{"id":22528,"date":"2023-08-18T00:37:49","date_gmt":"2023-08-17T21:37:49","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/putsch-in-niger-die-angst-vor-der-nachsten-migrationswelle\/"},"modified":"2023-08-18T00:37:49","modified_gmt":"2023-08-17T21:37:49","slug":"putsch-in-niger-die-angst-vor-der-nachsten-migrationswelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/putsch-in-niger-die-angst-vor-der-nachsten-migrationswelle\/","title":{"rendered":"Putsch in Niger: Die Angst vor der n\u00e4chsten Migrationswelle"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Abdourahamane Hama setzt gro\u00dfe Hoffnungen in die neue Junta, der Putsch k\u00f6nnte schlie\u00dflich seinen Wohlstand zur\u00fcckbringen. Er sitzt in seinem schicken Haus in der W\u00fcstenstadt Agadez in Niger, inmitten der verwinkelten Altstadt mit ihren einfarbigen Lehmbauten.<\/p>\n<p>Hama hat das Anwesen vor zehn Jahren komplett renoviert, damals brummte das Gesch\u00e4ft. Der Nigriner ist das, was man in Europa gerne einen Schleuser nennt. Oder besser gesagt: Er war es. Denn seit acht Jahren ist er arbeitslos, wegen des Gesetzes 2015-036, erlassen im Mai 2015 in der fernen Hauptstadt Niamey. Darin wird der Bev\u00f6lkerung verboten, internationale Migrantinnen und Migranten von Agadez nach Norden in Richtung Libyen oder Algerien zu bef\u00f6rdern. Doch genau das war Hamas Job: Er brachte Menschen nach Norden. Nach Libyen \u00fcber die Stadt Dirkou. Nach Algerien \u00fcber Arlit. Nicht wenige von ihnen reisten dann weiter nach Europa.<\/p>\n<p>\u00bbIch habe eine ganz legale Reiseagentur betrieben, ich habe Steuern bezahlt\u00ab, \u00e4rgert sich der Mann im roten Hemd und Ziegenleder-Sandalen, den in Agadez alle nur Addou nennen. Agadez bl\u00fchte damals angesichts des Gesch\u00e4fts mit der Migration. Menschen wie Addou Hama verdienten viel Geld, die H\u00e4ndler in der Stadt ebenso. Hunderttausende zogen in den besten Zeiten pro Jahr durch die Stadt. Heute ist die Route weitgehend dicht.<\/p>\n<h3>Nun fragen sich viele: Wird die Junta das Thema Migration als politische Waffe einsetzen?<\/h3>\n<p>Die Transporteure, die noch operieren, tun es in der Illegalit\u00e4t; die Preise sind gestiegen, der Weg durch die Sahara ist deutlich gef\u00e4hrlicher geworden. Denn die \u00bbTransportunternehmer\u00ab nutzen nun Routen jenseits der bekannten Wege, tief im Inneren der W\u00fcste, die \u00f6rtlichen Sicherheitsbeamten verlangen hohe Bestechungsgelder. Die Gefahr in der Sahara zu sterben, habe durch das Anti-Schmuggler-Gesetz zugenommen, stellte im Mai eine Untersuchung der Organisation Border Forensics             fest.<\/p>\n<p>Das neue Gesetz wurde von der Uno geschrieben und ist auf Druck aus Br\u00fcssel entstanden. Damals, Anfang 2015, kamen immer mehr Gefl\u00fcchtete in Europa an. Es begann das, was sich im Sommer des Jahres zur so genannten Fl\u00fcchtlingskrise aufschaukeln sollte. Die EU musste reagieren, wollte so schnell wie m\u00f6glich die Fluchtrouten aus Afrika schlie\u00dfen. Die Regierung in Niamey erwies sich als willf\u00e4hriger Partner, erlie\u00df das Gesetz, die Polizei setzte es durch, viele Migrantinnen und Migranten wichen auf andere Routen aus. Die angek\u00fcndigten neuen Jobs f\u00fcr ehemalige Schleuser wie Addou blieben meist: ein leeres Versprechen aus Europa. \u00bbDie EU hat geglaubt, mit viel Geld das Problem l\u00f6sen zu k\u00f6nnen, hat Niger als stabilen Partner betrachtet und dabei \u00fcbersehen, wie fragil das Land schon immer war\u00ab, sagt Ulf Laessing, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung f\u00fcr die Sahel-Region.<\/p>\n<p>Jetzt ist dieser stabile Partner hinf\u00e4llig, die Junta hat nach dem Putsch die Regierung \u00fcbernommen, der einst gew\u00e4hlte Pr\u00e4sident sitzt in Hausarrest. Und in Br\u00fcssel und anderen europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dten stellen sich viele die Frage: Kommen jetzt wieder die Gefl\u00fcchteten? Wird die Junta das Thema Migration als politische Waffe einsetzen, wie es etwa der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fan immer wieder getan hat?<\/p>\n<p>\u00bbIch hoffe\u00ab, sagt Addou, \u00bbdass sich die Dinge nach dem Putsch jetzt \u00e4ndern. Wir bitten die Junta, sich um uns zu k\u00fcmmern. Das Gesetz 2015-036 zur\u00fcckzunehmen, w\u00e4re das gr\u00f6\u00dfte Geschenk, das sie uns machen k\u00f6nnen.\u00ab Er jedenfalls w\u00e4re bereit, sein Gesch\u00e4ft jederzeit wiederaufzunehmen. \u00bbEs ist gut m\u00f6glich, dass die Junta das Thema Migration als Druckmittel nutzt. Es k\u00f6nnte auf einen Deal hinauslaufen: Wenn ihr in Br\u00fcssel uns offiziell anerkennt, dann setzen wir die Kooperation mit euch fort\u00ab, meint Ulf Laessing.<\/p>\n<p>Um zu erfahren, wie die Lage derzeit ist, mehr als drei Wochen nach der Macht\u00fcbernahme durch die Putschisten, hat der SPIEGEL mit zahlreichen Mitarbeitern internationaler Organisationen und Beobachtern vor Ort gesprochen. Die meisten wollen anonym bleiben, zu gro\u00df ist die Furcht vor m\u00f6glicher Rache durch die Junta, zu gro\u00df die Ungewissheit \u00fcber das, was kommen k\u00f6nnte. Aus diesen Gespr\u00e4chen ergibt sich jedoch ein klares Bild: Bislang hat sich vor Ort wenig ver\u00e4ndert. Zwar schloss die Junta zun\u00e4chst die Landesgrenzen, doch eine hunderte Kilometer lange imagin\u00e4re Linie in der W\u00fcste l\u00e4sst sich ohnehin kaum kontrollieren. \u00bbDie Migration an den Grenzen im Norden geht im Prinzip im gleichen Ma\u00dfe weiter wie vor dem Putsch\u00ab, sagt ein Vertreter des Uno-Fl\u00fcchtlingshilfswerks UNHCR. Das hei\u00dft aber auch: keine pl\u00f6tzliche Zunahme.<\/p>\n<p>Der nigrische Fl\u00fcchtlingsaktivist Nasser Mohamed* war k\u00fcrzlich an der Grenze zu Libyen, er wollte sich die Situation dort pers\u00f6nlich anschauen. \u00bbDie Leute queren dort wie vor dem Putsch hin und her, die Trips werden weiter organisiert. Sie m\u00fcssen nur die Checkpoints vermeiden, wegen des Gesetzes 2015-036\u00ab, sagt er. Und es dauere momentan l\u00e4nger, so eine Reise zu organisieren, weil aufgrund des Putsches manches schwieriger geworden sei. Vieles im Land ist teurer geworden, Waren sind wegen der Sanktionen gegen die Putschisten schwerer zu beschaffen.<\/p>\n<p>An den R\u00e4ndern von Niger sind seit Jahren mobile Grenzschutztruppen unterwegs, ausgebildet und aufger\u00fcstet von den USA und Europa. Sie patrouillieren in der W\u00fcste, sollen Extremismus, Banditen \u2013 und illegale Migration \u2013 bek\u00e4mpfen. Diese mobilen Einheiten seien auch weiterhin im Einsatz, trotz des Putsches, best\u00e4tigen Beobachter vor Ort. Noch richtet die Junta die Wut der Bev\u00f6lkerung auf die ehemalige Kolonialmacht Frankreich, das Thema Migration hat sie noch nicht f\u00fcr sich entdeckt.<\/p>\n<p>Zudem herrschen gerade heftige Sandst\u00fcrme, keine gute Reisezeit f\u00fcr Migrantinnen und Migranten. Doch selbst wenn die Putschisten in Niger die einst beliebte Route durch die Sahara wieder aufmachen sollten, was w\u00fcrde dann passieren? Die meisten Beobachterinnen und Beobachter gehen nicht davon aus, dass sich ein Szenario wie 2015 wiederholen w\u00fcrde. Das hat verschiedene Gr\u00fcnde: Zum einen zieht es die meisten Fl\u00fcchtenden, ob nun vor Armut, Krieg oder Verfolgung, in die nahe gelegenen L\u00e4nder der Region. Sie wollen nicht nach Europa, sondern hoffen auf eine R\u00fcckkehr in ihre Heimat. Das betrifft etwa Gefl\u00fcchtete aus dem Sudan oder S\u00fcdsudan, die in Niger gestrandet sind.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem machen die Mittelmeerstaaten eine \u00dcberquerung Richtung Europa immer schwieriger. Algerien, Tunesien und Libyen gehen mit brutaler H\u00e4rte gegen Migrantinnen und Migranten vor, es gibt willk\u00fcrliche Verhaftungen und immer wieder illegale Pushbacks, bei denen Gefl\u00fcchtete einfach in der W\u00fcste ausgesetzt werden. Und so kommt es an den Grenzen in Niger nicht nur zu Migration gen Norden, sondern es kehren auch immer mehr Gefl\u00fcchtete zur\u00fcck, freiwillig oder unfreiwillig.<\/p>\n<p>In Agadez, der W\u00fcstenstadt, die einst so gut von den Migranten lebte, sind nun viele von ihnen gestrandet. Sie hatten ihr Gl\u00fcck in Nordafrika versucht, sind oft dramatisch gescheitert, und h\u00e4ngen jetzt fest. Viele von ihnen wollen am liebsten sofort zur\u00fcck in ihre Heimatl\u00e4nder, doch das funktioniert nun nicht mehr. Der Putsch sorgt zwar nicht daf\u00fcr, dass Menschen massenweise nach Europa kommen, aber er versch\u00e4rft das Leid der Betroffenen vor Ort. Es gibt keine Fl\u00fcge mehr nach und aus Niger, die offiziellen R\u00fcckkehrprogramme liegen brach.<\/p>\n<p>In den notd\u00fcrftigen Unterk\u00fcnften im Norden des Landes stauen sich f\u00f6rmlich die Menschen. Wenn man offiziell mit Hilfsorganisationen spricht, so kommen meist Durchhalteparolen: \u00bbWir machen weiter\u00ab, \u00bbwir beobachten die Lage\u00ab. Doch im Vertrauen berichten viele von einer katastrophalen Lage: Die Sanktionen gegen Niger erschweren die Arbeit deutlich, oft gibt es keinen Strom, wichtige G\u00fcter lassen sich nicht mehr importieren. Ein gro\u00dfes Lager einer italienischen Organisation wurde k\u00fcrzlich von einem Sandsturm sprichw\u00f6rtlich weggefegt.<\/p>\n<p>In Agadez steht Success Odinaka im B\u00fcro einer Hilfsorganisation. Sie blickt auf den Boden, tr\u00e4gt einen gr\u00fcnen Jogginganzug, sie meidet andere Menschen. Ihre Augen verraten, dass sie gerade geweint hat. \u00bbSuccess\u00ab, ihr Vorname, hei\u00dft: Erfolg. Doch ihre Geschichte steht f\u00fcr das genaue Gegenteil, zehn Jahre Schmerz, Scheitern, K\u00e4mpfen. Ihr Schicksal \u00e4hnelt dem vieler Migrantinnen, die aufbrechen, um ein besseres Leben zu finden und dann an dem Erlebten zerbrechen.<\/p>\n<p>Die 23-J\u00e4hrige war zw\u00f6lf, nicht einmal ein Teenager, als sie sich in Nigeria auf den Weg machte. Ihre Mutter hatte sie auf die Reise geschickt, um nach Norden zu ziehen und dort Geld f\u00fcr die Familie zu verdienen. Alles au\u00dfer Prostitution, das musste sie ihrem Vater versprechen. Wohin sie gehen sollte, das habe ihr niemand gesagt. \u00bbEs hie\u00df, ich sollte Wasser \u00fcberqueren\u00ab, so h\u00e4tten es ihr die Schleuser gesagt. Doch das Meer \u00fcberquerte sie nie. Und auch das Versprechen habe sie gebrochen, erz\u00e4hlt sie mit leiser Stimme, die Tr\u00e4nen kommen nun wieder.<\/p>\n<p>Success landete in Libyen, die Menschenh\u00e4ndler hielten sie dort fest, sie sollte ihre Schulden abbezahlen. Sie sei geschlagen und missbraucht, in die Prostitution gezwungen worden, mit zw\u00f6lf Jahren. \u00bbIch hatte Angst um mein Leben\u00ab, erinnert sie sich. Tag und Nacht sei sie eingesperrt gewesen, ein anderes M\u00e4dchen sei an den Folgen der Misshandlungen gestorben. In einem Land, mit dem die EU zusammenarbeitet, um Migrantinnen und Migranten von Europa fernzuhalten.<\/p>\n<h3> \u00bbIch will, dass meine Mutter sieht, dass ich noch am Leben bin\u00ab<\/h3>\n<p>Schlie\u00dflich, nach elf Jahren in Libyen, habe ihr ein Mann geholfen zu entkommen. Sie trat wieder die Reise durch die Sahara an, diesmal Richtung S\u00fcden. Sie seien ausgeraubt worden, erneut seien Freunde gestorben, erz\u00e4hlt sie. Seit einem Monat ist sie nun in Niger, und will nur noch nach Hause. \u00bbIch will, dass meine Mutter sieht, dass ich noch am Leben bin\u00ab, sagt Success. Vom Putsch in Niger hat sie noch nichts geh\u00f6rt, sie wei\u00df nicht, was in der Hauptstadt Niamey vor sich geht. Sie wei\u00df nur: Momentan steckt sie fest, kann weder vor noch zur\u00fcck. F\u00fcr Betroffene wie sie kommt seit dem Putsch immer weniger Hilfe an.<\/p>\n<p>Viele L\u00e4nder, darunter Deutschland, haben die Entwicklungszusammenarbeit mit Niger ausgesetzt. Ministerin Svenja Schulze reist derzeit nach Nigeria, um die Lage in der Sahel-Zone zu sondieren. \u00bbWir sprechen nicht mit der Milit\u00e4rjunta und verhandeln auch nicht mit ihr, da wir sie nicht als rechtm\u00e4\u00dfige Regierung von Niger anerkennen\u00ab, so ein Sprecher der EU-Kommission gegen\u00fcber dem SPIEGEL. Ulf Laessing von der Konrad-Adenauer-Stiftung glaubt jedoch, dass die EU irgendwann mit der Junta verhandeln wird. \u00bbNiger ist viel zu wichtig, um sich nicht auf solche Gespr\u00e4che einzulassen\u00ab, sagt er. So k\u00f6nnte am Ende ein weiteres Regime normalisiert werden \u2013 auch weil die Sorge vor Migration vieles \u00fcberschattet.<\/p>\n<p><em>*Name von der Redaktion zu seinem Schutz ge\u00e4ndert.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Abdourahamane Hama setzt gro\u00dfe Hoffnungen in die neue Junta, der Putsch k\u00f6nnte schlie\u00dflich seinen Wohlstand zur\u00fcckbringen. 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