{"id":22246,"date":"2023-08-05T20:54:40","date_gmt":"2023-08-05T17:54:40","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/griechenland-wie-athen-arme-und-alte-schutzen-will\/"},"modified":"2023-08-05T20:54:40","modified_gmt":"2023-08-05T17:54:40","slug":"griechenland-wie-athen-arme-und-alte-schutzen-will","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/griechenland-wie-athen-arme-und-alte-schutzen-will\/","title":{"rendered":"Griechenland: Wie Athen Arme und Alte sch\u00fctzen will"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Die Hitze in den Stra\u00dfen Athens, sie macht ihm absolut gar nichts aus. F\u00fcr andere mag es Tag 17 einer nie dagewesenen Rekord-Hitzewelle sein. F\u00fcr Theodoros Christoforidis, 80 Jahre alt, ist es jedoch Tag 245 seines Duolingo-Streaks. So lange lernt er schon Englisch, ohne Unterbrechung. Er zeigt mit dem ausgestreckten Daumen auf seine Brust und nickt l\u00e4chelnd: \u00bbMe!\u00ab<\/p>\n<p>Jeden Morgen, sagt der Rentner, stehe er um sieben Uhr auf, gehe vor die T\u00fcr, f\u00fcttere ein paar Stra\u00dfenkatzen. Dann bewege er sich mehrere Stunden. Wie weit er noch laufe? \u00bbMarathon\u00ab, sagt Christoforidis. Und nach kurzem Z\u00f6gern: \u00bbEinen halben!\u00ab Jetzt, um kurz nach elf Uhr, sitzt er im Freundschaftsklub Kolokinthous im Nordwesten von Athen.<\/p>\n<p>Um ihn herum elf andere \u00e4ltere Menschen, die meisten leise und m\u00fcde. Im Hintergrund surrt eine Klimaanlage, auf einem Fernseher an der Wand laufen tonlos Seifenopern. Vor Christoforidis steht eine Flasche mit gefrorenem Wasser, daneben ein Thermobecher lauwarmer Kaffee. Er wirkt munter.<\/p>\n<p>Was aussieht wie ein normaler Seniorentreff, ist in Wahrheit ein Lebensrettungsprogramm.<\/p>\n<p>Athen gilt seit Jahren als die hei\u00dfeste Hauptstadt Europas. Eingezw\u00e4ngt zwischen Bergen, viel zu dicht bebaut mit H\u00e4usern. Vor wenigen Jahren bekam die Metropole als erste Europas einen \u00bbChief Heat Officer\u00ab. Nun wird ein Rekordsommer mit Hitzetoten bef\u00fcrchtet. Bis jetzt z\u00e4hlen Meteorologen in Athen bereits 19 Tage Hitzewelle. Im vergangenen Jahr waren es sieben, insgesamt. Und die hei\u00dfesten Tage des Jahres kommen erst noch. Die zunehmende Hitze, schreibt die \u00bbNew York Times\u00ab            , sei das neue Covid f\u00fcr \u00e4ltere Menschen in Europa.<\/p>\n<h3>Auf der Akropolis kollabieren die Touristen<\/h3>\n<p>Die Hitze f\u00fchrt dazu, dass die Akropolis in den Mittagsstunden geschlossen werden muss. Das Personal streikt seit Wochen und fordert mehr Schutz. T\u00e4glich, so hei\u00dft es, kollabierten 20 bis 25 Besucherinnen und Besucher. Am Syntagmaplatz wischt der Kommandant der Pr\u00e4sidentengarde seinen M\u00e4nnern jetzt regelm\u00e4\u00dfig den Schwei\u00df von der Stirn und fl\u00f6\u00dft ihnen Wasser ein. Im Inneren der Wachh\u00e4uschen sollen in den vergangenen Tagen Temperaturen von bis zu 70 Grad gemessen worden sein. Es gibt kostenlos Wasser.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick ist die Lage andernorts in Europa derzeit noch viel schlimmer. Auf Rhodos und Sizilien brennt es seit Wochen, auf Sardinien wurden k\u00fcrzlich 48,2 Grad Celsius gemessen. In der griechischen Hauptstadt waren es vergangenen Mittwoch 43, davor und danach weniger. Doch was in Athen jetzt passiert, ist tats\u00e4chlich viel besorgniserregender als ein neuer Tagesrekord: Es bleibt wochenlang lebensgef\u00e4hrlich hei\u00df. F\u00fcr Millionen Menschen. Selbst nachts lagen die Temperaturen zuletzt mehrere Tage bei \u00fcber 30 Grad.<\/p>\n<h3>Sieben gek\u00fchlte R\u00e4ume f\u00fcr eine Hauptstadt in Hitze<\/h3>\n<p>Die Stadtverwaltung hat deshalb sieben \u00f6ffentliche Orte eingerichtet, die zumindest tags\u00fcber vor der Hitze sch\u00fctzen sollen. Die \u00bbFreundschaftsklubs\u00ab sind sonst Stadtteiltreffs f\u00fcr Senioren. Jetzt nehmen sie auch andere Menschen auf, die drau\u00dfen nicht sicher w\u00e4ren, Kranke und Obdachlose. Doch wissen die auch, wie gef\u00e4hrdet sie sind?<\/p>\n<p>Margarita Alexopoulou ist die Erste, die an diesem Morgen gesteht, dass sie unter der Hitze leidet. Der Klub in Kolokinthous ist ihr Reich, sie k\u00fcmmert sich besonders viel um die anderen, versorgt sie mit Eis und Keksen. \u00bbMiss Margarita\u00ab wird sie genannt. \u00bbZu Hause haben wir nur einen k\u00fchlen Raum\u00ab, erz\u00e4hlt sie. \u00bbMein Mann macht oft alle Fenster auf. Ich ertrage die Hitze kaum. In eine Taverne gehen Frauen in meinem Alter nicht. Oft ist es mir mit Klimaanlage auch zu k\u00fchl. Hier sind es 27 Grad. Das ist genau richtig.\u00ab Neben ihr sitzt ein Mann, von dem es hei\u00dft, er sei bereits 90 Jahre alt, auf einem Stuhl und h\u00e4lt sich den Bauch. Er schl\u00e4ft.<\/p>\n<p>Die Klubs, die sonst am Nachmittag schlie\u00dfen, bleiben w\u00e4hrend der Hitzewelle jetzt meist bis 21 oder 22 Uhr ge\u00f6ffnet. St\u00e4dtische Angestellte k\u00fcmmern sich um die Besucher, auf Wunsch gibt es einen Fahrservice bis zur Haust\u00fcr. \u00bbDer B\u00fcrgermeister k\u00fcmmert sich um uns\u00ab, sagt Theodoros Christiforidis.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher fuhren die Athener im Sommer einfach weg, heute fehlt den meisten das Geld daf\u00fcr. Viele \u00c4ltere im Klub sagen, sie h\u00e4tten es noch gut, ihre Generation sei glimpflich durch die Finanzkrise und alles danach gekommen. Sie sagen, sie hielten zusammen. Ihre erwachsenen Kinder aber h\u00e4tten es schwer, und viele von ihnen deshalb keine Zeit.<\/p>\n<p>Theodoros Christiforidis, dem die Hitze nichts ausmacht, bittet am Abend in sein Mehrfamilienhaus. Auf dem Dach baut er Erdbeeren, Weintrauben, Kr\u00e4uter und Zitronen an. Er ist stolz. Nur die Trauben seien jetzt bereits einen Monat fr\u00fcher reifer und zu trocken, klagt er. Unten im dritten Stock sitzt seine Frau.<\/p>\n<p>Die Vorh\u00e4nge vor dem Fenster sind zugezogen, die Jalousien heruntergelassen. Auf der Terrasse ist die Markise ausgefahren, darunter h\u00e4ngen aufgespannte helle Bettlaken. An der Wand laufen zwei graue Klimaanlagen, vor dem Fernseher steht ein Ventilator. Die Wohnung wirkt wie eine Festung. Frau Christiforidis sagt, dass sie unter der Hitze leide. Sie wedelt mit einem F\u00e4cher von \u00bbCool Athens\u00ab, den er aus dem Klub mitgebracht hat. \u00bbAch\u00ab, sagt er. Sie schaut ihn tadelnd an und sagt: \u00bbIch schlafe jetzt bereits um 23 Uhr ein, weil ich immer so m\u00fcde bin. Das ist schon sehr fr\u00fch.\u00ab<\/p>\n<p>Sie erz\u00e4hlen, das Haus sei heute weniger wert, weil es 1981 errichtet wurde. Isolierte W\u00e4nde seien erst seit 1985 vorgeschrieben, dementsprechend unbeliebt sei es f\u00fcr viele Menschen. \u00bbJeder schaut auf diese Zahl\u00ab, sagt sie.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen, es ist Tag 18 der Hitzewelle, \u00f6ffnet sich im Freundschaftsklub Kypseli die T\u00fcr. Auch hier spielen Senioren Karten und Backgammon. An einem Tisch sitzt ein Mann in einem lilafarbenen Hemd und mit einer lilafarbenen Brille und surft im Internet. Er sei Apotheker, erz\u00e4hlt er, k\u00f6nne sich aber keine Klimaanlage leisten. \u00bbMeine W\u00e4nde f\u00fchlen sich an wie ein Schmortopf\u00ab, sagt er. \u00bbWenn ich zu Hause bin, wechsle ich f\u00fcnfmal am Tag das Hemd. Und nachts dann noch einmal.\u00ab<\/p>\n<p>Wie die meisten der j\u00fcngeren Besucher hier sitzt er allein.<\/p>\n<p>Am Tisch gegen\u00fcber trinkt Nikos Dalamagkas einen Eiskaffee, den ihm ein Kurier vor wenigen Minuten bis an die T\u00fcr gebracht hat. Vor ihm liegen deutsche Schokolade und Mandelmilch im Tetrapak. Dalamagkas ist obdachlos. Der ehemalige Journalist sagt, er habe seinen letzten regul\u00e4ren Job 2009 gehabt. Das sei in D\u00e4nemark gewesen. Seitdem hangele er sich durch. Als er Nierenkrebs bekommen habe, h\u00e4tten ihm die \u00c4rzte zwei M\u00f6glichkeiten gegeben: 15.000 Euro Kredit f\u00fcr eine private Behandlung aufnehmen und \u00fcberleben oder auf das staatliche System warten und vielleicht sterben. Er entschied sich f\u00fcr das Leben, konnte jedoch den Kredit nicht mehr bezahlen und verlor seine Wohnung.<\/p>\n<p>Jetzt lebt er mit 63 Jahren von 200 Euro Grundsicherung im Monat. \u00bbDas reicht f\u00fcr eine knappe Woche, wenn ich spare\u00ab, sagt Dalamagkas und wischt sich die verschwitzte Stirn. \u00bbOder eben: drei gl\u00fcckliche Tage.\u00ab Er gebe kein Geld f\u00fcr Alkohol oder Drogen aus. \u00bbDaf\u00fcr bin ich zu alt. Das macht alles noch schlimmer.\u00ab Wichtiger sei es ihm, kurz von der Stra\u00dfe zu sein, sich abzuk\u00fchlen und wieder als Mensch zu f\u00fchlen. Die vergangenen 24 Stunden habe er in einem Hotel verbracht und elf Stunden am St\u00fcck geschlafen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Hitzewelle schlafe er sonst am Flughafen oder in der Notaufnahme von Krankenh\u00e4usern. Orte, die angenehm k\u00fchl seien, in denen es kostenlos klimatisierte Luft gebe. \u00bbAber sie wecken dich alle zwei Stunden. Und ich f\u00fcrchte mich vor Infektionen\u00ab, sagt er. Manchmal k\u00f6nne er auch zu Freunden.<\/p>\n<p>Dalamagkas ist weiterhin gut informiert, \u00fcber den Klimawandel und die Krisen, die sein Land seit mehr als zehn Jahren heimsuchen. Ein Akademiker, der im Gespr\u00e4ch von seinem Studium erz\u00e4hlt. Und der jetzt v\u00f6llig schutzlos ist. Es ist ein Elend, gegen das auch keine Klimaanlage ankommt. \u00bbDer B\u00fcrgermeister k\u00fcmmert sich um uns\u00ab, sagt er, \u00bbweil er im Oktober wiedergew\u00e4hlt werden m\u00f6chte.\u00ab<\/p>\n<h3>Jeden Monat, sagt er, gebe er hundert Euro f\u00fcr Kaffee aus, um sich abzuk\u00fchlen<\/h3>\n<p>Die gek\u00fchlten R\u00e4ume des Freundschaftsklubs seien dennoch eine gute Sache. Oft k\u00f6nne er erst hier wieder durchatmen, seine Situation und den Alltag in Ruhe verstehen. Im Sommer gebe er jeden Monat hundert Euro von seinen Ersparnissen, die er noch hat, allein f\u00fcr Kaffeeaus, um sich in Starbucks-Filialen und Einkaufszentren abk\u00fchlen zu k\u00f6nnen. Er kalkuliere dann genau, wie lange er wo bleiben k\u00f6nne, bevor er vermutlich vertrieben wird. Hier ein, zwei Stunden, dann weiter, schlie\u00dflich dorthin.<\/p>\n<p>Psychologen und Mitarbeiter der Stadt berichten, dass die Hitzewelle f\u00fcr viele Menschen auf der Stra\u00dfe nun die n\u00e4chste Krise sei. Opioidabh\u00e4ngige, die es bereits in ein Substitutionsprogramm geschafft h\u00e4tten, br\u00e4uchten pl\u00f6tzlich eine andere Dosis, weil sie mehr schwitzten. Viele Notleidende gerieten in Lebensgefahr, weil sie ihren Schlafplatz selbst bei \u00fcber 40 Grad Au\u00dfentemperatur nicht aufgeben wollten. \u00bbDas Leben auf der Stra\u00dfe ist jetzt auch bei Tag eine Gefahr\u00ab, sagt ein Mediziner.<\/p>\n<p>Die Hitze, sagt Dalamagkas, mache ihn wahnsinnig. Er wisse, dass Obdachlose oft stinken w\u00fcrden. Aber es liege nicht an den Menschen, sondern den Kleidern. \u00bbMan sieht, dass die anderen einen meiden, die Hitze und das Elend machen einsam.\u00ab Wenn er in gek\u00fchlten R\u00e4umen einmal l\u00e4nger schlafe, tr\u00e4ume er oft von alten Freunden und schrecke dann auf, weil er solche Erinnerungen nicht mehr gewohnt sei.<\/p>\n<p>Seine einzige Chance, der Obdachlosigkeit zu entfliehen, sei es, nach Rhodos zu kommen und dort als Tellerw\u00e4sche zu arbeiten, sagt Dalamagkas. Einmal hat es schon geklappt, ein Syriza-Politiker organisierte ihm den Job. Er sei dort neben Studierenden aus Georgien, Albanern und Bulgaren der einzige Grieche gewesen, sagt Dalamagkas. Wenn die Waldbr\u00e4nde endeten, k\u00f6nne er Athen bald vielleicht noch einmal entkommen, hofft er.<\/p>\n<p>Mit dem neu verdienten Geld plant er bereits heute: Im Winter will er in die Ukraine reisen, um dort g\u00fcnstig in Hotels zu wohnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Hitze in den Stra\u00dfen Athens, sie macht ihm absolut gar nichts aus. F\u00fcr andere mag es Tag 17 einer nie dagewesenen Rekord-Hitzewelle sein. 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