{"id":226,"date":"2020-06-02T11:58:35","date_gmt":"2020-06-02T08:58:35","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/proteste-in-den-usa-raustragen-ist-nicht-austragen\/"},"modified":"2020-06-02T11:58:35","modified_gmt":"2020-06-02T08:58:35","slug":"proteste-in-den-usa-raustragen-ist-nicht-austragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/proteste-in-den-usa-raustragen-ist-nicht-austragen\/","title":{"rendered":"Proteste in den USA: Raustragen ist nicht austragen"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/f3ff9de3-fd45-43b9-a633-dcffeb6aa998_w948_r1.77_fpx49_fpy57.jpg\" title=\"Ein Louis-Vuitton-Gesch\u00e4ft in Boston wird gepl\u00fcndert\" alt=\"Ein Louis-Vuitton-Gesch\u00e4ft in Boston wird gepl\u00fcndert\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Ein Louis-Vuitton-Gesch\u00e4ft in Boston wird gepl\u00fcndert<\/p>\n<p> Keiko Hiromi\/ imago images\/AFLO <\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein Land ist im Ausnahmezustand, und alles daran ist politisch.<\/p>\n<p>Der Protest gegen einen brutalisierten und teilweise faschistoiden Polizeiapparat. Die Wut \u00fcber die rassistische Benachteiligung ganzer Bev\u00f6lkerungsgruppen. Ein Pr\u00e4sident, der sich im Bunker des Wei\u00dfen Hauses verkriecht, w\u00e4hrend er das Chaos drau\u00dfen mit milit\u00e4rischen Mitteln einzud\u00e4mmen versucht. Die Unterwanderung friedlicher Demonstranten durch rechte wie linke Extremisten an der Schwelle zur Miliz. Plakate, Tr\u00e4nengas, Kn\u00fcppel, brennende Barrikaden. Alles politisch. Hier wird etwas ausgetragen.<\/p>\n<p>Bei Pl\u00fcnderungen aber wird nur etwas rausgetragen. Ist das auch politisch?<\/p>\n<p>Wohlwollenden Beobachtern (und Leuten, die h\u00f6chstens mal ein B\u00fcfett oder ihren K\u00fchlschrank &quot;pl\u00fcndern&quot;) erscheint das W\u00fcten der W\u00fctenden als so nachvollziehbare Notwendigkeit, dass das Pl\u00fcndern sozusagen als unappetitlicher Beifang in Kauf genommen wird.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist es der Moment, in dem der politische Protest unweigerlich kippt &#8211; und seine moralische Berechtigung verliert.<\/p>\n<p>Das war 1992 in Los Angeles so, 2011 in London, und so ist es zuverl\u00e4ssig bei allen Ausschreitungen dieser Art, \u00fcberall. Seit am 1. Mai 1987 in Berlin mehrere Gesch\u00e4fte gepl\u00fcndert wurden, geh\u00f6rt Verbrettern von Schaufenstern durch Ladeninhaber zur wiederkehrenden Folklore der Auseinandersetzung. Rituelle Pl\u00fcnderungsversuche sind hier bereits eingepreist. <\/p>\n<p>Es geht nicht darum, systemisches Unrecht mit einer vergleichweisen Lappalie wie dem Pl\u00fcndern eines Supermarkts aufzurechnen. Es geht darum, dass die Pl\u00fcnderung in eine andere Kategorie f\u00e4llt als der Protest, der sie erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Es ist durchaus eine kollektive Wut vorstellbar, die zum Niederbrennen einer Polizeistation f\u00fchrt \u2013 insofern die Station ein Symbol des Systems ist. Welcher Natur aber w\u00e4re eine Wut, die zum Abgreifen unbewachter Statussymbole f\u00fchrt? Ich bin so verdammt w\u00fctend, dass ich mir jetzt zwei Playstations abgreife und zu Hause erst mal eine Runde zocke?<\/p>\n<p>Vulg\u00e4rmarxistisch k\u00f6nnte man argumentierten, dass hier die Enteigneten die Enteigner enteignen. Und sich nehmen, was ihnen vorenthalten wird. Nach dieser Logik m\u00fcsste sich nicht Tante Emma um ihren Laden, sondern ein Gro\u00dfpl\u00fcnderer ganzer Volkswirtschaften wie Jeff Bezos ernste Sorgen um seine Logistikzentren machen. <\/p>\n<p>Am 2. April 1968 haben die sp\u00e4teren Mitbegr\u00fcnder der RAF zwei Kaufh\u00e4user angez\u00fcndet. Es ist nicht bekannt, dass sie zuvor Uhren, Schmuck oder Unterhaltungselektronik f\u00fcr den eigenen Bedarf abgezweigt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Wenn es stimmt, dass der Massenkonsum ein System stabilisiert und ich dieses System bek\u00e4mpfen will, dann d\u00fcrfen die Tempel dieses Konsums getrost brennen. Eigne ich mir aber zuvor die Zeichen dieses Konsums an, Turnschuhe, Laptops, Thermomix, dann habe ich schon verloren.<\/p>\n<p>Dann hat das System gewonnen, weil seine Gl\u00fccksversprechen weiterwirken und das pl\u00fcndernde Subjekt angeblich zwar alle Ordnung infrage stellt, nicht aber den Wert eines Laserdruckers.<\/p>\n<p>&quot;Macht kaputt, was euch kaputt macht!&quot; ist etwas v\u00f6llig anderes, vielleicht sogar das Gegenteil von: &quot;Nehmt mehr von dem, was euch kaputt macht!&quot; \u2013 weil ihr es eigentlich doch begehrt.<\/p>\n<p>In diesem Fall ist das Pl\u00fcndern, der Vergewaltigung als aggressivem Begehren nicht un\u00e4hnlich, nur noch entgrenzter Konsum. Es geht nicht ums \u00dcberleben. Es geht ums Wohlleben.<\/p>\n<p>Gestern griff ich mir aus der Opulenz der Regale, was ich bezahlen konnte. Heute greife ich mir, was ich tragen kann. Es ist ein euphorischer Rausch, danach geht&#039;s mir bestimmt besser. Was war noch mal mein politisches Anliegen?<\/p>\n<p>Nun ist den Pl\u00fcnderern nicht vorzuwerfen, dass sie ihren Karl Marx nicht gelesen haben. Ebenso wenig ist ihnen zugutezuhalten, von den \u00fcblen Umst\u00e4nden leider so zugerichtet zu sein, dass sie gar &quot;nicht anders k\u00f6nnen&quot;, als ihre W\u00fcrde m\u00f6glichst billig preiszugeben.<\/p>\n<p>Die Revolte ist immer ein heikler Moment. Die bisherige Ordnung ist moralisch diskreditiert, eine neue Ordnung noch nicht etabliert. Wenn eine kritische Masse auf die Stra\u00dfen dr\u00e4ngt, besteht sie nicht nur aus edlen Subjekten. Ihre eskalierende Anwesenheit schadet der Sache inhaltlich wie strategisch. Sie bilden ihre moralisch offene Flanke.<\/p>\n<p>Wenn eine Bewegung diese Flanke nicht mit eigenen Mitteln geschlossen bekommt, werden das fr\u00fcher oder sp\u00e4ter die bisherigen Autorit\u00e4ten tun.<\/p>\n<p>Mit genau den grundfalschen Methoden, die diesen Ausnahmezustand \u00fcberhaupt erst zu verantworten haben.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Ein Louis-Vuitton-Gesch\u00e4ft in Boston wird gepl\u00fcndert Keiko Hiromi\/ imago images\/AFLO Ein Land ist im Ausnahmezustand, und alles daran ist politisch. Der Protest gegen einen brutalisierten und teilweise faschistoiden Polizeiapparat. Die Wut \u00fcber die rassistische Benachteiligung ganzer Bev\u00f6lkerungsgruppen. 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