{"id":207,"date":"2020-06-01T10:51:38","date_gmt":"2020-06-01T07:51:38","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-krise-schwedens-sonderweg-eine-zwischenbilanz-in-zahlen\/"},"modified":"2020-06-01T10:51:38","modified_gmt":"2020-06-01T07:51:38","slug":"corona-krise-schwedens-sonderweg-eine-zwischenbilanz-in-zahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/corona-krise-schwedens-sonderweg-eine-zwischenbilanz-in-zahlen\/","title":{"rendered":"Corona-Krise: Schwedens Sonderweg &#8211; eine Zwischenbilanz in Zahlen"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/e35d06d4-7648-402a-aa0f-f05149cceb7e_w948_r1.77_fpx73.65_fpy45.jpg\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption> DER SPIEGEL <\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Restaurants blieben offen, die Kitas auch &#8211; und es gab keinerlei Ausgangsbeschr\u00e4nkungen. Der vergleichsweise lockere Umgang Schwedens mit dem Coronavirus hat heftige Diskussionen ausgel\u00f6st. Die einen brandmarkten das Vorgehen als gef\u00e4hrliches Experiment an der Bev\u00f6lkerung, andere erkl\u00e4rten das Land zum Sehnsuchtsort, in dem noch die Vernunft regiert.<\/p>\n<p>Wie aber ist das Land durch die ersten Monate der Coronakrise gekommen? Steht Schweden \u00e4hnlich gut da wie seine Nachbarn? Oder gar besser? DER SPIEGEL hat die Zahlen analysiert:<\/p>\n<h3>Die Corona-Ma\u00dfnahmen<\/h3>\n<p>Regierungen weltweit reagierten unterschiedlich auf die rasant steigenden Corona-Infektionen. Forscher der University of Oxford haben eine Ma\u00dfzahl entwickelt, welche die Ma\u00dfnahmen der L\u00e4nder vergleichbar machen soll: den sogenannten Government Response Stringency Index. Darin flie\u00dfen 17 verschiedene Indikatoren ein, etwa Art und Umfang von Schulschlie\u00dfungen, Ausgangsbeschr\u00e4nkungen, Finanzhilfen f\u00fcr Unternehmen und Investitionen in die Impfstoffentwicklung.<\/p>\n<p>Folgendes Diagramm zeigt den Verlauf des Government Response Stringency Index f\u00fcr Schweden, seine skandinavischen Nachbarn und Deutschland. Der Wert 0 steht f\u00fcr gar keine Reaktion, der Wert 100 f\u00fcr die strengstm\u00f6gliche Reaktion auf die Coronakrise.<\/p>\n<p>Der Verlauf verdeutlicht den schwedischen Sonderweg: W\u00e4hrend Deutschland und die \u00fcbrigen skandinavischen Nachbarn anfangs viele strenge Ma\u00dfnahmen kurz nacheinander ergriffen, setzte die schwedische Regierung st\u00e4rker auf Empfehlungen und Freiwilligkeit.<\/p>\n<p>Doch wie der Alltag in Stockholm, G\u00f6teburg und auf Gotland in der Krise aussieht, dar\u00fcber verr\u00e4t der Government Response Stringency Index nicht ganz so viel. Denn auch in Schweden gab und gibt es starke Beschr\u00e4nkungen &#8211; allerdings unterwarfen sich die Menschen diesen freiwillig. Das zeigt unter anderem der Vergleich von Mobilit\u00e4tsdaten, die Google ver\u00f6ffentlicht hat.<\/p>\n<p>Der Internetkonzern z\u00e4hlt permanent, wie oft bestimmte Orte von Menschen frequentiert werden, etwa Bahnh\u00f6fe, Superm\u00e4rkte oder der Arbeitsplatz. Google nutzt daf\u00fcr Trackingdaten von Handys und setzt diese ins Verh\u00e4ltnis zu Durchschnittswerten aus der Vergangenheit.<\/p>\n<p>Die Daten verdeutlichen, dass Schweden sich vor allem von Deutschland nur wenig unterscheidet. Besuche am Arbeitsplatz und Fahrten mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln sind in urbanen Regionen \u00fcberall \u00e4hnlich stark zur\u00fcckgegangen &#8211; egal ob in Stockholm oder eben Berlin und Kopenhagen. In l\u00e4ndlichen Regionen waren die Ver\u00e4nderungen nicht ganz so drastisch.<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dften R\u00fcckg\u00e4nge gab es in Helsinki und Oslo &#8211; sowohl bei der Pr\u00e4senz an Arbeitspl\u00e4tzen als auch bei der Nutzung \u00f6ffentlicher Verkehrsmittel.<\/p>\n<h3>Die Virusausbreitung<\/h3>\n<p>Die meisten L\u00e4nder entschieden sich f\u00fcr eine konsequente Eind\u00e4mmung des Coronavirus &#8211; unter nahmen daf\u00fcr teils drastische wirtschaftliche und soziale Folgen in Kauf. Schweden w\u00e4hlte einen etwas anderen Weg: Das Land wollte die Ausbreitung zwar auch eind\u00e4mmen, aber zugleich Kitas, Schulen und \u00f6ffentliches Leben so wenig wie m\u00f6glich einschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Einsch\u00e4tzung des Epidemieverlaufs in Schweden eignen sich die Infiziertenzahlen nur bedingt. Denn das Land testet viel weniger als beispielsweise Deutschland, weshalb viele Infektionen unerkannt bleiben. Die Statistik der Covid-19-Toten ist da belastbarer &#8211; und dabei steht Schweden im Vergleich zu Deutschland und seinen Nachbarn schlecht da.<\/p>\n<p>Im Verh\u00e4ltnis zur Einwohnerzahl sind in Schweden bis Ende Mai viermal so viele Menschen an Covid-19 gestorben wie in Deutschland. Pro 100.000 Einwohner sind es mittlerweile 41 Tote, in Deutschland liegt diese Zahl bei zehn.<\/p>\n<p>Und die Zahl der Toten steigt in Schweden weiterhin stetig. Norwegen und Finnland haben es hingegen geschafft, ihre Todesrate bei vier bis f\u00fcnf je 100.000 Einwohner zu stabilisieren &#8211; ein Achtel bis ein Zehntel des Wertes aus Schweden.<\/p>\n<p>Warum aber hat Schweden deutlich mehr Todesf\u00e4lle als die Nachbarl\u00e4nder? Die Startbedingungen waren \u00e4hnlich. Das Coronavirus breitete sich in Skandinavien etwas sp\u00e4ter aus als in Italien, Frankreich und Spanien. Norwegen, Finnland und D\u00e4nemark reagierten \u00e4hnlich wie Deutschland mit harten Gegenma\u00dfnahmen. Alle vier L\u00e4nder konnten Zust\u00e4nde wie in Italien verhindern und die Infektionen nach einigen Wochen deutlich senken.<\/p>\n<p>In Schweden verlief die Epidemie etwas anders, wie folgende Heatmap illustriert. Sie basiert auf der Zahl der t\u00e4glichen Todesf\u00e4lle durch Covid-19. Die F\u00e4rbung der Zellen verr\u00e4t, wie viele Tote es an dem jeweiligen Tag im Verh\u00e4ltnis zum bisherigen Maximalwert gab. Ist eine Zelle dunkelrot, entspricht die Opferzahl diesem Maximalwert oder liegt knapp darunter. Blau steht f\u00fcr kleine relative Fallzahlen, Wei\u00df f\u00fcr mittlere, Gelb f\u00fcr hohe. Um statistische Schwankungen auszugleichen, wurden die Zahlen \u00fcber sieben Tage gemittelt.<\/p>\n<p>Die meisten L\u00e4nder haben es bis Ende Mai geschafft, wieder in den blauen Bereich zu kommen, also bei relativ wenigen Todesf\u00e4llen im Vergleich zum Maximalwert. In Schweden sind die t\u00e4glichen Todeszahlen deutlich langsamer gesunken. Seit Anfang April zeigt die Heatmap gelbe, rote und zuletzt wei\u00dfe Farben. Das sind Tage, an denen die t\u00e4glichen Todesf\u00e4lle sehr oder relativ hoch waren.<\/p>\n<p>Schweden steht aktuell bei etwa 55 Toten pro Tag im Sieben-Tage-Mittel. Das ist etwa die H\u00e4lfte des Maximalwerts von 107, der Ende April erreicht wurde. Deutschland, das achtmal so viele Einwohner hat, liegt aktuell bei 40 Toten pro Tag &#8211; ein F\u00fcnftel des H\u00f6chstwerts von 250 Toten vom 21. April.<\/p>\n<p>Man muss konstatieren: Schweden hat mehr Infektionen zugelassen als seine Nachbarn &#8211; und entsprechend mehr Tote. Von einer Herdenimmunit\u00e4t, die eine weitere Ausbreitung des Virus stoppen w\u00fcrden, ist das Land trotzdem weit entfernt. Anfang Mai durchgef\u00fchrte Antik\u00f6rpertests ergaben Infektionsraten von lediglich 4 bis 7 Prozent. Eine Herdenimmunit\u00e4t erfordert jedoch Werte deutlich \u00fcber 60 Prozent.<\/p>\n<p>Schweden ist es nicht gelungen, die Infektionen so schnell einzud\u00e4mmen wie die Nachbarl\u00e4nder. Es ist sogar so, dass sich das Coronavirus im Westen des Landes zuletzt immer st\u00e4rker ausgebreitet hat. W\u00e4hrend die Zahlen der t\u00e4glichen Todesf\u00e4lle in der Provinz Stockholm inzwischen sinken &#8211; dem Corona-Hotspot des Landes mit \u00fcber 2000 Toten -, wachsen sie aktuell in und um G\u00f6teborg &#8211; siehe dunkelblaue Linie im folgenden Diagramm.<\/p>\n<p>Die Provinz V\u00e4stra G\u00f6talands, zu der auch G\u00f6teborg geh\u00f6rt, meldete zuletzt wiederholt 30 oder 40 neue Todesf\u00e4lle an einem Tag.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass D\u00e4nemark, Finnland und Norwegen derzeit z\u00f6gern, die geschlossenen Grenzen f\u00fcr einreisende Schweden wieder zu \u00f6ffnen &#8211; man f\u00fcrchtet den Import neuer Coronaf\u00e4lle. Aus demselben Grund hatte j\u00fcngst auch Zypern erkl\u00e4rt, Direktfl\u00fcge aus Schweden vorerst nicht zu erlauben.<\/p>\n<h3>Sind Infektionen in Altersheimen die Ursache?<\/h3>\n<p>Schwedens Chefepidemiologe Anders Tegnell f\u00fchrt die vergleichsweise hohe Todesrate seines Landes \u00fcbrigens vor allem auf Covid-19-Ausbr\u00fcche in Altersheimen zur\u00fcck. &quot;Fast 50 Prozent aller Toten lebten in Heimen&quot;, erkl\u00e4rte er der BBC. Es sei nicht gelungen, die Heimbewohner gut genug zu sch\u00fctzen. Die vielen Infektionen und Toten spr\u00e4chen jedoch grunds\u00e4tzlich nicht gegen die schwedische Strategie, betonte Tegnell.<\/p>\n<p>Seine Argumentation stimmt jedoch nur halb. Denn Corona-Ausbr\u00fcche in Altersheimen und Massenunterk\u00fcnften mit vielen Toten gab es nicht nur in Schweden, sondern in vielen anderen L\u00e4ndern. Etwa in der Schweiz. Dort stammen einem Bericht des &quot;Tagesanzeigers&quot; zufolge sogar 53 Prozent aller Covid-19-Toten aus Alters- und Pflegeheimen.<\/p>\n<p>In Deutschland liegt der Anteil laut Robert Koch-Institut (RKI) bei 38 Prozent. Allerdings liegen dem RKI f\u00fcr knapp 30 Prozent aller Covid-19-Toten keine Angaben zu einer m\u00f6glichen Heimunterbringung vor, sodass der Anteil hierzulande letztlich \u00e4hnlich hoch sein k\u00f6nnte wie in Schweden. Trotzdem sind in Schweden bezogen auf die Einwohnerzahl viermal so viele Menschen an Corona gestorben wie in Deutschland.<\/p>\n<p>Bei der Altersstruktur der Corona-Toten unterscheiden sich Schweden und Deutschland \u00fcbrigens kaum. In beiden L\u00e4ndern sind es vor allem die \u00c4lteren, die dem Virus zum Opfer fallen. In Schweden ist nur der Anteil der \u00fcber 90-J\u00e4hrigen etwas h\u00f6her.<\/p>\n<p>Ein Problem Schwedens in der Coronakrise ist die vergleichsweise geringe Zahl an Intensivbetten in Krankenh\u00e4usern. Den offiziellen Statistiken zufolge waren diese trotzdem nie komplett ausgelastet, obwohl Schweden pro Einwohner ja deutlich mehr Covid-19-F\u00e4lle mit schwerem Verkauf hatte als Deutschland.<\/p>\n<p>Offenbar hat Schweden eine \u00dcberlastung seiner Intensivabteilungen auch deshalb vermieden, weil \u00e4ltere Patienten kaum intensivmedizinisch versorgt wurden. Zwei Drittel aller Covid-19-Toten sind \u00fcber 80. Aber nur 5 Prozent der Patienten auf Intensivstationen stammen dem schwedischen Krankenhausregister zufolge aus dieser Altersgruppe.<\/p>\n<p>Lokale Gesundheits\u00e4mter sollen laut BBC auch von der Verlegung \u00e4lterer Patienten in Krankenh\u00e4user abgeraten und die Gabe von Sauerstoff ohne \u00e4rztliche Anordnung als palliative Ma\u00dfnahme abgelehnt haben. Die gef\u00fcrchtete Triage im Krankenhaus wurde so offenbar vermieden &#8211; sie fand im Altersheim statt.<\/p>\n<h3>Schwedens Wirtschaft kriselt<\/h3>\n<p>Schwedens Wirtschaft h\u00e4ngt \u00e4hnlich wie die deutsche stark von Exporten ab. Die weltweite Rezession wird deshalb auch Schweden hart treffen &#8211; obwohl es in dem Land selbst kaum Restriktionen f\u00fcr Unternehmen gab.<\/p>\n<p>Der Internationale W\u00e4hrungfonds (IWF) prognostiziert 2020 weltweit starke Einbr\u00fcche beim Bruttoinlandsprodukt. Schweden und Deutschland k\u00f6nnten bei etwa minus 7 Prozent landen &#8211; Finnland und Norwegen vielleicht nur bei minus 6,5 Prozent.<\/p>\n<p>Schweden setzt wie Deutschland massiv auf Kurzarbeit, damit Unternehmen wegen der Coronakrise m\u00f6glichst wenige Mitarbeiter entlassen m\u00fcssen. 350.000 Schweden nutzen diese Option. Trotzdem prognostiziert das schwedische Konjunktur-Institut einen Anstieg der Arbeitslosigkeit auf mehr als 10 Prozent bis zum Jahresende. Das w\u00e4re eine Zunahme um fast 50 Prozent gegen\u00fcber 2019.<\/p>\n<p>Besonders unter der Coronakrise leidet der schwedische Dienstleistungssektor, wie eine Umfrage des Konjunktur-Instituts ergab. Jedes zehnte Unternehmen berichtete von 75 Prozent Umsatzr\u00fcckgang und mehr. Fast 15 Prozent der Unternehmen des produzierenden Gewerbes gaben an, dass sich der Umsatz mehr als halbiert hat.<\/p>\n<p>Restaurants, Clubs und Bars m\u00f6gen in Schweden zwar etwas besser dastehen als beispielsweise in Deutschland. Doch daf\u00fcr droht das auch nicht ganz unwichtige Tourismusgesch\u00e4ft im Sommer wegzufallen, weil Schweden mit seinen nach wie vor erh\u00f6hten Infektionszahlen kein gutes Reiseziel abgibt.<\/p>\n<h3>Kita auf, Oma krank?<\/h3>\n<p>Im Vergleich zu ihren skandinavischen Nachbarn und zu Deutschland m\u00fcssen die Schweden einen hohen Preis zahlen f\u00fcr das lockere Management der Coronakrise durch ihre Regierung. Die Kinder konnten zwar weiter in Kitas und Schulen gehen. Doch viele \u00e4ltere Menschen sind nach einer Coronainfektion gestorben.<\/p>\n<p>W\u00e4re Schweden dem restriktiven Weg von Norwegen, Finnland oder Deutschland gefolgt, l\u00e4ge die Zahl der Coronatoten aktuell wohl zwischen 500 und 1000 &#8211; und nicht bei mehr als 4000. Noch ist die Pandemie nicht zu Ende.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern DER SPIEGEL Die Restaurants blieben offen, die Kitas auch &#8211; und es gab keinerlei Ausgangsbeschr\u00e4nkungen. Der vergleichsweise lockere Umgang Schwedens mit dem Coronavirus hat heftige Diskussionen ausgel\u00f6st. Die einen brandmarkten das Vorgehen als gef\u00e4hrliches Experiment an der Bev\u00f6lkerung, andere erkl\u00e4rten das Land zum Sehnsuchtsort, in dem noch die Vernunft regiert. 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