{"id":20666,"date":"2023-05-29T21:08:30","date_gmt":"2023-05-29T18:08:30","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/solingen-30-jahre-nach-dem-brandanschlag-hier-geboren-hier-verbrannt\/"},"modified":"2023-05-29T21:08:30","modified_gmt":"2023-05-29T18:08:30","slug":"solingen-30-jahre-nach-dem-brandanschlag-hier-geboren-hier-verbrannt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/solingen-30-jahre-nach-dem-brandanschlag-hier-geboren-hier-verbrannt\/","title":{"rendered":"Solingen 30 Jahre nach dem Brandanschlag: Hier geboren, hier verbrannt"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Vor 30 Jahren starben f\u00fcnf Menschen, weil Rechtsextreme ihr Haus anz\u00fcndeten. Die T\u00e4ter sind heute frei, die Familie lebt immer noch in Solingen. Regisseur Bassam Ghazi k\u00e4mpft mit einem Theaterst\u00fcck gegen das Vergessen.  <\/p>\n<p><strong><em>Durmus Genc<\/em><\/strong>: Ich wollte mir eigentlich nur ein paar Groschen zusammenverdienen und dann wieder zur\u00fcck. Einige aus unserem Dorf sind nach Deutschland gegangen, und als sie ein Jahr sp\u00e4ter im Urlaub zu Besuch kamen, haben sie es in den h\u00f6chsten T\u00f6nen gelobt, sie fanden \u00fcberhaupt kein Ende. Ich wurde neugierig, was das wohl f\u00fcr ein Land w\u00e4re, das sie \u00bbAlmanya\u00ab nannten.<\/p>\n<p><strong><em>Mevl\u00fcde Genc:<\/em><\/strong> Wie ist es in Deutschland?<\/p>\n<p><strong><em>Durmu\u015f Genc:<\/em><\/strong> Gut<\/p>\n<p><strong><em>Mevl\u00fcde Genc:<\/em><\/strong> Dann hol mich nach.<\/p>\n<p>1973 bin ich hierhergekommen. Ich bin zu meiner Arbeitsstelle gefahren, hab den Besen in die Hand genommen und angefangen. Sie haben uns trotzdem immer als Fremde behandelt!<\/p>\n<p><strong><em>Mevl\u00fcde Genc:<\/em><\/strong> Lass uns ein Haus kaufen.<\/p>\n<p><strong><em>Durmu\u015f Genc:<\/em><\/strong> Wir haben ein Anzeigenblatt durchgeguckt.<\/p>\n<p><strong><em>Mevl\u00fcde Genc:<\/em><\/strong> Und da haben wir das Haus gefunden. Wir haben das Haus renoviert. Und die Kinder aus der T\u00fcrkei hergeholt.*<\/p>\n<p><strong>Tagesschau, 29. Mai 1993:<\/strong><\/p>\n<p><em>\u00bbGuten Abend, meine Damen und Herren. Sechs Monate nach den Morden von M\u00f6lln sind jetzt in Solingen f\u00fcnf Menschen umgebracht worden. Sie wurden das Opfer von ausl\u00e4nderfeindlichen Mordbrennern. Die unbekannten T\u00e4ter z\u00fcndeten in der vergangenen Nacht im Stadtzentrum ein Mehrfamilienhaus an. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus. Bei den Opfern handelt es sich um zwei t\u00fcrkische Frauen und drei M\u00e4dchen im Alter von 4 bis 13 Jahren.\u00ab<\/em><\/p>\n<p><strong>G\u00fcrs\u00fcn Ince<br \/>Hatice Genc<br \/>G\u00fcl\u00fcstan \u00d6zt\u00fcrk<br \/>H\u00fclya Genc<br \/>Saime Genc<\/strong><\/p>\n<p>30 Jahre nach dem rassistischen Anschlag von Solingen sind ihre Namen auf wei\u00dfe Sticker gedruckt. Es ist ein Dienstagabend im Mai 2023. Der Regisseur Bassam Ghazi hat mit dem D\u00fcsseldorfer Schauspielhaus das Theaterst\u00fcck \u00bbSolingen 1993 \u2013 Eine theatrale Busreise in die Vergangenheit\u00ab             inszeniert. Es ist eine Zeitreise, die in einem Bus am D\u00fcsseldorfer Hauptbahnhof beginnt und die Teilnehmer mit alten Bravoheften, Spielkonsolen, Songs und Wendegeschichten in die 90er-Jahre versetzt, um sie danach in die Innenstadt von Solingen zu bringen. Dort sollen die Besucher auf vier verschiedenen Routen in jene Vergangenheit gef\u00fchrt werden, die f\u00fcr die Familie Genc nie vergangenen ist.<\/p>\n<h3>Die ganze Stadt erinnert an die Namen der Toten<\/h3>\n<p>Es ist eine Reise, mit der Ghazi dem Jahrestag des rassistischen Anschlags gedenken will. Die wei\u00dfen Sticker mit den Namen der Opfer sollen dem Vergessen entgegenwirken. Jeder Besucher bekommt f\u00fcnf von ihnen in die Hand und soll die Innenstadt von Solingen mit ihnen bekleben.<\/p>\n<p>15 Besucher der Gruppe stehen im Kreis, sie sollen sich kennenlernen, bevor sie gemeinsam auf diese emotionale Reise gehen. Sie sagen sich die Namen ihrer Gro\u00dfm\u00fctter, ihre eigenen Geburtsorte, Albstadt, Moskau, sie nennen eine kleine Stadt in Ungarn, Bochum, Berlin.<\/p>\n<p>Dann folgen sie gemeinsam den gr\u00fcnen Pfeilen auf den Stra\u00dfen, laufen vorbei an Kreidespr\u00fcchen auf dem Boden \u00bbHier geboren, hier verbrannt\u00ab, folgen den Anweisungen im Chat, um auf Zeitzeugen, Schauspieler und Schauspielerinnen zu treffen, die mit den Erinnerungen der \u00dcberlebenden zu ihnen sprechen. Die Routen tragen Titel wie \u00bbStimmen der Stadt\u00ab, \u00bbHinterm\u00e4nner und Hintergr\u00fcnde\u00ab, \u00bbTatnacht\u00ab, \u00bbFamilienstimmen\u00ab.<\/p>\n<p>Seit Wochen f\u00fchren die Schauspieler ihre Zuschauer so durch die Stadt, an diesem Abend findet bereits die zehnte Auff\u00fchrung statt. Auf dem Weg sieht man immer wieder die wei\u00dfen Aufkleber mit den Namen der Opfer. Bassam Ghazi versprach der Familie Genc bei der Premiere, am Ende der Auff\u00fchrung erinnert die ganze Stadt die Namen ihrer Toten.<\/p>\n<p>Aber es scheint nicht allen in der Stadt zu gefallen.<\/p>\n<p>Angekommen an einem Spielplatz \u00fcberklebt ein Kollege von der taz mit den Namensstickern der Toten zwei Nazi-Aufkleber. Als er die Dramaturgin des Theaterst\u00fccks fragt, ob die Nazi-Aufkleber Teil der Inszenierung sei, verneint sie. Bereits bei der Premiere musste Regisseur Ghazi die Polizei rufen, weil sich betrunkene Rechte w\u00e4hrend des Rundgangs \u00fcber den Anschlag lustig machten.<\/p>\n<p>Auf dem Spielplatz reicht gerade eine Schauspielerin ein Bild von einem verbrannten M\u00e4dchengesicht durch die Reihen und spricht im Namen von G\u00fcldane Genc, die als Dreij\u00e4hrige aus dem brennenden Haus geworfen wurde, damit sie \u00fcberlebt.<\/p>\n<p><strong><em>G\u00fcldane Genc<\/em><\/strong>: Die Narben waren immer da. Solange ich denken kann. Ich habe meinen Vater gefragt, was passiert ist. Aber er hat dann immer geweint. Das tut mir weh, meinen Papa so zu sehen. Normalerweise ist mein Vater ein richtig starker Mann. Mein halbes Leben habe ich geglaubt, meine Haut sei durch hei\u00dfes Teewasser verbrannt.<\/p>\n<p>Baba f\u00fchlte sich verpflichtet, schnell wieder zu heiraten. Er wollte eine Familie f\u00fcr mich. Mit der Geschichte wollte er warten, bis ich mit der Schule fertig bin. Aber ich ahnte, dass etwas nicht stimmt. Mein Vater erz\u00e4hlte mir dann von meiner Mutter. Im B\u00fccherregal fand ich einen Aktenordner mit Unterlagen zum Brandanschlag.*<\/p>\n<p>Auch die Ohnmacht und das Schweigen der Familie scheint Regisseur Bassam Ghazi mit seinem Theaterst\u00fcck weiter aufzubrechen. Bei der Premiere liefen viele der \u00dcberlebenden mit ihren Kindern und Enkeln bei Dauerregen mit durch die Stra\u00dfen und h\u00f6rten ihre Familiengeschichte, die junge Schauspieler in ihrem Namen sprachen.<\/p>\n<p><strong><em>Hatice Genc:<\/em><\/strong> Eigentlich m\u00f6chten wir gar nicht daran denken. Aber wenn wir uns abends schlafen legen, l\u00e4uft nat\u00fcrlich alles wie ein Film vor unseren Augen ab.<\/p>\n<p><strong><em>Kamil Genc<\/em><\/strong>: Zu der Uhrzeit, zum Beispiel. Das ist um halb zwei passiert. Erst nach dieser Uhrzeit&#8230; Oder erst eine Stunde sp\u00e4ter k\u00f6nnen wir einschlafen. Davor gibt es keinen Schlaf.<\/p>\n<p><strong><em>Hatice Genc:<\/em><\/strong> Seit 30 Jahren kann ich nicht schlafen.<\/p>\n<p><strong><em>Kamil Genc:<\/em><\/strong> Vor halb drei schl\u00e4ft sie auf keinen Fall. Diese Uhrzeit muss verstrichen sein.<\/p>\n<p><strong><em>Hatice Genc:<\/em><\/strong> Weil ich die Erste bin, die das gesehen hat. Alle haben geschlafen, nur ich hab\u2019s gesehen. Deshalb kann ich nicht schlafen, wenn diese Uhrzeit naht.*<\/p>\n<p>Hatice und Kamil Genc haben bei dem Anschlag ihre zwei kleinen T\u00f6chter verloren.<\/p>\n<p>Und auch an den Tagen, wo sie nicht dabei sind, erklingen ihre Stimmen in Videobotschaften und in Sprachnachrichten in der Chatgruppe der Besucher. Wenn die Sprachnachrichten dann starten, stehen kleine Gruppen oder Paare beieinander, sitzen auf Eisentreppen und h\u00f6ren gemeinsam diese Stimmen, einige der Besucher wischen sich Tr\u00e4nen von den Augenwinkeln, andere wirken zunehmend w\u00fctend.<\/p>\n<p><em>\u00bbMeine Schwestern habe ich nie kennenlernen d\u00fcrfen, weil ein Anschlag auf meine Familie ausge\u00fcbt wurde. Leider kann und konnte ich nie mit meinen Eltern dar\u00fcber sprechen, wie soll das denn auch gehen? Meine Eltern haben zwei Kinder verloren. Ich m\u00f6chte meine Eltern nicht noch mehr belasten. Das geht einfach nicht. Mein Name ist Cihat Genc. Ich bin der Sohn von Kamil und Hatice Genc. Meine Schwestern habe ich nie kennenlernen d\u00fcrfen.\u00ab<\/em><\/p>\n<p>An diesem Abend laufen die Besucher aber auch vorbei an Nachbarn, die mit verschr\u00e4nkten Armen an ihren Z\u00e4unen stehen, an M\u00e4nnern, die mit brummenden Motorr\u00e4dern durch eine dicht zusammenstehende Besuchermasse aus ihrer Einfahrt rasen. Sie lassen die Theaterbesucher sp\u00fcren, sie wollen nicht erinnern. Nicht in ihrer Stra\u00dfe, nicht auf ihrer Einfahrt.<\/p>\n<p>Eine der Schauspielerinnen sagt, dass es immer wieder \u00c4rger gab in den vergangenen Wochen. Sie sagt, sie erkl\u00e4re den Menschen dann, der Bordstein geh\u00f6re nun mal ihnen allen, das sei ihre Geschichte, deutsche Geschichte. Regisseur Ghazi hat bewusst Schauspieler ausgesucht, die alle nach 1993 geboren sind. Die sich wochenlang in die Ereignisse von damals einlasen, selbst die Interviews mit der Familie Genc f\u00fchrten, Zeitzeugen trafen und den Psychologen der Familie. Viele der Darsteller sind selbst Kinder von Eltern mit Migrationsgeschichte, einige haben selbst eine. Ghazi will, dass auch diese Generation ihren eigenen Weg der Erinnerung findet.<\/p>\n<h3>Es gibt t\u00fcrkischen Tee und Rapsongs<\/h3>\n<p>An dem Ort, wo einst das Haus stand, sind Bilder der f\u00fcnf Toten aufgestellt, davor liegen rote Rosen. Seit die Auff\u00fchrung l\u00e4uft, wirkt der Ort wieder so, als ob die Tat neu geschehen sei. Nur die f\u00fcnf hochgewachsenen Kastanienb\u00e4ume erinnern an die 30 Jahre, die vergangenen sind.<\/p>\n<p>Die vier Routen f\u00fchren alle Zuschauer am Ende durch einen Wald, in dem eine Stimme erklingt, die das bekannte t\u00fcrkisches Lied \u00bbAyrilik\u00ab singt, Trennung.<\/p>\n<p>Die Sonne geht unter, oben am B\u00e4renloch sind jetzt alle Schauspieler versammelt, es gibt t\u00fcrkischen Tee und Rapsongs. Aus der Box erklingt die Stimme von Serpil Temiz Unvar, sie ist die Mutter von Ferhat Unvar, der mit acht weiteren Menschen am 19. Februar 2020 bei dem Anschlag von Hanau von einem Rassisten ermordetet wurde. Sie sagt, sie sei in Gedanken bei den Angeh\u00f6rigen in Solingen. Und sie sagt, ihr Leben vor der Tat k\u00f6nne ihr nie wieder jemand zur\u00fcckgeben.<\/p>\n<p>Hatice Genc, die Namensvetterin der an jenem Maiabend 1993 verstorbenen 18-j\u00e4hrigen Hatice Genc, \u00fcberlebte den Anschlag, aber sie verlor ihre zwei kleinen T\u00f6chter Saime und H\u00fclya. Die Besucher bekommen auch eine Videosequenz von ihr zu sehen auf diesem Spaziergang, sie wird in der kurzen Aufnahme von einer der Schauspielerinnen interviewt.<\/p>\n<p><strong><em>Hatice Genc:<\/em><\/strong> \u00bbEiner der T\u00e4ter wurde wegen guter F\u00fchrung nach 7,5 Jahren entlassen. Er l\u00e4uft jetzt da drau\u00dfen rum, wir wissen nicht, wo er ruml\u00e4uft, aber er l\u00e4uft rum. Einer der T\u00e4ter war 15 Jahre im Gef\u00e4ngnis, aber was sind denn 15 Jahre? Ein Wimpernschlag. Die Toten kommen nie wieder.\u00ab<\/p>\n<p><strong><em>Schauspielerin: <\/em><\/strong>\u00bbHaben sie den T\u00e4tern verziehen?<em>\u00ab<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Hatice Genc<\/em><\/strong>: \u00bbNiemals. Nein, ich habe ihnen nicht verziehen. Sie t\u00f6ten meine Kinder und ich soll ihnen verzeihen? Niemals! Sie bleiben f\u00fcr immer meine Feinde. So einfach ist das nicht.\u00ab<\/p>\n<p><em>*Ausz\u00fcge aus Dialogen des Theaterst\u00fccks \u00bbSolingen 1993 \u2013 Eine theatrale Busreise in die Vergangenheit\u00ab<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 30 Jahren starben f\u00fcnf Menschen, weil Rechtsextreme ihr Haus anz\u00fcndeten. Die T\u00e4ter sind heute frei, die Familie lebt immer noch in Solingen. 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