{"id":20100,"date":"2023-05-05T04:56:08","date_gmt":"2023-05-05T01:56:08","guid":{"rendered":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/ukraine-debatte-zu-deutscher-medien-berichterstattung-uberfordert-durch-die-wirklichkeit\/"},"modified":"2023-05-05T04:56:08","modified_gmt":"2023-05-05T01:56:08","slug":"ukraine-debatte-zu-deutscher-medien-berichterstattung-uberfordert-durch-die-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/ukraine-debatte-zu-deutscher-medien-berichterstattung-uberfordert-durch-die-wirklichkeit\/","title":{"rendered":"Ukraine: Debatte zu deutscher Medien-Berichterstattung &#8211; \u00dcberfordert durch die Wirklichkeit"},"content":{"rendered":"<p class=\"caps\">Man muss den SPIEGEL nicht lesen. Man muss sich auch nicht f\u00fcr die russische Invasion in der Ukraine interessieren, es gibt da keine rechtlichen Verpflichtungen.<\/p>\n<p>Nur wenn man mit gro\u00dfer Geste die deutsche Berichterstattung zu diesem Krieg unter den Generalverdacht besinnungsloser Parteilichkeit stellt, w\u00e4re es hilfreich zu wissen, wor\u00fcber man spricht.<\/p>\n<h3>\u00bbAmtlich beglaubigte Russenhasser\u00ab<\/h3>\n<p>\u00bbExperten der Betroffenheit\u00ab und nichts mehr seien jene, die in Deutschland \u00fcber Russlands anhaltenden Versuch schreiben, die Ukraine zu erobern und zu zerschlagen, schreibt der ehemalige Bundesrichter Thomas Fischer in seiner SPIEGEL-Kolumne: \u00bbWichtigster Baustein\u00ab sei \u00bbdas Gef\u00fchl\u00ab der Reporter, die wahlweise \u00bbvor Ort\u00ab sowie mit ganzer Kraft \u00bbUkrainer des Herzens\u00ab oder \u00bbamtlich beglaubigte Russenhasser\u00ab seien.<\/p>\n<p>Als Kolumnist des SPIEGEL w\u00e4re es naheliegend, bei einer Generalabrechnung mit der Ukraine-Berichterstattung etwas davon zur Kenntnis genommen zu haben, was im SPIEGEL dazu so steht. Angesichts von mehreren Tausend Nachrichten, Analysen, Reportagen, Interviews und Meinungsbeitr\u00e4gen zum Krieg ist gen\u00fcgend Anschauungsmaterial vorhanden. Leider kommt da nichts, die gesamte Kolumne kommt bis auf drei knapp erw\u00e4hnte und nicht weiter verfolgte Beitr\u00e4ge g\u00e4nzlich ohne Belege f\u00fcr die gef\u00fchlte Russenhasserei deutscher Medien aus. Mit den Argumenten der Texte setzt Fischer sich nicht auseinander, er karikiert sie nur im Vor\u00fcbergehen.<\/p>\n<p>Ansonsten gen\u00fcgt Geraune. \u00bbUnter der Hand\u00ab habe sich \u00bbnach meiner Ansicht\u00ab eine \u00bbgewisse Neuorientierung des Journalismus vollzogen\u00ab, allseits hin zum Gef\u00fchl, zur Betroffenheit als einzig legitimer Perspektive.<\/p>\n<h3>Eine Argumentation wie eine Western-Schl\u00e4gerei<\/h3>\n<p>Wie eine Branche, deren Wesenskern die Ver\u00f6ffentlichung ist, sich fundamental derart diskret, unter der Hand, ver\u00e4ndern soll, dass daf\u00fcr nicht einmal Beispiele aufzutreiben sind, sei dahingestellt.<\/p>\n<p>Auch mit den anderen Annahmen, der \u00bbembedded journalism\u00ab der Amerikaner im Irak vor 20 Jahren habe \u00bbseinen Lauf in die Welt des Richtigen und Wahren\u00ab angetreten, die Debatte der Waffenlieferungen hierzulande bewege sich \u00bbauf Sandkastenniveau\u00ab, bl\u00e4st der Autor einen Popanz auf, um ihn anschlie\u00dfend niederzumachen. So wie bei Schl\u00e4gereien in alten Westernfilmen der Gegner mit der einen Hand am Hemdkragen emporgezogen und mit der anderen zu Boden gestreckt wird.<\/p>\n<p>Aber vielleicht geht es im Kern um etwas ganz anderes als die anvermutete Betroffenheitsbesessenheit. Kurz vor ihrem Schluss steht in der Kolumne: \u00bbDie einfallslos-repetitive Parteilichkeit der deutschen Publizistik in der Frage des Ukrainekonflikts ist \u00fcberaus langweilig und widerspricht journalistischen Prinzipien und Freiheiten, auf die wir zu Recht stolz sein und die wir deshalb auch praktisch verteidigen sollten.\u00ab<\/p>\n<p>Langweilig?<\/p>\n<p>Wer die Spannungsdramaturgie des RTL-Dschungelcamps oder die Kurzweil eines Bundesliga-Fu\u00dfballspiels gewohnt ist, mag den journalistischen Umgang mit der russischen Invasion in der Tat langweilig finden: immer derselbe Angreifer, dieselbe, \u00fcberaus klare Positionsverteilung zwischen Invasoren und Opfern, die sich wehren. M\u00f6glich, dass die Wirklichkeit manchmal die Aufmerksamkeitsspanne des Zuschauers \u00fcberfordert.<\/p>\n<h3>Mancher mag die Realit\u00e4t langweilig finden<\/h3>\n<p>Hinter einer Entt\u00e4uschung der eigenen dramaturgischen Gewohnheiten gleich die allumfassende Preisgabe journalistischer Prinzipen zu erf\u00fchlen, ist ein ziemlich \u00fcberdrehter Trugschluss. Klarheit und Konstanz in der Berichterstattung gibt es auch ganz ohne Kartellbildung. Als Queen Elizabeth II. starb, reportierten alle Medien tagelang in ersch\u00f6pfender Uniformit\u00e4t \u00fcber diese Tatsache. \u00c4hnlich l\u00e4uft es bei schweren Erdbeben, Tsunamis. Russlands seit 14 Monaten anhaltender \u00dcberfall aufs Nachbarland ist in seiner nachrichtlichen Klarheit wenig anders, strapaziert nur das Publikum bedeutend l\u00e4nger.<\/p>\n<p>Das Lamento ist nicht neu, dass deutsche Medien praktisch alle gleich und regierungsfreundlich berichten w\u00fcrden. Nur macht die Wiederholung die Behauptungen nicht wahrhaftiger. Eine Vergleichsanalyse des Mainzer Kommunikationswissenschaftlers Marcus Maurer, der gemeinsam mit Pablo Jost und J\u00f6rg Ha\u00dfler knapp 4300 Beitr\u00e4ge untersuchte, kam zu ganz anderen Schl\u00fcssen, was Einheitlichkeit und Bewertung einzelner Kabinettsmitglieder anging.<\/p>\n<p>Bis auf eine Ausnahme: \u00bbIn einigen F\u00e4llen haben die von uns untersuchten Medien tats\u00e4chlich sehr einheitlich \u00fcber den Krieg berichtet. Das betrifft insbesondere die Zuschreibung der Kriegsverantwortung an Russland und die Bewertung der beiden Kriegsparteien. Dieses Berichterstattungsmuster ist aber wenig verwunderlich, weil Russland \u2013 bei allem m\u00f6glichen Verst\u00e4ndnis f\u00fcr eine dort vielleicht als bedrohlich wahrgenommene Ost-Erweiterung der Nato \u2013 einen v\u00f6lkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine f\u00fchrt, der wenig Spielraum f\u00fcr andere Bewertungen l\u00e4sst.\u00ab<\/p>\n<p>Wie mit dieser Tatsache aber nach vorn gerichtet umzugehen sei, ob und welche Waffen geliefert werden sollten, wann und wie verhandelt werden k\u00f6nnte, dazu gibt es in Deutschland durchaus eine breite Debatte. Aber wer wen angegriffen hat, wer T\u00e4ter ist und wer Opfer \u2013 das l\u00e4sst sich nun mal eindeutig feststellen.<\/p>\n<h3>\u00bbWenig Spielraum f\u00fcr andere Bewertungen\u00ab<\/h3>\n<p>Das mag, wer mehr Abwechslung in den von ihm \u00bbbesuchten Rundfunk- und Fernsehprogrammen\u00ab sucht, still bedauern. Aber wer dar\u00fcber einen Verrat an journalistischer Ethik herbeifabuliert, sollte sich vorher an den elementaren Grunds\u00e4tzen dieser Ethik orientieren: und lesen, recherchieren, pr\u00fcfen, belegen, was er anschlie\u00dfend beurteilen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Dann k\u00f6nnte man zum Beispiel auch feststellen, dass die deutsche Presse, die laut Fischer angeblich so uniform ist, durchaus verschiedensten Meinungen Raum gibt zur Frage, wie Deutschland mit diesem Krieg umgehen soll \u2013 auch der SPIEGEL. Und dass viele Medien, insbesondere der SPIEGEL, mit zahlreichen eigenen Experten aus der Ukraine, aber auch aus Russland berichten. Zu verstehen, was vor Ort passiert und gedacht wird, mag nicht die einzige Voraussetzung sein, um \u00fcber ein Thema zu schreiben. Es hilft allerdings ungemein.<\/p>\n<p>Darin, dass nicht \u00bbemotional-demonstrative Verschmelzung mit einem Anliegen\u00ab die journalistische Arbeit leiten sollte, stimme ich mit dem Kolumnisten Fischer ja vollkommen \u00fcberein.<\/p>\n<p>Nur warum er die \u00bbheutigen Welterkl\u00e4rer und Kriegsberichterstatter\u00ab partout \u00bb400 Kilometer hinter der Front\u00ab wei\u00df, bleibt r\u00e4tselhaft: Was wollen die denn alle in der ukrainischen Stadt Poltawa?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man muss den SPIEGEL nicht lesen. Man muss sich auch nicht f\u00fcr die russische Invasion in der Ukraine interessieren, es gibt da keine rechtlichen Verpflichtungen. 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