{"id":202,"date":"2020-06-01T05:22:26","date_gmt":"2020-06-01T02:22:26","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/lateinamerika-wie-drogenkartelle-der-krise-trotzen\/"},"modified":"2020-06-01T05:22:26","modified_gmt":"2020-06-01T02:22:26","slug":"lateinamerika-wie-drogenkartelle-der-krise-trotzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/lateinamerika-wie-drogenkartelle-der-krise-trotzen\/","title":{"rendered":"Lateinamerika: Wie Drogenkartelle der Krise trotzen"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/1e3c8f8e-a3a0-40d9-a67b-3b7abb3f6fe9_w948_r1.77_fpx50.78_fpy54.99.jpg\" title=\"T\u00e4towierungen wie diese sind das Erkennungszeichen von Mitgliedern ber\u00fcchtigter Gangs, etwa der MS-13 in El Salvador: Die Coronakrise trifft auch illegale Gesch\u00e4fte\" alt=\"T\u00e4towierungen wie diese sind das Erkennungszeichen von Mitgliedern ber\u00fcchtigter Gangs, etwa der MS-13 in El Salvador: Die Coronakrise trifft auch illegale Gesch\u00e4fte\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>T\u00e4towierungen wie diese sind das Erkennungszeichen von Mitgliedern ber\u00fcchtigter Gangs, etwa der MS-13 in El Salvador: Die Coronakrise trifft auch illegale Gesch\u00e4fte<\/p>\n<p> OSCAR RIVERA\/ AFP <\/figcaption><\/figure>\n<p>Sein Zustand verschlechterte sich rapide: Mois\u00e9s Escamilla May bekam Atembeschwerden, dann verstarb er auf der Krankenstation des Gef\u00e4ngnisses von Puente Grande in Mexiko. Der 45-j\u00e4hrige Escamilla May alias &quot;El Gordo May&quot;, &quot;Der dicke May&quot;, war Chef einer Zelle des mexikanischen Zeta-Kartells &#8211; er sollte 37 Jahre absitzen, unter anderem weil er zw\u00f6lf Menschen den Kopf abgeschlagen hatte. Fast hundert Insassen sind in dem Gef\u00e4ngnis positiv auf Corona getestet worden, m\u00f6glicherweise ist der ber\u00fcchtigte Zetas-Ex-Chef Miguel \u00c1ngel Trevi\u00f1o Morales alias Z-40  erkrankt.<\/p>\n<p>Auch in El Salvador f\u00fcrchten Gangs, dass die Coronakrise ihre R\u00e4nge ausd\u00fcnnt: Pr\u00e4sident President Nayib Bukele l\u00e4sst Mitglieder rivalisierender Banden in Gef\u00e4ngniszellen zusammenpferchen, deren Fenster dann verbarrikadiert werden. Die Armenviertel, wo viele Fu\u00dfsoldaten von Gangs und Kartellen leben, gelten als besonders gef\u00e4hrliche Brutst\u00e4tten des Virus. Vor allem aber: \u00dcberall in Lateinamerika st\u00fcrzt Corona neben der legalen Wirtschaft auch das organisierte Verbrechen in die Krise. Finanzielle Verluste h\u00e4ufen sich, weil Bars, Restaurants oder Bordelle geschlossen sind und Schutzgelder ausbleiben.<\/p>\n<p>Doch wird das Virus ihnen leider nicht den Garaus machen: Erstaunlich schnell gelingt es den Kartellen, sich an die neuen Bedingungen anzupassen. Wie agile Start-ups ver\u00e4ndern sie ihre Gesch\u00e4ftsstrategien. Die Bedingungen sind g\u00fcnstig &#8211; denn die Krise hat Staat, Sicherheitskr\u00e4fte und Justiz geschw\u00e4cht.<\/p>\n<p>&quot;Die Pandemie hat zu einem erheblichen Umsatzeinbruch bei den transnationalen, traditionellen Gesch\u00e4ften der mexikanischen Kartelle gef\u00fchrt, wie dem internationalen Drogen- und Menschenhandel&quot;, sagt der Sicherheitsexperte Edgardo Buscaglia. &quot;Aber Gesch\u00e4fte wie der Handel und die sexuelle Ausbeutung von M\u00e4dchen und Frauen innerhalb des Landes gehen weiter und werden nachgefragt&quot;, so der Senior Research Scholar in Law and Economics an der New Yorker Columbia University und Pr\u00e4sident der NGO Instituto de Acci\u00f3n Ciudadana.<\/p>\n<h3>Weniger Schutzgeld im Lockdown<\/h3>\n<p>Stra\u00dfengangs in Zentralamerika bricht derzeit eine ihrer Haupteinnahmequellen weg. In El Salvador, Honduras und Guatemala m\u00fcssen Stra\u00dfenverk\u00e4ufer, kleinere und mittlere Unternehmen, aber auch Busfirmen normalerweise Schutzgeld an die Banden zahlen. Die drastischen Ausgangssperren in den zentralamerikanischen L\u00e4ndern und Schlie\u00dfungen von Bars und Restaurants, aber auch die Einstellung des \u00f6ffentlichen Transports, treffen sie jetzt besonders hart.<\/p>\n<p>In Guatemala kassieren Kriminelle deshalb jetzt verst\u00e4rkt Privatpersonen ab: Die Anzeigen von B\u00fcrgern sind gestiegen, die in der Coronakrise per Telefon, per Post oder direkt an ihrem Wohnort bedroht und erpresst worden sind. Die gro\u00dfen Gangs in Guatemala, aber auch in El Salvador, setzen teilweise Schutzgelderpressungen aus und lassen sich auf Zahlungsaufsch\u00fcbe oder niedrigere Betr\u00e4ge ein.<\/p>\n<p>Gangs m\u00fcssten derzeit genau kalkulieren, wie viel Geld sie ihren Opfern abnehmen k\u00f6nnten, sagt Vanda Felbab-Brown, Konfliktforscherin beim Washingtoner Thinktank Brookings &#8211; um ihre Gesch\u00e4fte langfristig zu sichern. Aus dem gleichen Kalk\u00fcl setzen sie in ihren Vierteln auch Ausgangssperren durch, notfalls mit Gewalt. &quot;Die Gangs sind darauf angewiesen, dass die Betreiber von Gesch\u00e4ften \u00fcberleben und dass sie nicht Bankrott gehen&quot;, sagt Felbab-Brown. &quot;Kriminelle Gruppen, die dagegen eher von Drogenhandel leben, haben viel bessere Chancen, die Krise zu bew\u00e4ltigen.&quot;<\/p>\n<h3><strong>Drogenschmuggel per Tunnel, Wasser oder Luft<\/strong><\/h3>\n<p>Der Drogenschmuggel l\u00e4uft weiter &#8211; auch wenn er in der Krise schwieriger geworden ist. &quot;Kokain reist entlang unserer Zivilisation, auf Autobahnen, Zugstrecken, es versteckt sich im legalen Verkehr&quot;, beobachtet etwa Toby Muse, Drogenexperte und Autor von &quot;Kokain&quot;, einem k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichten Buch, das den Weg des Rauschmittels von kolumbianischen Kokafeldern bis zum Konsumenten skizziert. &quot;Wenn man die legalen Transporte massiv reduziert, sinkt auch die Chance des Kokains, verborgen zu bleiben.&quot;<\/p>\n<p>Der wichtigste Kokain-Korridor der Welt f\u00fchrt Muse zufolge durch den \u00f6stlichen Pazifik: Boote legen an der K\u00fcste Ecuadors oder Kolumbiens ab, fahren an Mittelamerika vorbei bis nach Mexiko, und laden Tonnen von Kokain in der N\u00e4he der Grenze zwischen Guatemala und Mexiko ab. &quot;Unter all den anderen Fischerbooten haben die Kokainschiffe unter normalen Bedingungen eine bessere Chance, nicht aufzufallen&quot;, sagt Muse. &quot;Wenn dort aber wie derzeit kaum normale Schiffe mehr verkehren, sondern nur Kokaintransporte, wird es viel leichter, sie aufzusp\u00fcren.&quot;<\/p>\n<p>Deshalb suchen S\u00fcdamerikas Gangs und Kartelle derzeit wohl verst\u00e4rkt nach neuen Transportmitteln, um Grenz\u00fcberg\u00e4nge und Kontrollen zu umgehen. Dabei kommt ihnen zugute, dass sie seit Jahren auch mit Hightech experimentieren: Per Leichtflugzeug und immer \u00f6fter auch mit Drohnen schaffen sie die Ware nach Norden. Vor Kurzem beschlagnahmten US-Grenzbeamte zwei Drohnen, die von Mexiko in die USA unterwegs waren \u2013 eine trug 463 Gramm Methamphetamin, die andere warf Pakete mit insgesamt elf Kilo Kokain ab. Ende M\u00e4rz fing die kolumbianische Marine in den pazifischen K\u00fcstengew\u00e4ssern ein U-Boot mit einer Tonne Kokain an Bord ab, es war bereits das zw\u00f6lfte &quot;Narcosubmarino&quot;, das in diesem Jahr entdeckt wurde.<\/p>\n<h3>Kokain trotz Krise<\/h3>\n<p>&quot;Der internationale Handel mit Heroin, das in erster Linie auf dem Landweg transportiert wird, wurde st\u00e4rker gest\u00f6rt als der Kokainhandel, der sich auf Seewege st\u00fctzt&quot;, hei\u00dft es in einem Bericht des B\u00fcros der Vereinten Nationen f\u00fcr Drogen- und Verbrechensbek\u00e4mpfung UNODC. &quot;Relativ umfangreiche Beschlagnahmungen von Kokain in europ\u00e4ischen H\u00e4fen belegen den anhaltenden internationalen Kokainhandel.&quot;<\/p>\n<p>Dem Organized Crime and Reporting Project (OCCRP) zufolge sind die Stra\u00dfenpreise von Kokain in Europa in der Coronakrise zwar um 20 bis 30 Prozent gestiegen &#8211; es sei aber unklar, ob dies an Lieferproblemen liege oder ob Drogengangs schlicht ausnutzen w\u00fcrden, dass Konsumenten dazu gezwungen seien, zu Hause auszuharren.<\/p>\n<p>Wie auch etablierte Arzneifirmen kommen Kartelle derzeit schwerer an Chemikalien, die f\u00fcr die Herstellung von Fentanyl oder Crystal Meth erforderlich sind und aus China kommen &#8211; das wirkt sich auf die Verf\u00fcgbarkeit und die Preise von Fentanyl in US-St\u00e4dten aus. Dennoch sind vor allem synthetische Drogen weiterhin im Umlauf. K\u00fcrzlich wurden in der Grenzstadt Tijuana am Flughafen zwei Passagiere festgenommen, die 47 Kilo Meth schmuggeln wollten.<\/p>\n<h3>Kriminelle Krisengewinner<\/h3>\n<p>&quot;Die Lehre, die Kriminelle aus der Coronakrise ziehen werden, ist die Konzentration auf synthetische Drogen, weil sie leichter zu schmuggeln sind als alles andere&quot;, glaubt Vanda Felbab-Brown vom Washingtoner Thinktank Brookings. &quot;Sie werden aber f\u00fcr die n\u00e4chste Krise zuk\u00fcnftig eine ausreichende Menge von Chemikalien lagern, die f\u00fcr die Drogenproduktion notwendig sind, oder vielleicht sogar selbst versuchen, solche Stoffe in Mexiko herzustellen, was aber kompliziert ist und hohe Investitionen erfordert.&quot;<\/p>\n<p>Felbab-Brown glaubt, dass vor allem die Kartelle, die den arbeitsintensiven Anbau von Schlafmohn in Mexiko und dessen Verarbeitung zu Opium beziehungsweise Heroin kontrollieren, als Gewinner aus der Krise hervorgehen: &quot;Mexiko droht gerade ein massiver wirtschaftlicher Einbruch&quot;, so Felbab-Brown. &quot;Es werden die Kartelle sein, die weiterhin Jobs anbieten k\u00f6nnen.&quot;<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern T\u00e4towierungen wie diese sind das Erkennungszeichen von Mitgliedern ber\u00fcchtigter Gangs, etwa der MS-13 in El Salvador: Die Coronakrise trifft auch illegale Gesch\u00e4fte OSCAR RIVERA\/ AFP Sein Zustand verschlechterte sich rapide: Mois\u00e9s Escamilla May bekam Atembeschwerden, dann verstarb er auf der Krankenstation des Gef\u00e4ngnisses von Puente Grande in Mexiko. 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