{"id":23440,"date":"2023-09-27T17:20:05","date_gmt":"2023-09-27T14:20:05","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/klimaschutz-in-danemark-einfamilienhaus-ist-danen-doch-egal\/"},"modified":"2023-09-27T17:20:05","modified_gmt":"2023-09-27T14:20:05","slug":"klimaschutz-in-danemark-einfamilienhaus-ist-danen-doch-egal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/klimaschutz-in-danemark-einfamilienhaus-ist-danen-doch-egal\/","title":{"rendered":"Klimaschutz in D\u00e4nemark: Einfamilienhaus? Ist D\u00e4nen doch egal"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Die Stra\u00dfen in den Klimaabgrund sind ges\u00e4umt von Zierb\u00fcschen und kleinen Trampolinen. Das Neubaugebiet Kildebjerg nahe der d\u00e4nischen Stadt Aarhus ist eine ausufernde Ansammlung von modernen Einfamilienh\u00e4usern, geplant rund um einen Golfplatz. So gepflegt die Vorg\u00e4rten auch sind, so leer ist es hier. Zwei M\u00e4hroboter surren \u00fcber Rasen, in den Carports vor vielen der meist grau und braun verklinkerten H\u00e4user parken Elektroautos. Menschen sind nicht zu sehen, erst an Loch 18 j\u00e4ten zwei G\u00e4rtner Unkraut.<\/p>\n<p>Es ist eine aufger\u00e4umte Idylle, fast schon unheimlich perfekt. Und mit einem hohen Ressourcenverbrauch. Selbst die 500 Stra\u00dfenlaternen wurden extra f\u00fcr diese Siedlung entworfen und haben eine eigene Internetseite. Claus Leick seufzt. \u00bbWegen diesem Mist bin ich politisch aktiv geworden. Wir k\u00f6nnen so nicht weitermachen.\u00ab<\/p>\n<p>Leick ist seit 2017 Stadtrat f\u00fcr die linksgr\u00fcne Fraktion der Socialistisk Folkeparti. Die Siedlung, in der er steht, ist die wohl vorerst letzte im Ortsteil Ry der Verbandsgemeinde Skanderborg in J\u00fctland. \u00bbF\u00fcr mehr H\u00e4user fehlt uns schlicht der Platz\u00ab, sagt der 61-J\u00e4hrige und zeigt in Richtung Golfplatz. Ry und die anderen Ortsteile sind malerisch gelegen, ringsherum gibt es Seen und kleine W\u00e4lder. Wer in Aarhus arbeitet, pendelt kaum 30 Minuten. Um hier bauen zu k\u00f6nnen, kaufen junge, gut verdienende d\u00e4nische Familien inzwischen auch alte H\u00e4user und lassen sie abrei\u00dfen.<\/p>\n<p>Ginge es nach Leick und anderen Verantwortlichen der Stadt, m\u00fcssten solche H\u00e4user jedoch bald anders aussehen, weniger protzig, seltener frei stehend, ohne ausufernde Zufahrtsstra\u00dfen, sondern kompakt und sparsam. Denn jedes neue Haus, sagt Leick, sei ein Problem f\u00fcr den Klimaschutz.<\/p>\n<p>Da Regierungen mit Klimaschutzma\u00dfnahmen h\u00e4ufig z\u00f6gern, sind Metropolen wie Paris, Kopenhagen oder Seoul zu Vorreitern geworden                                       . Doch nirgendwo haben sich bislang auch so viele kleine Orte und St\u00e4dte dem angeschlossen wie in D\u00e4nemark: 96 von 98 Gemeinden im Land haben versprochen, noch in diesem Jahr eine eigene Klimastrategie vorzulegen, um bis sp\u00e4testens 2050 klimaneutral zu werden. Grundlage daf\u00fcr sind die Standards des C40-Netzwerks gro\u00dfer St\u00e4dte            , die sich freiwillig einem ambitionierteren Klimaschutz verschrieben haben, der Thinktank Concito \u00fcberwacht die Umsetzung .<\/p>\n<p>Karen Margrethe H\u00f8j Madsen ist seit knapp zwei Jahren die Bauamtschefin von Skanderborg. Ihr B\u00fcro liegt im zweiten Stock des Rathauses, ein gro\u00dfer wei\u00dfer Neubau mit Sporthalle sowie einer Kantine voller Designerm\u00f6bel, die allen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern offensteht. H\u00f8j Madsen ist zust\u00e4ndig f\u00fcr Planung, Technik und Umwelt, doch wo sie ihren Schwerpunkt sieht, ist unschwer zu erkennen. In ihrem B\u00fcro steht ein Baustellenschild, unweit entfernt h\u00e4ngt ein Plakat, auf dem steht: \u00bbChange the politics, not the climate\u00ab \u2013 \u00e4ndere die Politik, nicht das Klima.<\/p>\n<p>Bisweilen falle es ihr schwer, die Bedeutung des Wortes \u00bbGeduld\u00ab n\u00e4her zu verstehen, sagt H\u00f8j Madsen von sich selbst. Zusammen mit dem sozialdemokratischen B\u00fcrgermeister und Stadtr\u00e4ten wie Claus Leick h\u00e4tte sie in Skanderborg gern Geschichte geschrieben. Als erste Gemeinde in D\u00e4nemark wollten sie die Gr\u00f6\u00dfe neuer Wohnh\u00e4user beschr\u00e4nken \u2013 auf 120 Quadratmeter. Das sei die Empfehlung von Experten gewesen, ein Kompromiss aus den Bed\u00fcrfnissen einer vierk\u00f6pfigen Familie und der Notwendigkeit, Emissionen zu senken. Allein die Baubranche ist f\u00fcr ein Drittel davon weltweit verantwortlich.<\/p>\n<p>Die Idee sorgte f\u00fcr einen Aufschrei. Wochenlang wurde im Stadtrat dar\u00fcber diskutiert, zuerst ging es um die 120 Quadratmeter, dann um 150. Am Ende musste der Vorschlag aufgeweicht werden, um die Klimastrategie insgesamt mehrheitsf\u00e4hig zu machen. Jetzt hei\u00dft es, dass kleinere Geb\u00e4ude \u00bbw\u00fcnschenswert\u00ab seien und das Bauamt die Pl\u00e4ne f\u00fcr neue Geb\u00e4ude kritisch \u00fcberpr\u00fcfen solle, um den CO\u2082-Fu\u00dfabdruck f\u00fcr Neubauten zu reduzieren.<\/p>\n<p>Doch auch mit Kompromiss ist die kleine Stadt Skanderborg weit vorne: Die Verwaltung will schon bis 2025 CO\u2082-neutral werden, es entstehen bald 73 Lades\u00e4ulen f\u00fcr E-Autos, bis 2030 sollen 300 Hektar Wald aufgeforstet werden.<\/p>\n<h3>Kaum etwas verursacht so viele Emissionen wie Bauen<\/h3>\n<p>F\u00fcr viele ihrer Mitarbeiterinnen sei das alles immer noch eine Revolution, sagt H\u00f8j Madsen. In der Verwaltung habe man sich lange als Dienstleister f\u00fcr die Ansiedlung neuer B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger sowie Unternehmen verstanden, nicht unbedingt als aktive Klimasch\u00fctzer.<\/p>\n<p>Daran, dass es in Skanderborg dann doch nicht ganz so weit kam, wie H\u00f8j Madsen es sich gew\u00fcnscht h\u00e4tte, tr\u00e4gt Jens Szabo eine Mitverantwortung. Er ist der \u00f6rtliche Fraktionschef der liberal-konservativen Venstre-Fraktion und stimmte auch in der Kompromissform gegen den Klimaplan. Dass kleinere H\u00e4user besser seien, empfindet er als Bevormundung. Szabo selbst lebt allein auf 95 Quadratmetern in einer Doppelhaush\u00e4lfte, seine drei Kinder sind zum Studium weggezogen, er ist geschieden.<\/p>\n<p>Der 61-J\u00e4hrige gie\u00dft sich Baileys in den Kaffee und z\u00e4hlt auf, was f\u00fcr ihn das d\u00e4nische Miteinander ausmacht: ein Bewusstsein f\u00fcr die b\u00e4uerliche Vergangenheit; Liebe zur Natur; gutes Design; Nachbarschaftssinn und Zusammenhalt. Und dann: \u00bbFreiheit, Freiheit, Freiheit. Darum geht es doch.\u00ab<\/p>\n<p>Szabo sagt von sich aus, dass er nat\u00fcrlich den Klimawandel anerkenne und auch etwas dagegen machen wolle. \u00bbAber nicht so! Die Baugebiete entstehen, weil junge Familien Platz ben\u00f6tigen. Wollen wir das verbieten und festlegen, dass das nicht wichtig ist?\u00ab<\/p>\n<p>Er verweist auf die Steuereinnahmen, die eine Gemeinde nun mal brauche. Nat\u00fcrlich seien junge Familien attraktiv, schlie\u00dflich stehe man im Wettbewerb mit benachbarten Orten. Von einem Verbot will Szabo nichts h\u00f6ren. \u00bbFragen Sie doch mal den Claus Leick\u00ab, sagt er, \u00bbder hat mehr Platz als ich.\u00ab<\/p>\n<p>Die Professorin Kirsten Gram-Hanssen besch\u00e4ftigt sich an der Universit\u00e4t Aalborg seit Jahren mit der Bedeutung von Wohnraum und Konsum f\u00fcr die d\u00e4nische Gesellschaft. Sie sei nicht \u00fcberrascht dar\u00fcber, dass die Debatte so emotional gef\u00fchrt werde. \u00bbDas eigene Haus ist f\u00fcr uns in D\u00e4nemark sehr wichtig\u00ab, sagt sie. Dort, wo die Lebenshaltungskosten so hoch und die Winter oft lang seien, suche man einen Raum, der Platz und Ruhe verspreche.<\/p>\n<p>\u00bbDie meisten Menschen gehen nicht oft in Restaurants. Selbst mit dem Gehalt einer Professorin kann es sehr teuer werden\u00ab, sagt Gram-Hanssen. Es sei zudem ein Mythos, dass der steigende Raumverbrauch nur durch h\u00f6here Anspr\u00fcche zu erkl\u00e4ren sei. \u00bbEs entstehen immer neue Einfamilienh\u00e4user, ja. Aber die gr\u00f6\u00dfte Ver\u00e4nderung ist, dass junge Leute wegziehen und die \u00e4lteren in den H\u00e4usern bleiben, auch wenn die Kinder weg sind oder der Partner stirbt. Wir sind eine Gesellschaft, in der heute 40 Prozent der Menschen allein wohnen. Das ist das Problem, wenn es um Wohnfl\u00e4chenverbrauch geht.\u00ab<\/p>\n<h3>D\u00e4nemark ist f\u00fchrend in der Architektur \u2013 und im Ressourcenverbrauch<\/h3>\n<p>Gleichzeitig ist die Professorin \u00fcberzeugt, dass der gesuchte Wohnraum eigentlich schon da sei. Sie finde es geradezu obsz\u00f6n, dass H\u00e4user abgerissen und neu gebaut werden. \u00bbKaum ein Land auf der Welt beansprucht so viele Ressourcen \u2013 eigentlich br\u00e4uchten wir einen Baustopp.\u00ab<\/p>\n<p>Soweit d\u00fcrfte es vorerst kaum kommen, auch, weil bezahlbarer Wohnraum immer noch fehlt.<\/p>\n<p>Hier, glaubt der liberale Stadtrat Jens Szabo, k\u00f6nne man etwas machen. Es sei schlie\u00dflich auch eine Form von Freiheit, sich vern\u00fcnftiges Wohnen leisten zu k\u00f6nnen. Er f\u00fchrt in eine Seniorensiedlung in seiner Nachbarschaft, in der es kleinere H\u00e4user gibt. Die roten Klinkerbauten sind einst\u00f6ckig und mit Garten, aber nicht ganz so gro\u00df. Sie geh\u00f6ren einer lokalen Wohnungsbaugenossenschaft, wie knapp ein Drittel der Mietwohnungen im Land.<\/p>\n<p>Szabo redet jetzt nicht von Klima und Verboten, sondern von Innovationen und einer neuen Einstellung im Alter. Er will, dass k\u00fcnftig mehr Alte umziehen, um f\u00fcr die Jungen Wohnraum zu schaffen. Der n\u00e4her r\u00fcckende Renteneintritt seiner Generation sei auch eine Chance auf freiwillige Verkleinerung, glaubt er.<\/p>\n<h3>Kleine Genossenschaftsh\u00e4user als Option f\u00fcr ein bezahlbares, klimafreundlicheres Leben<\/h3>\n<p>Dann f\u00fchrt er in eine linksalternativeWohnungsbaugenossenschaft, in die bevorzugt Familien aufgenommen werden. Hippies seien das gewesen, als sie 1985 die ersten H\u00e4user errichtet h\u00e4tten, erz\u00e4hlt der Stadtrat. In der Siedlung gibt es eine Gemeinschaftsk\u00fcche, einen gro\u00dfen Festsaal und eine Holzwerkstatt.<\/p>\n<p>Hippies finden sich jedoch keine mehr, nur ein Ingenieur, der bis zur Rente Tankstellen gebaut hat, und ein 26-j\u00e4hriger Geschichtsstudent mit zwei Kindern. Warum sie hier wohnen? \u00bbWeil es eine ganz tolle Idee ist\u00ab, sagt der Ingenieur. \u00bbWeil wir uns ein eigenes Haus doch ohnehin nie leisten k\u00f6nnten\u00ab, der Student.<\/p>\n<p>Sozialist Claus Leick sagt, dass seine Frau und er dieses Modell nat\u00fcrlich gut f\u00e4nden. Sie \u00fcberlegten gerade selbst, noch einmal umzuziehen.<\/p>\n<p>Auch Bauamtsleiterin H\u00f8j Madsen mag solche Gemeinschaften. Sie br\u00e4uchten weniger Platz und weniger neue Stra\u00dfen, erm\u00f6glichten Kindern eine gesch\u00fctzte Umgebung und t\u00e4ten etwas gegen die zunehmende Einsamkeit. Die Stadt hat eine eigene \u00dcbersichtsseite, auf der sie die Genossenschaften vorstellt. K\u00fcnftig k\u00f6nnten solche Projekte vorrangig genehmigt werden. Es w\u00fcrden dann immer noch neue H\u00e4user in Skanderborg gebaut. Aber es w\u00e4ren andere.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Stra\u00dfen in den Klimaabgrund sind ges\u00e4umt von Zierb\u00fcschen und kleinen Trampolinen. 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