, wo Gefl\u00fcchtete Schutz suchten, wurden beschossen; auch das Shifa-Krankenhaus, wo sich so viele hingerettet hatten, bekam eine Evakuierungsorder.<\/p>\n<p>Das Leid war damals schon unbeschreiblich gro\u00df in diesem Elendsstreifen und wie so oft wurden auch bei diesem Waffengang \u00fcberproportional viele Kinder get\u00f6tet. Was auch immer jetzt in Gaza passiert und noch passieren wird: Es muss berichtet werden. Oder konkreter: es muss dar\u00fcber berichtet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong><em>Julia Amalia Heyer<\/em><\/strong> <em>war von 2012 bis 2014 f\u00fcr den SPIEGEL als Korrespondentin in Tel Aviv und berichtet auch jetzt \u00fcber die Lage in Israel.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem beispiellosen Terrorangriff hat die Hamas Israel am 7. Oktober \u00fcberrascht. 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