{"id":1971,"date":"2020-08-19T23:34:32","date_gmt":"2020-08-19T20:34:32","guid":{"rendered":"http:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/us-demokraten-im-internet-das-krumelmonster-vorm-kamin\/"},"modified":"2020-08-19T23:34:32","modified_gmt":"2020-08-19T20:34:32","slug":"us-demokraten-im-internet-das-krumelmonster-vorm-kamin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/onlinetranslators.de\/news\/nachrichten\/us-demokraten-im-internet-das-krumelmonster-vorm-kamin\/","title":{"rendered":"US-Demokraten im Internet: Das Kr\u00fcmelmonster vorm Kamin"},"content":{"rendered":"<figure>     <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/75be204b-5d66-4e51-a289-f9ae851fc219_w948_r1.77_fpx48_fpy42.jpg\" title=\"Michelle Beebe aus El Paso, Texas, beim virtuellen Parteitag der US-Demokraten: F\u00fchlen Sie sich ganz wie zu Hause!\" alt=\"Michelle Beebe aus El Paso, Texas, beim virtuellen Parteitag der US-Demokraten: F\u00fchlen Sie sich ganz wie zu Hause!\"\/>      Icon: vergr\u00f6\u00dfern<figcaption>\n<p>Michelle Beebe aus El Paso, Texas, beim virtuellen Parteitag der US-Demokraten: F\u00fchlen Sie sich ganz wie zu Hause!<\/p>\n<p>  Foto:\u2002<\/p>\n<p>Democratic National Convention \/ AP<\/p>\n<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Kittel von Michelle beispielsweise.<\/p>\n<p>Michelle steht in ihrem Wohnzimmer irgendwo in Texas. Kalter Kamin, Tinnef vor Einbauschr\u00e4nken, ein paar B\u00fccher, zerhocktes Sofa, geschlossene Fensterl\u00e4den. Der \u00fcbliche Look in diesen sonderbaren Zeiten, wenn st\u00e4ndig irgendwer aus seinem Zuhause in die weite Welt zugeschaltet ist.<\/p>\n<p>Aus ihrem eleganten Studio heraus erkundigt sich die ebenso elegante Moderatorin (TV-Star Eva Longoria), wie\u2019s denn so l\u00e4uft. Denn Michelle Beebe ist nicht nur &quot;Mutter&quot;, sie ist auch &quot;Schulkrankenschwester&quot; &#8211; erkennbar am Stethoskop, das Michelle an ihrem Kittel befestigt hat. Und w\u00e4hrend sie \u00fcber Schul\u00f6ffnungen und Covid-19 und ihre Angst spricht, redet ihre bemerkenswerte Kleidung munter ein bizarres W\u00f6rtchen mit: Sie zeigt gelbe Sterne auf blauem Grund, leckere Kekse, das Kr\u00fcmelmonster aus der Sesamstra\u00dfe und den Spruch &quot;Late Night Munchies&quot;, Mitternachts-Fressattacke.<\/p>\n<p>Die winzige Szene, keine Minute nach Beginn des zweieinhalbst\u00fcndigen Programms am Montag, dem ersten von vier aufeinander folgenden Tagen dieser &quot;DNC&quot;-Show, zeigt, warum der ausgerechnet dieser wegen der Corona-Schutzma\u00dfnahmen umst\u00e4ndliche und virtuell im Internet abgehaltene Nominierungskongress der US-Demokraten ein so verbl\u00fcffender Erfolg ist. Niemand, der im urspr\u00fcnglich gebuchten Kongresszentrum von Milwaukee auf die B\u00fchne getreten w\u00e4re, h\u00e4tte das in einem solchen Witz von Kittelkleid getan. In den eigenen vier W\u00e4nden aber geht das.<\/p>\n<h3>Schau, so sieht\u2019s bei den Leuten zu Hause aus<\/h3>\n<p>Aber auf genau diese eigenen vier W\u00e4nde zielt ja die ganze Veranstaltung. Und trifft einen Nerv: Schau, so sieht\u2019s bei den Leuten zu Hause aus. In Amerika.<\/p>\n<p>Da hat etwas zutiefst Demokratisches. Und Unterhaltsames. Den Nachteil, pandemiebedingt kein gigantisches, pomp\u00f6ses Treffen abhalten zu k\u00f6nnen, haben die Macher in einen Vorteil verwandelt.<\/p>\n<p>Ein Parteitag soll nach innen Geschlossenheit und nach au\u00dfen Entschlossenheit demonstrieren. Und so \u00f6ffentlich wie diese im Internet \u00fcbertragene und von den gro\u00dfen US-Sendern teilweise \u00fcbernommene Show war noch kein Kongress bisher. Hinzu kommt die demonstrative soziale Z\u00e4rtlichkeit, von einem physischen Treffen \u2013 und sei es auch nur im kleinen Rahmen \u2013 abzusehen.<\/p>\n<p>Die Idee, &quot;das Internet&quot; k\u00f6nne uns alle stattdessen als eine gro\u00dfe Gemeinschaft abbilden, haben die Demokraten beim Wort genommen. Mit einer Mischung aus Dauerwahlwerbung, Zeitgeschichtsstunde und Infomercial ist es ihnen offenbar gelungen, selbst den amtierenden Pr\u00e4sidenten Donald Trump zu fesseln. Der Mann, der das Netz normalerweise nach Belieben mit Erregungen bei Laune h\u00e4lt, hielt sich bisher auff\u00e4llig zur\u00fcck auf seinem Lieblingsmedium Twitter.<\/p>\n<p>In hoher Taktzahl gibt es einfach nur Menschen zu sehen: Der Bruder des von Polizisten get\u00f6teten Afroamerikaners George Floyd und die greise B\u00fcrgerrechtsaktivistin, den Stahlarbeiter und den Farmer aus dem &quot;rust belt&quot;, die Intellektuelle von der Ostk\u00fcste und die Streetworkerin von der Westk\u00fcste. Dazwischen Senatoren, Abgeordnete, B\u00fcrgermeisterinnen, Gouverneure und Ex-Pr\u00e4sidenten mit kurzen Gru\u00dfworten, Jimmy Carter, seine Ehefrau Rosalynn, Bill Clinton und Michelle Obama.<\/p>\n<p>Anders als in einer Veranstaltungshalle, wo entsprechende Filmchen ebenfalls schon lange auf Leinw\u00e4nden gezeigt werden, sind hier auch die Reden perfekt bis r\u00fchrend inszeniert; ein Gouverneur steht buchst\u00e4blich an einem Scheideweg. Bernie Sanders, der unterlegene Kandidat, spricht vor gestapeltem Holz in seiner H\u00fctte.<\/p>\n<p>Verantwortlich f\u00fcr das Spektakel ist der vielfache &quot;Emmy&quot;-Gewinner Ricky Kirshner, der schon mehrere Tony-Awards und die ber\u00fchmte Halbzeitshow des Super Bowl produziert hat. Kirshner wei\u00df, wie so was geht. Und auch, wann es langweilig wird.<\/p>\n<p>Dann kommt, in stimmungsvollen Montagen, heroische Musik ins Spiel, am ersten Abend vor allem &quot;The Rising&quot; von Bruce Springsteen (der mit seiner Frau auch f\u00fcr einen Sekundenbruchteil im Bild ist), einer Hymne f\u00fcr genau die Sorte von Arbeiter, die 2016 zu Donald Trump \u00fcbergelaufen war. Soul, Hip-Hop und Billie Eilish f\u00fcr die jungen Neuw\u00e4hler werden folgen.<\/p>\n<p>Es gibt Geschichten und Gesichter zu Covid-19, zur Wasserknappheit, zum Niedergang der Stahlindustrie. Immer unterlegt mit wahlweise besinnlicher Klavier- oder aufr\u00fcttelnder Volksmusik (&quot;The Star-Spangled Banner&quot;, gesungen von Kindern aus jedem Bundesstaat, was am Ende ein aus Mosaiken gebildetes Sternenbanner der USA ergibt).<\/p>\n<p>Das ist bisweilen so perfekt, dass man sich \u00fcber jede Rede freut, die unfreiwillig im digitalen St\u00f6rungsrauschen endet &#8211; und \u00fcber jede Einstellung, in der auf einmal gar nichts mehr zu h\u00f6ren ist.<\/p>\n<p>H\u00f6hepunkt des Dienstagabends ist die eigentliche Abstimmung zur Nominierung des Pr\u00e4sidentschaftskandidaten. In schneller Frequenz zugeschaltet werden Delegierte aus allen Bundesstaaten. Wie sie ihre Stimmen vergeben \u2013 Respektstimmen f\u00fcr Bernie Sanders, die Mehrheit stets f\u00fcr Joe Biden. Das erinnert frappierend an die Punktvergabe beim Eurovision Song Contest.<\/p>\n<h3>Mit jeder Schalte w\u00e4chst auch der Verdacht auf Gleichschaltung<\/h3>\n<p>Amerikaner jeden Geschlechts, jeder Sexualit\u00e4t, jeder Herkunft, jedes Alters, jeder Hautfarbe und jeder sozialen Herkunft stehen dann an einer Bucht in Samoa, im Regen auf Guam oder in Hawaii in der Sonne. In der W\u00fcste von Arizona. In einem Industriegebiet in Arkansas. An einem Strand in Kalifornien. In einem Maisfeld in Iowa. Bei einem Gebrauchtwagenh\u00e4ndler in Michigan. Zwischen Rindern in Montana (mit Wind im ungesch\u00fctzten Mikrofon). In einem Pueblo in New Mexiko. Am Hafen in Puerto Rico (Spanisch, untertitelt). Mit einer Sch\u00fcssel voll Calamares an der K\u00fcste von Rhode Island. Vor Westernkulisse in Colorado, einer Feuerwehrwache in Connecticut oder, wie bei den Auslandsdemokraten (&quot;Democrats Abroad&quot;), vor einer mittelalterlichen Br\u00fccke \u00fcber einem europ\u00e4ischen Fluss.<\/p>\n<p>So entsteht auch ohne Masse der Eindruck von Masse, \u00fcberdies mit Lokalkolorit \u2013 und einem f\u00fcr Amerikaner gewiss erhebenden Gef\u00fchl, dass dieses Amerika doch sehr gro\u00df und auch landschaftlich recht divers ist. Mit jeder Schalte aber w\u00e4chst zugleich auch der Verdacht auf Gleichschaltung. Ohne Zuschauermengen im Saal gibt es auch keinen unmittelbaren Widerspruch, kein &quot;Buh!&quot; und kein Gejohle \u2013 etwa bei der jungen, linken New Yorker Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez, die als einzige Sprecherin nicht Joe Biden unterst\u00fctzt, sondern den unterlegenen Rivalen Sanders.<\/p>\n<p>Im Moment seiner Nominierung wirkt Biden dann in seinem Wahlkampf-Partykeller wie ein Opa, der f\u00fcr einen Moment vergessen hat, dass heute sein Geburtstag ist. Blechern erschallt &quot;Celebration&quot; von Kool &amp; The Gang, und pl\u00f6tzlich bricht die gratulierende Verwandtschaft mit Luftballons und Luftschlangen und Gesichtsmasken in seine Einsamkeit hinein. Das wirkt zwar sehr piefig, aber auch wieder nett.<\/p>\n<p>Immerhin trug Biden keinen Kr\u00fcmelmonsterkittel.<\/p>\n<p> Icon: Der Spiegel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Icon: vergr\u00f6\u00dfern Michelle Beebe aus El Paso, Texas, beim virtuellen Parteitag der US-Demokraten: F\u00fchlen Sie sich ganz wie zu Hause! Foto:\u2002 Democratic National Convention \/ AP Der Kittel von Michelle beispielsweise. Michelle steht in ihrem Wohnzimmer irgendwo in Texas. Kalter Kamin, Tinnef vor Einbauschr\u00e4nken, ein paar B\u00fccher, zerhocktes Sofa, geschlossene Fensterl\u00e4den. 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