{"id":216,"date":"2020-06-01T21:44:59","date_gmt":"2020-06-01T18:44:59","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/chile-in-der-corona-krise-wie-die-titanic-vor-dem-eisberg\/"},"modified":"2020-06-01T21:44:59","modified_gmt":"2020-06-01T18:44:59","slug":"chile-in-der-corona-krise-wie-die-titanic-vor-dem-eisberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/chile-in-der-corona-krise-wie-die-titanic-vor-dem-eisberg\/","title":{"rendered":"Chile in der Corona-Krise: \u201eWie die Titanic vor dem Eisberg\u201c"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/75e4f5f0-60a1-478f-9681-dd08cdf2593a_w948_r1.77_fpx56.66_fpy54.99.jpg\" title=\"Stra\u00dfenproteste in Puente Alto: &quot;Die Wut auf das System wird sich immer st\u00e4rker entladen&quot;\" alt=\"Stra\u00dfenproteste in Puente Alto: &quot;Die Wut auf das System wird sich immer st\u00e4rker entladen&quot;\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Stra\u00dfenproteste in Puente Alto: &quot;Die Wut auf das System wird sich immer st\u00e4rker entladen&quot;<\/p>\n<p> Ivan Alvarado\/ REUTERS <\/figcaption><\/figure>\n<p>Zu Beginn der Woche war es Puente Alto, ein riesiger Arbeitervorort im S\u00fcdosten von Santiago. Hier hausen die Menschen dicht gedr\u00e4ngt, Gro\u00dffamilien in Sozialwohnungen von 32 Quadratmetern. Sie leben von schwerer, schmutziger Arbeit, auf dem Bau, in Superm\u00e4rkten oder als Wach- oder Hauspersonal. Falls sie noch einen Job haben. Seit Ausbruch der Coronakrise in Chile Mitte M\u00e4rz haben Zehntausende in Puente Alto ihre Arbeit verloren. Und die Gemeinde geh\u00f6rt zu den Hotspots der Krankheit in dem s\u00fcdamerikanischen Land. 3658 Menschen pro 100.000 Einwohner haben sich hier mit dem Virus angesteckt. Und mit den Infektionen wachsen Angst und Verzweiflung.<\/p>\n<p>Daher haben die Bewohner von Puente Alto der radikalen Ausgangssperre in Santiago getrotzt, gingen auf die Stra\u00dfe, z\u00fcndeten Barrikaden an, schlugen auf T\u00f6pfe und Pfannen. Und sie trugen Plakate bei sich: &quot;Ich sterbe lieber an Covid-19 als an Hunger&quot;, stand auf einem Transparent. Ein Bewohner sagte einem chilenischen Fernsehsender: &quot;Wir sind acht in unserem Haushalt, und keiner hat mehr einen Job. Wir wollen was zu essen&quot;.<\/p>\n<p>Aber Pr\u00e4sident Sebasti\u00e1n Pi\u00f1era schickte keine Hilfspakete, sondern die Polizei. Die Sicherheitskr\u00e4fte l\u00f6sten die Demonstration mit Tr\u00e4nengas auf. Genauso wie Tage zuvor die Hungerproteste in den nahen Armenvierteln El Bosque und La Pintana. Die Staatsmacht reagierte genau so wie auch vor der Coronakrise, als monatelange Demonstrationen gegen das neoliberale Wirtschafts- und Sozialmodell Chile an die Grenze der Unregierbarkeit brachten.<\/p>\n<p>Dieses Mal aber sind es nicht Studenten, Sch\u00fcler oder die Mittelklasse, die auf die Stra\u00dfen gehen, es ist der unterste Teil der Gesellschaft. Arbeiter, Arbeitslose, Obdachlose. Menschen, die am gef\u00e4hrdetsten sind, weil sie ihre prek\u00e4ren Jobs in Zeiten wie diesen sofort wieder verlieren. 30 bis 40 Prozent der Chilenen leben nach Angaben des Uno-Entwicklungsprogramms (UNDP) in &quot;extremer Unsicherheit, die an eine Notlage grenzt&quot;.<\/p>\n<p>&quot;W\u00e4hrend die Menschen vorher gegen Missst\u00e4nde im Wirtschaftssystem, also niedrige L\u00f6hne, hohe Lebenshaltungskosten und ein gewinnorientiertes Bildungssystem auf die Stra\u00dfe gingen, prangert ein anderer Teil der Gesellschaft jetzt die Vernachl\u00e4ssigung durch den Staat an&quot;, sagt Jorge Saavedra, Professor an der britischen Cambridge-Universit\u00e4t. &quot;Die Menschen in Puente Alto und vergleichbaren Orten f\u00fchlen sich vom Staat vergessen.&quot;<\/p>\n<p>Und die aktuellen Proteste seien erst der Anfang, vermutet Saavedra. &quot;Sp\u00e4testens wenn die Pandemie vorbei ist, wird sich die Wut auf das System st\u00e4rker entladen als zuvor.&quot; Der &quot;Soziale Protest 2.0&quot; werde einen noch viel gr\u00f6\u00dferen Teil der Bev\u00f6lkerung vereinen; diejenigen, die unter dem Missbrauch des Staates leiden und diejenigen, die Vernachl\u00e4ssigung durch eine unsensible Regierung beklagen. &quot;Chile steht wie die Titanic vor dem Eisberg&quot;, f\u00fcrchtet Saavedra.<\/p>\n<p>In Quilicura, einem Mittelklasseviertel von Santiago, macht sich Cecilia Quidel Sorgen: Sie ist Lehrerin und in ihrem Stadtteil mit den kleinen Einfamilienh\u00e4usern, wo Staatsbedienstete und Manager wohnen, hat Corona seine Spuren hinterlassen. &quot;In der WhatsApp-Gruppe der Nachbarn werden st\u00e4ndig M\u00f6bel zum Verkauf oder hausgemachtes Essen angeboten&quot;. Auch in Quilicura h\u00e4tten viele ihre Arbeit verloren, sagt Quidel. Besonders ver\u00e4rgert seien die Menschen \u00fcber das &quot;Gesetz zum Schutz der Arbeitspl\u00e4tze&quot;, das die Regierung gleich nach Ausbruch der Pandemie erlassen hat.<\/p>\n<p>Dies erlaubt den Unternehmen, ihre Arbeitnehmer bis zu f\u00fcnf Monate ohne Bezahlung freizustellen. Aber was eigentlich f\u00fcr kleine und mittlere Unternehmen gedacht war, haben vor allem Supermarktketten, Kaufh\u00e4user und andere Gro\u00dfunternehmen genutzt, um ihre Mitarbeiter zu entlassen. &quot;Im Grunde ist es ein Gesetz, das die Unternehmer sch\u00fctzt und nicht die Arbeiter&quot;, kritisiert der Soziologe Saavedra. Und niemand garantiert, dass die Firmen nach der Pandemie die Mitarbeiter wieder einstellen. &quot;Pr\u00e4sident Pi\u00f1era&quot;, sagt Cecilia Quidel, &quot;ist v\u00f6llig losgel\u00f6st von der Not der Armen.&quot; Er habe keine Empathie f\u00fcrs Volk, sagt die 56-J\u00e4hrige.Wie zum Beweis erz\u00fcrnte Ende der Woche die Bemerkung von Gesundheitsminister Jaime Ma\u00f1alich das Land, der in einem Interview bekannte: &quot;Ich wusste nicht, wie arm die Menschen in einigen Gegenden von Santiago sind, und wie zusammengepfercht sie dort leben.&quot;<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens wenn die Pandemie \u00fcberstanden ist, will auch Cecilia Quidel wieder gegen die Regierung und f\u00fcr das Verfassungsreferendum demonstrieren. Die urspr\u00fcnglich f\u00fcr den 25. April geplante Volksbefragung wurde vorerst um sechs Monate verschoben. Aber auch den 25. Oktober stellte Pi\u00f1era j\u00fcngst infrage. &quot;Wenn die Wirtschaftskrise so gro\u00df wird, wie erwartet&quot;, m\u00fcsse man \u00fcber dieses Datum noch mal nachdenken.<\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung w\u00fcrde das kaum hinnehmen, glauben Experten. Gerade nach Corona seien noch mehr Chilenen sicher, dass das in der Verfassung von 1980 verankerte Wirtschafts- und Sozialmodell, das noch aus der Diktatur von Augusto Pinochet (1973 bis 1990) stammt, abgeschafft werden m\u00fcsse. Ein System, das die Rolle des Staates auf ein absolutes Minimum reduziert. &quot;Corona hat den Menschen deutlich vor Augen gef\u00fchrt, dass eine Gesellschaft einen sozialen Staat braucht, der Verantwortung f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung \u00fcbernimmt&quot;, sagt Forscher Saavedra.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Stra\u00dfenproteste in Puente Alto: &quot;Die Wut auf das System wird sich immer st\u00e4rker entladen&quot; Ivan Alvarado\/ REUTERS Zu Beginn der Woche war es Puente Alto, ein riesiger Arbeitervorort im S\u00fcdosten von Santiago. Hier hausen die Menschen dicht gedr\u00e4ngt, Gro\u00dffamilien in Sozialwohnungen von 32 Quadratmetern. 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